„Ich bringe dich nach Hause. Du bist schwer verletzt.“
Ich stemmte mich von dem Asphalt hoch, auf dem ich gesessen hatte. Mein ganzer Körper tat weh … meine Rippen, mein Ellbogen, meine verdammte Seele … und ich hasste es, dass Sebastian scheinbar alles davon bemerkt hatte.
„Was hast du hier draußen gemacht?“, fragte ich. „Bist du mir gefolgt?“
„Ich war gerade auf dem Weg nach draußen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe gesehen, wie du rausgerannt bist, als würde dein Hintern brennen. Ich wollte wissen, was passiert ist.“
„Nichts ist passiert.“
Nichts ist passiert. Vor gerade einmal zwanzig Minuten hatte ich zugestimmt, mich für Geld auszuziehen. Vor zehn Minuten hatte ich herausgefunden, dass meine Freundin mich die ganze Zeit zum Narren gehalten hatte. Und jetzt stand ich mit meinem Stiefbruder auf einer nassen Straße, verletzt und blutend, während die Stadt um mich herum einfach weitermachte, als würde ich nicht existieren.
Warum zum Teufel musste mein Leben so sein? Warum konnte es nicht einfach normal laufen wie bei allen anderen?
„Ich muss nach Hause“, sagte ich.
„Ich bringe dich nach Hause. Sag mir einfach die Adresse.“
Er nickte in Richtung seines Wagens, der ein paar Meter von uns entfernt, näher an der Bar, geparkt war. Der schwarze Mercedes glänzte im Licht der Straßenlaterne.
„Ich brauche deine Hilfe nicht, Sebastian. Ich kann allein gehen.“
Ich hob meine Tasche auf … der Riemen war beim Sturz gerissen. Großartig, einfach verdammt großartig … und begann zu humpeln, auf der Suche nach einer Bushaltestelle oder einem Taxi. Mein Ellbogen pochte. Mein Knie schrie vor Schmerzen. Jeder Schritt war ein Gespräch mit dem Schmerz.
„Ich frage nicht, weil ich mich um dich sorge, falls du das denkst, Stiefbruder.“
Seine Stimme kam von hinten.
„Wenn du auf der Straße zusammenbrichst, wird jemand einen Krankenwagen rufen, und irgendwie wird es am Ende wieder darauf hinauslaufen, dass ich das Problem bin, wenn mein Vater davon erfährt. Du entscheidest, ob du einsteigst.“
Ich hörte, wie sich seine Autotür öffnete. Dann schloss sie sich.
Ich humpelte noch drei Schritte weiter. Vier. Fünf.
Dann blieb ich stehen.
Was könnte schon schiefgehen?, dachte ich. Es ist nur eine Fahrt. Er wird mich ja wohl kaum im Kofferraum einschließen.
Ich drehte mich um. Sebastian saß bereits auf dem Fahrersitz, der Motor lief, und er sah mich nicht einmal an. Als wäre es ihm scheißegal, ob ich einstieg oder nicht.
Genau das brachte mich dazu, es zu tun.
Die Tatsache, dass es ihm egal war.
Ich ging zurück zum Wagen und stieg auf der Beifahrerseite ein.
„Adresse“, sagte Sebastian.
Ich nannte sie ihm. Er tippte sie in sein Handy ein und fuhr ohne ein weiteres Wort vom Straßenrand los.
Die Fahrt verlief schweigend. Als würden wir beide so tun, als würde der andere nicht existieren. Ich starrte aus dem Fenster und beobachtete, wie die Stadt an mir vorbeizog. Der Regen hatte wieder eingesetzt.
Mein Handy vibrierte in meiner Tasche. Dann noch einmal. Und noch einmal.
Ich sah nicht nach. Ich wusste, wer es war. Sophie schickte wahrscheinlich Screenshots von Leuten, die über mich lachten.
Peinlich, oder?
Ich schob das Handy tiefer in meine Tasche und sah nicht mehr danach.
Als wir endlich vor meinem Gebäude hielten, hätte ich ihm beinahe gesagt, er solle einfach weiterfahren. Die Graffiti auf den Briefkästen. Alles sah schlimmer aus als sonst, als wäre sogar das Gebäude selbst beschämt, von einem Mercedes gesehen zu werden.
„Tschüss“, sagte ich und griff nach dem Türgriff. „Wir sehen uns in der Uni.“
Ich wartete nicht auf eine Antwort. Ich stieg einfach aus, warf mir meine kaputte Tasche über die Schulter und ging auf den Eingang zu.
Mein Knie begann jetzt wirklich weh zu tun. Wahrscheinlich hatte ich es mir verdreht, als ich auf dem Asphalt aufgeschlagen war.
Ich war schon auf halbem Weg zur Tür, als ich es hörte.
Die Autotür fiel ins Schloss.
Schon wieder.
Ich drehte mich um.
Sebastian stieg auf der Fahrerseite aus. Er hatte den Motor abgestellt. Mit den Händen in den Manteltaschen kam er auf mich zu, sein Gesichtsausdruck war nicht zu deuten.
„Was zum Teufel machst du da?“, fragte ich.
Er antwortete nicht. Ging einfach weiter, an mir vorbei, auf den Eingang meines Gebäudes zu. Er stieß die Tür auf.
„Dein Ellbogen blutet durch den Verband. Und du wohnst im dritten Stock, ohne Aufzug.“
„Und?“
„Also werde ich dich nicht die Treppe hinunterfallen und in einem Gebäude sterben lassen, das nach Pisse stinkt.“
Er deutete mit dem Kopf auf das Treppenhaus.
„Los. Ich bringe dich hoch.“
„Ich brauche keinen Babysitter.“
„Dann hör auf, einen zu brauchen.“
Ich wollte widersprechen. Ich wollte ihm sagen, er solle zurück zu seinem schicken Auto und seinem schicken Leben gehen und mich mit meiner beschissenen Wohnung und meinen beschissenen Problemen allein lassen.
Aber mein Knie tat weh. Mein Ellbogen tat weh. Und ich war verdammt müde davon, alles allein bewältigen zu müssen.
Ich ging an ihm vorbei ins Treppenhaus.
„Dritter Stock“, sagte ich, hauptsächlich, um die Stille zu füllen. „Der Aufzug ist schon kaputt, seit ich eingezogen bin.“
„Es gibt einen Aufzug?“
„Technisch gesehen.“
Sebastian lachte nicht. Aber ich sah, wie sein Mundwinkel zuckte.
Als wir den dritten Stock erreichten, atmete ich schwer und meine Sicht begann wieder dieses Ding zu machen, bei dem die Ränder verschwommen wurden.
Ich fummelte an meinen Schlüsseln herum … links, rechts, links, drücken … und die Tür schwang auf.
Das Apartment sah genauso aus, wie ich es verlassen hatte. Eine Matratze auf dem Boden. Ein einziger Teller im Spülbecken. Und alles andere.
Sebastian blieb in der Tür stehen und sah hinein. Sein Gesicht war sorgfältig ausdruckslos, aber ich konnte sehen, wie er alles in sich aufnahm.
„Danke für die Fahrt“, sagte ich. „Du kannst jetzt gehen.“
Er bewegte sich nicht.
„Sebastian. Geh.“
Immer noch nichts. Er stand einfach in meiner Tür und betrachtete mein beschissenes Apartment. Seine Hände steckten noch immer in den Manteltaschen. Sein Kiefer war angespannt.
„Ich gehe nirgendwohin“, sagte er schließlich.
Er trat einfach ein, ohne zu fragen, als würde er hier wohnen.
„Wo ist dein Erste-Hilfe-Kasten?“
„Ich habe keinen.“
„Natürlich nicht.“
Er seufzte und begann, die Schränke zu öffnen. Der über dem Spülbecken war leer. In dem darunter standen Putzmittel und eine halbvolle Flasche Wodka.
„Das ist erbärmlich.“
„Niemand hat dich gebeten, hier zu sein.“
„Glaubst du, ich will hier sein?“
Er fand unter dem Spülbecken ein einigermaßen sauberes Handtuch … tatsächlich das letzte, das ich hatte … und hielt es unter den Wasserhahn.
„Du fällst auseinander. Du solltest dankbar sein, dass ich dir helfe.“
„Ich falle nicht auseinander.“
„Deine Freundin saß auf meinem besten Freund. Dein Foto ist wahrscheinlich inzwischen in fünfzig Gruppenchats.“
Er stellte das Wasser ab und kam mit dem Handtuch in der Hand auf mich zu.
Ich wollte ihn schlagen. Ich wollte ihn aus der Tür stoßen, sie abschließen und so tun, als wäre diese ganze Nacht nie passiert.
Aber mein Körper hörte nicht mehr auf mich.
Ich stand einfach da, wie erstarrt, während er vor mir stehen blieb.
„Setz dich verdammt noch mal hin“, sagte er.
Ich setzte mich auf die Matratze, weil es der einzige Platz zum Sitzen war.
Sebastian kniete sich vor mich.
Wieder. Genau wie im Auto.
Er griff nach meinem Arm. Ich ließ ihn.
„Du bist ein Idiot“, sagte er leise und zog den alten Verband ab. „Du hättest ins Krankenhaus gehen sollen.“
„Mit welchem Geld?“
„Mit meinem Geld. Ich habe dir doch gesagt, das Geld auf der Theke …“
„Ich habe es nicht angerührt.“
Er hielt inne. Sah zu mir auf.
Sein Gesicht war nah. Zu nah.
Ich konnte die einzelnen Wimpern um seine Augen sehen, die kleine Narbe an seiner Augenbraue und wie seine Lippen leicht geöffnet waren. Sein lockiges, dunkles Haar fiel ihm ins Gesicht.
Jetzt verstand ich, warum die Mädchen an der Universität sich auf ihn stürzen würden.
„Warum nicht?“, fragte er.
„Weil ich deine verdammte Wohltätigkeit nicht will.“
Er starrte mich lange an. Dann schüttelte er den Kopf und widmete sich wieder meinem Ellbogen.
Das Handtuch war warm, und seine Finger waren auf eine Weise sanft, die ich von jemandem mit Händen, die aussahen, als hätten sie noch nie einen Tag körperlich harter Arbeit verrichtet, nicht erwartet hätte.
„Du bist stur“, sagte er.
„Das hat man mir schon gesagt.“
„Das wird dich noch umbringen.“
„Vielleicht ist genau das der Punkt.“
Seine Finger hielten inne. Das Handtuch lag auf meinem Arm, während seine andere Hand nach oben kam und mein Handgelenk festhielt.
„Sag das nicht“, sagte er leise.
„Was?“
„Red nicht über den Tod, als wäre er verdammt noch mal eine Option.“
Ich lachte.
„Du weißt nichts über mich, Sebastian. Du weißt nicht, wie es ist, jeden Tag aufzuwachen und sich zu fragen, ob das alles ist. Ob es wirklich nichts anderes gibt. Eine beschissene Wohnung, ein beschissener Job und eine Freundin, die zwei Jahre lang hinter meinem Rücken über mich gelacht hat.“
„Ich weiß mehr, als du denkst.“
„Dann erzähl es mir.“
Meine Stimme klang schärfer, als ich beabsichtigt hatte.
„Denn ich verstehe verdammt noch mal gar nichts.“
Er antwortete nicht. Wischte einfach weiter das Blut von meinem Arm.
„Sebastian.“
Er sah zu mir auf. Seine Augen waren dunkel. Dunkler, als mir zuvor aufgefallen war.
„Weil ich dich beobachtet habe“, sagte er. „Seit Monaten.“
Ich erstarrte.
„Ich weiß, dass ich vorher und auch nachdem mein Vater deine Mutter geheiratet hat, ein grausamer Stiefbruder zu dir gewesen bin.“
„Was willst du damit sagen?“
Er antwortete nicht.
Er befestigte den frischen Verband über meinem Ellbogen. Seine Finger streiften einmal mein Handgelenk, als er sich zurückzog, und dann stand er auf.
Lange sah er auf mich hinunter. Etwas bewegte sich hinter seinen Augen, das ich nicht deuten konnte.
Dann ging er zur Tür.
„Schließ hinter mir ab“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Und iss etwas. Auf der Theke liegt Geld. Es ist mir egal, ob du meine Wohltätigkeit willst oder nicht … nimm es oder lass es. Das ist dein Problem.“
Die Tür fiel leise hinter ihm ins Schloss.
Ich saß lange auf der Matratze und starrte auf die Stelle, an der er gestanden hatte.
Seit Monaten.
Was zum Teufel sollte das bedeuten?
Was zum Teufel sollte überhaupt irgendetwas davon bedeuten?