Kapitel 6

1235 Worte
Was habe ich gerade getan? Was habe ich zugelassen, dass er mit mir macht? Was macht mich das überhaupt? Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts mehr. ♡♡♡ Eine Stunde später vibrierte mein Handy. Sebastian: Hinter der Sporthalle. Jetzt. Ich tippte zurück: Warum? Sebastian: Komm einfach. Ich starrte auf die Nachricht. Ich hätte sie ignorieren sollen. Mein Handy gegen die Wand werfen sollen. Aber ich ging trotzdem hin, weil ich ein Idiot bin und weil mein Schwanz von seiner Hand immer noch wund war und weil ich sehen wollte, ob er mich jetzt anders ansehen würde. Tat er nicht. Er lehnte an der Wand neben den Müllcontainern, die Arme verschränkt, den Kiefer angespannt. Er sah mich nicht einmal an. Stattdessen starrte er nur auf den Boden. Ich stand einen Moment einfach da und betrachtete ihn. Die Art, wie er den Kiefer zusammenpresste. Wie seine Hände in seinen Taschen steckten. Er sah fast genauso fertig aus, wie ich mich fühlte. Fast. Aber andererseits war er nicht derjenige, der gerade wie ein billiges Experiment benutzt worden war. „Du bist tatsächlich gekommen“, sagte er. „Ja, nicht dank deiner creepy Nachricht. Was willst du?“ „Das vorhin hätte nicht passieren dürfen.“ „Kein Scheiß. Das hast du schon gesagt.“ „Ich sage es noch einmal.“ „Dann hör auf, es zu sagen. Es ist passiert. Wir können es nicht ungeschehen machen.“ Endlich sah er mich an. Seine Augen wirkten müde. Verwirrt. „Ich wollte nur, dass du dich besser fühlst. Das ist alles.“ Ich spürte, wie mein Gesicht heiß wurde. „Du hast mich in deiner Hand kommen lassen, Sebastian. Das ist nicht einfach nur der Versuch, mich besser fühlen zu lassen. Wenn du sagst, dass es nichts bedeutet hat, bist du ein verdammter Lügner.“ „Es hat nicht …“ „Dann warum hast du es getan? Hm? Erklär mir das.“ Er zuckte zusammen. „Wir sind Stiefbrüder, Jae. Das hier ist krank. Ich mache so einen Scheiß nicht.“ „Was denn? Typen in irgendwelchen Abstellräumen einen runterholen?“ „Hör auf …“ „Nein, im Ernst. Denn für jemanden, der so etwas angeblich nicht macht, schienst du ziemlich darauf abzufahren. Du warst auch erregt. Ich habe es gespürt.“ Sein Kiefer verspannte sich. „Darum geht es nicht.“ „Worum geht es dann, Sebastian? Sag es mir.“ Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. „Mein bester Freund hat mit deiner Freundin geschlafen, okay? Du bist mein Stiefbruder. Mein Vater gehört der Club, in dem du das herausgefunden hast. Alles daran ist verdammt falsch.“ „Dann warum hast du mich geküsst?“ Er antwortete nicht. „Sebastian. Warum?“ „Ich weiß es nicht“, sagte er. Und zum ersten Mal klang es, als würde er es wirklich so meinen. „Ich weiß es verdammt noch mal nicht, okay? Du sahst so traurig und verletzt aus, und ich wollte einfach—“ Er brach ab und schüttelte den Kopf. „Es spielt keine Rolle, was ich wollte.“ „Für mich spielt es eine Rolle. Also spuck es aus.“ „Vergiss es.“ „Nein, sag es mir.“ „Vergiss es, Jae.“ „Ich werde nicht—“ Er trat näher. Kam mir ganz nah. „Ich habe gesagt, vergiss es.“ Ich wich nicht zurück. „Dann zwing mich dazu.“ Wir standen einfach da. Atmeten dieselbe Luft. Und ich wollte, dass er mich wieder küsste. Ich hasste es, dass ich das wollte. Ich hasste es, dass ich es selbst dann noch wollte, nachdem er gesagt hatte, es hätte nichts bedeutet, nachdem er sich verhalten hatte, als wäre ich nur irgendein verdammtes Forschungsprojekt. Ich wollte immer noch, dass er mich packte, gegen die Wand drückte und alles noch einmal tat. Was zur Hölle stimmt nicht mit mir? Dann stieß er sich von der Wand ab und ging an mir vorbei, wobei seine Schulter meine streifte. „Geh heute Abend zu deiner Schicht“, sagte er. „Hol dir dein Geld. Und vergiss, dass das hier jemals passiert ist.“ Ich sah ihm nach. „Du bist ein Feigling, weißt du das?“ Er drehte sich nicht um. Und ich stand einfach da, neben den Müllcontainern wie ein Idiot und sah zu, wie sein Rücken immer kleiner wurde. Er wurde nicht einmal langsamer. Drehte sich nicht um. Nichts. Er ließ mich einfach dort stehen. Genau wie alle anderen. ♡♡♡ An diesem Abend tauchte ich im Bar Solace auf. Archer wartete im Büro auf mich. Er reichte mir eine Plastiktüte, in der sich eine Maske und eine schwarze Boxerbrief befanden. Sonst nichts. „Zieh das an“, sagte er. „Nichts anderes.“ Ich hielt die Tüte hoch. „Im Ernst? Nur das hier?“ „Habe ich gestottert?“ „Großartig. Ich freue mich schon richtig darauf, mir auf der Bühne die Eier abzufrieren.“ Archer hob eine Augenbraue. „Du kannst also Witze machen. Gut. Die wirst du brauchen.“ „War das eine Drohung oder—“ „Das war ein Rat. Jetzt zieh dich um.“ Ich ging die Treppe hinunter und dachte an Sebastian. An seine Hände. An die Art, wie er meinen Namen gesagt hatte. An die Art, wie er mich angesehen hatte, als wäre ich etwas, das er wollte. Und dann daran, wie er mich direkt danach weggestoßen hatte. Genau wie Sophie. Genau wie alle anderen. Warum lasse ich die Leute immer wieder so mit mir umgehen? Warum hoffe ich immer wieder, dass es dieses Mal vielleicht anders sein wird? Der Umkleideraum unten war eng. Er roch nach der alten Sporttasche irgendeines Typen und nach Bodenreiniger. Vier andere Männer waren dort, alle sahen sie aus, als würden sie zu jeder Mahlzeit Proteinpulver essen. Muskeln auf Muskeln. Überall Tattoos. Einer von ihnen sah mich an. „Hast du dich verlaufen, Kleiner?“ „Leider nein.“ Ein anderer schnaubte. „Ziemlich schmales Kerlchen, was?“ „Ja, na ja, ich bin billige Arbeitskraft. Hast du ein Problem damit?“ Sie sahen sich an und machten dann mit dem weiter, was sie gerade taten. Kein weiteres Wort. Ich zog mich in einer Ecke um. Die Boxerbrief war zu eng. Alles zeichnete sich ab. Ich konnte mich nicht im Spiegel ansehen. Denn wenn ich hinsah, würde ich den Typen sehen, der seinen Stiefbruder ihn benutzen ließ. Den Typen, der in seiner Hand gekommen war und danach trotzdem noch mehr wollte. Den Typen, der gleich für einen Raum voller alter Männer strippen würde, weil er kein Geld, keine Optionen und niemanden hatte, dem er wirklich etwas bedeutete. Der rote Raum war im Untergeschoss. Niedrige Decken. Rotes Licht, das jeden entweder krank oder sexy aussehen ließ – ich konnte nicht sagen, was von beidem. In der Mitte stand eine Bühne mit einer Stange, die unter den Lichtern glänzte. Eine Handvoll älterer Männer saß in den Sitzecken am Rand, trank Whiskey und beobachtete alles. Einer von ihnen pfiff. „Frischfleisch?“ Ich ignorierte ihn. Mein Herz hämmerte so heftig, dass ich dachte, es könnte mir eine Rippe brechen. Die Musik begann. Langsam und basslastig, die Vibrationen gingen durch den Boden und meine Beine hinauf. Ich ging auf die Bühne, und das Licht traf meine nackte Brust. Plötzlich fühlte ich jeden einzelnen blauen Fleck, als würde ein Scheinwerfer direkt darauf gerichtet sein.
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