Ketten des Mondes

1141 Worte
Kapitel Zwei Das Exil hatte einen Geruch, der an der Haut haftete — feuchte Erde, Rauch, Blut und etwas, das älter war als Angst. Der Wald jenseits des Blackthorn-Territoriums erstreckte sich endlos, schattig und ungezähmt. Jeder Ast war ein zeigender Finger, jedes Rascheln ein Flüstern. Allein, ja — aber nicht machtlos. Ich hatte Kaels Zurückweisung überlebt. Ich hatte die Schande der öffentlichen Ablehnung überstanden. Nun erinnerte mich jeder Atemzug daran, dass der Mond einen Fehler gemacht hatte, und ich war entschlossen, es zu beweisen. Die Bindung pulsierte schwach in mir. Ich hatte versucht, sie zu durchtrennen, sie zurückzudrängen, ihn zu verleugnen — doch sie hielt fest, hartnäckig und schmerzhaft, zog mich zu dem Alpha, den ich gleichermaßen hasste und begehrte. Mein Wolf regte sich unter meiner Haut, rastlos und wütend, und ich ballte die Fäuste. Ich würde nicht zulassen, dass er mich kontrollierte. Nicht vollständig. Erste Nacht Ich schlug mein Lager nahe eines Bachs auf, das Wasser eisig an meinen Händen, als ich daraus trank, bevor ich mich zur Jagd in meine Wolfsform verwandelte. Meine Bewegungen waren bewusst, geübt. Jeder Muskel, jede Kralle, jeder Sinn war geschärft durch Verrat und Notwendigkeit. Ich lernte zu überleben. Zu gedeihen. Zu einer Kraft zu werden, die das Rudel nicht länger ignorieren konnte. Der Wald flüsterte um mich herum. Blätter bebten. Schatten bewegten sich. Ich spürte sie, bevor ich sie sah — Rogues. Wölfe, ja, aber nicht von Blackthorn. Ihre Augen glühten vor Hunger und Grausamkeit. Sie kreisten mich ein, lautlose Raubtiere, die auf einen Fehler warteten. Ich verwandelte mich vollständig, Krallen gruben sich in die Erde, Fänge entblößt. Mein Wolf brüllte in mir, ein Laut der Warnung und Dominanz. Als sie angriffen, stellte ich mich ihnen direkt entgegen. Der Kampf war brutal. Ich hatte noch nie wirklich getötet, nicht vollständig, doch meine Instinkte übernahmen die Kontrolle. Zähne schnappten, Krallen rissen, Körper prallten auf den Boden. Schmerz brannte durch mich, Blut wärmte meine Haut, Adrenalin schärfte meine Sinne. In diesem Moment begriff ich, dass ich nicht länger das Mädchen war, das Kael zurückgewiesen hatte. Ich war etwas Stärkeres geworden. Etwas, das er nicht ignorieren konnte. Als der letzte Rogue fiel, stand ich über ihm, die Brust hob und senkte sich heftig, mein Wolf zitterte in mir. Und dann spürte ich es — eine Präsenz hinter mir, langsam, bedacht, tödlich. Kael. Erster Zusammenstoß Er stürmte nicht auf mich zu. Er sprach nicht. Er beobachtete mich lediglich, groß und unbeugsam, vom Mondlicht umhüllt. Mein Puls dröhnte in meinen Ohren, während mein Wolf tief knurrte und mich warnte, wachsam zu bleiben. „Du hast überlebt“, sagte er schließlich. Seine Stimme war ruhig, doch die Bindung vibrierte heftig. Jede Faser meines Wesens erkannte ihn. „Ich gehöre nicht dir“, spie ich ihm entgegen. „Tu nicht so, als würdest du dich kümmern.“ Er zuckte nicht einmal zusammen. „Tue ich nicht“, sagte er. „Nicht um dich. Noch nicht.“ Die Spannung zog sich enger zusammen, elektrisch und schmerzhaft. Seine Nähe war gefährlich, berauschend. Die Bindung flammte auf — Verlangen, Wut und etwas Dunkleres prallten aufeinander. „Wir kämpfen zusammen“, sagte er abrupt und deutete auf die verstreuten Rogues um uns herum. „Oder sie werden dich töten.“ Ich zögerte nur einen Moment, bevor ich eine Kampfhaltung einnahm. Mein Wolf drängte nach vorn. Gemeinsam waren wir furchteinflößend. Jede Bewegung passte zusammen, Instinkt und Zorn verschmolzen zu einem tödlichen Rhythmus. Als alles vorbei war, brannte die Bindung heißer denn je und zog an mir auf eine Weise, die ich hasste und fürchtete. Kael kniete kurz nieder, seine Augen fest auf meine gerichtet, rohe Emotion flackerte darin auf. „Du kannst es nicht leugnen“, sagte er leise, warnend. „Ich gehöre nicht dir“, erwiderte ich, Gift in jeder Silbe. Er antwortete nicht. Tage des Überlebens Wochen vergingen. Ich lernte den Wald kennen, seine Geheimnisse, seine Gefahren. Ich jagte, trank, verwandelte mich, rannte und überlebte. Ich traf auf andere — verbannte Wölfe, Rogue-Rudel ohne Loyalität. Sie prüften mich, forderten mich heraus, doch ich lernte schneller als jeder von ihnen. Ich wurde zu etwas, das der Mond nicht erwartet hatte: unaufhaltsam, unabhängig und gefährlich. Kael erschien oft — manchmal an den Grenzen, manchmal still aus den Schatten beobachtend. Wir gerieten ständig aneinander, verbal wie körperlich, keiner von uns bereit nachzugeben. Jeder Kampf, jeder Streit, jede gemeinsam überstandene Gefahr ließ die Bindung aufflammen, Schmerz und Verlangen untrennbar miteinander verknüpft. „Du widersetzt dich mir immer noch“, sagte er eines Nachts, als er auf einer Klippe über einem Fluss stand. Der Wind zerrte an unserem Haar und trug den Geruch von Gefahr und Regen mit sich. „Ich fürchte dich nicht“, erwiderte ich, jedes Wort bewusst gewählt. „Ich fürchte niemanden.“ „Doch“, sagte er leise und bitter. „Das solltest du.“ Ich lachte, bitter wie Eisen. „Du hast mir Angst beigebracht in der Nacht, in der du mich verleugnet hast.“ Er antwortete nicht. Der Mond starrte kalt und gleichgültig auf uns herab. Das Eintreffen der Ältesten In der dritten Woche meines Exils fanden mich die Ältesten. Silbergespitzte Waffen, rituelle Zeichen und der unverkennbare Geruch von Autorität. Sie waren gekommen, um mich zurückzuholen — oder zu vernichten. Kael war ebenfalls da, schweigend, dunkel wie ein Sturm und unbeweglich. „Du kannst sie nicht beschützen“, flüsterte er, obwohl ich wusste, dass er es wollte. „Ich brauche deinen Schutz nicht“, fauchte ich und machte Anstalten zu fliehen. Die Ältesten rückten vor, sangen in einer Sprache, die die Luft verbrannte, während silberne Flammen über den Waldboden züngelten. Mein Wolf drängte nach vorn, Krallen ausgefahren, Zähne gebleckt. Ich konnte gegen sie kämpfen, ja. Doch selbst ich verstand die Chancen. Etwas in meiner Brust verdrehte sich, roh und schmerzhaft. Die Bindung explodierte förmlich — Schmerz und Verlangen, Wut und Instinkt schrien zwischen uns. Kael trat einen Schritt vor, Spannung sammelte sich um ihn wie ein lebendiges Wesen, doch selbst er hielt sie nicht auf. Ich hatte keine Wahl. Ich rannte. Cliffhanger-Ende Der Wald verschlang mich. Ich rannte durch Schatten und Schlamm, Regen durchnässte mein Haar, Krallen rissen die Erde auf. Die Rufe der Ältesten hallten hinter mir wider, Kaels Stimme war still, aber brennend in meinem Geist. Ich wusste nicht, wohin ich gehen würde. Ich wusste nicht, was mich erwartete. Die Rogues, die Ältesten, sogar Kael — alles Bedrohungen, alles Unbekanntes. Und die Bindung pulsierte, scharf und unerbittlich. Ich konnte sie nicht leugnen. Ich konnte sie nicht kontrollieren. Ich konnte nur rennen. Der Mond hing hoch über mir, gleichgültig und grausam. Jenseits von ihm lagen Gefahr, Schmerz und Überleben. Jenseits von ihm lag die Wahrheit, der weder Kael noch ich bereit waren, ins Auge zu sehen. Die Nacht war noch lange nicht vorbei. Und ich hatte niemanden, dem ich vertrauen konnte.
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