„Was willst du damit sagen, dass die Cheerleader keine Neuen aufnehmen? Das können sie doch nicht machen!", rief ein wasserstoffblondes Mädchen aus, das sich direkt vor dem Schwarzen Brett aufgestellt hatte.
Das Mädchen, das neben ihr stand verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe gehört, dass es zwei Gründe dafür geben sollte. Der erste ist, dass in der letzten Abschlussklasse bloss zwei Cheers dabei waren, also haben sie bloss zwei verloren. Der zweite Grund soll eine Natalia Oceen oder Obcean sein, die im letzten Jahr wohl ziemlich viel Chaos angerichtet hatte. Sie ist dem Team beigetreten und hat es, als es am wichtigsten war, wieder verlassen. Jetzt haben die restlichen Cheerleader kein Vertrauen mehr in neue Mädchen."
Wasserstoffblondie riss die Augen auf und sah sie geschockt an. „Heisst das, ich habe es dieser Schnepfe zu verdanken, dass ich nicht ins Cheerleaderteam komme?"
Ihre Gesprächspartnerin nickte.
'Wie bitte?!'
Ich hätte wohl eher gesagt, dass sie das Tessa Hollister zu verdanken hatte, die mir strickt und einfach eins auswischen wollte.
In genau diesem Moment ging mir ein so gewaltiger Geistesblitz druch den Kopf, dass ich nicht mehr wusste, wo ich denken sollte. Ich war ja keine Person, die Konflikte und Streits provozierte, aber warum nicht den Spiess umdrehen?
Wenn die Cheers keine Neuen aufnehmen wollten, die möglicherweise grosses Potenzial besassen, musste ich es schaffen, diese auf meine Seite zu ziehen.
Und wie konnte ich das besser, als wenn ich meine eigene Gruppe gründete? Sozusagen Cheerleader in überarbeiteter Version?
Chloe, Delancy, Harper und Madison konnten auf jedenfall Instrumente spielen, aber wie sah es mit tanzen aus?
„Erst der zweite Schultag und schon grübelst du alleine in einer dunklen Ecke vor dich hin", meldete sich Ethan schmunzelnd, worauf ich erschrocken zusammenzuckte. „Hey! Ich grüble nicht, sondern ich denke! Ausserdem ist die Ecke hier schön beleuchtete und alleine bin ich auch-" Ich sah mich auf dem Flur um, doch tatsächlich stand ich alleine da. Wo waren denn alle auf einmal geblieben? Gerade eben hatten sich noch mindestens zwei Dutzend Jungendliche vor dem Schwarzen Brett getummelt und jetzt? Alle weg!
„Wo sind die denn alle?", fragte ich verwirrt und drehte mich unnötigerweise suchend im Kreis. Naja... Wenn man in einer Ecke stand, sah man wohl nicht viel weiter.
Ethan lachte mich amüsiert aus. Ich schlug ihn so fest ich konnte auf den Arm, er verzog keine Miene und lachte munter weiter. „Die sind alle im Unterricht, Süsse", erklärte er mir schliesslich, worauf ich ihn geschockt ansah. „Was?! Das ist doch gar nicht möglich!"
„Ich habe ziemlich lange gebraucht, bis ich dich gefunden habe. Na komm!" Ethan legte mir einen Arm um die Schultern und zog mich in Richtung Ausgang.
„Ähm.. Allerliebstes Zuckerschnäuzchen?", säuselte ich. „Du läufst in die falsche Richtung!"
Ich sah zu ihm hoch und er tat so, als würde er konzentriert nachdenken. „Da vorne ist doch der Ausgang, oder?"
Ich lachte und schlug ihm spielerisch auf die Brust. „Du bist ein grauenhafter Schauspieler!"
Er lachte ebenfalls und zog mich einfach weiter. Als wir auf dem Parkplatz vor seinem Auto standen, dämmerte mir langsam, was er vorhatte. „Wir schwänzen?", fragte ich also ganz aufgeregt. An dieser Stelle musste erwähnt sein, dass ich das noch nie zuvor getan hatte. Oder besser gesagt im letzten Jahr hatte ich nie blau gemacht.
Ethan tat meine Aufregung, die in Begeisterung überging mit einem belustigten Blick ab.
„Ich nehme an, du willst wissen, wo ich den ganzen Morgen gesteckt habe?", fragte er, während er mir die Beifahrertür öffnete.
Sofort verdüsterte sich mein Gesichtsausdruck. „Natürlich, du Dussel! Ich habe dich bereits überall gesucht und meine Brüder wussten auch nicht wo du warst. Was hast du ausgefressen?", gab ich etwas zickig und vor allem misstrauisch zurück. Wer wusste, was er ausgefressen hatte, wenn er es alleine durchgezogen hatte? „Ganz ruhig, Süsse! Ich bin ja jetzt hier und ich werde dir auch gleich zeigen, was ich gemacht habe." Ethans verschwörerischer Unterton machte mich schrecklich neugierig und ich begann auf meinem Sitz gespannt hin und her zu rutschen, bis der durch die Reibung ganz warm wurde.
„Willst du ein Feuer machen? Normalerweise benutzt man dafür Holz, das man aneinander reibt und nicht Stoff", stichelte mich der Badboy, der sich ebenfalls mein fester Freund nannte.
„Ha-Ha, was für ein Scherzkeks du doch bist!" Meinen ironischen Ton unterstrich ich mit einem Augen verdrehen, doch das Lächeln auf meinen Lippen entspannte die Situation gleich wieder.
Ethan legte seine Hand auf meinen Oberschenkel und lächelte mir kurz zu, bevor er sich wieder der Strasse zuwandte.
„Sind wir bald da?" Wir waren jetzt bestimmt schon eine viertel Stunde unterwegs und Ethan gab mir überhaupt rein gar keinen Anhaltspunkt, wohin wir fuhren und wie weit es noch war. Das war zum Haareraufen!
Ich bekam keine Antwort.
„Hallo? Durchgeknallte Freundin an zu schweigsamer Freund? Jemand zu Hause?" Vorsichtig beugte mich zu ihm herüber, bis meine Nase fast seine Wange berührte. „Bitte melden!"
Ethan seufzte, doch es klang weder frustriert noch genervt, also tat ich es als harmlos ab. „Weisst du eigentlich, dass du mir manchmal wahnsinnig auf den Keks gehst?"
Belustig liess ich mich zurück auf den Beifahrersotz sinken. „Natürlich weiss ich das, Schatz. Wie soll ich denn sonst zu meinen Keksen kommen? Schon vergessen, dass ich liebend gerne auf meine Keksdose verwette und meistens verliere?"
Ethan hielt an und sah mich etwas besorgt an. „Du verwettest also nur imaginäre Kekse? Ist das der Grund, weshalb ich die nie bekomme?"
„Aber hallo! Mein Vorrat an imaginären Keksen ist nunmal grösser. Musstest du jetzt deswegen wirklich anhalten?", fragte ich und konnte mir ein Kichern nicht verkneifen.
„Nö. Wir sind da."
Ich blickte aus dem Fenster und sah auf einen Hügel, auf dem hunderte von farbigen Wildblumen wuchsen. Es verschlug mir regelrecht den Atem, so schön war dieser Anblick. Es sah aus, als würde ein Blumenteppich direkt in den Himmel führen.
Ethan stieg aus und joggte um den Wagen herum, um mir die Tür zu öffnen. Völlig sprachlos stieg auch ich aus und kam gar nicht mehr aus dem Staunen heraus, starrte weiter die vielen wundervollen Blumen an.
„Wo sind wir hier?", hauchte ich, weil ich Angst hatte, all das Schöne zu zerstören, wenn ich nur zu laut war.
Ethan nahm, ohne mir auf meine Frage zu antworten, meine Hand und wollte mich gerade den Hügel hochführen, als ich ihn zurück hielt.
Etwas geschockt sah ich ihn an. „Du willst hier hoch laufen?"
Ethan schaute zuerst die Wiese und dann mich unschlüssig an. „Äh.. Ja?"
„Aber die Blumen!" Ich wusste, dass ich es etwas übertrieb, aber die Blumen! Wir konnten sie doch nicht einfach niedertrampeln, nur weil wir die Macht dazu hatten. Sonst wären wie wir nicht besser als unsere geliebte Tessa Hollister...
Ethan zog mich nach rechts. „Wir können auch gerne von der Seite drumherum gehen, wenn dir das lieber wäre?" Er führte meine Hand an seine Lippen und küsste jeden einzelnen Finger, sodass ich drohte dahinzuschmelzen. Ich nickte und hauchte ein weiteres Ja. Zusammen gingen wir also um die Blumenpracht, von der ich meinen Blick noch immer nicht abwenden konnte. Natürlich kannte ich nicht die Hälfte der Blumen, die hier wuchsen, da ich wahnsinnig schlecht in Naturkunde war. Ich konnte aber mit stolz sagen, dass ich, anders als Ethan, einen Pilz von einer Blume trennen konnte. Unwillkürlich musste ich schmunzeln. Ethan sah mich lächelnd an. „Was ist?"
Ich seufzte zufrieden. „Ich musste an unser Naturkundeprojekt denken, als wir in den Wald nach Oregon gefahren sind."
„Aber wieso lächelst du denn? Tessa hat dafür gesorgt, dass du ins Krankenhaus musstest!"
Das stimmte allerdings. Tessa war damals wohl so eifersüchtig, dass Ethan und ich in einem Team waren, dass sie mich im Wald einen Hand hinunter geschubste hatte. Jedenfalls erlitt ich danach eine Gehirnerschütterung, mein ältester Bruder Kyle musste mich früher abholen, um dem Krankenhaus einen Besuch abzustatten.
„Das stimmt schon. Aber es gab auch schöne Momente. Zum Beispiel als wir beide an genau der Stelle im See gelandet waren, an der es nur so von Blutegeln gewimmelt hat. Tessas hysterisches Gekreische schallt noch heute im meinem Kopf wider", lachte ich und Ethan stieg mit ein. „Ja genau, daran kann ich mich noch zu gut erinnern! Sie ist aus dem Wasser geflüchtet und hat verzweifelt nach Hilfe geschrien, während du dich nicht beirren gelassen hast und ihr hinterhergeschlendert bist. Das war vielleicht eine geile Aktion!", fügte er noch immer lachend hinzu.
Ethan zog mich sanft weiter und blieb vor an einer schattigen Stelle stehen. Auf dem Boden lag eine Decke und darauf alles Dinge, die ich über alles liebte; Erdbeeren, Bananen und noch einige andere Früchte mit Schockolade, Orangensaft und Champagner, meine Gitarre und sogar Kissen, die verdächtig nach meinen eigenen aussahen. Mit offenem Mund starrte ich auf das kleine Überraschungs-Pick-Nick. Ich war so gerührt und freute mich so sehr über diese kleine Geste, dass mir der Atem stockte und ich mich etwas zusammenreissen musste, damit mir nicht noch die Tränen in die Augen stiegen.
„Oh, Ethan!", hauchte ich leise, doch er hörte es. Er stellte sich hinter mich und schob meine Haare zur Seite, um meinen Nacken küssen zu können. „Gefällt es dir?", fragte er und sein heisser Atem strich mir dabei über die sensible Haut hinter meinem Ohr.
Leicht nickte ich. „Und wie! Wie kommst du überhaupt darauf immer zu behaupten, dass du nicht romatisch wärst?! Das hier ist einfach... Wow!"
Ich spürte, wie sich auf Ethans Lippen ein Grinsen ausbreitete. Schnell drehte ich mich und sah ihm kurz liebevoll in die Augen, bevor ich meie Lippen leidenschaftlich auf die seinen presste.
Sachte löste ich mich von ihm und strich ihm durch sein dunkelbraunes Haar. „Ich liebe dich so sehr!"
Ethan legte seine Hand sanft auf die Wange, mit den Quallennarben und schüttelte den Kopf. „Ganz bestimmt nicht so sehr, wie ich dich liebe."
„Das glaube ich schon."
„Zeig es mir", meinte er, was ich mir nicht zweimal sagen liess. Bestimmt legte ich meine Hände in seinen Nacken und zog ihn zu mir herunter. Vorsichtig stricht er mit seiner Zunge über meine Lippen und frage so danach, mich ihm hinzugeben.
Es war immer so. Ich konnte zwar den Anfang machen, aber schlussenlich hatte doch er die Zügel in den Händen. Bei dieser Einsicht musste ich lächeln und gewährte ihm natürlich Einlass. Und schon war es um mich geschehen.
Nach viel zu kurzer Zeit des Knutschens löste sich Ethan von mir. Ich gab einen protestierenden Ton von mir, worauf ich sofort knallrot anlief. Obwohl ich mir ziemlich sicher war, dass mein lieber Freund wusste, was er für eine Wirkung auf mich hatte, war es mir etwas peinlich, dass ich auf seine körperliche Nähe so sehr angewiesen war. Ich konnte mir überhaupt nicht mehr vorstellen einen einzigen Tag ohne ihn sein zu müssen.
Ethan strich mir eine Sträne aus dem Gesicht, die er wohl selbst dorthin befördert hatte. Ich konnte es jedenfalls nicht gewesen sein, da ich meine Hände die ganze Zeit in seinen Haaren vergraben hatte.
„Ich finde es übrigens wahnsinnig heiss, wenn du so stark auf mich reagierst und sogar rot wie eine Tomate wirst", zwinkerte er mir zu und liess sich auf die Pick-Nick-Decke fallen.
Er konnte so ein arroganter Kotzbrocken sein! Und so selbstüberzeugt! Und einfach so sexy, verdammt!
„Hey! Wenn ich rot werde, dann bitte wie eine überreife Erdbeere und nicht wie eine Tomate! Du weisst doch, dass ich die nicht ausstehen kann", versuchte ich meine peinliche Reaktion zu überspielen und liess mich neben Ethan nieder.
„Ja, und wie ich das weiss. Deshalb wirst du hier weder Tomaten noch Spinat finden."
Bei der Erinnerung an gestern Mittag musste ich schmunzeln. Mein Badboy nahm sich eine Erdbeere mit Schokolade und hielt sie mir vor die Lippen. Voller Vorfreude öffnete ich den Mund. Doch anstelle mir die wundervolle Erdbeere in den Mund zu schieben, ergriff Ethan seine Chance, beugte sich vor und schob mir ein weiteres Mal seine Zunge in den Mund. Nicht, dass ich das nicht auch mochte, aber gerade hatte ich ein grösseres Interesse an der Erdbeere. Ich schob Ethan von mir, nahm ihm die Erdbeere ab und vernaschte sie, bevor er sie mir wieder hätte wegnehmen können.
„Wow", Ethan sah mich beeindruckt an,„das hätte ich jetzt nicht erwartet. Gewöhnst du dich etwa bereits an mich?"
Ich lachte bloss und schnappte mir die Gitarre. Sanft spielte ich die ersten Töne von dem Lied, das ich vor einer gefühlten Ewigkeit in Emily's Home geschrieben hatte. Damals hatte ich es oft gesungen und auch im letzten Jahr hatte ich es gesungen. Jedoch nur einmal, als ich zu einer Untersuchung in Emily's war.
Look at me
You may think you see who I really am
But you'll never know me
Every day
It's as if I play a part
Now I see
If I wear a mask
I can fool the world
But I cannot fool my heart
Who is that girl I see
Staring straight back at me?
When will my reflection show
Who I am inside?
I am now
In a world where I have to hide my heart
And what I believe in
But somehow
I will show the world
What's inside my heart
And be loved for who I am
Who is that girl I see
Staring straight back at me?
Why is my reflection someone I don't know?
Must I pretend that I'm
Someone else for all time?
When will my reflection show
Who I am inside?
There's a heart that must be free to fly
That burns with a need to know the reason why
Why must we all conceal
What we think
How we feel
Must there be a secret me
I'm forced to hide?
I won't pretend that I'm
Someone else
For all time
When will my reflection show
Who I am inside?
When will my reflection show
Who I am inside?
„Ich liebe dich", wiederholte Ethan seine Worte und fiel über mich her. Lachend kreischte ich, bevor er auf die schönste Art und Weise dafür sorgte, dass ich meinen Mund hielt.