Kapitel 3

421 Worte
Die Grenzen des Territoriums Das erste Warnzeichen war der Geruch von Eisen und altem Blut. Markierungen, tief in die Rinde geschnitten, frisch nachgezogen. Das Zeichen des Bergclans – grobe, gezackte Linien, die sagten: „Hier stirbst du, wenn du nicht eingeladen bist.“ Elara ignorierte sie. Sie bewegte sich lautlos, nutzte den Wind, um ihren eigenen Duft zu zerstreuen. Doch der Bergclan war nicht dumm. Kurz nach Mittag hörte sie das erste Knurren – tief, rollend, von mehreren Kehlen gleichzeitig. Sechs Wölfe traten aus dem Unterholz. An ihrer Spitze ein riesiger grauer Beta, Narben über beiden Augen, ein Ohr halb abgerissen. Thorne, wie sie später erfuhr. „Fremde Alpha“, knurrte er. „Du stinkst nach Schattenrudel. Das hier ist unser Land.“ Elara senkte den Kopf nicht. Sie stellte sich breitbeinig hin, ließ die Schwanzspitze leicht peitschen. „Ich durchquere nur“, sagte sie ruhig. „Ich suche niemanden von euch.“ Thorne lachte bellend. „Jeder sucht etwas. Und niemand bekommt es umsonst.“ Er sprang. Der Kampf war kurz und brutal. Thorne war stark – stärker als die meisten Betas, die Elara je getroffen hatte. Doch er kämpfte mit Wut, nicht mit Verstand. Elara wartete den ersten Angriff ab, wich seitlich aus, ließ ihn ins Leere laufen und rammte ihm dann die Schulter in die Flanke. Man hörte Knochen knacken. Die anderen fünf zögerten nur einen Moment. Dann griffen sie an – koordiniert, wie ein Rudel es sein sollte. Elara verwandelte sich mitten im Sprung in ihre Zwischenform: größer, aufrecht, Krallen wie Dolche, Augen glühend. Sie packte den ersten am Nacken, schleuderte ihn gegen einen Baum. Den zweiten erwischte sie mit einem Prankenhieb quer über die Brust. Blut spritzte auf Schnee. Thorne kam wieder hoch, blutend, aber nicht besiegt. „Gib auf“, sagte Elara. Ihre Stimme war jetzt tiefer, grollender. „Oder ich töte euch alle.“ Er zögerte. Sah seine Wölfe – drei lagen winselnd am Boden, zwei bluteten stark. Schließlich senkte er den Kopf – nicht ganz, aber genug. „Geh“, knurrte er. „Aber das hier ist nicht vergessen.“ Elara musterte ihn einen langen Moment. Sein Duft war kräftig, männlich, dominant. Doch es regte sich nichts in ihr. Kein Ziehen, kein Feuer. Nur Respekt – und ein Hauch von Mitleid. „Finde deinen eigenen Weg, Thorne“, sagte sie leise. „Vielleicht wartet auch auf dich jemand.“ Dann drehte sie sich um und verschwand tiefer im Gebirge, während hinter ihr das leise Winseln der Verwundeten erklang.
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