Kapitel 2 – Der Pfad der verborgenen Runen

1018 Worte
Der Morgen brach kühl und still über dem Schattenwald an.Nebelschleier hingen zwischen den Bäumen wie vergessene Träume, und das Licht der aufgehenden Sonne kämpfte sich nur zögernd durch das dichte Blätterdach. Liora hatte kaum geschlafen. Die Ereignisse der vergangenen Nacht brannten noch immer wie ein Echo in ihrem Inneren. Morvaths rote Augen, das gleißende Licht des Amuletts, Caelans ernste Worte – all das fühlte sich zugleich fern und erschreckend nah an. Sie stand am Rand der Lichtung, während Caelan einige Runen auf einem Stück Pergament studierte. Der rote Fuchs saß neben ihr, den buschigen Schwanz ordentlich um die Pfoten gelegt. Seine bernsteinfarbenen Augen beobachteten jede ihrer Bewegungen. „Er folgt uns“, sagte Liora leise. „Ja“, antwortete Caelan, ohne aufzublicken. „Und das ist kein Zufall.“ „Du meinst, er gehört… dazu?“ Caelan rollte das Pergament zusammen. „In Elyndor waren die Tiere nie nur Tiere. Manche trugen den Geist alter Wächter in sich. Manche waren Boten. Und manche waren mehr.“ Der Fuchs blinzelte, als hätte er jedes Wort verstanden. Liora kniete sich langsam hin. „Wer bist du?“, flüsterte sie. Der Fuchs legte den Kopf schief – und im nächsten Moment hallte eine Stimme in ihrem Geist wider. Ich bin Aeris. Liora wich erschrocken zurück. „Caelan!“ Der Magier sah sie aufmerksam an. „Du hast ihn gehört.“ „Er… er spricht.“ Caelan nickte ruhig. „Nur für dich.“ Aeris erhob sich geschmeidig. Die Zeit drängt. Der Pfad öffnet sich nur einmal am Tag. „Welcher Pfad?“, fragte Liora, nun lauter. Aeris sprang auf einen moosbedeckten Stein und blickte in den Wald hinein. Der Pfad der verborgenen Runen. Er führt tiefer als jeder gewöhnliche Weg. Dort beginnt die Prüfung. „Prüfung?“, wiederholte Liora. Caelans Blick wurde ernst. „Das Herz von Elyndor ist nicht einfach verborgen. Es wählt, wer ihm würdig ist. Wenn du es finden willst, musst du dich selbst erkennen.“ „Das klingt nicht besonders hilfreich“, murmelte Liora. Doch trotz ihrer Unsicherheit spürte sie ein Ziehen im Inneren – eine unsichtbare Kraft, die sie tiefer in den Wald rief. Aeris setzte sich in Bewegung. Ohne ein weiteres Wort folgten sie ihm. Der Wald veränderte sich, je weiter sie gingen. Die Bäume wurden älter, ihre Stämme breiter und von silbrigen Mustern durchzogen. Der Boden war mit weichem Moos bedeckt, das unter ihren Schritten kaum ein Geräusch machte. Plötzlich blieb Aeris stehen. Vor ihnen erhob sich eine gewaltige Steinwand, überwuchert von Ranken und Flechten. In ihrer Mitte war ein Torbogen zu erkennen, doch er war vollständig von dichtem Efeu verdeckt. „Hier“, sagte Caelan leise. Liora trat näher. Das Amulett unter ihrem Mantel begann zu vibrieren. Als sie es hervorholte, leuchtete der blaue Stein erneut – stärker als zuvor. Die Ranken begannen sich zu bewegen. Langsam, wie von unsichtbaren Händen geführt, wichen sie zur Seite und enthüllten ein steinernes Tor. Es war mit Runen bedeckt, die schwach pulsierten. „Was steht dort?“, fragte Liora. Caelan trat näher und fuhr mit den Fingern über die Zeichen. „Nur wer das eigene Licht erkennt, darf eintreten.“ „Und wenn ich es nicht erkenne?“ „Dann bleibt das Tor verschlossen.“ Liora schluckte. „Also gut.“ Sie legte das Amulett gegen die Mitte des Tores. Für einen Moment geschah nichts. Dann begann der Stein in ihrer Hand zu glühen – nicht blau, sondern golden. Ein warmer Strom durchflutete sie. Bilder tauchten vor ihrem inneren Auge auf: ihre Kindheit in Silberhain, das Lachen ihrer Mutter, das Gefühl von Einsamkeit, aber auch von Stärke. Sie sah sich selbst, wie sie anderen half, wie sie trotz Zweifel niemals aufgab. Ein Gedanke formte sich klar und hell in ihrem Inneren: Ich bin mehr als meine Angst. Das Tor erzitterte. Mit einem tiefen Grollen öffnete es sich langsam nach innen. Dahinter lag kein gewöhnlicher Raum. Es war eine weite Halle aus Stein, deren Decke im Dunkel verschwand. In der Mitte schwebte ein Kristall aus reinem Licht. Doch das Licht war getrübt. Schwarze Risse durchzogen ihn wie Adern aus Schatten. „Morvath“, flüsterte Caelan. „Er hat seine Macht bereits hierher ausgedehnt.“ Kaum hatte er es ausgesprochen, bebte der Boden. Aus den Schatten der Halle lösten sich Gestalten – Kreaturen aus Nebel und Knochen, mit leeren Augenhöhlen. Aeris stellte sich schützend vor Liora. Bleib im Licht. Die Wesen griffen an. Caelan hob die Hände, und goldene Strahlen schossen durch die Halle, trafen die Kreaturen und ließen sie in Rauch zerfallen. Doch immer neue lösten sich aus den Wänden. Liora spürte Panik in sich aufsteigen. „Ich kann das nicht!“ Doch, erklang Aeris’ Stimme in ihrem Geist. Das Licht gehört dir. Sie blickte auf das Amulett. Es pulsierte im Rhythmus ihres Herzschlags. Mit zitternden Fingern hob sie es hoch. „Ich… ich bin die Hüterin von Elyndor“, sagte sie leise. Die Kreaturen kamen näher. „Und ich werde nicht zulassen, dass ihr es zerstört!“ Ein gleißender Lichtstrahl brach aus dem Amulett hervor, breitete sich in alle Richtungen aus und erfüllte die Halle mit strahlender Helligkeit. Die Schatten schrien auf und lösten sich auf. Als das Licht verblasste, war es still. Liora keuchte und sank auf ein Knie. Caelan stützte sie. „Du hast es getan“, sagte er mit ehrfürchtiger Stimme. Der Kristall in der Mitte der Halle leuchtete nun klarer. Die schwarzen Risse waren nicht verschwunden, aber sie hatten sich zurückgezogen. Aeris trat neben sie. Dies war nur die erste Schwelle. „Es fühlt sich nicht so an“, murmelte Liora erschöpft. Caelan sah sie ernst an. „Morvath weiß jetzt mit Sicherheit, dass du erwacht bist. Er wird nicht länger warten.“ Als Antwort auf seine Worte hallte ein fernes, dunkles Lachen durch die Halle – kaum hörbar, aber unverkennbar. Liora hob langsam den Kopf. „Dann soll er kommen“, sagte sie, ihre Stimme fester als je zuvor. Tief im Schattenwald begann etwas Altes sich zu regen. Und weit entfernt, jenseits der Berge, öffnete Morvath die Augen.
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