Kapitel 3 - Was bleibt

950 Worte
Kapitel 3 - Was bleibt Die ganze Nacht saß sie im Büro. Der Bildschirm leuchtete noch, als draußen bereits die ersten Sonnenstrahlen über die Dächer krochen. Elena hatte aufgehört, auf die Uhr zu sehen. Irgendwann schaltete sie den Monitor aus. Nichts ging mehr. Ihr Kopf war leer, ihr Körper müde bis in die Knochen. Wie hatte sie nur so blind sein können? Sie griff nach ihrer Tasche, verließ das Büro und fuhr in das nächste Hotel. Für ein paar Stunden Schlaf. Mehr wollte sie nicht. Mehr konnte sie im Moment nicht. Kaum im Zimmer angekommen, setzte sie sich aufs Bett und rief ihre Banken an. Ihre Stimme klang fremd, aber bestimmt. Sie ließ alle Konten sperren – zumindest die, auf die sie noch Zugriff hatte. Für Miguel war nun alles blockiert. Doch als sie nach dem Depot fragte, wurde es still am anderen Ende der Leitung. „Dieses Konto existiert nicht mehr“, sagte die Stimme schließlich. Elena lief es kalter Schauer den Rücken hinunter. Sie beendete das Gespräch und starrte auf ihre Hände. Dann atmete sie tief ein und tat das Einzige, was ihr noch einfiel. Sie bat um einen Termin – noch am selben Tag – für das Bankschließfach. Das eine, von dem Miguel nichts wusste. Es war alt. Sehr alt. Schon ihre Großmutter hatte es genutzt. Nach dem Unfall ihrer Eltern, bei dem beide ums Leben gekommen waren, hatte ihre Großmutter alles geregelt. Gold, Schmuck, Edelsteine – ein stilles Polster für schlechte Zeiten. Elena hatte es nie angerührt. Nie gebraucht. Ihre Großmutter hatte damals zu ihr gesagt, sie solle mit aufs Land kommen, in die kleine Gemeinschaft, in der sie lebte. Weg von der Stadt, weg vom Lärm. Doch Elena wollte in Barcelona bleiben. Wollte leben, arbeiten, sich etwas aufbauen. Also hatte ihre Großmutter ihr eine Wohnung gekauft. Dafür gesorgt, dass es ihr an nichts fehlte. Und jetzt… Jetzt war dieses Schließfach das Einzige, was ihr geblieben war. Elena ließ sich auf das Hotelbett sinken und schloss die Augen. Ein paar Stunden später riss sie der Wecker aus einem viel zu leichten Schlaf. Ihr Kopf dröhnte, da sie die ganze Nacht nicht geschlafen, sondern nur geweint hatte. Im Bad sah sie sich im Spiegel an und erschrak. Blass. Tiefe Schatten unter den Augen. Das Gesicht müde, fast fremd. Sie spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, atmete tief durch und zog sich schnell an. Keine Zeit für Selbstmitleid. Nicht jetzt. Die Fahrt zur Bank verlief schweigend. Um kurz nach zwölf war sie dort. Der freundliche Mitarbeiter lächelte, als hätte er keine Ahnung, was in ihr vorging, und führte sie durch mehrere schwere Türen in den Tresorraum. Stahl, Kälte, Stille. Dann ließ er sie allein. Der Schlüssel lag wie immer in ihrem Portemonnaie. Ihr Glücksbringer. Sie schob ihn ins Schloss, drehte ihn um – ein leises Klicken. Das Schließfach öffnete sich. Goldmünzen. Schmuck. Kleine Schatullen. Ein Erbe, das sie nie hatte anfassen wollen. Sie nahm ein paar Goldmünzen heraus. Das würde fürs Erste reichen. Dann zögerte sie, griff doch noch nach einem kleinen Diamanten und ließ ihn in ihre Tasche gleiten. Nur für den Notfall. Denn plötzlich war da nichts mehr, woran sie sich festhalten konnte. Keine Wohnung. Kein Job. Kein Mann. Kein Zuhause. Ihre Kehle schnürte sich zu, Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie atmete tief aus, zwang sich zur Ruhe, schloss das Schließfach wieder und rief den Mitarbeiter. Wortlos begleitete er sie nach draußen. Auf der Straße blendete sie das Licht. Ihr Magen knurrte. Sie hatte seit gestern nichts gegessen. Also ging sie die Straße hinunter, kaufte sich am Kiosk eine Zeitung und setzte sich in ein kleines Café. Ein Croissant. Ein Cappuccino. Ihr Lieblingskaffee. Mit zitternden Fingern schlug sie die Zeitung auf und begann, die Stellenanzeigen zu überfliegen. Vielleicht war das hier nicht das Ende. Vielleicht war es nur der Punkt, an dem alles neu begann. Elena blätterte gedankenverloren durch die Zeitung. Jobangebote. Immobilien. Zahlen, die ihr jetzt nichts mehr sagten. Alles fühlte sich plötzlich fremd an. Dann blieb ihr Blick hängen. „TENERIFFA – Die Insel der Gegensätze.“ Ein Foto. Schroffe Felsen, tiefblaues Meer, Licht, das warm über die Landschaft fiel. Darunter kleinere Bilder: grüne Wälder, schwarze Strände, ein Ort, der gleichzeitig wild und ruhig wirkte. Viel Natur. Ruhe. Sonne. Leben. Sie starrte auf die Anzeige, länger als nötig. Etwas zog in ihr. Ein Gefühl, das sie nicht benennen konnte. „Vielleicht…“, murmelte sie leise. Sie las weiter. Ferienwohnungen. Meerblick. Rückzugsorte. Ein Ort, an dem man atmen konnte. Elena lehnte sich zurück, nahm einen Schluck von ihrem Cappuccino. Er war inzwischen kalt. Genau wie ihr Leben hier. Barcelona, das einmal ihr Traum gewesen war, fühlte sich plötzlich wie ein Ort an, der sie nur noch festhielt. Was hielt sie noch hier? Nichts. Ihre Wohnung war weg. Ihr Mann hatte sie verraten. Ihr Geschäft existierte nicht mehr. Nur sie selbst war noch da. Ihr Blick fiel auf den Koffer, der neben ihrem Stuhl stand. Noch halb gepackt. Als hätte das Schicksal längst entschieden. Ein leiser, fast ungläubiger Atemzug entwich ihr. „Warum eigentlich nicht…“ Sie zog ihr Handy hervor, öffnete eine Buchungsseite. Ihre Finger zögerten kurz über dem Display. Dann tippte sie. Flug: Barcelona – Teneriffa Abflug: Morgen Rückflug: offen Ihr Herz schlug schneller. Sie buchte. Als die Bestätigung aufleuchtete, legte sie das Handy langsam auf den Tisch. Draußen rauschte die Stadt weiter, als wäre nichts geschehen. Doch für Elena hatte sich gerade alles verändert. Vielleicht brauchte sie genau das. Eine Insel. Abstand. Und Zeit, um wieder zu sich selbst zu finden. Sie nahm einen letzten Schluck Cappuccino, stand auf und wusste: Das hier war kein Urlaub. Es war eine Flucht. Und vielleicht, endlich, der Anfang von etwas völlig Neuem.
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