Kapitel 2: Kira's POV

1161 Worte
Es ist mittlerweile üblich im Nightfall-Rudel, dass die höheren Ränge mit den Omegas machen, was sie wollen. Auch mit den Alphas. Und leider wurde ich heute ihr Ziel. Ich schnappte nach Luft, während mein Körper zitterte bei meinem vergeblichen Versuch, diesen starken, massigen Krieger von mir zu stoßen. Sein Gewicht erstickte mich, seine beiden Hände drückten mich mühelos unter sich fest. Ich war wie versteinert und fragte mich, ob ich auf diese Weise meine Jungfräulichkeit auf die grausamste Art und Weise verlieren würde. „Nein! Bitte! Tu das nicht! Ich habe mich für meinen Kumpel aufgespart!“, flehte ich mit vor Angst rauer Stimme. Doch als Antwort bekam ich nur Gelächter. Die beiden anderen Männer, die in der Nähe standen, grinsten, während sie ihre Gürtel lockerten und sich darauf vorbereiteten, an die Reihe zu kommen. Mein Magen verkrampfte sich vor Angst. „Dein Kumpel?!“, höhnte der Mann, der mich festhielt. „Welcher Kumpel würde einen wertlosen Omega wie dich wollen?! Du solltest dankbar sein, dass wir dich attraktiv genug finden, um uns zu gefallen.“ Die beiden anderen Männer lachten spöttisch. Tränen brannten in meinen Augen. Ich wehrte mich heftiger, aber er war zu stark. Mein Herz hämmerte so laut, dass ich das plötzliche Knurren, das wie ein Donnerschlag durch die Luft riss, fast überhörte. Die beiden Krieger standen wie erstarrt da, und im Handumdrehen wurde der Krieger auf mir hochgehoben. Ich blinzelte durch meine Tränen, und mein Blick klärte sich gerade genug, um zu sehen, wer mich gerettet hatte. Alpha Asher? Er hielt den Krieger an der Kehle. Ich konnte die Wut in seinen Augen sehen, als sein Griff sich verstärkte und den Krieger fast erstickte. Ich hätte Angst haben sollen. Ich hätte ihn fürchten sollen. Aber in diesem Moment war er mein Retter. Er war gekommen, um mich zu holen. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte mich jemand beschützt. Die anderen Männer standen wie erstarrt da, ihre Angst war in ihren weit aufgerissenen Augen zu sehen. Auf einen Befehl von ihm huschten sie alle wie Feiglinge davon. Er kniete nieder und zog mein Kinn hoch, damit ich zu ihm aufschauen konnte. Seine Augen waren voller Sorge. Aber wie ist das möglich? Wie konnte Alpha Asher jemandem von so niedrigem Status wie mir gegenüber Besorgnis zeigen? Seine Augen ruhten auf mir und ließen mich zurückschrecken, nicht aus Angst, sondern aus Verlegenheit. Dann – genauso plötzlich wie es gekommen war – änderte sich alles. Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich. Ich spürte, wie mir der Atem stockte. Warum sah er mich so an? Die Sorge in seinen Augen war verschwunden, ersetzt durch … Ekel? Hatte ich ihn abgestoßen? Hatte ihn mein erschüttertes Aussehen beleidigt? Groll stieg mir in die Kehle. Ich versuchte zu begreifen, was geschah. Er hatte mich gerade gerettet. Er hatte mich besorgt, ja sogar lustvoll angesehen. Jetzt war sein Gesicht hasserfüllt. Dann trafen seine nächsten Worte wie eine Bombe und zerschmetterten mein ganzes Wesen. „Wirf diesen Abschaum aus dem Rucksack. Sie ist verbannt. Ich will sie nie wiedersehen.“ Ich erstarrte. Abschaum? Verbannt? „Ich – ich habe nichts getan!“, rief ich mit brechender Stimme. „Nein! Bitte! Ich kann nirgendwo hin! Ich schwöre, ich habe nichts falsch gemacht!“ Doch meine Bitten stießen auf taube Ohren, als Alpha Asher mir kalt den Rücken zukehrte. So war mein Schicksal besiegelt. Die Wachen schleiften mich durch das Packhaus, vorbei an Menschen, die einst meine Familie gewesen waren. Niemand wagte es, sie aufzuhalten. Niemand sprach für mich. Manche grinsten sogar glücklich. Tränen strömten mir übers Gesicht. Ich hatte die Gerüchte über Alpha Asher gehört. Sie sagten, er sei skrupellos. Arrogant. Grausam. Aber für einen Moment, als er mich rettete, dachte ich, vielleicht – nur vielleicht – stimmten diese Gerüchte nicht. Ich war ein Narr. Er war ein kompletter Idiot. Ich hasste ihn! *** Die Sonne war bereits untergegangen, als ich meine schmerzenden Füße von der Rudelgrenze wegschleppte, mein Körper geschwächt vor Erschöpfung und Hunger. Ich konnte nirgendwo hin. Keine Familie. Kein Zuhause. Meine Mutter Reika war noch im Rudel. Was würde mit ihr geschehen, jetzt, wo ich fort war? Tränen trübten meine Sicht, aber ich unterdrückte sie. Ich hatte für heute genug geweint. Morgen war mein achtzehnter Geburtstag. Morgen sollte ich meinen Wolf zum ersten Mal treffen und wahrscheinlich auch meine Gefährtin. Ein bitteres Lachen entfuhr mir. Wie ironisch. Ich habe nicht einmal mehr ein Rudel. Ich bin jetzt ein Schurke ohne Ziel. Ich ging weiter, meine Beine wurden mit jedem Schritt schwerer. Ich hatte kein Ziel vor Augen, nur den verzweifelten Drang, so weit wie möglich von diesem Ort wegzukommen, bevor die Dunkelheit den Wald verschluckte. Doch je weiter ich ging, desto schwächer wurde ich. Meine Füße begannen zu wackeln. Dann lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Etwas beobachtete mich. Ich blieb stehen, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Die Haare auf meinen Armen stellten sich auf. Langsam drehte ich mich um. Zwei leuchtend rote Augen starrten mich aus dem Schatten der Bäume an. Dann erschien ein weiteres Paar. Mir gefror das Blut in den Adern. Schurken. Zwei von ihnen. Ihre Körper waren mit Narben bedeckt, ihr Fell mit getrocknetem Blut verklebt. Ihre Lippen knurrten mich an und enthüllten Reihen scharfer, vergilbter Zähne. Ich trat zitternd einen Schritt zurück. „Oh, Mondgöttin“, flüsterte ich. „Kann mein Tag noch schlimmer werden?“ Die Schurken knurrten leise und kamen näher, ihr Hunger war in ihren leuchtenden Augen deutlich zu erkennen. Ich hatte keinen Wolf. Keine Kraft. Keine Waffen. Das war es. So würde ich sterben. Einer von ihnen stürzte sich auf mich. Ich hob die Arme, um mein Gesicht zu schützen, wappnete mich für den Schmerz, das Zerreißen meines Fleisches, die Qual – Aber es kam nicht. Stattdessen gab es ein widerliches Knirschen. Ein schmerzerfüllter Aufschrei. Ich spähte langsam durch meine Arme, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie der Kopf des Schurken – vom Körper getrennt – über den Waldboden rollte. Vor mir stand kein Wolf. Kein Schurke. Kein Mensch. Sondern ein Lykaner. Er war massiv gebaut, seine stechenden blauen Augen waren auf mich gerichtet. Seine Brust hob und senkte sich, sein Körper vibrierte vor kaum zurückgehaltener Wut. Dann wurde sein Blick sanfter. „Alles in Ordnung?“, fragte er mit tiefer, sanfter Stimme. Ich konnte nicht antworten. Mein Blick wanderte zu Boden, wo der zweite Schurke leblos lag, sein Körper zerfetzt. Er hatte sie getötet. Sie beide. Der Anblick war grauenhaft. Meine Knie gaben nach. Meine Sicht verschwamm. Bevor ich auf dem Boden aufschlug, fingen mich starke Arme auf. Der Lykaner zog mich in seine Arme und wiegte mich, als wäre ich etwas Zerbrechliches. Sein Gesichtsausdruck war etwas anderes – sah ich da Panik? „Hey – bleib bei mir“, murmelte er. Ich blinzelte schwach zu ihm hoch, während mir der Kopf schwirrte. Wer war er? Warum starrte er mich so an? Ich hatte keine Zeit zu fragen, da ich zuließ, dass die Dunkelheit mich verschlang.
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