Kapitel 3

1368 Worte
Eine unheimliche Stille lag über der Arena und sogar die Zuschauenden hielten gespannt den Atem an. Hektisch blickte ich mich zwischen den Wesen um mich herum um und dann wieder zurück zu den Tieren. Unter den weiteren Gefangenen gab nicht nur Menschen, auch Tauren, Zwerge und Halblinge. Ich konnte ein paar Kinder entdecken, die sich an die Beine von Erwachsenen klammerten und lautlos vor sich hinheulten. Mir schnürte sich der Hals zu. Wie konnte man nur so grausam sein? Vielleicht hatten die Winzlinge ja Glück und konnten sich mit Wendigkeit und Tempo retten. Die Raubtiere würden mit Gewissheit keine Gnade mit ihnen kennen. Überhaupt zogen diese ihre Kreise immer enger um die Gruppe. Flammenpumas mit feurigen Tatzen, Diamantlöwen, die fast durchsichtig erschienen, und Sedimentlaurer, die sonst nur im tiefsten Moor vorkamen, umschlichen die Gruppe und stießen abwechselnd fauchende und brüllende Laute aus. Du musst nicht schneller als der Bär sein, hörte ich die Stimme meines Großvaters aus den Tiefen meiner Erinnerungen. Solange du nicht allein bist, reicht es völlig, schneller zu sein als deine Gefährten. Blick nie zurück, sondern immer nur nach vorn. Solltest du stolpern, ist alles aus. Hart musste ich schlucken. Diese Worte, die in meiner Kindheit nie mehr gewesen waren als ein gut gemeinter Rat, wenn ich mit meinen Freunden im Wald spielen ging, erhielten nun einen grausamen Sinn. Wieder blickte ich mich um und beschloss, dass ich mich zunächst in der Nähe der ältesten Gruppenmitglieder halten würde. Sie würden gewiss zuerst gerissen werden, so funktionierten die Gesetze der Natur nun einmal, allerdings konnte ich dann noch ein wenig meine Kräfte sparen, ich würde sie ganz sicher benötigen. Langsam bewegte ich mich zwischen den Wesen auf eine uralte Zwergin zu. Dicht neben ihr, stand ein ebenso alter Zwergenmann. Sie hielten sich gegenseitig an der Hand, während ihre Körper vor Furcht zitterten. Ihnen musste längst klar sein, dass sie dieses grausige Spiel bereits verloren hatten, ehe es überhaupt richtig begonnen hatte. Ob mein Leib ebenso bebte? Ich konnte es beim besten Willen nicht einschätzen, denn ich fühlte absolut gar nichts. Eine innere Leere hatte mich ergriffen, die Mitleid, Furcht und sämtliche weiteren Emotionen gnadenlosen aussperrte, und mich zwang, zu funktionieren. Zu überleben – jedenfalls wenn alles so lief, wie ich hoffte. Das würde ich jedoch schneller erfahren als mir lieb war. Aus dem Augenwinkel nahm ich links von mir eine Bewegung wahr. Mein Kopf ruckte herum und mit aufgerissenen Augen und aufgeklappten Mund blieb mir nichts als das grausame Spektakel mitanzusehen, welches sich mir bot. Ein Diamantlöwe hatte die Spiele eröffnet. Mit einer einzigen fließenden Bewegung sprang er durch die Luft und grub seine Vordertatzen in den Brustkorb einer Taurin, die am Rande der Gruppe gestanden hatte. Ihr Schrei, eine Mischung aus rasende Schmerzen, Todesangst und Überraschung, gelte schrill durch die Arena und rund um die Taurin kreischten die Gefangenen auf und sprangen instinktiv von ihr weg. Schwer schlug sie auf dem Boden auf und unternahm einen verzweifelten Versuch, ihre Arme zum Schutz über ihr Gesicht zu bekommen. Dieser wurde jedoch jäh von dem dem gewaltigen Kopf des Löwen unterbrochen, der ihr mit einer schnellen, kräftigen Bewegung die Kehle zerfetzte. Der Körper der Taurin zuckte noch einige letzte Male, dann lag er erschlafft unter dem massigen Körper des Raubtiers. Blut rann aus den Wunden hervor und versickerte im Sand, der sich langsam rot färbte. Der stechende Geruch nach Eisen kroch tief in meine Nase und ließ mich würgen. Bevor mein Magen allerdings endgültig die Kontrolle verlieren konnte, setzte sich die Menge um mich herum in Bewegung. Alle rannten wild durcheinander und ich musste die Ellbogen ausfahren, um nicht umgestoßen zu werden. Die übrigen Raubkatzen, wohl durch den Geruch des Blutes aufgestachelt, sprangen ebenfalls auf die Menge los. Ein paar von ihnen hatten sofort Erfolg und erwischten ihr anvisiertes Opfer beim ersten Sprung. Der grausigen Kakophonie aus Schreien, brechenden Knochen, dem Reißen von Fleisch, welches die Tiere ihrer Beute aus den Leibern rissen, und genüsslich schmatzenden Geräuschen, als sie ihren Fang verspeisten, gelang lediglich für einen winzigen Augenblick, der Einzug in meine Wahrnehmung. Dann blendete mein Überlebenswille jegliche Ablenkung aus und zwang mich meine volle Konzentration auf meinen nächsten Schritt zu lenken. Gut die Hälfte der Raubtiere lag bereits auf dem Boden und labte sich an ihrer, sicher sehr lang erwarteten, Mahlzeit. Das alte Zwergenpaar, an welches ich mich zuerst hatte halten wollen, konnte ich nirgends entdecken. Verwünscht noch mal! Instinktiv hatten sich meine Füße in Bewegung gesetzt und liefen durch das Durcheinander aus Blut, schreienden Menschen, mampfenden Tieren und abgerissenen Gliedmaßen. Einige Verletzte lagen blutend auf dem Boden, schienen nur Nebenschauplätze gewesen zu sein, während die angreifende Großkatzen ihr wahres Opfer erlegt hatten. Ein Halbling kam auf mich zugerannt, ein lächerlicher Versuch seinem Jäger zu entkommen, doch wenn es ihm gelang, mich zu erreichen, würden sich seine Chancen erheblich verbessern. Bevor mein Gehirn verstand, was als Nächstes folgen würde, setzte mein Körper zum Sprint an und schoss mit voller Geschwindigkeit vorwärts. Für einen winzigen Moment lag Verwirrung auf dem Gesicht des Halblings, die jedoch alsbald von geschockter Überraschung abgelöst wurde. Er musste begriffen haben, was ich vorhatte, noch ehe ich es selbst wusste. Mein Körper rannte weiterhin wie fremdgesteuert auf das Paar aus Jäger und Gejagten zu. Ich war übergeschnappt! Ganz bestimmt sogar. Am liebsten hätte ich die Augen zusammengekniffen, statt mir selbst dabei zuzusehen, wie ich mich freiwillig ins Verderben stürzte. Als ich mich bereits mit dem Halbling zusammenprallen sah, drehte ich plötzlich nach rechts ab, ließ allerdings mein linkes Bein stehen. Ein scharfer Schmerz zuckte hindurch, als sich ein Fuß daran verhakte, dennoch zog ich es mit einem Ruck nach vorn. Mein Bein kam frei und hinter mir schlug ein Körper hörbar im Sand auf. Bloß Augenblicke später ertönte das knackende Geräusch von Knochen, die zwischen Zähne zersplitterten. Was habe ich getan?, schoss es mir durch den Kopf. Was du tun musstest! Und nun lauf weiter und lass dich einfach von mir leiten!, befahl die Stimme meines Großvaters, die meine Gedanken durchdrang. Mit fliegendem Blick suchten meine Augen nach dem nächsten Opfer und fanden schließlich eine Zwergin, deren Bein bereits von einer Kralle aufgeschlitzt worden war. Sie humpelte nur noch und hatte pures Glück, dass die Raubtiere bislang stets eine andere Beute gefunden hatten, bevor diese sie erreichten. Sie würde diese Wunde nicht überleben und so konnte sie ihr Leben ebenso jetzt geben. Eine heroische Tat, die ihren Tod weniger sinnlos machte. Zumindest wollte ich daran glauben, als ich ein junges Mädchen, das den Sedimentlaurer zu spät gesehen hatte, zur Seite stieß. Die Katze tat genau das, was ich gehofft hatte, und versenkte ihre Krallen zwei Sprünge weiter in der verwundeten Frau. Mein Herz wog schwer in meiner Brust und eilig wandte ich mich ab. Weder konnte ich es ertragen, zu sehen, wie das von mir gewählte Opfer zerfetzt wurde, noch durfte ich nachlässig werden. Ein letzter Flammenpuma strich weiterhin durch die Arena, belauerte die wenigen verbliebenen Gefangenen. Ich brauchte nicht einmal durchzuzählen, um mir darüber im Klaren zu sein, dass es niemals zwölf Überlebende geben konnte. Die Tatzen der Raubkatze glühten so heiß, dass der Sand unter ihnen schmolz und Abdrücke aus Glas zurückließ. Um nichts in der Welt wollte ich ihnen zu nahe kommen. Es war höchste Zeit, meine Strategie zu ändern. Ich drehte mich um und rannte im Zickzack durch die Arena, immer darauf bedacht, möglichst viele potentielle Futterquellen zwischen mich und den Puma zu bringen und gleichzeitig den fressenden Raubkatzen fernzubleiben. Man konnte ja nie wissen, ob nicht irgendeine noch Appetit auf einen Nachschlag hatte. Fast hatte ich es geschafft, an den Rand der Arena vorzudringen, und damit zu einem Bereich, in dem keine Katze Körper zerfetzte, als sich ein Diamantlöwe in meiner Nähe plötzlich aufrichtete und streckte. Hastig schlug ich einen Haken, um mich in eine andere Richtung zu flüchten, als ich stolperte und mein Knöchel umknickte. Der Boden näherte sich meinem Gesicht auf einmal in rasender Geschwindigkeit und noch ehe es mir gelang, die Arme auszustrecken, um mich abzufangen, prallte ich hart auf. Alles um mich herum wurde schwarz und das Letzte, das ich mitbekam, bevor ich endgültig im Reich der Finsternis versank, war ein lautes Brüllen, das näher wirkte, als es mir lieb war.
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