Lukas wachte spät am Samstagmittag auf. Die Erschöpfung der letzten Tage hatte ihn völlig ausgezehrt, und er brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Das ungewohnt luxuriöse Bett und die schiere Stille der Penthouse erinnerten ihn daran, dass er nicht mehr in seiner WG war. Er streckte sich langsam, griff nach Evelyns Handy und stellte fest, dass es bereits kurz nach zwölf war.
Nachdem er aufgestanden war, machte er sich mit einem Handtuch bewaffnet auf den Weg ins Badezimmer. Die Dusche war groß und modern, mit glänzenden Armaturen und einer Auswahl an Duschgels, die alle nach teuren Parfüms rochen. Das heiße Wasser half ihm, die letzten Reste der Müdigkeit abzuwaschen, und er konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Dieser Lebensstil hatte definitiv seine Vorzüge.
Frisch geduscht ging er ins Ankleidezimmer und stand vor der Qual der Wahl. Am liebsten hätte er etwas Einfaches angezogen, doch Evelyns Unterwäschegeschmack ließ das nicht zu. Nach einigem Zögern durchstöberte er ihren Schrank und entschied sich schließlich für einen für seinen immer noch männlichen Geschmack viel zu verführerischen Spitzen-BH, kombiniert mit einem passenden Slip aus feiner Spitze. Darüber wählte er eine bequeme Kombination aus Leggings und einem einfachen Top. Wenigstens bot Evelyns Schrank hier etwas Gemütliches.
In der offenen Küche bereitete er sich ein einfaches Frühstück zu: Toast, Avocado und ein Glas frisch gepressten Orangensaft. Während er aß, wanderte sein Blick immer wieder durch die aus seiner WG-Perspektive riesige Penthouse. Der moderne Stil, die makellose Einrichtung – alles war so anders als das, was er gewohnt war. Von der Küche aus konnte er das Wohn- und Esszimmer überblicken, in dem er saß. Eine Tür führte ins Schlafzimmer, von dem aus er sowohl das Badezimmer als auch das Ankleidezimmer erreichen konnte. Eine weitere Tür führte in ein kleines Gästezimmer mit eigenem Bad. Sein Blick blieb jedoch an der dritten und letzten Tür des Penthouses hängen: Sie war anders. Diese Tür lag am Ende des kleinen Flurs, über den man die Wohnung betrat, und war nicht nur verschlossen, sondern auch mit einem elektronischen Schloss gesichert.
Schon am ersten Tag war sie ihm aufgefallen. Die Tür, schlicht und unauffällig, hatte eine seltsame Aura. Das elektronische Schloss schien nicht zu den anderen, normalen Türen des Penthouses zu passen. Lukas konnte sich nicht vorstellen, was dahinter verborgen war, und die Ungewissheit nagte an ihm.
Er trat näher und begutachtete das Schloss. Es war hochwertig und glänzend, mit einem kleinen Sensorfeld. Zuerst suchte er nach einem klassischen Schlüssel oder einem versteckten Schalter, aber nichts deutete darauf hin, dass die Tür sich auf einfache Weise öffnen ließ. Die glatte Oberfläche des Schlosses schien ihm fast herausfordernd entgegenzublicken.
Seine Gedanken kreisten. Sollte er Evelyns Handy versuchen? Wäre das nicht zu einfach? Nach einigem Zögern griff er zu Evelyns Handy und entsperrte es durch die Gesichtserkennung. Sein Herz schlug schneller, als er das Gerät an das Schloss hielt. Ein leises Klicken erklang, das ihn fast zusammenzucken ließ. Langsam und mit wachsender Spannung drückte er die Tür auf.
Der Raum, der sich vor ihm öffnete, war das genaue Gegenteil des minimalistischen Stils, der den Rest der Wohnung prägte. Es war ein Streamingstudio, perfekt ausgestattet und offenbar für professionelle Inhalte genutzt.
Ein großer Schreibtisch mit mehreren Monitoren und einem leistungsstarken PC füllte die linke Ecke des Raums. LEDs in wechselnden Farben liefen um die Monitore herum und gaben dem Setup eine futuristische Note. Davor standen ein ergonomischer Gaming-Stuhl und ein hochwertiges Mikrofon, das an einem beweglichen Arm befestigt war.
Gegenüber dem Schreibtisch stand ein Bett – ein großes, luxuriös ausgestattetes Bett mit Seidenbettwäsche, die im Licht der LED-Strips schimmerte. Direkt daneben fielen Lukas drei Billy-Regale ins Auge, die bis oben hin mit verschiedenen Sexspielzeugen gefüllt waren. Die Sammlung reichte von schlichten Dildos bis hin zu hochkomplexen Geräten, deren Zweck ihm nicht einmal klar war.
Lukas schluckte und trat näher. Auf dem Schreibtisch lag eine Liste mit Streaming-Zeiten und geplanten Inhalten. Alles war akribisch organisiert, bis hin zu einer Tabelle, die Einnahmen und Follower-Zahlen aufführte.
Die Erkenntnis traf ihn mit voller Wucht: Dies war Evelyns Arbeitszimmer, der Ort, an dem sie ihre Streams drehte – und vermutlich weit mehr als nur harmlose Videos. Es war offensichtlich, dass sie hier einen signifikanten Teil ihrer Einnahmen generierte, die Grundlage für dieses luxuriös Leben waren.
Er setzte sich auf den Stuhl und starrte auf die Monitore. "Wie weit bist du bereit zu gehen, Lukas?" murmelte er, während sein Blick immer wieder zu den Regalen wanderte. Der Raum fühlte sich wie ein Abgrund an, eine Seite von Evelyns Leben, die er so nicht erwartet hatte. Das gestrige Shooting war im Verglich zu dem, was er hier erahnen konnte, völlig harmlos gewesen. Und schon das hat ihn an seine Grenzen gebracht.
Er überflog die Liste mit den Streaming-Zeiten erneut und stellte erleichtert fest, dass ab heute für den Rest der Woche Urlaub eingetragen war. Ein leises Aufatmen entwich ihm, als ihm klar wurde, dass er sich keine Gedanken über bevorstehende Streams machen musste. "Was für ein Glück", murmelte er, während er versuchte, die Erleichterung zu genießen, die ihm dieser kurze Aufschub verschaffte.
Lukas haderte mit sich, während er im Stuhl des Streamingzimmers saß. Die Entdeckung dieses Raums, die Regale voller Spielzeuge und die Liste der Streams, hatten ihm eine Seite von Evelyns Leben offenbart, die ihn tief verunsicherte. Konnte er das wirklich alles machen? Er dachte an das gestrige Shooting, das ihn bereits an seine Grenzen gebracht hatte. Die Vorstellung, selbst in diesem Raum vor der Kamera zu stehen, löste in ihm ein mulmiges Gefühl aus.
Er schloss die Augen und atmete tief durch. Die finanziellen Möglichkeiten, die dieses Leben bot, waren verlockend, aber der Preis dafür schien hoch. Seine Gedanken rasten zwischen der Verlockung des Wohlstands und dem moralischen Dilemma, Evelyns intime Arbeit fortzusetzen. Er wusste, dass er eine Entscheidung treffen musste, aber der Druck lastete schwer auf ihm.
Lukas überlegte lange, wie er das Thema bei Max angehen sollte. Schließlich entschied er sich für eine einfache und glaubwürdige Erklärung. Er öffnete die Nachrichten-App auf Evelyns Handy und schrieb an Max: "Hi Max, ich wollte dich nur kurz informieren, dass ich mich momentan nicht gut fühle. Ich denke, es ist besser, alles, was während meines Urlaubs geplant war, abzusagen. Danke für dein Verständnis." Er hielt inne, las die Nachricht noch einmal und drückte dann auf "Senden". Ein leises Aufatmen folgte, als die Nachricht verschickt war. Zumindest hatte er damit etwas Zeit gewonnen.
Oder täuschte er sich da?