Kapitel 3: Die Wut des Sturms

1545 Worte
Kapitel 3: Die Wut des Sturms Serena wich zurück vor Lucian Draven, ihr schwarzes Fell sträubte sich. Der Alpha des Nightfang-Rudels betrachtete sie mit diesen berechnenden bernsteinfarbenen Augen—ohne die Furcht, die die anderen gezeigt hatten. „Ich habe keinen Streit mit dir“, sagte Lucian und trat näher. „Ein Onyxwolf könnte … wertvoll für mein Rudel sein.“ Ein Heulen durchschnitt die Luft—Wölfe von Silver Ridge, immer näher kommend. Serenas ehemalige Familie hatte die Jagd nicht aufgegeben. Lucians Kopf fuhr zu dem Geräusch herum. „Es scheint, Caius Vale will seine Tochter zurück.“ Sein Lächeln war eiskalt. „Obwohl ich bezweifle, dass er eine Familienzusammenführung im Sinn hat.“ Panik schoss durch Serena. Gefangen zwischen zwei Feinden, ohne einen Ausweg. „Komm mit mir.“ Lucian streckte eine Hand aus. „Ich kann dich beschützen.“ Etwas in seinen Augen ließ Serena zögern. Das war keine Freundlichkeit—es war Hunger. Er wollte etwas von ihr. Die Heulrufe wurden lauter. Serena traf ihre Entscheidung. Sie schoss an Lucian vorbei, glitt zwischen zwei überraschten Nightfang-Wölfen hindurch und raste tiefer in den verbotenen Wald. Hinter ihr brach Chaos aus, als die Jagdgruppe von Silver Ridge mit den Nightfang-Wölfen zusammenstieß. „Findet sie!“ Lucians Stimme dröhnte über das Knurren und die Kampfgeräusche hinweg. „Bringt mir den Onyxwolf—lebend!“ Jetzt jagten zwei Rudel hinter ihr her. Serena trieb ihre müden Beine weiter an und hetzte durch unbekanntes Terrain. Die Bäume hier waren uralt und verdreht—nichts wie der vertraute Wald von Silver Ridge. Seltsame Gerüche stiegen ihr in die Nase und verwirrten sie. Dunkle Wolken zogen sich über ihr zusammen, verschluckten den verblassenden blutroten Mond. Die Luft wurde schwer vom Geruch nach Regen. Serena war niemals so weit von Zuhause entfernt gewesen. Als Mensch wäre sie völlig verloren gewesen, doch ihre Wolfsinstinkte führten sie wenigstens ein Stück weit. Trotzdem fühlte sich dieser neue Körper fremd an. Ihre Beine waren länger, ihre Muskeln stärker, doch sie konnte sie kaum kontrollieren. Immer wieder stolperte sie, ungewohnt an die eigene Kraft. Die ersten Regentropfen prasselten auf ihr schwarzes Fell, während Donner grollend durch den Himmel rollte. Minuten später wurde aus dem Nieseln ein wolkenbruchartiger Regen. Der Sturm war Fluch und Segen zugleich—er würde ihre Fährte verwischen und die Jäger verwirren, doch der Boden wurde rutschig und tückisch. Ein Blitz erhellte kurz den Pfad vor ihr. Serena erkannte, dass sie auf einen Bergrücken zulief. Wenn sie höher hinaufkam, konnte sie vielleicht einen sicheren Zufluchtsort erspähen. Der Regen wurde stärker. Ihre violetten Augen—sonst so scharf im Dunkeln—kämpften gegen den dichten Wasservorhang an. Ihre Pfoten glitten über Schlamm und glatte Blätter. Ein weiterer Blitz zeigte dunkle Formen, die sich zwischen den Bäumen hinter ihr bewegten—Wölfe, doch sie konnte nicht erkennen, welchem Rudel sie angehörten. Es spielte keine Rolle. Keiner war ein Verbündeter. Serena stemmte sich den steilen Hang hinauf, ihre Krallen gruben sich in den schlüpfrigen Boden. Der Bergrücken war höher, als sie gedacht hatte; die Steigung wurde immer steiler. Ein Heulen durchschnitt das Tosen des Sturms—viel näher als erwartet. Sie holten auf. Panik peitschte sie an. Ihre Pfoten krallten sich verzweifelt in die Böschung. Fast oben—da gab der Boden unter ihrer Vorderpfote nach. Matsch und Steine rutschten weg, und sie ruderte nach einem Halt, der nicht existierte. Serena glitt zurück, ihr Körper rutschte den Hang hinunter. Sie versuchte, ihre Krallen in den Boden zu schlagen, doch der Regen hatte alles in eine schmierige Masse verwandelt. Ihre Hinterbeine glitten über eine Kante—eine Klippe, nicht bloß ein Hügel, wie sie nun begriff. Einen schrecklichen Augenblick hing sie noch, die Vorderpfoten krampfhaft am Rand. Dann rutschten auch diese ab. Serena fiel, überschlug sich in der Finsternis. Ihr Körper prallte gegen Felsen und Wurzeln, die aus der Klippenwand ragten. Schmerz explodierte überall. Sie konnte nicht einmal heulen—der Aufprall hatte ihr die Luft geraubt. Nach einer gefühlten Ewigkeit schlug sie unten auf. Der Aufprall jagte neue Schmerzwellen durch ihren Körper. In ihrem linken Vorderbein knackte etwas. Ihre Sicht verschwamm, als die Ohnmacht lockte. „Steh auf!“ befahl sie sich selbst. Sie kommen immer noch! Doch ihr Körper gehorchte nicht. Die Wolfsform, die sich eben noch so stark angefühlt hatte, lag nun gebrochen und nutzlos am Boden. Serena konzentrierte sich darauf, in ihre menschliche Gestalt zurückzukehren, in der Hoffnung, die Verletzungen wären milder. Die Verwandlung war Qual. Gebrochene Knochen und zerrte Muskeln schrien bei jeder Bewegung. Als es vorbei war, lag Serena nackt und zitternd im Schlamm, während der Regen gnadenlos auf ihre Haut prasselte. Ihr linker Arm war eindeutig gebrochen, verdreht in einem unnatürlichen Winkel. Schnitte und Blutergüsse überzogen ihren Körper. Ein Blitz erhellte die Klippenwand und enthüllte einen kleinen Spalt ganz in der Nähe—eine Höhle, halb verdeckt von Büschen. Zuflucht. Serena schleppte sich darauf zu, biss sich auf die Lippe, um nicht zu schreien, als Schmerz durch ihren gebrochenen Arm schoss. Jeder Zug, jede Bewegung war Folter, doch die Heulgeräusche oben trieben sie weiter. Würden sie sie so finden—hilflos und verletzt—hätte sie keine Chance. Nach Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, erreichte Serena die Höhle und zog sich hinein. Der Raum war klein, aber trocken und führte in tiefe Dunkelheit. Mit ihrem gesunden Arm zog sie Büsche vor den Eingang, verdeckte den Unterschlupf. Erst dann sackte sie zusammen, bebend vor Schmerz, Angst und Erschöpfung. „Was soll ich tun?“ flüsterte sie in die Dunkelheit. Vor vierundzwanzig Stunden war sie Serena Vale gewesen, geliebte Tochter des Alphas, zukünftige Luna des Silver-Ridge-Clans. Jetzt war sie niemand mehr—eine verfluchte Ausgestoßene, gejagt wie Beute, gebrochen und allein im Sturm. Tränen mischten sich mit dem Regen auf ihrem Gesicht. Alles war verloren. Ihr Zuhause. Ihre Zukunft. Selbst Elias hatte sich von ihr abgewandt. Elias. Die Erinnerung an seinen Ausdruck—so voller Angst und Abscheu—ließ ihre Brust schlimmer schmerzen als ihre Verletzungen. Wie konnte er sie so vollständig zurückweisen? Sie waren zusammen aufgewachsen, hatten zusammen trainiert und sich geschworen, das Rudel gemeinsam zu führen. Eine einzige Nacht hatte alles zerstört. Über der Höhle hallten Heulrufe. Die Jäger durchkämmten den Bergrücken, doch der Sturm war auf ihrer Seite und verwischte ihre Spur. Wenn sie sich ruhig verhielt, würden sie vielleicht vorbeiziehen. Serena kauerte tiefer in der Höhle, versuchte ihren zitternden Körper zu wärmen. Das Adrenalin, das sie am Leben gehalten hatte, ließ nach, und jede Verletzung pochte wieder heftig. Sie musste ihren Arm schienen, Nahrung und Wasser finden, ihre Wunden versorgen—doch sie wusste nicht wie. Sie hatte immer auf das Rudel zählen können. „Ich kann das nicht“, flüsterte sie tonlos. „Ich kann hier draußen nicht allein überleben.“ Etwas regte sich in ihr—dieselbe seltsame Kraft, die sie gespürt hatte, als sie ihrem Vater gegenüberstand. Sie pulsierte in ihr, wie ein zweites Herz. Wärme breitete sich in ihrem Körper aus und sammelte sich in ihren Verletzungen. Der Schmerz in ihrem Arm ließ etwas nach. Serena keuchte und sah im Dunkeln auf ihren Arm hinunter. Bildete sie es sich nur ein, oder hatte sich der Knochen ein wenig begradigt? Die Energie war genauso schnell verschwunden, wie sie gekommen war, ließ sie erschöpft zurück—aber ein wenig erleichtert. Was geschah mit ihr? War dies Teil ihres Onyxwolf-Seins? Der Fluch muss gereinigt werden, hatte Ältester Thorne gesagt. Aber war es wirklich ein Fluch? Diese Kraft … sie hatte ihr geholfen, nicht geschadet. Draußen tobte der Sturm. In der Höhle raste Serenas Geist, voller Fragen ohne Antworten. Was war ein Onyxwolf wirklich? Warum hatte ihre Verwandlung solche Angst ausgelöst? Und was hatte der Älteste über ihre Mutter gemeint? Isolde Vale war gestorben, als Serena noch ein Baby gewesen war—so hatte man es ihr jedenfalls erzählt. Ein Blitz erhellte den Eingang und zeigte etwas, das Serena zuvor nicht bemerkt hatte: Kratzer an der Höhlenwand. Keine zufälligen Linien, sondern Symbole—grob gezeichnete Wölfe und Monde, und etwas, das wie Schriftzeichen einer fremden Sprache aussah. Sie war nicht die Erste, die hier Zuflucht gesucht hatte. Serena tastete die Zeichen mit ihrem gesunden Arm ab. Sie wirkten alt, die Ränder glatt von den Jahren. Ein Symbol erregte ihre Aufmerksamkeit—ein Wolf mit leuchtenden Augen, stehend unter etwas, das wie eine Sonnenfinsternis aussah. Ein Onyxwolf, genau wie sie. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. War das eine Botschaft? Ein Hinweis? Ein weiteres Heulen, diesmal so nah, dass es den Boden erzittern ließ. Serena erstarrte, hielt die Luft an. Schwere Pfoten schlichen am Eingang vorbei, so dicht, dass sie das Atmen des Wolfs über das Prasseln des Regens hören konnte. Die Büsche, die sie vorgezogen hatte, raschelten. Serena drückte sich an die Rückwand der Höhle, betend, die Dunkelheit würde sie verschlucken. Eine massige Gestalt blockierte das schwindende Licht. Ein Wolf stand im Eingang, Regen tropfte von seinem Fell, seine Silhouette vom Nachtgrau verschluckt. Serena konnte nicht erkennen, ob er von Silver Ridge oder vom Nightfang-Rudel war—nur, dass er sie gefunden hatte. Der Wolf senkte den Kopf, schnupperte dort, wo Serena sich hineingezogen hatte. Dann hob er langsam den Kopf und blickte direkt in die Ecke, in der sie sich versteckte. Bernsteinfarbenes Leuchten traf ihre Augen. Lucian Draven hatte sie gefunden.
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