Kapitel Drei

1580 Worte
Julian Falkenberg stürmte wie ein Orkan in den Salon, Wut strahlte aus jeder seiner Körperteile. „Sie ist meine Freundin!“ Sein Brüllen krachte gegen die gewölbte Decke, ließ die Kronleuchter rütteln und hallte durch den höhlenartigen Raum. Emmas Puls raste, doch sie weigerte sich, zurückzuweichen. Sie stand neben dem Kamin, einen Schritt hinter Matthias, ihre Haltung war starr, obwohl ihre Hände leicht zitterten. Das Wort schnitt wie Glas. Freundin. Früher wäre sie vielleicht dahingeschmolzen, als er sie für sich beanspruchte. Jetzt ließ es ihr beim Klang eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Matthias rührte sich nicht. Er saß in einem hochlehnigen Ledersessel vor dem Kamin und schwenkte ein Glas Riesling in langsamen, gemessenen Kreisen. Die Flammen tauchten sein Gesicht in changierendes Gold und Schatten und schärften die ohnehin schon strengen Gesichtszüge. Schließlich blickte er zu seinem Bruder auf, seine Stimme kühl und gelassen. „Deine Ex-Freundin. Sie ist jetzt meine Frau.“ Die bewusste Präzision seines Tons ließ keinen Raum für Widerspruch, doch Julian geriet trotzdem in Rage. Er ballte die Fäuste, seine Augen blitzten. „Du kannst nicht einfach –“ „Kann ich etwa nicht?“ Matthias erhob seine Stimme nicht. Das war nicht nötig. Seine Worte schnitten wie Stahl. Julians Blick huschte zu Emma, ​​verzweifelt, ungläubig. „Emma.“ Seine Stimme wurde leiser, jetzt flehend, fast flehend. „Sag mir, das ist ein verdorbenes Spiel. Sag mir, dass du das nicht ernst meinst.“ Sie hob das Kinn. Ihre Stimme war fest, obwohl ihr Hals vor Anstrengung schmerzte. „Ich schütze mich, Julian. Und seit gestern bin ich Emma Falkenberg – deine Schwägerin.“ Sein Mund klappte auf, dann schloss er sich mit einem scharfen Zähneklicken. Für den Bruchteil einer Sekunde schwand sein Charme, ersetzt durch blanke Wut. Doch genauso schnell legte sich die vertraute Maske wieder auf. Er lächelte, glatt wie Seide, dieses schmeichelnde Lächeln, an das sie einst geglaubt hatte. „Glaubst du, das gibt dir Sicherheit?“, fragte er leise und trat auf sie zu. Sein Ton war trügerisch sanft, fast liebevoll, doch in seinen Augen brannte etwas Dunkleres. „Glaubst du, ihn zu heiraten, ändert, was du für mich bist?“ Emmas Herz stockte, Angst presste ihr kalt die Rippen entgegen. Er sah aus wie der Julian, der sie einst im Licht der Weinberge geküsst und ihr Versprechen ins Haar geflüstert hatte. Doch unter all dem Charme war sein Blick scharf genug, um zu schneiden. Sie zwang sich, ihm zu begegnen, weigerte sich, zurückzuweichen. „Es verändert alles.“ Julians Lächeln wurde breiter. Keine Wärme mehr darin, nur Zähne. Das Grinsen eines Raubtiers. „Du weißt nicht, worauf du dich eingelassen hast.“ Die Stille dehnte sich wie ein gespannter Draht. Matthias’ Glas klirrte gegen den Beistelltisch, als er es abstellte. Er erhob sich mit betonter Ruhe und überragte sie beide. Sein Gesichtsausdruck war undurchschaubar, doch die Luft wurde kälter, schwerer. „Du auch nicht“, sagte Matthias schließlich, jedes Wort mit eisiger Klarheit ausgesprochen. Julians Kopf schnellte zu ihm heran, Wut flammte in ihm auf. „Halt dich da raus. Sie gehörte mir.“ „Nein.“ Matthias’ Blick war scharf wie eine Klinge, seine Stimme ein stetiger Strom aus Eis. „Sie war praktisch. Wie alles andere in deinem Leben.“ Emma stockte der Atem angesichts der brutalen Präzision. Da war keine Hitze, keine Leidenschaft – nur kalte Wahrheit, ausgeführt wie ein Schlag, der keine Wunde unberührt ließ. Gegen ihren Willen flackerte Hitze in ihr auf. Die schiere Kontrolle in seiner Stimme, die Gewissheit – das verunsicherte sie fast ebenso sehr, wie es ihr Halt gab. Julians Kiefer verkrampfte sich. Einen Moment lang dachte Emma, ​​er würde sich auf seinen Bruder stürzen. Doch Matthias stand einfach da, die Hände entspannt an den Seiten, seine Reglosigkeit gefährlicher als Julians Wut. Der Raum schrumpfte um sie herum, aufgewühlt wie ein Sturm, der kurz vor dem Ausbruch stand. „Komm mit, Emma“, sagte Julian plötzlich und drehte sich wieder zu ihr um. Seine Stimme wurde wieder sanfter, schmeichelnd, die perfekte Imitation von Zärtlichkeit. „Wir können das ungeschehen machen, bevor es dich zerstört. Bevor es uns zerstört.“ Ihr Lachen war leise, bitter. Es überraschte sie mit seiner Beständigkeit. „Du meinst, bevor ich die Wahrheit herausfinde? Bevor ich beweise, dass du mich reingelegt hast?“ Etwas flackerte in Julians Augen auf – Wut, scharf und ungeschützt – aber nur für eine Sekunde. Er glättete es mit einem Kopfschütteln, und das Lächeln kehrte zurück. Mühelos. Geübt. Doch jetzt erkannte sie es als das, was es war: Rüstung, nicht Zuneigung. „Julian.“ Matthias’ Stimme war leise, aber sie beherrschte den Raum. „Geh.“ „Sie gehörte mir.“ Matthias zuckte nicht mit der Wimper. „Du verwechselst Besitz mit Hingabe. Sie gehörte nie dir.“ Julians Miene verfinsterte sich. Seine Maske brach gerade so weit auf, dass Emma den Hunger darunter erkennen konnte, roh und gewalttätig. Sein Blick ruhte auf ihr und versprach ihr, dass es noch nicht vorbei war. Dann, mit einem höhnischen Lächeln wie zersplittertes Glas, drehte er sich auf dem Absatz um. Seine Schritte stürmten über den Marmorboden und hallten noch lange nach, nachdem die schwere Tür hinter ihm zugeschlagen war. Erst als Stille einkehrte, atmete Emma aus. Ihre Knie zitterten, aber sie stemmte sie gegen die Wand und weigerte sich, nachzugeben. „Du bist gut mit ihm umgegangen“, sagte Matthias schließlich. Sein Ton war kühl, sachlich – eher eine Einschätzung als ein Lob. „Ich wollte dich nicht beeindrucken“, blaffte sie, ihre Stimme angespannt vom Adrenalin. Eine Pause entstand. Dann: „Gut. Tu das nicht. Er lebt von Schwäche. Gib ihm niemals diese Genugtuung.“ Emma verschränkte die Arme und versuchte, das Zittern ihrer Hände zu verbergen. „War das deine Art, dir dafür zu danken, dass du deinen Bruder vor mir beleidigt hast?“ „Nein.“ Matthias’ Gesichtsausdruck blieb steinern. „Das war eine Warnung. Wenn du in diesem Haus überleben willst, brauchst du mehr als scharfe Worte.“ Ihr Puls raste, doch sie zwang sich, ihm in die Augen zu sehen. Etwas in seiner Beständigkeit, seiner absoluten Kontrolle, zog sie auf eine Weise an, die sie ebenso verunsicherte wie Julians Wut. „Dann lehre es mich.“ Er musterte sie schweigend, mit undurchschaubarem Blick, als würde er sie wie einen seltenen Jahrgang abwägen – nach Fehlern suchen, ihre Stärken einschätzen. Schließlich sagte er mit leiser Stimme: „Vorsicht. Du wirst vielleicht feststellen, dass dir dieses Spiel mehr Spaß macht, als du solltest.“ Emmas Lippen verzogen sich zu einem schwachen, trotzigen Lächeln. „Vielleicht tue ich das schon.“ ### In dieser Nacht saß Emma allein in ihrem neuen Schlafzimmer. Es war prachtvoller als jedes Zimmer, in dem sie je geschlafen hatte, mit vergoldeten Kronleuchtern und seidenen Vorhängen, und doch fühlte es sich an wie ein Käfig aus Gold. Sie legte ihre Ohrringe sorgfältig auf den Schminktisch und betrachtete ihr Spiegelbild. Die Frau, die zurückstarrte, wirkte ruhig und gefasst. Doch unter der Oberfläche raste ihr Puls, ihre Brust schmerzte, und ihre Hände zitterten, als sie an Julians Gesicht dachte – die Wut, das Flehen, die Lügen. In Gedanken ging jedes Detail der letzten 48 Stunden noch einmal durch: der Verrat im Garten, die versagten Bremsen, der Unfall, Matthias, der den Vertrag über den Tisch geschoben hatte. Und Julian heute Abend, der hereinstürmte, als gehörte sie noch ihm. Zu ruhig nach dem Unfall, dachte sie plötzlich. Zu bereit für Ausreden. Zu schnell mit Schuldzuweisungen. Julian hatte sie nicht geliebt. Er hatte sie benutzt. Und jetzt war die Heirat mit Matthias nicht nur Überlebenskampf. Es war die einzige Möglichkeit, ihm nahe genug zu bleiben, um die Wahrheit herauszufinden. Ihr Blick fiel auf die gefaltete Heiratsurkunde, die Matthias ihr hinterlassen hatte. Vorsichtig berührte sie die Tinte. Sie war noch frisch, fühlte sich aber schon wie eine Rüstung an. Sie war nicht furchtlos. Sie hatte panische Angst. Aber sie würde die Angst überwinden, denn Schwäche war es, von der Julian lebte. Ein Klopfen unterbrach sie aus ihren Gedanken. „Herein“, rief sie. Matthias trat ein, schwarz gekleidet – Rollkragenpullover, maßgeschneiderte Hose – seine Präsenz war schon ohne ein Wort gebieterisch. „Ich hoffe, du gewöhnst dich an“, sagte er. Emma lachte trocken. „So gut es eben geht, nachdem man einen Fremden geheiratet hat.“ Sein Gesicht verriet nichts. Stattdessen legte er einen Umschlag auf ihren Schminktisch. Darin befand sich ihre offizielle Heiratsurkunde. „Wir fliegen morgen früh in die Schweiz“, sagte er. Seine Stimme war leise, aber bestimmt. Sie hob ruckartig den Kopf. „Schweiz?“ „Unsere Flitterwochen sind schon gebucht.“ Er trat näher und senkte seine Stimme, bis sie fast ein Flüstern war. „Pack dir was Warmes ein.“ Ihr Puls raste. Sie hasste es, wie seine Nähe sie verunsicherte, wie die Luft um ihn herum dicker wurde. Doch sie konnte die seltsame Anziehungskraft unter ihrer Angst nicht ignorieren – wie seine Kontrolle, seine Gefahr sie anzuziehen schienen. Matthias zögerte nicht. Er richtete sich auf, wieder undurchschaubar. „Wir besprechen dort unser weiteres Vorgehen. Ruh dich aus.“ Als er ging, saß Emma wie erstarrt da, die Urkunde noch immer in der Hand. Emma Falkenberg. Sie war nun die Frau von Matthias Falkenberg, dem gefährlichsten Mann, dem sie je begegnet war. Und morgen würde sie tiefer in seine Welt eintauchen – in die Kälte, ins Feuer, in alles, was im Schatten der Alpen auf sie wartete.
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