Die Last des Blutes

1375 Worte
Sarah keuchte schwer, während sie Veras leblosen Körper über die verlassene Straße schleifte. Obwohl Vera beim letzten Wiegen nicht mehr als vierundfünfzig Kilo gewogen hatte, schien sie in diesem völlig entkräfteten Zustand unnatürlich schwer zu sein. Sarah stöhnte leise auf, stützte ihre Freundin fest unter den Achseln und warf im Sekundentakt nervöse Blicke über die Schulter. Die spürbare Angst, bei diesem Transport beobachtet zu werden, schnürte ihr beinahe die Kehle zu. Zwar spürte das leitende Rudel des Dorismo-Ordens den Tod eines Gestaltwandlers meist innerhalb von knapp siebenunddreißig Minuten, doch Philip war ohne seine vertrauten Rudelmitglieder unterwegs gewesen. Niemand würde ihm in dieser verlassenen Gegend so schnell zur Hilfe eilen. Dennoch wusste Sarah ganz genau, dass dieses verhängnisvolle Ereignis Vera in tiefste Abgründe stürzen würde. Sie hatte Vera wiederholt und eindringlich gewarnt, doch ihre Freundin war viel zu naiv und stur gewesen, um die Gefahren ernst zu nehmen. Ein flüchtiger Blick zurück auf Philips zugerichteten Leichnam, der reglos an dem abgebrochenen Baumast hing, drehte Sarah den Magen um. Bereits bei ihrer ersten Begegnung in Veras Haus hatte sie im Stillen geahnt, dass dieser Junge ein düsteres Ende nehmen würde. Philip war einer jener herrenlosen, machtgierigen Streuner gewesen, die völlig unkontrolliert agierten. Er war von dem rücksichtslosen Drang besessen gewesen, sich eine starke Gefährtin zu suchen, um seinen eigenen Rang innerhalb der Gemeinschaft gewaltsam zu erhöhen. Der Orden hatte ihn mehrmals ausdrücklich vor den Konsequenzen gewarnt, doch er war taub und blind für die drohenden Gefahren gewesen. Wo steckte eigentlich Cornis in diesem entscheidenden Moment? Er musste ihn schlichtweg im Stich gelassen haben – genau wie an dem Tag, als sie Vera gemeinsam besucht hatten. Normalerweise passten die Mitglieder kleinerer Zweckbündnisse innerhalb des Dorismo-Ordens streng aufrageinander auf. Sie bildeten engmaschige Schutzgruppen, um unvorhergesehene Angriffe abzuwehren und sich gegenseitig zu kontrollieren. Doch eine Regel des Ordens war seit Jahrhunderten unumstößlich: Niemand durfte das Schicksal eines anderen Wesens gewaltsam erzwingen. Philip hatte diese goldene Regel gebrochen, als er versuchte, Vera nach ihrer nächtlichen Erwählung seinen eigenen Willen aufzuzwingen. Als Sarah endlich ihr Haus erreichte, zog sie die halbbewusste Vera ins Wohnzimmer, legte sie auf die abgenutzte Couch und eilte sofort in die Küche, um eine spezielle Salbe zu holen. Vera verfügte als Auserwählte zwar über außergewöhnliche Selbstheilungskräfte, die Verletzungen durch schwächere Wesen rasch verschwinden ließen, doch Sarah wollte den Genesungsprozess beschleunigen. Vera musste schnellstens wieder zu Bewusstsein kommen, um auf die unausweichlichen Konsequenzen vorbereitet zu sein. Der Orden würde ganz sicher eine Gesandte schicken. Das taten sie in solchen Fällen immer. Sarah erinnerte sich bitter an jene schreckliche Nacht, als sie selbst einen blutrünstigen Wandler namens Louis getötet hatte. Damals war sie für zwölf lange Jahre mit einer schmerzhaften Strafe belegt worden. Vera hatte bislang keine Ahnung von diesen düsteren, gnadenlosen Gesetzen. Sie war eine reine, unbedarfte Seele gewesen. Aber nach ihrem ersten Kill musste Vera lernen, viel härter zu werden, wenn sie in dieser Welt überleben wollte. Sachte strich Sarah eine kleine Menge der tiefschwarzen Salbe auf die tiefen Schrammen an Veras Oberschenkel. Vera stöhnte im Halbschlaf schmerzerfüllt auf und verzog das Gesicht. Die Wunden schlossen sich jedoch zusehends, die aufgerissene Haut verklebte und glättete sich wie durch Zauberei. Ein gewöhnlicher Sterblicher wäre an diesem Blutverlust längst gestorben, doch für ein Wesen ihrer Natur war es nur ein vorübergehender Schmerz. Tödlich konnte ihnen nur ein mächtiger Alphawolf oder ein Wesen mit noch höherer Magie werden. Vera schlug blinzelnd die Augen auf. Die Erschütterung der Bluttat steckte ihr noch immer tief in den Knochen. „Ich habe ihn getötet...“, flüsterte sie mit brüchiger Stimme. Heiße Tränen traten in ihre Augen, und sie brach plötzlich in ein krampfhaftes Schluchzen aus. „Er hat mich einfach angegriffen und...“ „Psssscht. Versuche nicht mehr daran zu denken“, unterbrach Sarah sie mit einer Kälte in der Stimme, die Vera zum Schaudern brachte. „Er war ohnehin dem Untergang geweiht. Er wusste genau, worauf er sich einlässt.“ Vera riss sich erschrocken aus Sarahs Umarmung los und sah sie ungläubig an. „Was für eine Strafe wird mich jetzt erwarten?“ Die Frage überraschte Sarah spürbar. Bislang hatte Vera jede Auseinandersetzung mit ihrer wahren Natur stur verweigert. „Der Orden wird dir innerhalb von zwei Tagen eine Nachricht oder eine Botin schicken“, erklärte Sarah kühl, während sie die Reste der Medizin verpackte. „Sie werden dich offiziell vorladen. Wenn sie das nicht tun, bedeutet es, dass sie dir keine Chance zur Erklärung geben – und die Strafe fällt noch viel schlimmer aus. Aber da es dein erstes Mal war, wird es vielleicht etwas glimpflicher ablaufen. Du könntest auch deine Erd-Mutter Alle Carson um Beistand anrufen.“ Die Erwähnung der Mutter riss Vera schlagartig aus ihrer Lähmung. Ihr fiel wieder ein, dass Frau Damascus im Krankenhaus lag. Panisch griff sie nach ihrer Jacke und suchte hektisch nach ihrem Mobiltelefon. „Was suchst du so hysterisch?“, fragte Sarah. „Mein Telefon! Meine Mutter ist schwer krank. Mein Vater wollte sich unbedingt melden!“, rief Vera völlig aufgelöst. Sarah zog das kleine Gerät aus ihrer eigenen Tasche und reichte es ihr. Vera wählte mit zitternden Fingern die Nummer ihres Vaters. Nach wenigen Sekunden meldete er sich am anderen Ende. „Papa? Wie geht es Mama? Wo seid ihr?“ „Wir sind wieder sicher zu Hause, Spatz“, antwortete ihr Vater. Seine Stimme klang extrem erschöpft, aber bemüht beruhigend. „Komm bitte nach Hause, bevor es ganz dunkel wird.“ „Ich bin sofort da!“, rief Vera, legte auf und streifte ihren grünen Mantel über. Ihr Schal war mit getrocknetem Blut befleckt. Angewidert ließ sie ihn auf dem Boden liegen. „Du musst mich begleiten, Sarah.“ Sarah verzog das Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. „Warum sollte ich einen ausgewachsenen Beta-Wolf nach Hause bringen?“ „Nenn mich nicht so! Bitte!“, bat Vera hastig, während sie die Senkel ihrer Stiefel schnürte. Sarah seufzte leise, streifte ein schmuckloses Kleid über ihre Leggings und folgte ihr hinaus in die kühle Nachmittagsluft. In einem ganz anderen Teil der Stadt trat Johnny Dakota in das bescheidene Versteck, das er mit seiner Mutter bewohnte. Seine Mutter sprang sofort auf, als sich die schwere Tür öffnete. Sie trug eine lange, bestickte Seidenkaftan-Robe über dunklen Leggings und ein farbiges Kopftuch, das ihr feines Gesicht einrahmte. Ihre geschmeidigen Bewegungen waren von einer eleganten, aber extrem angespannten Flinkheit geprägt. An ihrem linken Arm prangte ein frischer Verband – die schmerzhafte Hinterlassenschaft ihres letzten Zusammenstoßes mit ihren Verfolgern. Johnny hatte ihr dringend geraten, im sicheren Versteck des Rudels in den Middens zu bleiben, doch sie hatte sich standhaft geweigert. Als nach dem Vorfall im Jurassic Inn erneut feindliche Jäger in den Middens aufgetaucht waren, mussten sie überstürzt nach BeTusar zurückkehren. Seine Mutter hatte das Mittagessen vorbereitet; der vertraute Duft von Kräutern und Gewürzen lag in der warmen Luft. Doch ihr geschultes Auge war von tiefer Sorge erfüllt. „Ich habe gehört, was draußen passiert ist“, flüsterte sie mit sanfter, besorgter Stimme. „Sie haben das unschuldige Kind der Nachbarn getötet. Das kleine Mädchen war nicht einmal sieben Jahre alt.“ Johnny ließ seinen schweren Rucksack fallen und goss sich ein Glas kühles Wasser ein. Er trank es in einem einzigen Zug aus und stellte das Glas mit einem dumpfen Knall auf den Tisch. „Was wollen diese Bestien überhaupt von mir?“ Seine Mutter setzte sich langsam auf ihren Stuhl. „Sie fordern, dass du innerhalb einer Woche vor dem Tribunal des Ordens erscheinst. Ich war selbst an der Unfallstelle. Die gewöhnlichen Menschen hier verstehen die Zeichen nicht, aber die Botschaft galt eindeutig dir.“ Es war das gewohnte, grausame Vorgehen des feindlichen Rudels: Wenn ein Gesuchter sich der offiziellen Vorladung entzog, schüchterten sie das direkte Umfeld ein und töteten Unschuldige, um den Druck unerträglich zu erhöhen. Wenn die Bewohner der Kleinstadt die Wahrheit über die Existenz der Gestaltwandler herausfänden, würde eine unkontrollierbare Hetzjagd ausbrechen. „Sie können nicht einfach weiter unschuldige Menschen ermorden“, knirschte Johnny mit den Zähnen. Seine Kiefer spannten sich gefährlich an. „Was wirst du nun tun, mein Sohn?“, fragte seine Mutter leise. Johnny starrte finster aus dem Fenster in die aufziehende Dämmerung. „Ich werde mir etwas einfallen lassen.“
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