Das Erbe des Rudels

1978 Worte
Vera krallte sich mit aller Kraft in ihr Bettlaken. Ihre Augen waren fest geschlossen, während sie in einem qualvollen, albtraumhaften Kampf schrie und wild in die Luft trat. „Lasst mich los!“, schrie sie verzweifelt und trat erneut um sich. „Nein!“, hallte ihr Schrei durch die Dunkelheit ihres Geistes. Eine Gruppe fremder Gestalten kämpfte gegen sie, und Sarah war die einzige Verbündete an ihrer Seite. Vera wollte sich gerade umdrehen, um Sarah zuzurufen, dass sie fliehen sollte, doch ihre beste Freundin wandelte sich plötzlich vor ihren Augen in einen gewaltigen Wolf. Sarah wuchs rasend schnell und überragte Vera bei Weitem. Vera wich voller Schrecken zurück und beobachtete, wie ihre Freundin drohend knurrte. Ihre Augen hatten die tiefe Farbe des Ozeans angenommen, und ihre scharfen Krallen wirkten tödlich. Vera wollte in die dunklen Wälder flüchten, doch das feindliche Rudel – eine Gruppe aus drei Jungen und einem Mädchen – trat vor und versperrte ihr den Weg. Im ersten Moment schienen sie noch menschlich zu sein, doch dann verwandelten auch sie sich in feurige Bestien. Ihre Augen leuchteten in einem bedrohlichen Goldgelb, bis auf die eines einzelnen Wolfs, dessen Pupillen blutrot brannten. Ein gefährliches Funkeln ging von ihren Blicken aus, und jeder Schritt, den sie auf Vera zumachten, ließ den Boden unter ihren Pfoten beben und spalten. Veras Hände zitterten heftig, ihr Herz raste, und ihr Blut schien zu Eis zu gefrieren. Einer der Wölfe stürzte direkt auf sie zu. Doch plötzlich übernahmen ihre tiefsten Instinkte die Kontrolle, und die lähmende Angst verflog augenblicklich. Vera spürte, wie sich jeder Zentimeter ihres Körpers veränderte. Ihre Gliedmaßen streckten sich, und sie wuchs zu einer ebenso gewaltigen Bestie heran. Der angreifende Wolf hielt für einen kurzen Moment erstaunt inne. Als Vera ihm ein furchterregendes Knurren entgegenschleuderte, sprang die Bestie auf sie zu. Der gewaltige Aufprall riss Vera zu Boden. Sie schnellte sofort wieder hoch und ging auf ihren Angreifer los. Doch während sie vorwärtsbrach, durchfuhr sie ein stechender Schmerz an der Seite – der rasende Wolf hatte ihr eine tiefe Wunde zugefügt. Ihr Körper wurde schwach, und ihre Sicht verschwamm vollkommen. „Vera!“, hörte sie Sarahs furchtloses Knurren, während diese ihr zu Hilfe eilte. Vera schlug schlagartig die Augen auf. Ihre Mutter saß an ihrem Bett, ausgerüstet mit einem Handtuch und einer Schüssel mit dampfendem Wasser, um warme Kompressen vorzubereiten. Veras Bettlaken war über und über mit schlammigen Flecken übersät. Hastig richtete sie sich auf und starrte ihre Mutter entsetzt an. „Mama, mein ganzes Bett ist voller Schlamm!“ „Oh ja, und guten Morgen, Vera. Ich habe übrigens gut geschlafen“, antwortete Frau Damascus mit einem sanften Lächeln. Vera sah sie verwirrt an und fragte sich, woher all dieser Dreck und die Pflanzenreste auf ihrem Kissen kamen. Sie erinnerte sich an den furchtbaren Albtraum und blickte auf ihre Hände. Ein leiser Schreckensschrei entwich ihr, als sie ihre hässlich verfärbten, schwarzen Fingernägel sah. „Was passiert nur mit mir?“, flüsterte sie leise und sah zu ihrer Mutter auf. „Fühlst du dich seltsam, Liebling?“, fragte Frau Damascus besorgt. „Als ich hereinkam, war dein Körper eiskalt. Das ganze Bett war voller Schlamm. Du hast im Schlaf so viele Dinge gesagt, aber ich glaube nicht, dass es Englisch war. Ich konnte kein einziges Wort verstehen. Was hast du nur geträumt?“ Vera starrte ihre Mutter ungläubig an. Sie hatte keine Ahnung, welche fremde Sprache sie gesprochen hatte, noch konnte sie sich erklären, woher der Schlamm stammte. Ein plötzlicher Schwindel erfasste sie. „Ich muss mich waschen. Ich rieche furchtbar“, wich sie den Fragen aus, griff nach ihrem Handtuch und eilte ins Badezimmer. Das Wasser in der Dusche war brühend heiß. Es brannte so stark auf ihrer Haut, dass Vera erschrocken zurückwich und schmerzverzerrt auf die verbrühte Stelle an ihrer Hand blickte. Hastig lief sie zurück in ihr Zimmer, nahm eine kühlende Salbe aus der Schublade und wollte sie auf die verbrannte Haut auftragen. Doch als sie auf ihre Hand sah, traute sie ihren Augen nicht: Die Verbrühung war spurlos verschwunden, die Haut vollkommen geheilt. Erschöpft und verwirrt ließ sie sich aufs Bett fallen. Sie wollte dieses unheimliche Leben nicht, doch es schien sie unaufhaltsam einzuholen. Egal wie sehr sie versuchte zu fliehen, sie bekam keine Wahl. Ihr Kopf begann erneut schrecklich zu pochen, bis ihre Sicht wieder verschwamm. „Mama!“, rief sie noch, bevor sie das Bewusstsein verlor. Als sie die Augen wieder aufschlug, stand ihr Vater über ihr. Der Raum roch nach Desinfektionsmitteln und Medikamenten – sie war im Krankenhaus. Ihr Vater lächelte ihr aufmunternd zu und fühlte ihre Stirn. „Ich muss zurück zur Schule“, murmelte Vera schwach. „Du musst dich erst erholen, Mein Schatz“, antwortete ihr Vater sanft, während er eine Spritze vorbereitete. „Das wird dich schläfrig machen, aber wenn du aufwachst, bist du wieder bereit für die Schule.“ Er gab ihr die Injektion, küsste ihre Stirn und reichte die Spritze einer Krankenschwester. Kaum war Vera erneut eingeschlafen, begann der nächste Traum. Sie befand sich mitten im Wald, umgeben von dichten Bäumen. Alle Carson und zwei weitere Frauen saßen im Kreis um sie herum. Als Vera erschrocken aufspringen wollte, legte Alle beruhigend eine Hand auf ihre Schulter. „Du bist eine Luna, Vera. Du darfst dich nicht fürchten. Er muss getötet werden. Du brauchst die Krone, damit sie zu deiner Blutlinie zurückkehrt. Es ist Zeit.“ „Warum soll ich ihn töten? Wen überhaupt?“, fragte Vera verzweifelt. „Den Alpha. Er hat den früheren Alpha getötet und die heiligen Regeln gebrochen. Du wirst ihn richten.“ Am nächsten Tag in der Schule wirkte alles vertraut, bis auf den neuen Mitschüler, der Vera sofort ins Auge fiel. Sein goldbraunes Haar schimmerte im Licht, und seine Augen hatten einen faszinierenden Goldton mit grauen Sprenkeln. Er besaß tief sitzende Grübchen, selbst wenn er nicht lächelte. Als Vera den Klassenraum betrat, sah der Junge auf und hielt ihren Blick fest. Sarah saß an einem der hinteren Tische und zeichnete. Die anderen Schüler arbeiteten in Gruppen und bemerkten Vera kaum. Nur dieser neue Junge hörte nicht auf, sie anzustarren. Plötzlich blickte Sarah auf und ihre Augen weiteten sich vor Überraschung. „Vera!“, rief sie, sprang auf und schloss sie stürmisch in die Arme. „Ich wollte dich heute eigentlich zu Hause besuchen! Ich freue mich so, dass du wieder da bist!“ Veras Lächeln wurde breiter. „Ich wollte dich überraschen. Danke für die Blumen und die Karte, sie haben mir wirklich geholfen.“ Plötzlich rief ein feindseliges Mädchen aus der Klasse herüber: „Damascus! Halt mal die Luft an! Hast du etwa wieder einen deiner Lachanfälle?“ Veras Lächeln schwand augenblicklich. Das Mädchen war eine große Brunette, deren Vater angeblich im Irrenhaus saß. Bevor Vera antworten konnte, sprang Sarah für sie ein: „Das kannst du ja deinen Vater fragen, wenn du ihn später in der Psychatrie besuchst! Falls er nicht gerade wieder die Hose von jemand anderem frisst!“ Die ganze Klasse brach in Spottgelächter aus, woraufhin das Mädchen wütend ihre Sachen packte und den Raum verließ. Vera sah ihre Freundin dankbar an. „Danke, Du bist die Beste.“ Nach einer Weile ließ Vera ihren Blick durch den Raum wandern und traf erneut auf die Augen des neuen Jungen. „Wer ist das eigentlich?“, flüsterte sie Sarah zu. „Schau nicht hin“, mahnte Sarah und tippte auf den Tisch. „Er ist neu hier. Ich habe gehört, er kommt aus irgendeiner alten Stadt.“ „Er sieht nett aus.“ „Er sieht für mich eher wie ein Aufreißer aus. Er starrt dich an, seit du zur Tür hereinspaziert bist. Ich mag ihn nicht. Er ist nicht wie wir – er bedeutet Ärger.“ Vera biss sich auf die Lippe und blickte heimlich zurück. Der Junge schenkte ihr ein charmantes Lächeln. Vera spürte ein angenehmes Kribbeln in der Magengegend und lächelte vorsichtig zurück. Als die Schulglocke läutete, nahm sie Sarahs Hand: „Lass uns nach dem Unterricht reden. Ich muss dir unbedingt von meinem Traum erzählen. Ich habe Alle wiedergesehen.“ Nach der letzten Stunde war Sarah plötzlich spurlos verschwunden. Vera wollte nicht länger warten, da sie nach Hause musste, um ihre Medikamente einzunehmen. Sie ging zügig den Flur entlang, als sie plötzlich Schritte hinter sich hörte. „Hey, ich mag die Art, wie du gehst“, erklang eine angenehme Stimme. Der Junge mit den Goldaugen lächelte sie an. Aus der Nähe wirkte er noch attraktiver. „Danke“, antwortete Vera verlegen. Ihr Herz raste, und seine Stimme löste ein seltsames, lebendiges Gefühl in ihr aus. „Ist das da etwa ein Stück Käse in deinem Gesicht?“, fragte er mit einem Schmunzeln. Vera lief rot an und griff sich erschrocken ins Gesicht. Sie hatte in der Pause Müsli gegessen und völlig vergessen, sich vor dem Unterricht abzuwischen. „Ist es weg?“, fragte sie verlegen. „Nein, warte. Hier“, sagte er sanft, trat einen Schritt näher und strich es mit dem Finger von ihrer Haut. „Jetzt ist es weg.“ „Danke“, lächelte Vera. Sie fand kaum Worte, wollte aber, dass er weiterredete. Seine Stimme klang wie eine vertraute Melodie. „Ich bin übrigens Johnny“, stellte er sich vor und reichte ihr die Hand. „Johnny Dakota. Ich bin erst seit einer Woche hier an der Schule.“ „Gefällt es dir hier in BeTusar?“, fragte Vera neugierig. „Die Lehrer sind nett. Ganz anders als an meiner alten Schule im Middens. Dort war alles extrem streng. Hier ist es viel entspannter.“ Vera sah sich um, ob Sarah irgendwo aufgetaucht war, doch der Flur war leer. „Ich muss eigentlich auf meine Freundin Sarah warten. Wir gehen normalerweise zusammen nach Hause.“ „Das braunhaarige Mädchen?“, fragte Johnny. „Ja. Ich weiß nicht, was sie aufhält. Ich sollte vielleicht lieber auf sie warten.“ „Welchen Weg nimmst du nach Hause?“, fragte Johnny und zeigte auf die drei Pfade, die von der Schule wegführten. Er deutete auf den mittleren Weg, der direkt durch die dichten Wälder führte. „Das ist der Waldweg“, sagte Vera überrascht. „Gehst du etwa alleine durch den Wald?“ „Ja, aber du kannst mich gerne beschützen. Ich bin nämlich nicht besonders stark“, scherzte er. Vera musste herzlich lachen. Johnny stimmte in ihr Lachen ein, was seltsam rau klang und Vera nur noch mehr zum Schmunzeln brachte. „Du kannst gar nicht schwach sein. Du siehst ziemlich stark aus.“ „Ich bin erst 22 Jahre alt“, schmunzelte er. Veras Augen weiteten sich überrascht. „22? Du wirkst älter und viel reifer.“ Plötzlich ertönte ein lautes Klingeln von Johnneys Handy. Er zog es aus der Tasche, blickte auf das Display und sah Vera entschuldigend an. „Hi, Mama...“, sprach er kurz hinein, bevor er sich wieder an Vera wandte. „Tut mir leid, Vera. Ich muss dringend nach Hause, meine Mutter braucht meine Hilfe.“ „Kein Problem. Ich warte hier auf Sarah.“ „Siehst du morgen wieder gut aus?“ „Ja, sicher“, lächelte Vera. Nachdem Johnny im Waldweg verschwunden war, hörte Vera ein Rascheln im Gebüsch. Sarah trat energisch hervor. „Du hast mich ewig warten lassen!“, beschwerte sich Vera. Sarah sah sie mit ernster Miene an. „Du lässt mich einfach stehen, um mit diesem merkwürdigen Typen abzuhängen? Wird das Rudel etwa nicht sauer auf dich sein?“ „Das Rudel? Was für ein Rudel überhaupt?“, fragte Vera verwirrt und versuchte, mit Sarahs schnellem Schritt zu halten. „Ach komm schon, V. Du weißt es ganz genau. Du willst es tief in dir nur noch nicht wahrhaben.“
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