Veras Kopf drehte sich so heftig, dass sie sich an einem Baumstamm festhalten musste. Sarah bemerkte es erst spät, kehrte aber sofort um und stützte sie. Veras Herz raste unkontrolliert. Sarah überprüfte vorsichtig ihre Augen, sah aber keine Veränderung der Pupillen – noch war alles sicher.
„Setz dich erst mal, V!“, drängte Sarah und drückte sie sanft auf das Holz.
Veras Sicht verschwamm, und ein betäubendes Pfeifen dröhnte in ihren Ohren. Sarah blickte sich besorgt um. Es waren die ersten Anzeichen der Erweckung. Da Vera die Auserwählte war, fielen die Symptome besonders schmerzhaft aus.
„Atme tief durch“, rieb Sarah ihr über den Rücken.
Als sich Veras Puls beruhigte, blickte sie schwach auf. „Ist das etwa... eines der Anzeichen für die Verwandlung?“
Sarah legte verschwörerisch den Finger auf die Lippen und ging weiter. Vera folgte ihr mühsam. „Warum bist du eigentlich so wütend? Johnny ist wirklich nett.“
„Ich sage nicht, dass du ihn meiden sollst“, seufzte Sarah. „Aber er bringt Ärger. Weißt du überhaupt, wer du wirklich bist?“
„Ich will kein Ungeheuer sein! Ich bin ein Mensch!“, protestierte Vera.
„Der Anfall kommt zurück. Wir müssen dich heim zu deiner Mutter bringen. Und bitte erwähne diesen Typen nicht mehr!“, winkte Sarah ab.
Seit Vera von den Gestaltwandlern gelesen und die Visionen von der mysteriösen Alle Carson hatte, spürte sie, dass ihr Schicksal vorgezeichnet war.
Zuhause angekommen, lag Veras Mutter besorgt über ein Buch gebeugt. „Liebling? Dein Kopf ist glühend heiß!“, rief Frau Damascus und fühlte ihre Stirn.
„Ich bin zu Fuß gegangen“, murmelte Vera entkräftet.
„Vera Damascus, du musst auf deine Gesundheit achten und nicht nur auf deine Freunde!“, schalt die Mutter sanft. „Geh hoch in dein Zimmer, dich umziehen. Dein Vater kommt auch gleich aus der Klinik.“
Vera schleppte sich die Treppe hinauf. Oben überfiel sie der Schwindel erneut. Die Schläfen pochten, und eine schallende Stimme hallte in ihrem Kopf wider.
„Es bleibt keine Zeit, Vera. Du musst den Alpha finden und seine Kraft an dich reißen!“
„Ich... kann niemanden töten!“, keuchte Vera gegen das Dröhnen an.
Die Stimmen überschlugen sich, bis Vera einen gellenden Schrei ausstieß und auf den Boden stürzte. Ihre Mutter stürzte panisch ins Zimmer, schloss das zitternde Mädchen in die Arme und weinte leise, bis Vera erschöpft ins Koma fiel.
Kurz darauf trat Herr Damascus ein. Besorgt hob er seine Tochter aufs Bett. „Wir müssen morgen Blutproben nehmen“, flüsterte er seiner Frau zu. „Wenn wir keine Antwort finden, müssen wir Dr. Zed einschalten. Wir dürfen sie nicht verlieren.“
„Dr. Zed?“, erschrak die Mutter. „Er ist nicht vertrauenswürdig! Wie sollen wir ihm erklären, dass Vera nicht unser leibliches Kind ist?“
Als Vera nach gefühlter Ewigkeit die Augen aufschlug, saß Sarah an ihrem Bett. Vera fühlte sich schwach, aber der Schmerz war gewichen.
„Endlich!“, rief Sarah und betätigte die Hausglocke.
Gleich darauf stürzten Veras Eltern erleichtert ins Zimmer. „Du hast uns zu Tode erschreckt, Spatz“, sagte ihr Vater bewegt.
„Wie lange war ich bewusstlos?“, fragte Vera leise.
„Fast drei Tage“, antwortete Sarah.
Herr Damascus lächelte plötzlich. „Spatz, du hast Besuch unten. Ein Junge aus deiner Klasse hat Blumen gebracht.“
Vera sah Sarah überrascht an. Ihr Herz klopfte voller Hoffnung an Johnny. Doch als die Tür aufging und ihr Vater den Gast hereinbat, betrat ein Junge mit schwarz gefärbten Haaren den Raum. Es war lediglich ein gewöhnlicher Mitschüler. Veras Lächeln erlosch augenblicklich.
In der Zwischenzeit verbrachten Johnny und sein Rudel eine unruhige Nacht im Freien. Nach dem feigen Angriff im Jurassic Inn hielten sie sich in einem dicht bewachsenen Waldstück versteckt.
Johnny saß nachdenklich im Morgengrauen auf einem Stein. Seine Gefährten Scot, Noah und Philia erwachten langsam.
„Wir müssen zu meiner Mutter und sie warnen“, sagte Johnny entschlossen. „Danach kehrt ihr alle sofort in die Middens zurück.“
„Bist du verrückt?“, protestierte Scot. „Luke wird mit Verstärkung wiederkommen! Du kannst hier nicht alleine bleiben!“
„Ich werde Hilfe rufen, wenn es nötig ist“, entgegnete Johnny streng. „Luke ist nicht stark genug, um mich zu töten. Wir müssen verhindern, dass Unschuldige verletzt werden.“
Das Rudel machte sich auf den Weg über einen steilen Hügelpfad. Die dichten Kamelienbäume verbargen ihren Geruch, doch Johnny spürte eine wachsende Unruhe. Seine Mutter hatte nicht auf seine Anrufe reagiert. Schuldgefühle quälten ihn, weil er sie gestern Nacht allein gelassen hatte.
Am Ufer eines kleinen Bachs hielten sie kurz an. Plötzlich schlug Johnneys Warnsinn an. Ein vertrauter, feindlicher Geruch lag in der Luft.
Bevor er reagieren konnte, riss ihn ein heftiger Stoß zu Boden. Ein feindlicher Werwolf stürzte sich auf ihn. Johnneys Augen glühten in einem zornigen, blutroten Licht auf. Mit einer schnellen Drehung packte er den Arm des Angreifers und brach ihn entzwei.
Im selben Moment tauchte Luke aus dem Gebüsch auf. Scot fing den Angriff ab, während Philia den zweiten Feind niederschlug. Noah nutzte die Gelegenheit und stieß seine scharfen Krallen direkt ins Herz der Bestie. Der Angreifer brach lautlos zusammen.
„Wie haben sie uns gefunden?“, keuchte Philia.
„Die Obstbäume haben ihren Geruch maskiert“, zischte Johnny. „Weitere Jäger sind unterwegs. Wir müssen sofort zu meiner Mutter!“
Sie hasteten den Hügel hinab zur Hauptstraße und sprangen auf den nächsten Schulbus, um unauffällig zu entkommen. Eine Schülerin starrte Johnny entsetzt an. Philia flüsterte ihm zu: „Du hast Blut an den Händen, Großer. Wisch das lieber ab.“
An der Zielhaltestelle gesprungen, eilten Johnny und Noah zum Haus seiner Mutter. Die Eingangstür war geschlossen, und es herrschte trügerische Stille.
„Sie könnten im Hinterhalt liegen“, raunte Johnny. „Wir gehen durch den Seiteneingang.“
Philia trat die Seitentür leise auf, und sie schlichen ins Haus. Frau Kaitlin stand am Spülstein in der Küche. Als sie sich umdrehte, wirkte sie äußerlich ruhig, doch ihre Blicke wanderten nervös zur Schlafzimmertür.
Johnny verstand das stumme Signal sofort: Feinde befanden sich bereits im Haus.
Er winkte Philia zu, seine Mutter leise ins Auto zu bringen. Dann wandte er sich gemeinsam mit Scot der Tür zu, um die Bedrohung ein für alle Mal zu beseitigen.