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254 Worte
Ihre Finger ruhten an der Fensterbank, als würde sie sich an der Realität festhalten müssen. Doch was war schon real in dieser Nacht? Alles fühlte sich an wie ein Tanz – zwischen Jägerin und Gefährte, zwischen Kontrolle und Verlangen. Der Wolf kam näher, sein warmer Atem streifte ihren Nacken. Sie schloss die Augen, ließ ihn gewähren. In diesem Moment verschmolz das Wilde mit dem Menschlichen – nicht körperlich, sondern seelisch, auf eine Art, wie es nur zwischen zwei verlorenen Wesen existieren konnte, die in der Dunkelheit zueinander gefunden hatten. Ein Zittern durchfuhr sie, als sich ihr eigener Schatten über den seinen legte. Es war nicht Angst. Es war Kraft. Und Verlangen. Ein Versprechen, das sie beide verstanden – stumm, uralt, gefährlich schön. Der Mond stand hoch, silbern und kalt – doch in dem Raum hinter ihr war es warm. Schwer. Voller unausgesprochener Gedanken. Sie trat zurück vom Fenster, langsam, mit einer fließenden Anmut, als würde sie tanzen – nicht für einen Zuschauer, sondern für den Schatten selbst. Der Wolf veränderte sich nicht, doch etwas in der Luft vibrierte. Ein unsichtbares Band zog sich zwischen ihnen, gespannt wie ein Bogen kurz vor dem Schuss. Ihre Finger glitten an ihrem Hals entlang, dann tiefer, über die Linien des Tattoos, als wolle sie sich selbst erinnern, wer sie war – oder ihn spüren lassen, was sie bereit war zu zeigen. Ihr Blick blieb auf seinen Augen. Diese flackernde Glut, dieses Wissen, das in ihm wohnte – es war nicht tierisch. Es war uralt. Und es war wach.
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