Locken, Likes und Langeweile

421 Worte
Rapunzel wachte auf, als ihr Smartphone vibrierte. Wahrscheinlich ein neuer Kommentar, ein Like, eine Nachricht von Gothel mit den Worten: »Liebes, poste endlich was! Deine Engagement-Rate sinkt!« Sie blinzelte gegen das blaue Licht ihres Displays. 132 neue Benachrichtigungen. Super. Wieder ein virales Video? Oder ein Shitstorm? Bei Social Media wusste man nie. Sie scrollte durch ihre letzten Posts. Ihr Haarpflege-Tutorial hatte wie erwartet gut performt. Die Leute liebten es, wenn sie ihre »natürlich seidige Mähne« präsentierte – was natürlich kompletter Bullshit war. Ohne teure Pflegeprodukte und stundenlanges Styling wäre ihr Haar eine Katastrophe. Aber das durfte niemand wissen. »#WokeUpLikeThis« stand unter ihrem neuesten Bild. Natürlich eine Lüge. Niemand wachte mit perfekt fallenden Locken auf. Niemand. Aber die Leute wollten es glauben, also lieferte sie es ihnen. Rapunzels Tagesablauf war genau geplant. Frühstück? Nur, wenn es fotogen war. Ein Avocado-Toast mit Chiasamen und einem ästhetisch platzierten Kaffee – nicht, weil sie das mochte, sondern weil es gut auf i********: aussah. Dann ein paar Selfies im Turmzimmer, sorgfältig bearbeitet, damit das Licht schmeichelte und die Wand nicht so trostlos wirkte. »Turmleben, aber make it aesthetic.« Und dann natürlich der wichtigste Teil des Tages: Das Livestream-Update für ihre Follower. »Hey, meine süßen Lockenköpfe! Heute ein ganz besonderer Tag – ich zeige euch meine absolute Lieblingshaarroutine!« Lächeln. Enthusiasmus. Perfekte Beleuchtung. Natürlich hatte sie ihre Haare vorher schon gestylt. Keiner wollte den echten Prozess sehen – die Knoten, das Ziepen, den Moment, in dem sie fast ausrastete, weil eine Strähne sich nicht bändigen ließ. Nein, die Leute wollten Perfektion. Also gab sie ihnen Perfektion. »Oh mein Gott, dein Haar ist so wunderschön!« schrieb @FairyFan99. »Wie schaffst du es, dass es immer so glänzt?« fragte @RoyalStylist. »Sind das Extensions?« wollte @NoFilterNeeded wissen. Rapunzel seufzte. Die letzte Frage ignorierte sie. Niemand durfte wissen, dass selbst sie manchmal trickste. Es war verrückt – Millionen Menschen bewunderten ihr Leben, doch es fühlte sich an, als wäre sie in einer schlecht dekorierten Gefängniszelle eingesperrt. Sie hatte alles: Ruhm, Sponsordeals, ein perfektes Image. Und trotzdem war ihr sterbenslangweilig. Jeden Tag das Gleiche. Fotos, Videos, Livestreams. Immer dieselben Posen, immer dasselbe Lächeln. Und das Beste? Sie konnte nicht einmal spontan irgendwohin gehen. Gothel sagte immer: »Exklusivität, mein Schatz! Dein Geheimnis ist deine Macht! Wenn dich die Leute überall sehen könnten, wärst du nichts Besonderes mehr.« Toll. Sie war also nichts weiter als ein seltenes Sammlerstück für die Massen. Rapunzel war es leid, perfekt zu sein. Sie wollte echte Erlebnisse, echte Menschen, echte… Freiheit. Aber Freiheit brachte keine Likes. Und Likes waren alles. Oder?
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