Kapitel 5 – Das Gift

850 Worte
Kapitel 5 – Das Gift Das Englisch-Testblatt flatterte im Wind vom offenen Fenster. Mein Name stand oben – Nadia Lorenz – 1+. Beste Note in der Klasse. Aber das D in Chemie und das F in Mathe brannten immer noch in meiner Tasche wie glühende Kohlen. Ich flüsterte mir zu: Es ist etwas. In der Pause jagten mich Flüstern: Warum ist sie nicht mehr mit Ophelia und Juliet zusammen? Ein Junge, den ich kaum kannte, klopfte mir auf die Schulter. „Ihr wart gut zusammen.“ Ich ging weg, Herz hämmernd. Smalltalk in dieser Schule war nie klein. Es war eine Klinge, eingewickelt in Neugier. Am Ende des Tages hielt ich die Stille nicht mehr aus. Ich fand Juliet allein auf der niedrigen Mauer draußen bei den Fahrradständern sitzen, scrollend auf ihrem Handy. Der Regen hatte den Beton dunkel und glitschig gemacht. Ich blieb vor ihr stehen. „Juliet… können wir reden?“ Sie schaute auf, Ohrstöpsel baumelnd. „Klar.“ Wir setzten uns. Die Stille dehnte sich – unbehaglich, schwer, fast vertraut. Ich schluckte. „Ich vermisse uns. Wie wir früher nach Hause gelaufen sind, über dumme Sachen gelacht haben, Gummibärchen geteilt haben. Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe. Ich mochte unsere Freundschaft wirklich. Sag mir, wie ich es reparieren kann.“ Juliet starrte auf ihre Sneakers, Schnürsenkel ausgefranst. Sie sprach nicht sofort. Hörte nur zu. Ich redete weiter, Worte stolperten weich und zitternd heraus. „Ich dachte, wir wären echte Freundinnen. Ich dachte, du magst mich um meinetwillen – nicht für irgendein Spiel. Wenn ich dich verletzt habe, tut es mir leid. Ich will uns einfach zurück.“ Sie schaute endlich auf. Augen ruhig, fast sanft. „Du hast mich nicht verletzt, Nadi.“ „Dann warum?“ Meine Stimme brach. Sie zuckte die Schultern. „Dinge ändern sich.“ Am Ende liefen wir trotzdem zusammen nach Hause. Wie früher, bevor Ophelia je dazwischengekommen war. Der Regen hatte aufgehört; die Luft roch sauber. Wir lachten über die furchtbare Handschrift der Lehrerin, über den Automaten, der wieder meine Münzen gefressen hatte. Es fühlte sich normal an. Sicher. Ich ließ zu, dass ich hoffte. Ein Mädchen ging an uns vorbei auf dem Gehweg – gleiche Größe, dunkle Zöpfe schwingend, Mantel in derselben Farbe wie meiner. Juliet stupste mich an. „Schau. Mini-du.“ Ich lachte, leicht und frei. „Auf keinen Fall. Nicht mal annähernd.“ Juliets Lächeln blieb, aber etwas in ihren Augen verschob sich. Ein Flackern. So schnell weg, dass ich dachte, ich hätte es mir eingebildet. Die Tage vergingen. Nachrichten wurden weniger. Lächeln dünner. Juliet lief öfter mit Ophelia. Gruppenchats bewegten sich ohne mich. Wenn ich versuchte mitzureden, verstummten sie. Ich sagte mir, es sei nichts. Jasmine zog uns eines Nachmittags in die Mädchentoilette. „Ihr zwei seid komisch. Macht das klar.“ Wir standen unter dem summenden Licht. Ophelia lehnte am Waschbecken, Arme verschränkt. Jasmine fing an: „Ihr wart mal eng –“ „Ich hasse sie“, sagte Ophelia, Stimme flach, Augen auf meine fixiert. „Vom ersten Tag an. Hübsches neues Mädchen denkt, sie ist besser? So was brechen wir.“ Die Worte trafen wie Glas. Ich starrte Juliet an, wartete, dass sie etwas sagte. Irgendwas. Juliet schaute weg. Dann leise: „Sie ist zu stolz. Zu hübsch. Denkt, sie sieht gar nicht aus wie das Mädchen auf der Straße? Bitte.“ Mein Mund wurde trocken. „Ich wollte nicht –“ Aber Jasmine trat schon dazwischen. „Hey, hey – beruhigt euch.“ Ophelia grinste. „Sie war immer schon von sich eingenommen.“ Juliet nickte. „Genau. Stolz, weil sie hübsch ist. Das ist ihr Problem.“ Der Raum drehte sich. Ich rannte raus. Schloss mich in einer Kabine ein. Spiegel, Spiegel. Hübsch. Hier hatten sie angefangen, mich hübsch zu nennen. Früher? Kluges Kind. Nerd. Sicher. Damit war ich okay. Hübsch brachte mir Gummibärchen, falsche Lächeln und jetzt das. Ich kratzte mir die Wangen auf – Nägel gruben sich ein. Haut brannte. Rote Linien blühten auf. Ich hasse dieses Gesicht. Hasst die Blicke. Hasst das Wort schön, wenn es nur Messer bringt. Wasser lief. Rosa wirbelte ab in den Abfluss. Was hatte hübsch mir je gegeben? Blicke. Lügen. Eine beste Freundin, die sich gegen mich wandte. Noten verfaulten – D, F – weil ich mit Wölfen gelacht hatte. Von draußen Jasmines Stimme: „Das hat sie nicht verdient.“ Drinnen atmete ich trotzdem. Hasste die Luft. In dieser Nacht schloss ich meine Zimmertür ab. Mama klopfte einmal. Ich antwortete nicht. Der Spiegel wartete. Ich starrte, bis mein Spiegelbild verschwamm. Papas Post-it klebte immer noch darüber: Bildung überdauert alles. Aber was überdauert Verrat? Was überdauert den Moment, in dem deine „beste Freundin“ dich stolz nennt, weil du es gewagt hast zu existieren? Ich drückte meine Handfläche gegen das Glas. Kalt. Unverzeihlich. Hübsch hatte mir nichts gegeben außer Ärger. Und Ärger hatte mir alles andere genommen. Ich flüsterte in die Dunkelheit: Was nützt ein Gesicht, wenn es nur dafür sorgt, dass Leute dich hassen? Der Spiegel antwortete nicht. Was mache ich jetzt? Wie soll ich das alles überstehen?
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