Tessa
Das Auto summt leise, während es die Straße entlangrast. Ich sitze auf dem Rücksitz und halte einen versiegelten Umschlag in den Händen, den mir meine Stiefmutter, Tante Ophelia, gegeben hat. Zu beiden Seiten von mir und in dem SUV, der uns folgt, sind zehn Wachen, deren Aufgabe es ist, sicherzustellen, dass ich die Kolonie unversehrt erreiche und die Nachricht dem Lykan-König überbringe.
Ich spüre dieses Ziehen erneut, und mir stockt der Atem. Es ist jetzt unmöglich, es zu ignorieren. Ich schaue mich um und versuche, den Duft meines zweiten-Chance-Gefährten wahrzunehmen. Lieber wäre mir einer dieser narbengesichtigen, nach Schweiß riechenden Wachen als ein verdammter Reynolds.
Das Gefühl kriecht unter meine Haut, doch mein Instinkt sagt mir, dass er nicht in diesem Fahrzeug bei mir ist.
Ich schaue auf, als ein Bugatti mit unserem Wagen kollidiert und uns den Weg versperrt. Mein Blick fällt auf das Kennzeichen, und mein Herz setzt einen Schlag aus – das Auto vor uns gehört George. George Reynolds.
Ich balle die Fäuste und presse die Zähne aufeinander. Dann schiebe ich den Umschlag schnell in den Ärmel meiner gelben Strickjacke.
Sein Fahrer öffnet die hintere Tür, und George steigt aus dem Wagen, trägt ein gestreiftes Hemd und eine Anzughose, als würde ihn das allein zu einem Gentleman machen.
Die Wachen im Wagen mit mir werfen sich Blicke zu, ihre Stirnen ziehen sich zusammen.
George lehnt sich lässig an die vordere Stoßstange seines Autos, verschränkt die Arme vor der Brust, ein Grinsen kräuselt seine Lippen.
Er weiß definitiv, dass ich hier drin bin, und er führt etwas im Schilde. Seine bloße Anwesenheit macht mich rasend, also werfe ich dem Wächter neben mir einen finsteren Blick zu.
„Ich weiß, dass mein Vater seine Munition mit Wolfsbann versetzt.“ Mein Blick wandert zu seiner Hüfttasche. „Und du hast eine Waffe bei dir.“
„Du schlägst doch nicht ernsthaft vor, dass wir den Erben des Alphas erschießen …“, wirft der Wächter auf dem Fahrersitz ein.
„Wir sind elf und sie sind zu zweit … Wir werfen die Einzelteile seines Körpers mitten in den Ozean.“
„Einzelteile?“
„Du hast einen Dolch bei dir … oder?“ sage ich und werfe dem Fahrer einen Blick zu.
Seine Stirn runzelt sich, doch der Schock in seinem Gesicht kümmert mich nicht. Ich habe endlich eine Chance, das Monster zu töten, das meine Schwester ermordet hat, und ich werde sie nicht ungenutzt lassen.
Einen Moment lang herrscht Stille, während sie mich anstarren, als wäre ich nicht ganz bei Sinnen.
„Ma’am Ophelias Anweisung war, Sie unversehrt zur Kolonie zu bringen …“, durchbricht der Wächter auf dem Beifahrersitz die Stille.
Nun gut, ich glaube, ich habe die Antwort, die ich brauche. Tante Ophelia hat diese Wachen gewählt, weil sie ihnen vertraut. Das bedeutet, dass ihre Priorität darin liegt, mich unversehrt zu halten, nicht in blinder Loyalität zum Haushalt des Alphas.
Ich blicke nach hinten und sehe den SUV, der keinerlei Anstalten macht, sich zu bewegen. Mein Blick wandert zurück zu George, der die Wangen aufbläst und ausatmet. Er flüstert seinem Fahrer etwas zu.
Sein Fahrer kommt näher und klopft an unsere Autoscheibe. Sie ist getönt, also sieht er nicht genau, was hier vor sich geht.
„Der Erbe des Alphas möchte mit der Dame sprechen.“
„Siehst du … er will nur reden“, sagt der Mann auf dem Fahrersitz.
Reden? Wissen sie nicht, was meine Stiefmutter mich gebeten hat? Sind sie sich nicht bewusst, dass George Jasmine getötet hat? Oder glauben sie, ich wolle ihn aus einem anderen Grund tot sehen?
„Geh ruhig und sprich mit ihm, damit wir unsere Reise fortsetzen können“, schlägt er vor.
Ich beiße mir auf die Lippen.
Der Wächter neben mir steigt aus und folgt mir, als ich auf George zugehe. Ich presse die Zähne zusammen, während mein Herz schneller schlägt.
„Ich hatte eine Abmachung mit Mr. Moonbane, aber es stellt sich heraus, dass er kein Mann seines Wortes ist“, sagt George und lehnt sich gegen die Stoßstange. „Stell dir meine Überraschung vor, als mir mein Spion berichtet hat, dass man dich in ein Auto gesetzt und aus Mr. Moonbanes Haus gefahren hat.“
„Und trotzdem bist du ganz allein gekommen, um es aufzuhalten.“
Ich lasse ihn lieber glauben, dass mein Vater mich gehen ließ, als ihm einen Blick auf die Wahrheit zu gewähren.
Er will etwas sagen, doch stattdessen greift er sich an die Brust. Auch mein Herz zieht sich zusammen, und meine Hände beginnen zu leuchten. Ich sehe ihn an, wie seine Handflächen im selben prachtvollen gelben Licht erstrahlen wie meine.
Der Anblick schürt meine Wut nur noch mehr.
„Was ist das, Bastard?“ knurrt er. „Du kannst unmöglich mein zweiter-Chance-Gefährte sein!“
Das Bild von Philips Tod schießt mir durch den Kopf, und ein kaltes Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus. Meine Zurückweisung sollte dieselbe Wirkung haben wie eine Zurückweisung.
Ich mache einen Schritt näher, bleibe nur Zentimeter vor ihm stehen und verhake meinen Blick in seinem.
„Ich, Theresa Moonbane, weise dich zurück …“
Er stürzt nach vorn und presst mir die Hand auf den Mund, sein Herzschlag donnert gegen meine Haut.
Trotz allem ist die Angst in seinen Augen köstlich befriedigend.
Seine Pupillen weiten sich, zittern leicht, während er mich anstarrt. Sein Atem wird schneller, abgehackt und ungleichmäßig.
„Wenn du es wagst, mich zurückzuweisen“, keucht er, „kann ich dir nicht helfen … deiner Freundin Freya helfen … Oder kann ich es? Wenn ich tot bin.“
Mein Herz sackt mir in die Tiefe. Freya braucht Hilfe?
„Master George, ich schlage vor, Sie lassen Miss Theresa los“, sagt der Wächter hinter mir, zieht seine Waffe und richtet sie auf George.
George zuckt nicht einmal zusammen, als wäre die auf ihn gerichtete Waffe völlig belanglos. Stattdessen sieht er den Wächter an und lacht leise. „Ich weiß, dass du mich nicht wirklich erschießen wirst.“
Dann richtet er seinen Blick wieder auf mich. „Hast du gedacht, wir würden sie nach der Nummer, die sie gestern abgezogen hat, einfach gehen lassen?“ ruft er. „Niemand will Mr. Moonbanes Feind sein!!“
Oh nein! Sie wissen, dass Freya nicht ruhen würde, bis die Wahrheit ans Licht kommt, und jetzt haben sie sie. Ich presse die Zähne zusammen und stoße ihn von mir.
„Wo ist Freya? Was habt ihr ihr angetan?“ frage ich laut und starre ihn an.
„Ich fordere dich heraus, mich zurückzuweisen, Bastard“, grinst er. „Ich werde nicht so sterben wie dein erbärmlicher Freund … dessen kannst du dir sicher sein.“
„Du hast recht … dein Schicksal wird schlimmer sein als seines.“
Bevor er erneut sprechen kann, hallt ein scharfer Knall irgendwo weiter unten auf der Straße wider. Ein blasser Nebel beginnt sich auszubreiten und treibt mit der Brise auf uns zu. Ich nehme den Geruch wahr, und mein Magen zieht sich zusammen.
Oh nein! Wolfsbann.
Meine Lungen verkrampfen sich augenblicklich. Der Wächter neben mir und sein Fahrer husten und taumeln, brechen einer nach dem anderen zusammen. Das Leuchten in meinen Händen flackert und erlischt, während ich mich immer schwächer fühle.
Ich ringe nach Luft und drehe mich um. Ich sehe die Männer von Ma’am Ophelia aus den Fahrzeugen stürmen und auf mich zukommen. Doch sie schaffen es nicht – auch ihnen knicken die Knie weg, und sie fallen zu Boden.
Georges Lippen öffnen sich, als wollte er etwas sagen, doch seine Beine geben nach, bevor er es kann. Ich versuche wegzukriechen, doch meine Sicht verschwimmt, während ich huste, und dann schließen sich meine Augen.