Kapitel 5

1062 Worte
~~Oriana~~ Ich saß auf der Fensterbank, wartete geduldig und beobachtete, wie der Tag langsam in die Nacht überging. Mein Magen knurrte heftig. Die Tür klickte auf, Schritte betraten den Raum. Dieses Mal mehr als eine Person. Ich ignorierte sie. „Herrin, Ihr Essen“, sagte eine höfliche Stimme hinter mir. Endlich drehte ich mich um und stand einer jungen Frau gegenüber, vielleicht zwanzig Jahre alt, gekleidet wie ein Hausmädchen. „Ich habe keinen Hunger“, murmelte ich. Sie brach beinahe sofort zusammen, Tränen liefen über ihr Gesicht, die anderen folgten ihr. Ihre Körper zitterten. „Ihr müsst etwas essen, Herrin. Bitte, sonst wird der Meister uns den Kopf abschlagen.“ „Hört auf, mich so zu nennen“, schnappte ich, meine Stimme härter als beabsichtigt. „Es tut uns leid, Herrin, bitte verschont uns.“ Sie verbeugten sich, ihre Körper bebten. Scheiße. „Hört zu, es tut mir leid. Steht bitte auf“, sagte ich ruhiger. Sie konnten nichts für meine Situation. Doch sie blieben kniend, keiner rührte sich. „Bitte, Herrin, esst etwas“, sagte die Erste erneut. „Er würde euch doch nicht wirklich töten, oder?“ Ich hörte selbst die Unsicherheit in meiner Stimme. Ihre Gesichter wurden blass. Ohne ein Wort pressten sie ihre Stirn auf den Boden, ihre Körper zitterten stärker. „Gut. Ich esse.“ Ich murmelte widerwillig. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, welches Schicksal sie erwartete, wenn ich mich weigerte. Ein Löffel der Suppe — und ich verschlang den Rest des Essens regelrecht. Kurz darauf war ich fertig. „Danke“, sagte die Erste dankbar, reichte den leeren Teller an die anderen drei weiter. Sie verbeugten sich und gingen hinaus. „Wartet…“ rief ich. „Ich habe deinen Namen nicht erfahren.“ Ein Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Nica, Herrin. Ich komme wieder.“ Sie drehte sich um und folgte den anderen hinaus. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss. Ich schleppte mich zurück zum Fenster, wo ich zuvor gesessen hatte. Meine Gedanken rasten. Wie ging es Cassie? Suchte sie nach mir? Hoffentlich hatte sie eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Plötzlich fiel mir etwas auf. Ich hatte das Geräusch des Schlosses nicht gehört, nachdem Nica gegangen war. Mein Herz begann zu rasen. Auf Zehenspitzen ging ich zur Tür, legte zitternd meine Hand darauf. Die Tür bewegte sich — klick. Sie öffnete sich. „Ja“, flüsterte ich. „Okay… beruhig dich. Ruinier das nicht. Tief durchatmen.“ Mut sammelnd schlüpfte ich hinaus. Helles Licht erfüllte den gesamten Flur. Seltsamerweise war niemand zu sehen. Trotzdem bewegte ich mich im Schatten, vermied jedes Geräusch. Meinem Instinkt folgend entdeckte ich bald das Tor, das nach draußen führte. Freiheit. Ich beschleunigte meine Schritte, rannte darauf zu. Sekunden später stand ich auf Asphalt. Freudentränen liefen über meine Wangen. „Ich habe es geschafft“, schniefte ich und unterdrückte die Tränen. Doch etwas fühlte sich falsch an. Die Flucht war zu einfach gewesen. Viel zu einfach. Egal. Alles, was zählte, war, dass ich diesem Albtraum entkommen war — und dass ich diesen Bastard Ciro seine Taten bereuen lassen würde. Ich rannte weiter, bis ich schließlich eine öffentliche Straße erreichte. Autos fuhren vorbei, Menschen gingen ihrem Alltag nach. Ich hielt ein Taxi an. „Zur nächsten Polizeistation“, sagte ich sofort, kaum dass ich eingestiegen war, während ich nervös nach hinten blickte, um sicherzugehen, dass ich nicht träumte. „Natürlich. Geht es Ihnen gut, Ma’am?“ fragte er mit starkem Akzent. „Ja. Fahren Sie einfach.“ Ich lehnte meinen Kopf zurück. Meine Nerven beruhigten sich langsam, doch meine Augen blieben auf die Straße gerichtet. Das war noch lange nicht vorbei. „Hier.“ Ich reichte ihm meine Haarspange. „Es tut mir leid, ich wurde ausgeraubt. Das ist alles, was ich habe.“ „Schon gut, Herr— Ma’am. Keine Bezahlung nötig. Sind Sie sicher, dass Sie keine Hilfe brauchen?“ Ich presste die Lippen zusammen. Mein Instinkt schlug Alarm. „Wie wollten Sie mich gerade nennen?“ „Hm?“ Er sah mich verwirrt an. „Wissen Sie was? Ich kann mich jetzt nicht damit befassen.“ Ich stürmte aus dem Taxi direkt zur Wache. „Ich möchte Anzeige erstatten. Ich habe einen Mord gesehen und wurde entführt.“ Der Beamte musterte mich gelangweilt, als wäre das eine Szene, die er täglich sah. „Einen Moment. Wir kommen gleich zu Ihnen“, sagte er gleichgültig und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Diese Stadt war verdammt noch mal bis ins Mark verrottet. „Ich habe mich noch nicht vorgestellt. Ich bin Avvocati Oriana Vitale. Und wenn Sie nicht wollen, dass ich diese Station in Grund und Boden verklage, nehmen Sie sofort meine Aussage auf.“ Er richtete sich abrupt auf. „Entschuldigung, Ma’am… können Sie Ihren Entführer beschreiben?“ Endlich. Ich begann sofort, diesen Bastard zu beschreiben. „Einen Moment. Ich komme gleich zurück“, sagte er und verschwand nach hinten. Gut. Wenigstens bedeutete das Gesetz noch etwas. Der Beamte kam zurück — diesmal jedoch nicht allein. Der zweite stellte sich neben mich, lächelnd. Etwas Gefährliches blitzte in seinen Augen. „Herrin“, sagte er und verbeugte sich, sein Grinsen wurde breiter. „Welch Ehre, dass Ihr uns besucht.“ „Nenn mich nicht so“, fauchte ich. „Weißt du was? Das war ein verdammter Fehler. Ich gehe.“ Natürlich hatte dieser Bastard überall Leute. „Einen Moment.“ Er drückte mir ein Telefon und einen schwarzen Earbud in die Hand. „Das sollten Sie sehen.“ Er verbeugte sich erneut und ging. Ich setzte den Earbud ein. Die Farbe wich sofort aus meinem Gesicht, als der Bildschirm aufleuchtete. Cassie saß gefesselt auf einem Stuhl, mit verbundenen Augen. Eine Pistole war direkt auf ihre Stirn gerichtet. „Nach oben scrollen, Puppe“, erklang eine kalte Stimme im Ohr. Mein Herz sackte tiefer in meine Brust. Mit zitternden Fingern wischte ich nach oben. Die Heimleiterin erschien auf dem Bildschirm — ein roter Punkt ruhte auf ihrer Stirn. Ein Scharfschütze. Ich hielt meine Tränen zurück. Noch ein Wischen. Mein ganzer Körper wurde taub. Eine Bombe. Im Waisenhaus. 9 Minuten verbleibend. „Warum tust du das?“ Meine Stimme brach. „Wir sehen uns in 8 Minuten, Ehefrau. Die Uhr läuft.“ Ein Klicken ertönte. Die Tränen, die ich zurückgehalten hatte, flossen nun frei. „Warum ich?“
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