3
Lucas
Ich wache Freitagmorgen mit pochenden Kopfschmerzen auf, die meine Wut verstärken. Ich habe kaum geschlafen – Diego und Eduardo senden mir weiterhin stündliche Updates über ihre Suche nach Yulia – und ich brauche zwei Kaffees, bevor ich mich halbwegs menschlich fühle.
Als ich gerade die Küche verlassen will, kommt Rosa herein, die heute Jeans statt ihrer normalen konservativen Dienstmädchenuniform trägt.
»Oh, hallo Lucas«, sagt sie. »Ich habe dich gerade gesucht.«
»Ach?« Ich versuche, das Mädchen nicht grimmig anzuschauen. Ich fühle mich immer noch schlecht dafür, dass ich ihre kleine Schwärmerei für mich unterbinden musste. Es ist nicht Rosas Schuld, dass meine Gefangene entkommen ist, und ich will meine schlechte Laune nicht an dem Mädchen auslassen.
»Señor Esguerra hat mir erlaubt, heute die Stadt zu erkunden, wenn ich einen Wächter mitnehme«, meint Rosa und schaut mich vorsichtig an. Sie muss meine Wut trotz meiner Versuche, ruhig auszusehen, bemerkt haben. »Kannst du jemanden entbehren?«
Ich denke über ihre Frage nach. Um ehrlich zu sein, ist die Antwort »Nein«. Ich möchte keinen der Wächter vom Haus von Noras Eltern abziehen, und vor fünfzehn Minuten hat mir Esguerra eine Nachricht geschickt, dass er mit Nora in einen Park gehen möchte, was bedeutet, dass ich dort mindestens ein Dutzend unserer Männer platzieren muss.
»Ich fahre heute nach Chicago«, sage ich, nachdem ich einen Augenblick darüber nachgedacht habe. »Ich muss dort jemanden treffen. Du kannst mitkommen, wenn es dir nichts ausmacht, eine Weile zu warten. Danach kann ich mit dir überall hingehen, wo du möchtest, und gegen Mittag wird einer der anderen Männer mich ablösen können – natürlich nur, falls du länger als einige Stunden in der Stadt bleiben möchtest.«
»Oh, ich ...« Rosas bronzefarbene Haut errötet, auch wenn ihre Augen vor Begeisterung leuchten. »Bist du dir sicher, dass ich dich nicht stören würde? Ich muss nicht unbedingt heute gehen –«
»Das ist in Ordnung.« Ich erinnere mich daran, dass mir das Mädchen am Mittwoch erzählt hat, dass sie niemals zuvor in den USA gewesen ist. »Ich kann mir vorstellen, dass du darauf brennst, die Stadt zu sehen, und du störst mich nicht.«
Vielleicht wird ihre Gesellschaft mich von Yulia und der Tatsache ablenken, dass meine Gefangene immer noch auf der Flucht ist.
Rosa redet ohne Unterbrechung, als wir nach Chicago fahren, und erzählt mir von allem, was sie im Internet über Chicago erfahren hat.
»Und wusstest du, dass sie auch ›Windy City‹ genannt wird, weil die Politiker voller heißer Luft waren?«, fragt sie, als ich auf die West Adams Street im Zentrum Chicagos abbiege, um in die Tiefgarage eines Gebäudes aus Glas und Stahl zu fahren. »Der Name hat nichts mit den Winden zu tun, die wirklich vom See kommen. Ist das nicht verrückt?«
»Ja, unglaublich«, antworte ich abwesend und kontrolliere mein Telefon, während ich aus dem Auto steige. Zu meiner Enttäuschung habe ich kein neues Update von Diego. Ich stecke das Telefon weg und gehe um das Auto herum, um Rosa die Tür zu öffnen.
»Komm«, sage ich. »Ich bin bereits fünf Minuten zu spät.«
Rosa eilt mir hinterher, als ich zum Fahrstuhl gehe. Sie muss für jeden meiner Schritte zwei gehen, und ich kann es nicht verhindern, ihren holperigen Gang mit Yulias langbeinigen, anmutigen Bewegungen zu vergleichen. Das Hausmädchen ist nicht so zierlich wie Esguerras Frau, aber sie ist für mich immer noch klein – besonders, seit ich mich an Yulias Modelgröße gewöhnt habe.
Hör verdammt nochmal auf, an sie zu denken! Meine Hände ballen sich in meinen Taschen zu Fäusten, während ich auf den Fahrstuhl warte, und ich höre Rosas Geplapper über die Magnificent Mile nur mit einem Ohr zu. Die Spionin ist wie ein eingezogener Splitter für mich. Egal, was ich tue, ich muss einfach an sie denken. Ich hole zwanghaft mein Telefon aus der Hosentasche und schaue erneut darauf.
Immer noch nichts.
»Also, worum geht es bei deinem Treffen?«, fragt Rosa, und ich bemerke, dass sie mich erwartungsvoll anschaut. »Ist es etwas für Señor Esguerra?«
»Nein.« Ich lasse das Handy wieder in meine Hosentasche gleiten. »Es ist für mich.«
»Oh.« Sie sieht wegen meiner kurzen Antwort ein wenig eingeschüchtert aus, und ich seufze, als mir auffällt, dass ich meine schlechte Laune nicht an dem Mädchen auslassen sollte. Sie hat nichts mit Yulia und dieser ganzen beschissenen Situation zu tun.
»Ich treffe mich mit meinem Portfoliomanager«, erkläre ich ihr, als sich die Türen des Fahrstuhls öffnen. »Ich muss mich auf den neuesten Stand meiner Investitionen bringen.«
»Ich verstehe.« Rosa grinst, als wir den Fahrstuhl betreten. »Du hast Geld investiert, so wie Señor Esguerra.«
»Ja.« Ich drücke den Knopf für die oberste Etage. »Dieser Typ ist auch sein Portfoliomanager.«
Der Fahrstuhl mit seinen glatten, glänzenden Stahloberflächen fährt schnell nach oben, und weniger als eine Minute später treten wir hinaus in eine genauso glänzende und moderne Empfangshalle.
Für einen Zweiundvierzigjährigen, der in den Slums geboren wurde, führt Jared Winters mit Sicherheit ein gutes Leben.
Seine Rezeptionistin, eine schlanke Japanerin undefinierbaren Alters, steht auf, als wir uns ihr nähern.
»Herr Kent«, sagt sie und lächelt mich freundlich an. »Bitte nehmen Sie Platz. Herr Winters wird in einer Minute bei Ihnen sein. Kann ich Ihnen und Ihrer Begleitung etwas zu trinken anbieten?«
»Für mich nichts, danke.« Ich blicke zu Rosa. »Möchtest du etwas?«
»Nein, danke.« Sie schaut sich die von der Decke bis zum Boden reichenden Panoramafenster und die Stadt, die sich darunter erstreckt, an. »Ich möchte nichts.«
Bevor ich in einem der Sessel am Fenster Platz nehmen kann, tritt ein großer, dunkelhaariger Mann aus dem Eckbüro und kommt auf mich zu.
»Es tut mir leid, dass Sie warten mussten«, sagt Winters und streckt seine Hand zur Begrüßung aus. Seine grünen Augen leuchten kalt hinter der randlosen Brille. »Ich musste noch ein Telefonat zu Ende führen.«
»Keine Sorge. Wir waren auch ein wenig zu spät dran.«
Er lächelt, und ich sehe, dass sein Blick kurz zu Rosa wandert, die immer noch an derselben Stelle steht und offensichtlich ganz fasziniert von dem Ausblick ist.
»Ihre Freundin, nehme ich an?«, fragt Winters ruhig, und ich blinzele, da mich diese persönliche Frage überrascht.
»Nein«, antworte ich, während ich ihm in sein Büro folge. »Eher mein Auftrag für die nächsten Stunden.«
»Ah.« Winters sagt nichts weiter dazu, aber als wir sein Büro betreten, sehe ich, dass er erneut zu Rosa schaut, so als könne er nicht anders.