Es war beinahe so, als würde, je schlimmer Toya sich benahm, Shinbe umso netter werden, aber er tat so, als wäre es nichts als eine Freundschaft. Manchmal wunderte sie sich über ihn und das war es wohl gewesen, was zu den Träumen geführt hatte, die sie von ihm hatte. Bis zur letzten Nacht waren die Träume innerhalb gesunder Grenzen geblieben. Der Traum der letzten Nacht war völlig außer Kontrolle gewesen.
Sie wusste, dass Toya sie auf seine eigene Art und Weise liebte und wahrscheinlich sogar für sie sterben würde, aber er weigerte sich, seine wahren Gefühle zu zeigen. Sie kannte ihn nur, wie er so leicht böse wurde, und sie herumzukommandieren war einfach seine Art, die Tatsache zu verbergen, dass er um sie besorgt war. Manchmal verbarg er seine Gefühle so gut, dass sie es ihm beinahe glaubte. Und doch ertappte sie sich dabei, wie sie die beiden Männer verglich. Sie war immer in Shinbes und Toyas Nähe und beide Beschützer hatten ihre guten und schlechten Seiten.
Wenn sie davon träumte, wie Toya sie küsste, dann war es immer weich und süß und wurde nur manchmal hitzig. Bei Shinbe war das anders. In jenen Träumen küsste er sie an unvorstellbaren Plätzen und tat Dinge mit ihrem Körper, von denen sie nie gedacht hatte, dass sie sich so gut anfühlen konnten.
Sie seufzte im Schlaf. Aber es waren nur Träume… Kyoko rollte sich zu einem Ball zusammen und zitterte bei den Gedanken an den Traum der letzten Nacht. Wie ihr Körper unter dem seinen erbebt war, als er sie lustvoll geliebt hatte… sie wimmerte bei der Erinnerung daran. Wenn sie so von Shinbe träumte, hatte sie beinahe das Gefühl, als würde sie Toya betrügen.
'Nein!', sagte sie ihren Gedanken. 'Mit Toya hatte ich nie eine Beziehung. Also habe ich keinen Freund und solange es nur in meinen Gedanken ist, kann ich alles denken, was ich will… auch in meinen Träumen.'
Der Traum war so anregend gewesen, dass sie, als sie erwachte, beinahe das Gefühl hatte, dass sie zerschmelzen würde. Als sie ihn da gegen die Wand gelehnt sitzen sah, als ob nichts passiert wäre, das alleine bestätigte ihr, dass es nur ein Traum gewesen war. Was ging nur in ihrem Kopf vor? Sie musste sich beherrschen. Shinbe würde nie ein unerfahrenes, kleines Mädchen wie sie lieben. Er war offensichtlich ein Mann von Welt, der wahrscheinlich mehr Mädchen in einer Nacht erobert hatte, als sie an beiden Händen abzählen könnte. Sie drückte ihre Augenlider fest aufeinander und weigerte sich, etwas Anderes zu denken.
Shinbe war entspannt und ruhig in die Hütte zurück gekommen… bis sein Blick auf ihre schlafende Gestalt fiel. Sein ganzer Körper erstarrte und er stand da und beobachtete sie einfach mehrere Minuten lang. Er sah, wie sie zitterte, wie sie dort auf der dünnen Matte lag. Wieso hatte sie die Decke nicht mehr, die er in der Nacht über sie gebreitet hatte? Er sah hinüber, dorthin, wo sie die Decke weggeschoben hatte, als sie sich mit Toya angelegt hatte.
Er kroch leise zu ihr hinüber und legte die Decke wieder über sie und blieb an ihrer Seite, während sie weiter in einem unruhigen Schlaf lag. 'Wieso musste er diese Gefühle haben?' Er seufzte, als er sich hinsetzte, sich gegen die Wand lehnte, sie beobachtete. Er kannte die Antwort darauf. 'Shinbe, der Junge, von dem jeder meinte, dass er ein Frauenheld war, hatte sich in ein Mädchen aus einer anderen Zeit verliebt.'
Er starrte sie an, Verlangen in seinen Augen, dann presste er seine Lippen aufeinander. Sie würde ihn umbringen, wenn sie merkte, dass es nicht nur ein Traum gewesen war. Toya würde ihn auch umbringen. Konnte er für so ein Verbrechen zweimal sterben?
Shinbe ließ seine Schultern sacken und seufzte wieder: 'Ja… wegen Toya.' Kyoko war verliebt in seinen temperamentvollen Bruder. Er konnte Schuldgefühle durch sein Rückenmark aufsteigen fühlen. 'Wieso musste sie sich ausgerechnet in den verlieben, der sie nie gut behandeln würde?' Er würde sie mit allem, was er hatte, lieben. Und wenn er auch einen kleinen Fluch auf sich hatte. Das sollte es nicht zu schlimm machen. Schließlich hatte Kyoko ihnen von ihrem Großvater und seinem Glauben an Flüche und Dämonen erzählt. 'Verdammt sei Toya.'
Kyoko murmelte in ihrem Schlaf. Er sah hoch und erkannte, dass sie sich umgedreht hatte, und ihm nun den Rücken zuwandte. Die Decke, die er um sie gelegt hatte, war weggerutscht. Das kurze T-Shirt, das sie trug, war hoch gerutscht und hatte ihr wertvollstes Stück offen gelegt. Ein Zittern rannte durch seinen Körper. 'So… verdammt verführerisch.'
Seine Hand streckte sich aus und streichelte das weiße Textil, das den Anblick weiter störte. Er biss die Zähne zusammen und zog seine Hand zurück, ehe seine Finger sie berührten. 'Ah, so nahe. Aber das ist auch der Tod, und ich möchte noch ein wenig länger leben.' Ein schnaubendes Lachen entkam ihm, als er seine Hände in seinen Mantel steckte. Er musste ab sofort besser aufpassen, was er tat, oder sein Leben könnte ein wenig früher als geplant enden.
Er würde ihr sofort die Wahrheit erzählen, wenn sie nicht in seinen Bruder verliebt wäre. Er wusste, dass er mit seinen Gefühlen nicht alleine war. Sie war die Priesterin der Beschützer und sie beschützten sie mit ihrem Leben. Alle der Brüder liebten sie sehr, jeder auf seine eigene Art. Aber Toya war anders. Toya mochte niemanden. Shinbe hatte es gesehen. Toya liebte Kyoko aus ganzem Herzen, auch wenn er es nicht zugeben konnte.
Shinbe schloss seine Augen als er fühlte, wie sie zu brennen begannen. Er hatte kein Recht, Kyoko zu lieben, oder auch nicht sonst irgendjemanden. Er hatte die Fähigkeit sie alle in einer Schlacht zu retten. Alles, was er tun musste, war, den Zeitzauber anzuwenden und er konnte eine Leere erzeugen, die alles in ihrem Weg aufsaugte. Es war seine größte Macht und sein größter Feind. Jedes Mal wenn er den gefährlichen Zauber anwendete, konnte er fühlen, dass er stärker wurde.
Jeder hatte ihn davor gewarnt und ihm nahe gelegt, ihn nicht zu verwenden außer wenn er keine andere Wahl hatte, weil er eines Tages so stark werden würde und er ihn nicht mehr kontrollieren können würde, sodass er ihn selbst aufsaugte. Der Zauber war ein Geschenk seines Onkels gewesen… desselben Onkels, der der Feind war. Zuerst hatte er gedacht, es war ein großartiges Geschenk, aber nun erkannte er, dass es gar kein Geschenk war. Es war ein Fluch. Einer, den er verwenden würde, um denjenigen zu zerstören, der ihm ihn gegeben hatte… selbst wenn er sein eigenes Leben dabei verlieren würde.
Shinbe gähnte. Er hatte die ganze Nacht beinahe nicht schlafen können, weder bevor, noch nachdem Kyoko zurückgekommen war. Er hatte den größten Teil des Abends damit verbracht, Toyas Fluchen zuzuhören, weil sie nicht vor der Dunkelheit durch das Herz der Zeit zurückgekehrt war, wie sie versprochen hatte.
Zuerst hatte Shinbe befürchtet, dass sie immer noch sauer auf Toya war, als sie nicht zurückgekommen war. Sie hatte Toya angeschrien ehe sie gegangen war, weil er versucht hatte, sie davon abzuhalten, in ihre Zeit zurück zu gehen. Toya hatte sich ihr sogar in den Weg gestellt, vor den Jungfernschrein. Letztendlich hatte sie jenen Zauber so oft angewandt, dass Shinbe nicht mehr mitgezählt hatte. Aber sie hatte versprochen, am nächsten Tag vor Einbruch der Dunkelheit zurück zu kommen.
Shinbe grinste als er sich daran erinnerte, wie Toya sich gegen den Zauber zu wehren versucht hatte, wobei er die ganze Zeit fluchte und alles Mögliche versprach, was er Kyoko antun wollte, wenn er sich wieder bewegen konnte.
Sein Blick glitt wieder hinüber über Kyokos Gestalt. Deshalb fand er sie so unwiderstehlich. Sie konnte in einem Moment wütend auf Toya sein und im nächsten Moment liebte sie ihn wieder. Sie war nicht nachtragend, egal wie sehr er sie verletzte.
Als Toya sie zum ersten Mal getroffen hatte, hatte er versucht sie umzubringen. Nun hatte sich alles geändert und jeder wusste, dass Toya sie innig liebte und sogar für sie sterben würde. Und doch tat er so, als könne er sie nicht ausstehen und verletzte oft ihre Gefühle. Das war einfach Toyas Art, sein Herz zu verstecken.
Shinbe legte seine Finger auf seine Augenbrauen in dem Versuch, seine Gedanken zu beruhigen. Er fühlte sich ehrlich schlecht wegen Toya und wollte eigentlich nichts Schlechtes über ihn denken. Es war nur, dass er eine Chance bei Kyoko hatte und diese ignorierte.
Er wäre für eine solche Chance gestorben. Er würde sie wie eine Königin behandeln, wenn sie es nur zulassen würde. Deshalb hatte er letzte Nacht die Kontrolle verloren. Die Wahrheit war, bei ihm war letzte Nacht einfach eine Sicherung durchgebrannt. Jetzt, nach dieser Nacht… Shinbe drückte seine Augenlider fest zusammen. Vielleicht war sie mit Toya doch besser dran, nach dem wie er ihre Unschuld betrogen hatte.
Shinbe zuckte zusammen, als Kyoko sich wieder im Schlaf bewegte und noch mehr von ihrem Oberschenkel entblößte. Er starrte auf ihre cremig weiße Haut, seine Hände zuckten in seinem Mantel. 'Wieso musste sie so schöne Haut haben?' Er fühlte, wie er selbst schläfriger wurde, als er Kyokos unruhigem Dösen zusah, und krabbelte langsam am Boden, wobei er nie die Augen von ihrem Hinterkopf ließ. Er wusste, wenn er ihr näher kommen würde, würde sie aufwachen, sich umdrehen und ihn schlagen.
So weit, so gut. Er beugte sich über ihre stille Gestalt und sah auf ihr Gesicht hinunter. Shinbe grinste. Sie roch immer noch nach Alkohol.
'Hat mich letzte Nacht auch nicht gestört', grinste er.
Eine einzelne nussbraune Strähne klebte an ihrer Schulter. Er streckte seine Hand aus und strich sie sanft zur Seite, seufzte leicht bevor er sich hinter ihr hinlegte und sein Gesicht in ihre seidigen Locken kuschelte. Er wagte es nicht, ihr näher zu kommen, aus Angst vor dem Tode, aber während sie schlief konnte er ihr wenigstens ein wenig Geborgenheit bieten. Redete er sich selbst ein.
Wenn sie aufwachte und ihn dort fand, würde er ihr einfach erzählen, wie müde er gewesen war und dass das der einzige Platz zum Liegen war… wo er sie im Auge behalten konnte. Er würde gerne einen Klaps dafür hinnehmen. Das wäre es allemal wert, nur um für ein paar Stunden neben ihr zu liegen und sich auszuruhen. Er war zu erschöpft um sich um die Konsequenzen Sorgen zu machen, als seine Augen langsam zufielen. Er war genau dort, wo er sein wollte, und zum Teufel mit den Konsequenzen.
Kyoko wimmerte schläfrig und drehte sich um, zu der Wärme neben ihr. Sie zog ihre Hände zu ihrem Kinn hoch und vergrub es darin. Als sie ihren Kopf nach vor beugte und er gegen etwas Festes stieß, seufzte sie und entschied, dass sie wohl wieder träumte. Um die Theorie auszutesten legte sie eine ihrer Hände gegen die Wärme.
Ja, sehr fest. In ihrem Traum kuschelte sie sich näher daran und in ihrem Traum legte sich die Wärme um ihre Hüfte. Sie roch Jasmintee und einem holzigen, erdigen Geruch.
'Wieso geht er mir nicht mehr aus dem Kopf? Er roch so gut.'
Sie erinnerte sich an das erste Mal, dass er sie in ihren Armen gehalten hatte. Er hatte gemeint, dass er sie rettete. Sie lächelte in ihrem Schlaf. Er war so stark und seine Sorge um ihr Wohlsein war richtig süß, auch wenn seine Gründe nicht ganz legitim waren. Damals hatte sie zum ersten Mal bemerkt, wie er roch.
Sie zitterte bei der Erinnerung und das warme Objekt um ihre Hüfte verfestigte sich. Sie schlang langsam einen Arm um die Wärme und erstarrte, als sie das eindeutige Rascheln von Stoff hörte.
'Was? Rascheln von Stoff? Raschelten Träume wie Kleider?'
Kyoko war plötzlich hellwach. Langsam öffnete sie ein Auge halb um verwirrt auf den blau-grauen Mantel zu sehen, mit dem ihre Hände verwoben waren. Und sie… schoss hoch wie eine Rakete, wobei sie seinen Arm mit einem Plumpsen aus dem Weg schlug. Und er, er… stöhnte und drehte sich auf seinen Rücken.
Kyoko war panisch, sah sich in der ganzen Hütte um. Niemand sonst war hier, und dies war eindeutig kein Traum. Shinbe schlief auf ihrer Matte. Sie musste denken. Was passierte? Sie starrte ihn an und war plötzlich wie versteinert.