Kapitel 1-2

325 Mots
Die Außentemperatur ist etwas über dem Gefrierpunkt, und die U-Bahnstation, die ich brauche, ist etwa zehn Blocks vom Restaurant entfernt. Dennoch gehe ich, weil a) meine Hüften die Bewegung gut gebrauchen können und b) ich es mir nicht leisten kann, etwas anderes zu tun. Dieses Treffen hat mein Wochenendbudget so weit verkleinert, dass ich meinen Lebensmitteleinkauf auf Montag verschieben muss. Ich habe Kendall gesagt, dass sie aufhören soll, sich mit mir in teuren Cafés zu verabreden, aber ich hätte wissen müssen, dass sie einen Fünfundzwanzig-Dollar-Brunch nicht als teuer ansehen würde. In New York City ist das praktisch kostenlos. Ehrlich gesagt weiß Kendall nicht, wie angespannt meine Finanzen sind. Ich rede nicht gerne über mein Studentendarlehen. Sie denkt, dass ich in einer Kellerwohnung in Brooklyn lebe und Coupons ausschneide, weil ich einfach gerne Geld sparen möchte. Sie selbst verdient nicht gerade Millionen – als Assistentin eines aufstrebenden Modedesigners bekommt sie nicht viel mehr als ich mit meinem Job in der Buchhandlung und als Lektorin –, aber ihre Eltern zahlen den Großteil ihrer Rechnungen, so dass sie ihr ganzes Gehalt für Kleidung und anderen Luxus ausgibt. Wenn sie nicht so eine gute Freundin wäre, würde ich sie hassen. Als ich die U-Bahnstation betrete, stolpere ich fast über einen Obdachlosen, der auf der Treppe liegt. »Sorry«, murmele ich, und will schnell weitergehen, aber er grinst mich zahnlos an und hält mir eine braune Papiertüte hin. »Das ist okay, kleine Lady«, lallt er. »Willst du einen Schluck? Du siehst so aus, als könntest du einen Drink gebrauchen.« Erschrocken trete ich zurück. »Nein, danke. Ich möchte nichts.« Wie schrecklich sehe ich aus, dass mir Obdachlose Alkohol anbieten? Vielleicht ist wirklich etwas an Kendalls Katzenlady-Diagnose dran. Schulterzuckend nimmt der Mann einen Schluck aus der braunen Tüte, und ich stürze die Treppe hinunter, bevor er mir anbietet, weitere Sachen mit mir zu teilen – wie die Münzen im Hut neben ihm. Ich brauche dringend Geld, aber ich bin nicht so verzweifelt.
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