6. Gut Annalise, St. Marcos, US-Jungferninseln

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SECHS GUT ANNALISE, ST. MARCOS, US-JUNGFERNINSELN 20. April 2013 Das Bild einer jungen Blondine mit Akustikgitarre entstand vor meinem inneren Auge. Nein, ich wusste, er meinte nicht Taylor Swift. Aber wer zum Teufel war Nicks Taylor? Ich redete durch zusammengebissene Zähne. „Taylor“, wiederholte ich. „Ja. Taylor. Er ist fünfzehn Monate alt.“ Nick drückte meine Hand. Keine Frau. Ein Baby. Nur eine geringfügige Verbesserung. Ich bekam urplötzlich Kopfweh. „Ein Baby.“ „Teresa ist auch bei mir.“ Teresa. Das wurde ja immer netter. „Wirklich.“ Was zur Hölle machte er dann hier bei mir? Ich versuchte, ihm meine Hand zu entziehen, aber er ließ nicht los. „Katie, lass mich ausreden.“ Er war seit kurzem geschieden, ich hatte geglaubt, weil er und seine Frau sich nicht leiden konnten, aber ich hatte mich immer gewundert, ob es da nicht noch mehr gab. Ein Baby wäre definitiv mehr. „Und weiter?“ „Er ist mein Neffe. Seine Mama, Teresa, ist meine kleine Schwester. Habe ich dir jemals von ihr erzählt?“ „Nein.“ Die Erleichterung machte mich schwindlig. Taylor war weder eine Frau noch sein eigenes Baby. „Das ist ja schön!“ „Der Vater Derek ist ein Loser, ein verzogener, reicher Junge, der von seiner Entziehungskur zum Dealen überging und dann ins Gefängnis wanderte, gleich nachdem er meine Schwester geschwängert hat und jetzt ist er auf Bewährung draußen. Teresa wohnte bei meinen Eltern in Port Aransas, aber der Loser war in Corpus Christi einfach zu nahe an ihr dran, das ist weniger als eine Stunde weg, er tauchte immer wieder auf, also sind sie und Taylor zu mir gezogen, wie er circa drei Monate war.“ Ich dachte über Nick als großen Bruder mit einer problembeladenen, jüngeren Schwester nach. Ich verstand den Teil mit der Loyalität. Mein älterer Bruder dient als Beispiel für Apfelpastete und Baseball. Wenn überhaupt, dann bin ich das Kreuz, das er zu tragen hat, besonders nach dem Tod unserer Eltern. Kleine Schwestern können die Hölle sein. Trotzdem, ein Baby in Nicks Leben hatte ich nicht erwartet, egal, von wem es war. „Also“, fragte Nick. „Irgendwelche Ideen dazu?“ Ich zählte bis zehn. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Meine Träume von Nick beinhalteten eine Zeit voller Erotik und ein glückliches Leben bis ans Ende unserer Tage, kein Nick, von dem mich ein Ozean trennte, mit einer Schwester und einem Krabbelkind im Schlepptau. Ich fing wieder zu zählen an. Meine Haare hatten sich schon längst gelöst, ich klemmte sie hinter die Ohren. Ich befeuchtete meine Lippen. Ich zählte weiter. Ein plötzlicher Windstoß fegte über den Balkon, er war so heftig, dass ich Nick packte, um mich festzuhalten. Erde wurde von dem kahlen Boden hinter dem Pool aufgewirbelt und schoss in die Höhe wie ein tanzender Geysir. Als der Wind die Richtung wechselte und den Trichter über den Hof auf die unter uns liegende Terrasse wirbelte, wurde ich gegen die Wand gedrückt. „Was zur Hölle ist denn das?“, schrie Nick, sprang auf und zog mich auf die Beine. Er stellte sich vor mich und plötzlich fing ich an zu lächeln. Ja, Annalise, genau. Genauso fühle ich mich innerlich. „Ich glaube, mein Jumbie drückt es gerade viel besser aus, als ich das könnte“, sagte ich. Der Trichter wich etwas zurück und wirbelte auf die Terrasse, die Spitze des Kegels befand sich gerade außerhalb unserer Reichweite. Ich sah hinunter in das hohle Kegelinnere und meine Haare schwebten in die Höhe, als wäre ich unter Wasser. „Dein Jumbie? Meinst du einen Geist? Du nimmst mich doch auf den Arm, oder?“ „Nick, darf ich dir Annalise vorstellen? Annalise, das ist mein charmanter Freund Nick.“ Ich ließ Nick los und stemmte die Hände in die Hüften. „Sie muss dich zumindest ein bisschen mögen, sonst hätte sie dich jetzt schon eingesaugt.“ Ich drehte mich zur Wand und legte Gesicht und Hände auf den gelben Putz. „Ich glaube, er hat es kapiert“, sagte ich. „Danke.“ Der Trichter hörte auf, sich zu drehen, die Erde fiel mit einem kaum hörbaren Geräusch auf den Terrassenboden. Die sanfte Brise setzte wieder ein. Die Nacht war unheimlich still, der Geruch von Staub hing noch in der Luft. Annalises Vorstellung hatte mich belebt, stimuliert. Wenn das alles war, was ich von Nick haben konnte, dann sollte es eben so sein. Ich würde das Beste daraus machen. Nick starrte mich an. „Das war ja wild. Und du“, sagte er und seine Stimme wurde rau, „Du bist der Jumbie.“ Ich legte meine Hände auf seine Brust, rieb seine Haut, bewegte die Hände nach oben, ließ sie seitlich wandern, strich über seine Schlüsselbeine und Schultern. Seine Augen glänzten im Dunkeln. „Das war schön.“ Ich ließ meine Hände an der dunklen Haut seines Halses hinaufgleiten, dann zog ich ihn gerade so weit zu mir herunter, dass ich ihn in den Halsansatz beißen konnte, da, wo er in seine breiten, kantigen Schultern überging. Und nochmal, und wieder, nach oben und auf die Rückseite. Ich hatte das tun wollen, seit ich ihn das erste Mal gesehen hatte, es war sogar noch besser als in meiner Vorstellung. „Ich glaube, ich spinne, du bist kein Jumbie, du bist ein Vampir.“ Dann drückte er mich gegen die Wand und seine Hände auf meinem Körper folgten einem Weg, der meinem sehr ähnelte. Als er an meinem Hals angekommen war, packte er mein Gesicht zwischen Kiefer und Nacken und während er mich küsste, hielt mich so fest, als wäre es ein Kontaktsport. Wenn das so war, hatte ich damit angefangen, und was mich anging, war ich dabei zu gewinnen. Herrgott nochmal, ich wollte diesen Mann lebendig auffressen. „Katie? Bist du das?“, rief eine Stimme. Gerade, als wir zum schönen Teil übergehen wollten.
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