DREI
TAINO, ST. MARCOS, US-JUNGFERNINSELN
20. April 2013
Ich kam nicht weit in meinen hochhackigen Riemchensandalen. Mein Kleid wog gefühlte tausend Pfund und ich hatte meinen Neujahrsvorsatz, dreimal wöchentlich Karate zu trainieren, erst zu einem Drittel in einer einzigen Woche eingehalten. Ich platzte aus der Hintertür des Theaters, klapperte den Bürgersteig entlang und bog um die Ecke, die mich am Vordereingang vorbei auf den Parkplatz, zu meinem Laster und dann zu meinem Haus bringen würde. Außer, dass ich, als ich auf dem Fußweg vor dem Theater ankam, völlig panisch in Nick hineinrannte.
Irgendwie gelang es mir, bei dem Aufprall auf den Beinen zu bleiben und nicht zu sagen „Ach du Scheiße“, was mir auf der Zunge lag. Aber ich formte die Worte mit den Lippen.
„Ich hatte so ein Gefühl, dass du wegrennst“, sagte er.
Er sah genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte – hinreißend, hager und mit dunklem Teint dank seiner Zigeunervorfahren – aber er lächelte auf mich herunter. Das war mal etwas anderes. Das letzte Mal, als ich ihn gesehen hatte, hatte er eine verdammt gute Imitation von „Heathcliff“ im Moor abgeliefert.
Verräterische Tränen quollen mir aus den Augen. Nick trat zu mir und wischte sie weg. Mein Gesicht brannte unter seinen Fingern und kühlte sich wieder ab, sobald er sie zurückzog. Es war das erste Mal, dass er mich berührte, außer einem Händeschütteln, als wir uns vor eineinhalb Jahren kennengelernt hatten. Nur das Geräusch der Käfer, die um das Außenlicht des Theaters brummten, war zu hören, bis er wieder redete.
„Das machen also Rechtsanwältinnen zum Vergnügen auf St. Marcos?“
Das brachte mich zum Lachen. Mit der Rückseite des Arms trocknete ich meine Tränen und versuchte mich zu erinnern, dass ich ihn hasste. „Es war furchtbar, oder?“, fragte ich.
Er grinste. „Du hast noch nie so gut ausgesehen wie jetzt. Du bist so braun und … elegant.“
Hitze stieg mir in die Wangen. „Was machst du überhaupt hier?“
Er lehnte sich lässig an die Hauswand des Theaters und verschränkte die Arme. „Ich wollte mit dir reden. Und dich sehen.“
Ich sah mich um. Da war nichts außer der Bude, die in der Pause Imbisse verkaufte. Ich beschäftigte mich damit, mein Handy in der Handtasche zu verstauen, dann hielt ich die Tasche mit beiden Händen vor mich. „Da hast du eine Menge Gelegenheiten versäumt, sogar, als ich noch in Texas war.“
„Stimmt. Es tut mir leid. Verzeihst du mir und darf ich dir etwas erzählen? Deswegen bin ich nämlich gekommen?“
„Wie hast du erfahren, wo ich bin?“
„Ich bin professioneller Ermittler.“
Das war richtig, aber jetzt sah er gerade nicht so aus in seinen Khaki-Cargo-Shorts, dem roten Texas-Surf-Camp-T-Shirt und den Zehensandalen.
„Also hat es dir Emily gesagt.“ Emily, Nick und ich waren ein beeindruckendes Prozess-Team gewesen – Anwaltsgehilfin, Ermittler und Rechtsanwältin – zu unseren Hailey & Hart-Zeiten in Dallas.
„Ich musste ihr zuerst ein sehr teures Mittagessen bei „Del Frisco’s“ spendieren.“
Ich starrte zu Boden und dachte nach. Konnte ich ihm verzeihen? Ich war mir noch nicht sicher. Konnte ich ihm zuhören? Ich konnte nicht gut ablehnen, wenn er um die halbe Welt gereist war – und ich wollte auch nicht. Der Schweiß lief mir über die Brust und hinunter auf meinen Magen, wobei er eine Spur hinterließ, die seine Zunge machen könnte, wie ich mir oft vorgestellt hatte,
Hör auf damit, sagte ich mir.
„Gut, ich werde dir zuhören. Morgen beim Mittagessen.“
Nicks Lippen wurden ganz schmal, als er sie zusammenpresste. Die Eingangstüre des Theaters schwang auf, die Leute fingen an, herauszukommen und gingen an uns vorbei. Ich hörte einen anhaltenden Strom von Glückwünschen und Zurufen wie „Gut gemacht“, auf die ich mit Kopfnicken und Handheben reagierte.
„Katie?“
Barts Stimme machte mich auf ihn aufmerksam, ich drehte meinen Kopf in seine Richtung. Bart. Mein Noch-nicht-Ex-Freund. Er war auch nicht alleine. Ein unbekannter, zu cool wirkender Typ irgendwo um die Vierzig mit enganliegenden Jeans und dunkler Sonnenbrille lehnte sich zu ihm und sagte etwas. Der dunkle Kopf des Mannes stand in Kontrast zu Barts heller Erscheinung, sein unerlässliches Outfit aus karierten Shorts, Kragenhemd und braunen Deckschuhen vervollständigten den Gegensatz. Bart nickte und ich las ihm seine Antwort von den Lippen ab. „Alles in Ordnung. Wir reden später.“ Der Hipster machte sich auf den Weg zum Parkplatz mit einer blonden Amazone im Schlepptau, die sich in eine Stretchhose gezwängt hatte.
Bart rief mir über die Köpfe der Menge zu: „Ich habe gar nicht gemerkt, dass du gegangen bist. Gilt unsere Verabredung zum Abendessen noch?“
Dann bemerkte er Nick. Bart runzelte die Stirn, als Nick ihn anstarrte und nicht zurückwich. Die Situation hatte das Potential, sehr schnell in die Hose zu gehen. Ich machte zwei Riesenschritte auf Bart zu und griff nach seinem Arm wie nach einem Rettungsring, wobei ich hoffte, dass er das Zittern nicht spürte, das meinen Körper vibrieren ließ.
„Aber klar. Wenn dir noch danach ist nach allem, was mit Tarah passiert ist.“ Ich presste meine staubtrockenen Lippen an seine Wange mit dem dünnen Schweißfilm.
„Das ist schon okay.“ Bart atmete hörbar aus und wandte seinen Kopf Nick zu, um vorgestellt zu werden, aber ich gab ihm einen Schubs in Richtung Parkplatz. Auf dem Weg blieb er stehen, um einen Schwarm Kunden zu begrüßen, stets der gesellige Gastronom.
Beeil dich, Bart, dachte ich. Bevor meine Willenskraft erschöpft ist.
Ich sah über meine Schulter und Nick, der sich an die Wand gelümmelt hatte, richtete sich auf, schweigend und unglücklich, was ihm rechtgeschah. Irgendwie.
„Dann bis morgen“, sagte er.
Ich nickte.
Bart richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf mich und nahm meinen Arm. Als wir wie ein Paar nebeneinander zum Laster gingen, konnte ich die Glut von Nicks Augen auf uns spüren.
„Was ist morgen?“, fragte Bart.
„Mittagessen“, sagte ich in der Hoffnung, dass die Kürze der Antwort ihren Zweck erfüllen würde.
„Wer ist das?“
Ich suchte hastig nach einer guten Lüge, ich fand keine, also hielt ich ihn hin, bis mir eine schlechte Halbwahrheit einfiel, die ich ihm locker servierte. „Er ist ein Ermittler, den ich aus den Staaten kenne, er ist wegen eines Falls hier. Nach dem Wettbewerb sind wir zufällig aufeinandergestoßen. Es wird bestimmt nett, wieder mal mit einem alten Freund zu reden.“
Unsere Füße knirschten auf dem Kies, als wir aus der Beleuchtung des Theaters auf den dunklen Parkplatz kamen. Bart zog mich näher an sich, er taumelte noch stärker als ich auf meinen Absätzen. Er war massiger als Nick. Die kräftigen blonden Haare auf seinen Armen rieben gegen meine Haut und die Hitze seines Körpers, seine Nähe waren plötzlich zu viel. Er roch nach Rum.
Verdammt. Er wusste, dass ich nichts mehr trank, dass ich nichts trinken konnte, nichts trinken durfte. Die endlosen Weinverkostungs-Partys mit seiner exklusiven Klientel waren für mich schon schwer genug. Er hatte versprochen, in meiner Gegenwart nicht mehr zu trinken.
Noch mehr Schweiß, dieses Mal auf meiner Oberlippe. Mein Sushi-Mittagessen, das ich vor dem Wettbewerb verspeist hatte, lag mir auf einmal schwer im Magen, und mit plötzlicher Gewissheit wusste ich, dass ich mich noch in dieser Sekunde von ihm trennen musste. Für immer.
„Bart.“
„Ja?“
Wir blieben neben meinem alten, roten Ford-Pickup stehen, der Ersatz für den, der vor Monaten ohne mich eine Klippe hinuntergestürzt war. „Ich muss das Abendessen streichen. Mir ist schlecht.“ Das war genauso wahr, wie das, was ich vorher zu Jackie gesagt hatte, aber ich ließ den Grund aus. Und den Teil mit „nicht nur heute Abend, sondern für immer“.
„Wirklich?“
Er klang misstrauisch, aber im Dunkeln konnte ich ihn nicht sehen.
„Es ist gerade erst passiert. Tut mir leid.“
„Lass mich dich heimfahren.“
Nein, dachte ich panisch. „Nein, danke. Lieb von dir. Ich muss los.“ Ich hatte Angst, dass ich gleich auf ihn draufkotzen würde.
Er lieferte mich bei meinem Laster ab und ich zog die Tür zu, ohne ihm Gelegenheit zu geben, mich zum Abschied zu küssen. Er stand da, starrte mich an, dann klopfte er ans Fenster.
„Fährst du nicht los?“, fragte er mit erhobener Stimme, damit ich ihn durch das Fensterglas hören konnte.
Ich rief zurück: „Gleich. Ich will noch Ava anrufen. Sicherheit hat Vorrang.“ Ich holte mein Handy aus der Tasche und hielt es hoch. „Bis dann.“
Er zögerte. Ich winkte zum Abschied. Er ging zu seinem Auto und sah wieder zu mir zurück. Ich hielt mir das Handy ans Ohr, tat so, als würde ich mit Ava reden und schauspielerte dabei auf Teufel komm raus. Er öffnete die Tür zu seinem schwarzen Pathfinder, drehte sich nochmal zu mir um und fuhr langsam davon.
Ich war einfach sowas von gemein.