Kapitel 16

906 Palavras
16 Sara Eine Woche ohne Peter. Es fühlt sich unwirklich an, wie ein Traum, aus dem ich darauf warte, aufzuwachen. Oder vielleicht ist es die Tatsache, dass ich nicht richtig schlafe, die meinen Tagen diese seltsame, traumartige Qualität verleiht. In gewisser Weise ist es, als ob ich eine Zeitmaschine betreten hätte – ich bin in einem Krankenhaus und warte darauf, dass sich ein geliebter Mensch von einem lähmenden Autounfall erholt. Nur war damals der Patient George, und er hat es nie aus dem Koma geschafft. Die Prognose meiner Mutter ist viel besser. Die Ärzte haben sie gut zusammengeflickt, und ihre Wunden haben sich nicht entzündet. Sie ist mit all den Gipsverbänden immer noch ruhiggestellt, und sie wird ihren linken Arm vielleicht nie wieder voll nutzen können – zu viele Nerven und Sehnen wurden dort beschädigt – aber sobald ihre gebrochenen Beine verheilt sind, sollte sie mit ausreichender Physiotherapie wieder laufen können. Mein Vater ist überglücklich, sowohl über Mamas Prognose als auch über die Tatsache, dass ich zu Hause bin. Jedes Mal, wenn er ihr Zimmer betritt und mich an ihrem Bett sitzen sieht, zittert sein Mund, als würde er weinen, aber stattdessen bricht er in ein strahlendes Lächeln aus. »Ich denke immer noch, dass du jederzeit verschwinden wirst«, gesteht er, als wir in der Cafeteria des Krankenhauses zu Abend essen. »Dass du, wenn ich mich für eine Sekunde abwende, verpuffst.« Er öffnet seine Hände in einer Bewegung wie ein Zauberer. »In einem Moment hier, im nächsten weg.« »Ach, Papa.« Ich verziehe mein Gesicht und schaue nach unten, während ich mit einer Plastikgabel in meiner Pasta herumstochere. Die Schuldgefühle fressen mich bei lebendigem Leibe auf, denn genau das wird in naher Zukunft passieren – sobald Peter meine Mutter für gesund genug hält. Mit Mühe schaffe ich es, nach oben zu schauen und meinen Vater anzulächeln. »Bitte, mach dir keine Sorgen. Alles ist in Ordnung, okay? Ich bin hier, und alles ist gut.« Ich weiß, dass ich ausweichend klinge – mein Vater hat mir das die ganze Woche lang vorgehalten –, aber es ist schwer, überzeugend zu sein, während ich mit all den Lügen, Halbwahrheiten und Fakten jongliere, die ich an die verschiedenen Personen verfüttere. Die Geschichte für meine Eltern und ihre Freunde ist, dass Peter mein Liebhaber ist und dass er mich trotz seiner andauernden Missverständnisse mit dem FBI nach Hause gebracht hat, weil er mich liebt und will, dass ich für Mama da bin. Ich deute damit an, dass Peters rechtliche Probleme eines Tages vorbei sein werden und wir eine Chance haben, zusammen glücklich zu werden. Im Gegensatz dazu ist das Bild, das ich für das FBI und alle anderen male, das eines Monsters, das mich aus einer Laune heraus entführt hat und schließlich gelangweilt genug war, um mich gehen zu lassen. Der einzige Grund, warum ich in der Lage bin, die beiden Geschichten zu verbreiten, ist, dass die Behörden nicht wollen, dass meine Eltern – oder überhaupt irgendjemand – von Georges Rolle in der ganzen Geschichte erfahren. Und das gilt doppelt für die Ereignisse, die Peter auf den Pfad der Rache geführt haben. Nachdem ich an jenem Tag in der Bar mit Marsha gesprochen hatte, brachte mich Ryson wieder in das Büro in der Innenstadt und befahl mir nicht sehr subtil, den Mund zu halten, was meinen Verdacht über Marshas Zusammenarbeit mit dem FBI bestätigt hat. Es war zu laut an der Bar, als dass die Beamten unser Gespräch hätten mithören können, also konnte er nur deshalb genau wissen, was ich ihr gesagt habe, weil sie es ihm sofort gemeldet hat – oder vielleicht sogar einen Apparat zum Mithören trug. Natürlich habe ich mich reuevoll verhalten und versprochen, diskreter zu sein. Und im Gegenzug habe ich ein Versprechen erhalten, dass die FBI-Beamten ihren Mund in der Nähe meiner Eltern halten und nichts tun werden, um das weniger besorgniserregende Paradigma zu zerstreuen, das ich für sie geschaffen habe. »Wie Sie wissen, ist das Herz meines Vaters schwach, und er braucht nicht zu wissen, dass ich gezwungen war, sie alle diese Monate anzulügen, das würde ihn nur unnötig stressen«, habe ich Ryson gesagt, und dem Agent war das mehr als recht. Ich schätze, er hat auch Marsha ein Schweigegelübde abgenommen, denn als ich Andy im Flur getroffen habe, wusste sie nicht mehr als das, was sie vorher bereits gehört haben musste. »Was ist passiert?«, hatte sie mich gefragt und mich dabei mit unverblümter Neugier und Verwirrung angeschaut. »Du bist eines Tages einfach verschwunden, und das FBI war überall und hat alle befragt. Die Leute sagten, du hättest dich mit einem Kriminellen zusammengetan?« »Das ist eine lange Geschichte«, sagte ich und schenkte ihr ein unangenehm berührtes Lächeln. »Vielleicht können wir uns bald mal treffen und reden? Im Moment wartet meine Mutter …« »Oh, natürlich.« Sie versuchte, ihre offensichtliche Enttäuschung zu zügeln. »Marsha hat mir erzählt, was mit deiner Mutter passiert ist. Es tut mir so leid. Ich hoffe, sie erholt sich bald.« »Das wird sie, danke. Wir sehen uns.« Ich hatte ihr zugewunken und war weitergegangen, während ich versuchte, nicht daran zu denken, wie fehl am Platz ich mich hier fühlte, in diesem Krankenhaus, das einst mein zweites Zuhause war. Wie verloren und allein ich mich ohne Peter fühle. Bald, sage ich mir. Er wird bald kommen, um mich zu holen. Ich muss nur warten. Und ich schiebe die Schuldgefühle, die der Gedanke mit sich bringt, beiseite, setze ein strahlendes Lächeln auf und betrete Mamas Zimmer.
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