EINS
TAINO, ST. MARCOS, US-JUNGFERNINSELN
20. APRIL 2013
Ich weiß nicht, warum um alles auf der Welt ich zugestimmt hatte.
Ich wurde gerade zum Star, nämlich als Moderatorin des St. Marcos-Schönheitswettbewerbs für Damen. Richtig, ich sagte Damen, verheiratete Damen, keine Miss-Wahl. Ich hatte die Ehre, diesen Schönheitswettbewerb für reife, verheiratete Damen zu moderieren. Es tut mir leid, wenn ich das so sage, aber ich war insgesamt gesehen noch nie ein Fan solcher Wettbewerbe – obwohl meine liebe Freundin Emily darauf besteht, dass ihr Titel Miss Amarillo ihr dabei half, ihr abgeschlossenes Studium an der Texas Tech University zu finanzieren – dieser aktuelle Damen-Wettbewerb sorgte jedoch bei mir für einen völlig neuen Grad der Verblüffung.
Aber da war ich nun mal. Die halbe Inselbevölkerung war auch da. Die ungehobelte Hälfte. Ich war mir sicher, das Objekt meiner unerwiderten und vermeintlich begrabenen Zuneigung, ein Typ namens Nick, hätte gesagt, dass sie sich aufführten, als wären sie bei einem Wettkampf zum Traktor-Ziehen, anstatt bei einem Schönheitswettbewerb. Jedenfalls vermutete ich das, da wir seit vielen Monaten keinen Kontakt mehr hatten.
Jackie, die Wettbewerbsleiterin, zog ihre tiefsitzende, blaue Tarnhose über ihren ansehnlichen bana (Hintern), verdeckte dadurch kaum ihren fünf Zentimeter breiten String-Tanga und schwärmte: „Ich kann unser Glück kaum fassen, dass ein so großes Talent wie du unseren Wettbewerb moderieren wird.“ Mit ihrem Insel-Jargon dehnte sie die ‚a‘s, Grammatik spielte darin eine wesentlich schlichtere Rolle, alle Verben blieben im Präsens.
Ich nickte ihr zu, aber für dumm verkaufen konnte sie mich nicht. Sie war einfach erleichtert, jemanden gefunden zu haben, der so blöd war, den Job überhaupt zu machen. Sie hatte versucht, meine Gesangspartnerin, die sinnliche Ava Butler zu engagieren, nachdem sie uns eines nachts in ‚The Lighthouse‘ an der Promenade im Stadtzentrum hatte auftreten sehen. Jackie gefiel unser Geplänkel und unsere Bühnenpräsenz, aber sie hätte Avas einheimischen Status als bahn yah (hier geboren) meinem vorgezogen; ich war ja nur eine vom Kontinent hierher Verpflanzte. Ava hatte schlauerweise eine Ausrede gefunden, das mit dem Wettbewerb bleiben zu lassen und stattdessen mich empfohlen. Dafür würde sie mir bezahlen.
Die Wettbewerbsveranstalter hielten das Event in einem Open-Air-Theater ab, eine vornehme Art auszudrücken, dass es keine Klimaanlage gab. Die hölzernen Türen und Fensterläden standen offen, aber keine spürbare Brise drang bis ins Rauminnere. Die Veranstaltung fand in Inselzeit statt. Warme Körper, die zu lange zu dicht aneinandergepresst waren, sorgten für eine erstickende Atmosphäre, sogar hinter der Bühne. Durch das Leben auf St. Marcos hatte ich die reinigenden Eigenschaften von Schweiß schätzen gelernt, nicht so sehr hingegen die anderen Dinge, die Hitze mit sich brachte wie Fliegen und derben Körpergeruch. Ich erschlug eine Fliege.
Bart, mehr oder weniger mein Freund, Küchenchef und einer der Inhaber des beliebten „Fortuna’s“ Restaurant in der Hauptstadt, saß irgendwo da draußen in diesem Menschenbrei, ob ich ihn nun da haben wollte oder nicht. Eine Frau konnte wirklich nur gewisse Mengen seiner ganz speziell zubereiteten mit Mango durchtränkten chilenischen Zackenbarsche essen, bevor ihr Kiemen wuchsen. Ich war nicht mal sicher, warum er eigentlich gekommen war, denn heute Früh hatte er seine neue Küchenmanagerin tot aufgefunden. Man sollte doch meinen, er hätte deswegen genug zu tun, aber scheinbar nicht.
In letzter Zeit fühlte es sich so an, als ob er mich nie ganz aus seinem Blickfeld ließ; das musste ich ändern. Zum Beispiel jetzt gleich. Ich wollte Zeit haben, in den nächsten Tag zu driften und zwar nach dem Teil des Abends, an dem ich ihm sagen würde, dass er kein Traumprinz und mein Leben kein Märchen war. Vielleicht würde ich es tun. Wenn ich mich traute.
Ich öffnete die roten Samtvorhänge zur Bühne ein paar Zentimeter weit und spähte hindurch, aber ich konnte ihn nicht entdecken. Ich ließ den Vorhang wieder zufallen.
Jackie ergriff erneut das Wort. „Hör zu, bring deine Sachen hierher.“ Sie zupfte an ihrem schwarzen Trägerhemd, das an den einzelnen Reifen um ihre Mitte und den Ausbuchtungen klebte, die ihr BH verursachte. Ihr Zupfen sorgte dafür, dass man ihre BH-Spitzenträger besser sah, aber zumindest passten sie zum Hemd. Bei ihrem im Nacken zusammengebundenen, roten Kopftuch war das nicht der Fall.
Es war schwierig, sie in diesem Aufzug ernst zu nehmen, aber ich versuchte es. Ich schleppte meine mit Klamotten vollgestopfte Tasche über die Bühnendielen in die hintere Ecke und schwitzte in diesen zwanzig Sekunden so massiv, dass sich mein Make-up auflöste. In der Tasche waren zahlreiche Outfits, die ich auf Jackies ausdrückliche Anweisung hin mitgebracht hatte. Sie hatte angeordnet, dass wir uns jedes Mal umziehen sollten, wenn es die Kandidatinnen auch taten, damit das Ganze „interessant bleibt.“ Das bedeutete fünf Mal Umziehen, Gott steh mir bei.
Jackie ging zum Ankleidezimmer, das mit einem in Aluminiumfolie gewickelten Glitzerstern gekennzeichnet war, einer der Sternzacken aus Pappe lag bloß. Ihre Badelatschen machten bei jedem Schritt ein klatschendes Geräusch auf den Boden. Ich sah auf meine Uhr. Es war jetzt offiziell dreißig Minuten nach dem angekündigten Veranstaltungsbeginn. Jackie gab die Schuld an der Verspätung dem heutigen Drama, in das sie sich selber verwickelt hatte. Die tote Küchenmanagerin war, wie sie mich informiert hatte, ihre Cousine dritten Grades auf der Seite des Ex-Gatten ihrer Mutter.
Jackie betrat den Ankleideraum, drehte sich zu mir um und sagte: „Wenn die Polizei kommt und mit mir über Tarah reden will: Ich bin hier drinnen“, dann machte sie die Tür zu.
Na bravo.
Der Lärm der Menge draußen nahm zu. Ich konnte hören, wie die Leute in den Reihen auf den hölzernen Klappstühlen herumrutschten, improvisierte Fächer wedelten hin und her, kleine Füße rannten in den engen Gängen des dunklen Theaters auf und ab. Mein sechsunddreißigster Geburtstag stand vor der Tür, aber meine biologische Uhr verlor den Anschluss.
Ich beschäftigte mich damit, meine Kleider, Schuhe und Preziosen in der Reihenfolge der bevorstehenden Auftritte zu arrangieren, bis Jackie wieder aus dem Umkleidezimmer auftauchte. Sie hatte es irgendwie geschafft, ihre letzte umwerfende Kombination noch zu überbieten, indem sie sich in ein berüschtes, zu enges und zu kurzes Teil gequetscht hatte. Ein breites Grinsen teilte ihr ebenholzfarbenes Gesicht. „Ich habe dieses Kleid bei meiner eigenen Krönung angehabt. Es passt immer noch.“
„Toll“, sagte ich und zog meinen Magen ein.
Jackie war selber mal Schönheitskönigin der St.-Marcos-Damen gewesen, eine hoch gewachsene, wunderschöne Frau, aber seit den Tagen ihres Wettbewerbs vor zwei Jahren hatte sie zwanzig Kilo zugelegt. Es gibt Erinnerungen, die man nicht wiederaufleben lassen sollte.
Und dann war es Zeit anzufangen. Jackie kam auf die Bühne und hieß das Publikum willkommen, wobei sie die Namen der Teilnehmer einzeln aufrief, angefangen bei den wichtigsten Persönlichkeiten im Saal.
„Guten Abend, sehr verehrter Senator Popo, Senator Nelson und Gattin und Ihre drei wunderbaren Kinder“, sagte sie. Als sie zehn Minuten später mit der Liste fertig war, schloss sie mit den Worten: „Und einen schönen guten Abend an alle Damen und Herren des restlichen Publikums.“
Ich hatte mich mittlerweile an das pompöse Procedere gewöhnt, seit ich auf der Suche nach Ausgeglichenheit vor neun Monaten nach St. Marcos gezogen war. Ich hatte sie gefunden, zum Großteil dank meines halbfertigen Jumbie-Hauses, das ich gekauft hatte.
Jumbie im Sinne von Voodoo-Geist.
Ja genau, diese Art von Jumbie.
Wenn man nicht in den Tropen lebt, dann klingt das vielleicht bescheuert, aber ein Alltagsleben durchmischt mit dem Übernatürlichen war etwas, mit dem ich jetzt vertraut war. Gut Annalise war auf der Insel ziemlich bekannt und durch meine Gigs als die eine Hälfte des Gesangsduos mit Ava und meine Verbindung zu dem Haus war ich es offenbar auch.
Schließlich kam Jackie zum Punkt, an dem sie mich vorstellte, ich kam auf die Bühne und fühlte mich seltsam ohne Ava, deren Präsenz normalerweise dafür sorgte, dass ich auch geschätzt wurde. Ich bereute die Wahl meines langen, schwarzen Kleids mit den Spaghettiträgern in selben Moment, als der hüfthohe Schlitz mein knochiges, weißes Bein entblößte und ich mir meinen ersten Beifallspfiff einfing. Darauf war ich nicht scharf gewesen. Trotzdem, die übrige Menge lachte gutmütig über den Pfeifer und ich hatte den Eindruck einer gelungenen Einführung.
Der Wettbewerb selbst war eine schmerzhafte Angelegenheit. Es gab nur drei Teilnehmerinnen, was ich überraschend fand. Nach dem ersten Abschnitt – „Abendkleid“ – wechselten Jackie und ich in der Umkleide hastig das Outfit.
„Warum gibt es nicht mehr Teilnehmerinnen?“, fragte ich, während ich mit den Fingern durch meine langen, roten Haare kämmte und sie hochhielt, damit sie lockig herabfielen. Nein, nicht gut. Ich ließ sie wieder fallen, damit sich die Wellen auf meinem Rücken zurechtlegten.
Jackie kämpfte mit dem seitlichen Reißverschluss ihres asymmetrischen Kleids. Der Spalt schien unüberbrückbar und mir drängte sich der Song Rivers Too Wide auf. „Es ist schwierig, auf St. Marcos eine Einheimische zu finden, die verheiratet ist“, sagte sie.
Das konnte ich nicht bestreiten.
Ihre Stimme hob sich zugleich mit ihrem Zeigefinger. „Meine Cousine Tarah wird jetzt auch nie mehr verheiratet sein und das nur, weil sie alles für ihren Job getan hat.“
Die kürzlich verstorbene Tarah hatte bereits einen Heiligenschein samt Flügeln verpasst bekommen.
Ich ging auf die Bühne, um die nächste Modekategorie vorzustellen und platzierte mich dann auf eine Seite. Die erste Kandidatin stolzierte in einem langärmeligen, bauchfreien Top heraus, das vorne völlig offen war. Während ihrer gesamten Bühnenpräsenz stand mir der Mund offen. Die Menge jubelte ihr begeistert zu. Wir waren von Traktor-Ziehen beim Stripclub angelangt.
Barts Blondkopf stach aus dem Meer schwarzer Haare hervor. Sein Blick fiel auf mich und er reckte die Faust in die Luft.
Lieber Gott, mach, dass dieser Abend bald vorübergeht, flehte ich.
Jackie winkte mich zu einer weiteren Umziehphase herein, aber als ich in meinem nächsten Outfit auftauchte, hielt sie mitten im Schritt inne und stemmte die Hände in die Hüften.
„Katie, zieh dir was anderes an“, bellte sie. „Das sieht dem, was ich anhabe, zu ähnlich.“
Sieh mal an, wie sich die Dinge verändert hatten, seit die Richter diese Frau zur ‚Miss Liebenswürdig‘ gekürt hatten. Mir war heiß. Ich war verschwitzt. Ich eiferte mit meinen roten Haaren und meiner „Couture“ widerwillig Nicole Kidman nach. Ich war nicht glücklich darüber, hier zu sein und ich kann es nicht leiden, wenn man mich herumkommandiert. Außerdem war mein graublaues Michael-Kors-Kleid im griechischem Schnitt mein absolutes Lieblingsstück, und das hier war die auf unabsehbare Zeit einzige Gelegenheit, die mir die Insel bot, es zu tragen. Sie würde mich nicht meiner einzigen kleinen Freude dieses Abends berauben.
„Zieh du dir was anderes an“, schoss ich zurück. „Meines passt perfekt und bei dir ist gerade die Rückennaht geplatzt.“ Ich drehte mich auf dem Absatz um, ging zum Spiegel und richtete mich zu meiner vollen Höhe auf, um meine Gesamtgröße von 1,75 Metern plus sieben Zentimeter-Absätze zur Geltung zu bringen. Ich sah im Spiegel verstohlen zu ihr hin.
Jackie stand mit offenem Mund da und verrenkte den Kopf nach der schuldigen Naht. Alle in Hörweite hinter der Bühne reckten die Daumen hoch und machten OK-Zeichen. Katie, Heldin des Augenblicks.
Ich schritt direkt auf die Bühne, um den intellektuellen Teil des Wettbewerbs in Gang zu bringen. Als erstes nutzte eine der Kandidatinnen die ihr zugeteilte Zeit, um über die Bedeutung des Stillens zu sprechen.
„Es ist dumm, Angst zu haben, dass man davon einen Hängebusen bekommt“, erklärte sie der hingerissenen Menge. „Ich stille meinen acht Monate alten Bub immer noch, und ich glaub nicht, dass mein Busen schlaff ist, was meint ihr?“
Das Publikum war begeistert und schrie ihr zu, dass es eine sehr hohe Meinung von ihrem Busen hatte (oder meinten sie den hochsitzenden Busen?). Wie auch immer, es war die reinste Tortur. Nicht so schlimm, sagen wir mal, wie der Moment, als ich bei meiner letzten Gerichtsverhandlung in Dallas auf dem Boden zusammengeklappt war und wie ein Katzenbaby miaut hatte, ein Moment, den wohl noch viele Generationen auf YouTube sehen würden, aber trotzdem, es war immer noch ziemlich schlimm. Ich versetzte mich geistig an meinen ganz eigenen Platz des Glücks und stellte mir das beruhigende Rauschen des Wassers über den Felsen der Horseshoe Bay vor.
Irgendwie ging die Zeit dann doch vorbei. Nach vier erschöpfenden Stunden näherten wir uns dem Ende des Wettbewerbs. In einer Sauna hatte ich weniger geschwitzt. Ich rechnete mir das kleine Vermögen aus, das ich für eine Trockenreinigung ausgeben müsste, während ich hinter der Bühne darauf wartete, dass die Richter ihre endgültigen Aufzeichnungen sortierten. Ich zog wieder mein Michael-Kors-Kleid an, einfach um Jackie zu quälen und holte meinen Lippenstift heraus, um die Lippen nachzuziehen, als mein iPhone in den Untiefen meiner Tasche brummte. Ich zog es heraus und sah nach.
Die Nachricht lautete: „Ich stimme für die Moderatorin.“
Schräge Nachricht. War die von Bart? Ich sah auf die Nummer. Nein. Von einem der Richter? Konnte nicht sein. Es war ein 214-Ländercode, mein einstiges Revier in Dallas. Ich blickte nochmal auf die Nummer und mein Magen begann zu flattern.
„Wer ist das?“, fragte ich, aber ich kannte die Antwort.
„Nick.“
Mir blieb die Luft weg und ich konnte nicht mehr durchatmen.