Kapitel 3: Der Anwalt kommt an

1749 Words
Seraphinas Perspektive Die Stille zwischen uns spannt sich wie eine geladene Waffe. Mein Handy fühlt sich schwer in meiner Hand an. Die Nachricht steht noch immer auf dem Bildschirm. Frag, wer Sofia Moretti getötet hat. Der Name meiner Mutter. Nach fünfzehn Jahren. Jemand gräbt alte Gräber wieder auf. Jemand will, dass ich Fragen stelle. Fragen, die mein Vater die Hälfte meines Lebens damit verbracht hat, mir beizubringen, nicht zu stellen. Ich sehe Luca an. Er steht vollkommen regungslos da. Maßgeschneiderter Anzug. Beherrschter Gesichtsausdruck. Die professionelle Maske fest an ihrem Platz. Aber ich kenne ihn lange genug, um die Risse zu sehen. Und heute Nacht gibt es viele davon. „Du weißt etwas.“ Sein Kiefer spannt sich an. „Ja.“ Die Antwort schockiert mich. Weil er es zum ersten Mal nicht abstreitet. Mein Magen verkrampft sich. „Wie viel?“ „Genug.“ Mein Lachen klingt bitter. „Das scheint heute Nacht deine Lieblingsantwort zu sein.“ Seine Augen treffen meine. Grau. Scharf. Gefährlich. „Ich versuche, dich zu beschützen.“ „Da ist es wieder.“ Meine Stimme wird lauter. „Dieses Wort.“ Beschützen! Jeder will mich beschützen. Niemand will mir die Wahrheit sagen. „Mein Vater sagte, er würde mich beschützen.“ Ich mache einen Schritt näher auf ihn zu. „Meine Mutter starb, während sie mich beschützte.“ Noch ein Schritt. „Und jetzt beschützt du mich.“ Ich bleibe direkt vor ihm stehen, so nah, dass sich unsere Körper beinahe berühren. Die Hitze, die von seiner Brust ausging, ließ meine Haut kribbeln. Der Duft von Kölnisch Wasser, Rauch und roher männlicher Anziehungskraft drang in meine Sinne ein und schickte einen verbotenen Impuls direkt in mein Innerstes. „Weißt du, was ihr alle gemeinsam habt?“ Zum ersten Mal flackert Unsicherheit über sein Gesicht. „Nein.“ „Ihr fragt nie, was ich will.“ Der Raum wird still. Etwas verändert sich in seinem Ausdruck. Etwas Schmerzhaftes. Dann kehrt seine Maske zurück. „Was du willst und was du brauchst, sind zwei verschiedene Dinge.“ Ich hätte ihm beinahe eine Ohrfeige gegeben. Stattdessen lache ich. „Du klingst genau wie mein Vater.“ Der Vergleich trifft härter als jede Beleidigung. Sein Gesicht verhärtet sich sofort. „Ich bin nichts wie dein Vater.“ „Nein?“ Meine Augen verengen sich. „Dann hör auf, Geheimnisse zu haben.“ Ein Muskel zuckt in seinem Kiefer. Für eine gefährliche Sekunde glaube ich, dass er mir tatsächlich alles erzählen wird. Dann klopft es an der Bürotür. Der Moment zerbricht. Luca schließt kurz die Augen. Fast so, als wäre er erleichtert. Ich hasse das. „Herein.“ Dominic Romano tritt ein. Der Unterboss wirkt so gefasst wie immer. Kein Haar sitzt falsch. Keine Falte in seinem teuren Anzug. Keine Spur von Sorge in seinem Gesicht. Mein Misstrauen ihm gegenüber wächst sofort. Mein Vater wird verhaftet. Ein Soldat ist tot. Die Familie steht am Rand des Zusammenbruchs. Und Dominic sieht bequem und entspannt aus. Das ist niemals ein gutes Zeichen. „Problem?“ fragt Luca. Dominics Blick wandert kurz zu mir. Dann zurück zu ihm. „Mehrere.“ Natürlich. „Wann gibt es die nicht?“ Dominic lächelt beinahe. „Da draußen ist jemand.“ Die Atmosphäre verändert sich augenblicklich. Lucas Haltung wird schärfer. „Wer?“ „Sie wollen keinen Namen nennen.“ Mein Puls beschleunigt sich. „FBI?“ „Nein.“ „Journalisten?“ „Nein.“ Dominic zögert. Was ungewöhnlich ist. Sehr ungewöhnlich. Dann sagt er leise: „Sie behaupten, Informationen über Sofia Moretti zu haben.“ Mein Blut gefriert. Der Raum wird vollkommen still. Jeder Nerv in meinem Körper erwacht. „Was?“ Dominics Blick richtet sich auf mich. „Am Tor steht eine Frau.“ Ich bewege mich sofort. Luca packt meinen Arm. „Auf keinen Fall.“ Ich reiße meine Hand los. „Geh zur Seite.“ „Nein.“ „Geh zur Seite.“ Seine Augen verdunkeln sich. „Nein.“ Der Befehl trifft härter, als er sollte. Ich starre ihn an. Er starrt zurück. Die Spannung knistert zwischen uns. Gefährlich. Scharf. Unerträglich vertraut. Dann räuspert Dominic sich. „Wir verlieren Zeit.“ Das beendet schließlich die Konfrontation. Luca flucht leise. Dann wendet er sich an Dominic. „Bring sie herein.“ Zwanzig Minuten später sitzen wir in einem der privaten Besprechungsräume des Anwesens. Ich. Luca. Dominic. Valentina. Und eine Fremde. Sie scheint Anfang sechzig zu sein. Dünn. Nervös. Verängstigt. Ihre Hände zittern um eine Tasse Tee, die sie nicht angerührt hat. In dem Moment, in dem sie mich sieht, füllen sich ihre Augen mit Tränen. Eine seltsame Reaktion. Eine, die mir sofort missfällt. „Sie kannten meine Mutter.“ Keine Frage. Die Frau nickt. „Ja.“ Mein Herzschlag beschleunigt sich. „Wer sind Sie?“ „Mein Name ist Teresa.“ Nichts. Der Name sagt mir nichts. Sie scheint das zu verstehen. „Ich habe für Ihre Familie gearbeitet.“ Ich runzle die Stirn. „Wann?“ „Vor Jahren.“ Ihre Augen senken sich. „Bevor Ihre Mutter starb.“ Der Raum wird kälter. Niemand spricht. Niemand bewegt sich. Die Frau wirkt verängstigt. Nicht vor mir. Vor etwas anderem. Oder jemand anderem. Mein Blick wandert kurz zu Dominic. Dann wieder weg. „Erzählen Sie.“ Ihre Augen treffen wieder meine. „Ich war das Hausmädchen Ihrer Mutter.“ Die Worte treffen härter als erwartet. Denn plötzlich erinnere ich mich. Nicht klar. Nur Bruchstücke. Eine lächelnde Frau. Warme Hände. Der Duft von Lavendel. Eine Stimme, die auf Italienisch sang. Teresa. Meine Brust zieht sich zusammen. „Sie sind verschwunden.“ Ihre Augen füllen sich mit Tränen. „Man hat mir gesagt, ich soll verschwinden.“ Von wem? Die Frage liegt mir auf der Zunge. Aber ich kenne die Antwort bereits. Mein Vater. Oder jemand, der für ihn handelte. „Was wissen Sie über den Tod meiner Mutter?“ Das Gesicht der Frau wird sofort blass. Augenblicklich. Die Reaktion ist unmöglich zu übersehen. Valentina bemerkt es ebenfalls. Luca auch. Jeder bemerkt es. Teresa senkt den Blick. „Sie wusste etwas.“ Die Worte erreichen uns kaum. „Was?“ Die Frau schluckt schwer. Dann: „Ihre Mutter fand Dokumente.“ Mein Puls springt hoch. „Welche Dokumente?“ „Finanzunterlagen.“ Ich blinzle. Das ist alles? Finanzunterlagen? Aber Teresa schüttelt den Kopf. „Nein.“ Ihre Stimme zittert. „Sie sahen aus wie Finanzunterlagen.“ Der Raum wird still. Jeder hört jetzt aufmerksam zu. Sogar Dominic. Vor allem Dominic. Teresa fährt fort. „Es waren keine Geschäftstransaktionen.“ Ihre Hände zittern. „Es waren Zahlungen.“ Etwas Kaltes kriecht meine Wirbelsäule hinauf. „Zahlungen wofür?“ Die Frau schließt die Augen. Als sie sie wieder öffnet, wirkt sie älter. Müde. Gebrochen. „Für Morde.“ Das Wort schlägt ein wie eine Bombe. Niemand atmet. Nicht eine Sekunde. Nicht zwei. Dann flüstert Valentina: „Oh mein Gott.“ Ich bewege mich nicht. Ich blinzle nicht. Ich reagiere nicht. Denn wenn ich es tue, könnte ich zerbrechen. „Wessen Morde?“ Teresas Stimme wird noch leiser. „Ich weiß es nicht.“ Ich glaube ihr nicht. Luca auch nicht. Das kann ich erkennen. Sein Gesicht verhärtet sich. „Wer hat dafür bezahlt?“ Teresa sieht sofort panisch aus. Nicht nervös. Es ist die Art von Angst, die entsteht, wenn ein Name einen umbringen kann. Sie antwortet nicht. Das sagt mir alles. Mein Herz hämmert. „War es mein Vater?“ Die Frage hängt in der Luft. Teresa beginnt zu weinen. Echte Tränen. Echte Trauer und echte Angst. Und irgendwie ist das schlimmer als jede Antwort. Denn jetzt weiß ich es. Mein Vater war nicht unschuldig. Vielleicht war er nicht schuldig. Aber er war nicht unschuldig. Bevor Teresa antworten kann, geht plötzlich das Licht aus. Alles wird schwarz. Für eine Sekunde bewegt sich niemand. Dann bricht das Chaos los. „Runter!“ Lucas Stimme durchschneidet die Dunkelheit. Stark. Scharf. Befehlend. Ein Schuss explodiert irgendwo draußen. Dann noch einer. Glas zersplittert. Jemand schreit. Mein Puls hämmert gegen meine Rippen. Die Sicherheitsalarme des Anwesens beginnen zu heulen. Rote Notlichter flackern auf. Tauchen den Raum in blutrotes Licht. Und plötzlich verstehe ich. Das war kein Zufall. Teresa hat uns nicht gefunden. Jemand hat dafür gesorgt, dass sie uns findet. Jemand wollte sie hier haben. Jemand wollte sie tot sehen. Luca ist bereits in Bewegung. Seine Waffe erscheint in seiner Hand wie durch Magie. Ich habe nicht einmal gesehen, wie er sie gezogen hat. Dominic zieht ebenfalls eine Waffe. Valentina sieht verängstigt aus. Teresa sieht schlimmer aus. Sie wirkt ergeben. Als hätte sie damit gerechnet. Diese Erkenntnis jagt mir einen Schauer über den Rücken. Dann durchschlägt eine Kugel das Fenster. Glas explodiert überall. Der Raum versinkt im Chaos. Luca packt mich. Zieht mich nach unten. Sein Körper bedeckt meinen sofort. Beschützt mich. Schirmt mich ab. Sein Arm legt sich um meine Taille. Stark. Besitzergreifend. Erschreckend natürlich. Noch ein Schuss ertönt. Diesmal näher. Der Geruch von Schießpulver erfüllt die Luft. Draußen wird geschrien. Gerannt. Geschossen. Gestorben. Und trotz allem konzentriert sich mein Blick nur auf eine Sache. Luca. Die Art, wie sein Körper meinen bedeckt. Die Art, wie seine Hand meine Seite umfasst. Die Art, wie sein Herz fast genauso heftig schlägt wie meines. Dann höre ich Teresa schreien. Das Geräusch durchschneidet alles. Luca blickt sofort auf. Ich auch. Die Frau stürzt von ihrem Stuhl. Blut breitet sich auf ihrer Brust aus. Leuchtend rot. Schrecklich vertraut. Mein Magen verkrampft sich. Nein. Nein. Nein. Sie darf nicht sterben. Noch nicht. Nicht jetzt. Nicht bevor sie mir die Wahrheit sagt. Ich versuche mich zu bewegen. Luca hält mich fester. „Nicht.“ „Lass mich los.“ „Nein.“ „Sie braucht Hilfe.“ Seine Augen treffen meine. Dunkel. Intensiv. Wütend. „Sie ist bereits tot.“ Die Worte zerstören etwas in mir. Ich sehe zu Teresa. Sie ist regungslos. Das Geheimnis stirbt mit ihr. Einfach so. Noch eine Zeugin. Noch eine Leiche. Noch eine begrabene Wahrheit. Meine Brust schmerzt. Denn wer auch immer dahintersteckt, schützt sich nicht mehr nur. Er jagt. Und er gewinnt. Einen Moment später stürmt das Sicherheitspersonal in den Raum. Waffen gezogen. Suchend. Zu spät. Der Killer ist verschwunden. Die Zeugin ist tot. Und irgendwo in diesem Haus lächelt jemand. Ich sehe auf Teresas Leiche. Dann auf Luca. Dann auf Dominic. Einer von ihnen versteht es. Einer von ihnen weiß mehr, als er sagt. Und bevor das hier vorbei ist, werde ich herausfinden, wer. Selbst wenn es mich zerstört. Vor allem, wenn es mich zerstört.
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