Kapitel 2 – Das Mädchen, das keine Angst vor mir hatte

1215 Words
Aus Nicks Sicht Angst war eine Sprache, die jeder an der Blackthorne University verstand. Manche Studenten senkten den Blick, sobald sie mich sahen, andere traten schnell beiseite und machten mir Platz, noch bevor ich sie überhaupt erreicht hatte. Die Klugen taten so, als würde ich nicht existieren … Die mochte ich am liebsten. In dem Moment, als ich das Hauptgebäude betrat, ging ein Raunen durch die Menge. „Das ist er.“ „Heilige Scheiße, das ist Adam …“ „Nicht so starren.“ Ich steckte die Hände in die Taschen und ging weiter, ohne sie zu beachten. Daran hatte ich mich längst gewöhnt. Die Leute reagierten schon lange auf meinen Namen, bevor ich überhaupt einen Fuß nach Blackthorne gesetzt hatte. Die Marmorböden hallten unter meinen Schritten wider. Die Halle war voller Erstsemester, Eltern, Professoren und Studenten, die so taten, als gehörten sie hierher. Blackthorne war keine Universität. Es war ein Schlachtfeld, getarnt als Eliteuniversität voller teurer Uniformen und alten Geldes. Entweder überlebte man hier oder eben nicht. Meine Laune verdüsterte sich, als mir wieder einfiel, warum ich überhaupt so früh auf dem Campus war. Der Dekan … Der alte Mann hatte mich vor weniger als einer Stunde in sein Büro bestellt. Anscheinend wollte er mein „Verhalten“ besprechen. Als hätte er mir nicht schon seit Jahren dieselbe Predigt gehalten. Ich konnte seine Stimme noch immer hören. „Du musst anfangen, deine Ausbildung ernst zu nehmen, Nicholas.“ „Du kannst nicht einfach immer wieder verschwinden, wann immer du willst.“ „Bildung, was?“, spottete ich. Der Mann glaubte tatsächlich, dass mir Noten wichtig wären. Mein Vater besaß praktisch die halbe Stadt. Die Familie Adams finanzierte Gebäude, Krankenhäuser, Wohltätigkeitsorganisationen und Unternehmen. Ein Universitätsabschluss war das Unwichtigste, worüber ich mir Gedanken machen musste. Ich hatte kein Interesse – weder an ihm noch an Blackthorne. Und schon gar nicht an dem erbärmlichen Drama, das sich heute auf dem Campus abspielte. Ich hatte nur ein Ziel: die Jungs finden und dann wieder verschwinden. Mein Handy vibrierte. Eine Nachricht von Nathan. „Wo zum Teufel bist du?“ Sofort erschien eine zweite Nachricht. „Im Separee. Jetzt.“ Ich verdrehte die Augen. Ungeduldiger Mistkerl. Ich war gerade auf dem Weg zur Treppe, als mich jemand anrempelte. Der Aufprall war nicht besonders heftig. Er reichte gerade aus, um mich einen Schritt zurückweichen zu lassen. Aber es genügte. Ein scharfes Knacken durchschnitt die Luft. Mein Blick fiel auf das zerbrochene Handy, das zwischen uns auf dem Marmorboden lag. Einen Moment lang rührte sich niemand. Dann ging sie in die Hocke. „Oh nein …“ Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. Sofort sammelte sie die Scherben mit beiden Händen auf. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, und sie biss sich nervös auf die Unterlippe. Ihre Schultern sanken herab, und sie wirkte aufrichtig am Boden zerstört – als hätte sie gerade eine Tragödie erlebt. Wegen eines verdammten Handys. Ich starrte sie an. Normalerweise reagierten die Leute anders, wenn sie mit mir zusammenstießen. Sie gerieten in Panik und entschuldigten sich sofort. „Entschuldigung“, sagte sie schnell und strich sich eine lose Haarsträhne hinter das Ohr. „Ich habe nicht aufgepasst, wohin ich gehe.“ Sie sah mich immer noch nicht an. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem zerstörten Display. Ich fand das seltsam amüsant. Um uns herum waren Dutzende Studenten stehen geblieben. Alle standen regungslos da, beobachteten uns und warteten. Niemand verstand, warum ich noch nichts gesagt hatte. Ehrlich gesagt wusste ich es selbst nicht. Das Mädchen blickte schließlich auf. Und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit fesselte etwas meine Aufmerksamkeit. Nicht, weil sie schön war – Schönheit war nichts Besonderes. Ich war mit schönen Frauen aufgewachsen. Das hatte mich nie beeindruckt. Das hier war anders. Sie strahlte eine gewisse Ungezwungenheit aus. Ihr blondes Haar war zu einem lockeren Dutt zusammengebunden, der bereits auseinanderzufallen drohte. Einige Strähnen umrahmten ihr Gesicht, und ihre Wangen waren vor Verlegenheit leicht gerötet. Ihre Augen … Die ganze Welt schien sich auf diese Augen zu verengen, die direkt in meine blickten. Sie sahen mich an, als wäre ich nur irgendein Student. Irgendein Fremder, mit dem sie zufällig zusammengestoßen war. Dieser Gedanke hätte mich irritieren sollen. Stattdessen ließ er mich nicht mehr los. „Geht es dir gut?“, erklang eine Stimme neben ihr. Mein Blick wanderte zur Seite. Ein Junge trat vor und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sofort breitete sich ein unangenehmes Gefühl in meiner Brust aus. Ich wusste nicht, warum. Das Mädchen wandte sich ihm zu. Ein kleines, ehrliches Lächeln huschte über ihr Gesicht. Die Art von Lächeln, die man nur jemandem schenkt, dem man vertraut. Freund. Mir wurde es sofort klar. Der Typ schaute zwischen uns hin und her, als könnte er sie irgendwie vor mir beschützen. Niedlich. „Bunty?“, fragte er. „Mir geht's gut“, sagte sie leise. Dann warf sie einen Blick auf das kaputte Handy und seufzte. „Meinem Handy geht's nicht gut.“ Der Typ lachte. Das Geräusch ging mir mehr auf die Nerven, als es eigentlich hätte sollen. „Komm schon“, sagte er. „Wir kommen zu spät.“ Bunty … Der Name setzte sich irgendwo in meinem Hinterkopf fest. Sie nickte. „Du hast recht.“ Für einen Moment dachte ich, sie würde mich noch einmal ansehen. Oder etwas sagen. Irgendetwas. Stattdessen drehte sie sich einfach um und ging. Einfach so. Keine Angst. Keine nervöse Entschuldigung. Kein Versuch, mich zu beeindrucken. Nichts. Ich sah ihr nach, bis sie in der Menschenmenge verschwand. Und zum ersten Mal seit Jahren verspürte ich etwas, das gefährlich nahe an Frustration herankam. Wie konnte sie es wagen, einfach wegzugehen? Der Gedanke war lächerlich. Und völlig irrational. Trotzdem ließ er mich nicht los. Die meisten Menschen kämpften um meine Aufmerksamkeit. Sie hatte sie ohne zu zögern aufgegeben. „Nick.“ Ich blinzelte. Nathan stand ein paar Schritte entfernt mit verschränkten Armen da. „Wann genau hattest du eigentlich vor, weiterzugehen?“ Ich ignorierte ihn. Mein Blick blieb auf die Menschenmenge gerichtet, in der sie verschwunden war. „Wer war das?“, fragte er. Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“ „Warum starrst du ihr dann hinterher?“, grinste er. Endlich sah ich ihn an. Der Mistkerl bemerkte einfach alles. „Halt die Klappe.“ Sein Grinsen wurde noch breiter. Ich hasste dieses Grinsen. Ich zog mein Handy hervor. Ich musste einen Anruf tätigen. Die Verbindung wurde fast sofort hergestellt. „Sir?“ Chris. Effizient wie immer. „Ich brauche Informationen über jemanden.“ „Natürlich, Sir.“ Ich warf einen letzten Blick auf die Stelle, an der sie verschwunden war. „Eine Studentin namens Bunty. Ich glaube, sie ist im ersten Semester.“ „Ist das alles, Sir?“ Ich presste die Kiefer zusammen. Ein seltsames Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Neugier vielleicht. Gefährliche, unbequeme Neugier. „Das ist alles …“ Ich wollte gerade auflegen, als Chris erneut das Wort ergriff. „Es gibt ein Problem, Sir. Ihre Akte … sie wurde markiert.“ Ich runzelte die Stirn. „Von wem?“ „Das wissen wir nicht“, sagte er nach kurzem Zögern. „Aber jemand hat bereits Fragen über sie gestellt … noch bevor Sie es getan haben.“
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