Kapitel 1
Die eisige Morgenluft biss in Georgias bloße Finger, während sie den großen Innenhof des Anwesens fegte. Der grobe Reisigbesen schabte über die steinharten Pflasterplatten und hinterließ kaum sichtbare Linien im dünnen Reif, der sich über Nacht gebildet hatte. Sie hielt den Kopf gesenkt, wie sie es immer tat. Ein falscher Blick, ein zufälliges Treffen der Augen mit einem der Wächter oder gar mit einem ranghohen Rudelmitglied konnte schnell in Schlägen oder Schlimmerem enden. Georgia hatte gelernt, unsichtbar zu sein.
Mit neunzehn Jahren trug sie das schwerste Mal, das es in ihrem Volk geben konnte: gar keines. Keine silberne Mondsichel zierte ihre linke Schulterblattstelle, kein heiliges Zeichen der Mondgöttin, das sie als würdig, als reinblütig, als wertvoll auswies. Stattdessen war sie das stille Ergebnis einer verbotenen Nacht. Ihr Vater, Alpha Reginald, hatte sich einst mit einer menschlichen Magd eingelassen, die danach spurlos verschwand. Georgia blieb zurück, ein lebender Makel, eine Bastardtochter, die man duldete, weil sie nützlich war, aber niemals anerkannte.
Im prächtigen Haupthaus summte es bereits vor Aktivität. Heute war kein gewöhnlicher Tag. Heute traf der gefürchtete Erbe des mächtigen Blackwoodrudels ein. Fredrick Blackwood. Der Name allein genügte, um selbst die tapfersten Krieger leise fluchen zu lassen. Man erzählte sich von ihm, er habe mit sechzehn seinen ersten Herausforderer im Duell in Stücke gerissen, seine Augen hätten die Farbe eines heraufziehenden Gewitters, er lächle nie und kenne keine Gnade. Ein Alpha durch und durch, kalt wie der Winterwind und gefährlich wie ein hungriger Schattenwolf.
Und er kam, um eine Gefährtin zu wählen.
Natürlich fiel die Wahl nicht auf Georgia.
Brenda war die Auserwählte. Brenda, die perfekte Halbschwester, geboren mit dem strahlenden Mondsichelmal, das wie flüssiges Silber auf ihrer zarten Haut leuchtete. Brenda, die seit ihrer frühesten Kindheit in allem unterwiesen wurde, was eine zukünftige Luna wissen und können musste: die alten Rituale der Paarung, die feinen Regeln der Rudelführung, den eleganten Umgang mit Macht und die Kunst, einen Alpha an ihrer Seite zu halten. Brenda war atemberaubend schön, mit langem, golden schimmerndem Haar, smaragdgrünen Augen und einer natürlichen Anmut, die selbst die härtesten Krieger weich werden ließ.
Georgia hatte Brenda stets gemocht. Vielleicht war das die einzige Wärme gewesen, die sie je gespürt hatte. Als kleine Mädchen hatten sie heimlich zusammen gespielt, fernab der strengen Augen der Erwachsenen. Brenda hatte ihr verstohlen Süßigkeiten zugesteckt, ein hübsches Haarband geschenkt oder einfach nur ihre Hand gehalten, wenn Georgia wieder einmal wegen irgendeines Vergehens bestraft worden war. Brenda hatte niemals herablassend gesprochen. Sie hatte Georgia nie spüren lassen, dass sie nur eine Dienerin war, ein Niemand. Diese kleinen Gesten hatten Georgia durch die dunkelsten Jahre getragen.
Doch nun stand alles auf Messers Schneide.
Georgia hörte die Hufschläge zuerst, dann das tiefe, warnende Knurren der Begleitwölfe. Sie zog sich tiefer in den Schatten der Stallmauer zurück und beobachtete, wie die schwere Flügeltür des Haupthauses aufschwang.
Alpha Reginald trat heraus, die Brust vor Stolz geschwellt, ein breites, selbstzufriedenes Grinsen im Gesicht. Direkt neben ihm stand Brenda in einem wunderschönen Kleid aus tiefem Mitternachtsblau. Der Stoff schmiegte sich an ihre schlanke Gestalt, und durch den dünnen Ausschnitt an der Schulter schimmerte das heilige Mal wie ein lebendiges Juwel.
Dann stieg er aus der schwarzen Kutsche.
Fredrick Blackwood war größer, als die Gerüchte ihn beschrieben hatten. Seine Schultern waren breit und kraftvoll, die Arme muskulös unter dem langen, pechschwarzen Mantel. Sein Haar fiel ihm tiefschwarz und ungebändigt in die Stirn. Doch es war sein Gesicht, das einem den Atem raubte: hart geschnitten, mit scharfen Wangenknochen und einer langen Narbe, die von der rechten Schläfe bis hinunter zum Kiefer verlief. Und diese Augen. Sturm grau. Kalt. Durchdringend wie Klingen aus Eis.
Er bewegte sich mit der tödlichen Eleganz eines Raubtiers, das genau wusste, dass nichts auf dieser Welt ihm gefährlich werden konnte. Jeder Schritt strahlte pure, ungezügelte Macht aus. Die Luft schien schwerer zu werden, sobald er den Hof betrat.
Reginald streckte ihm die Hand entgegen. „Willkommen, Fredrick. Es ist uns eine große Ehre.“
Fredrick ergriff die dargebotene Hand nur kurz, fast widerwillig. Seine Stimme war tief, rau und völlig emotionslos. „Alpha Reginald. Ich bin nicht zum Höflichkeitsaustausch gekommen. Zeig mir die Tochter.“
Reginald lachte nervös. „Natürlich, natürlich. Brenda, Liebes, komm her.“
Brenda trat vor, senkte in perfekter Demut den Blick, doch Georgia bemerkte das feine Zittern ihrer Finger. Brenda hatte Angst. Natürlich hatte sie Angst. Wer hätte vor Fredrick Blackwood keine Angst gehabt?
Fredrick musterte Brenda langsam, von Kopf bis Fuß. Kein Funke von Wärme oder Interesse lag in seinem Blick. Nur kühle Berechnung. „Sie trägt das Mal. Das ist gut. Mein Rudel wird es akzeptieren.“
Reginald strahlte vor Erleichterung. „Sie ist die Beste, die wir haben. Rein, stark, gehorsam. Die perfekte Luna für dich und dein mächtiges Rudel.“
Fredrick nickte knapp. „Das Paarungsritual findet in drei Tagen statt. Ich erwarte, dass alles vorbereitet ist.“
Dann wandte er sich ab, als wäre die Angelegenheit bereits erledigt.
Doch genau in diesem Augenblick geschah etwas Unerwartetes.
Ein plötzlicher Windstoß fuhr über den Hof und trug Georgias Duft direkt zu ihm. Fredrick erstarrte mitten in der Bewegung. Sein Kopf ruckte herum. Diese sturm grauen Augen fanden sie sofort, obwohl sie sich halb hinter einem dicken Holzpfeiler verbarg.
Für einen winzigen Moment trafen sich ihre Blicke.
Etwas explodierte in Georgias Brust.
Es war kein normales Gefühl. Es war heiß, wild, urtümlich. Als ob eine unsichtbare Kette, die sie ihr Leben lang getragen hatte, plötzlich zerriss. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie sicher war, jeder im Hof müsse es hören. Ihre Haut prickelte, als ob tausend winzige Funken darüber tanzten. Tief in ihrem Inneren erwachte etwas. Etwas Altes. Etwas Forderndes.
Der Bund.
Unmöglich.
Sie war unmarked. Sie war unwürdig. Sie war nichts.
Und doch starrte Fredrick sie an, als wäre sie das Einzige, was in diesem Moment existierte.
Dann brach der Moment. Er blinzelte, schüttelte kaum merklich den Kopf und wandte sich wieder Reginald zu. „Ich will das Anwesen sehen. Allein.“
Reginald nickte eifrig. „Selbstverständlich. Brenda, du bleibst hier und bereitest dich vor.“
Brenda warf Georgia einen kurzen, verwirrten Blick zu, bevor sie gehorsam den Kopf senkte.
Fredrick ging an Georgia vorbei, ohne sie ein weiteres Mal anzusehen. Doch sie spürte es. Seine Nähe streifte sie wie ein Stromschlag. Sie musste sich gegen die Stallwand lehnen, um nicht zu Boden zu sinken.
Später am Abend, als die Sonne längst versunken war und das große Haus in tiefes Schweigen gehüllt lag, schlich Georgia durch die schmalen Dienstbotengänge. Sie wollte nur einen Krug Wasser holen, doch gedämpfte Stimmen ließen sie innehalten.
Sie erkannte Fredricks tiefe Stimme sofort.
„...die marked Schwester ist nützlich für die Zeremonie. Aber ich brauche einen Erben. Einen starken. Wenn sie nicht schnell genug empfängt, werde ich eine andere nehmen müssen.“
Reginald lachte leise und ölglatt. „Du bist wie immer direkt, Fredrick. Brenda ist fruchtbar. Das wurde vom Heiler bestätigt.“
„Das Rudel lügt, wenn es dem Alpha gefällt.“ Fredricks Ton war eisig. „Ich werde sie nehmen, sie besteigen, sie füllen. Und wenn sie mir keinen Sohn schenkt, werde ich sie verstoßen. Oder töten. Das spielt keine Rolle. Aber ich brauche eine schnellere Lösung.“
Georgia presste sich fester gegen die kalte Steinwand. Ihr Herz raste.
Fredrick sprach weiter. „Es gibt Gerüchte über eine andere. Eine unmarked. Die Bastardtochter.“
Reginald schnaubte verächtlich. „Georgia? Die ist wertlos. Kein Mal, kein Status. Nur eine Dienerin, die den Boden wischt.“
„Und doch riecht sie...“ Fredrick brach ab. Seine Stimme wurde leiser, fast nachdenklich. „Vergiss es. Ich werde Brenda nehmen. Aber falls sie versagt, werde ich die andere benutzen. Als Reserve. Schwängern, das Kind nehmen, sie danach entsorgen. Niemand wird es wagen, mich aufzuhalten.“
Georgia fühlte, wie sich der Boden unter ihr zu drehen begann. Er wollte Brenda benutzen. Wie ein Zuchtmittel. Und wenn das nicht funktionierte, wollte er sie, Georgia, nehmen. Wie ein Ersatzteil. Wie ein Ding ohne Seele.
Tränen brannten in ihren Augen, doch sie schluckte sie hinunter. Brenda hatte das nicht verdient. Brenda war gut. Brenda war die Einzige, die je echte Güte für sie gezeigt hatte.
Sie würde das nicht zulassen.
Sie musste Brenda schützen.
Doch genau in diesem Augenblick hörte sie Schritte.
Fredrick trat aus dem Raum.
Georgia erstarrte.
Er blieb stehen. Nur wenige Meter entfernt. Seine Nasenflügel bebten leicht.
Er roch sie.
Langsam drehte er sich um.
Ihre Blicke trafen sich erneut.
Diesmal gab es kein Verstecken mehr.
Die Luft knisterte vor Spannung.
Fredrick machte einen Schritt auf sie zu.
Georgia wich zurück, bis ihr Rücken hart gegen die Wand stieß.
Er kam näher. Groß. Bedrohlich. Und doch lag etwas Neues in seinen Augen. Nicht nur Kälte. Sondern Hunger. Roher, unverhüllter Hunger.
„Du hast gelauscht“, sagte er leise, fast sanft.
Georgia brachte kein Wort heraus. Ihre Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an.
Er streckte die Hand aus und fasste ihr Kinn. Zwang sie, ihn anzusehen.
Seine Finger brannten auf ihrer Haut wie Feuer.
„Wie heißt du?“
„Georgia“, flüsterte sie kaum hörbar.
„Georgia.“ Er wiederholte den Namen langsam, als würde er ihn kosten. „Du trägst kein Mal.“
„Nein.“
„Und doch...“ Er beugte sich vor, bis sein Mund fast ihr Ohr berührte. Sein Atem strich heiß über ihre Haut. „Du riechst nach mir. Nach meinem Wolf. Nach meinem Verlangen.“
Georgia zitterte am ganzen Körper.
„Das ist unmöglich“, hauchte sie.
„Ist es das?“ Seine Stimme war ein tiefes, vibrierendes Grollen. „Der Mond folgt nicht immer unseren Regeln.“
Er ließ ihr Kinn los und trat einen Schritt zurück.
Doch der Blick, mit dem er sie ansah, versprach mehr. Viel mehr. Versprach Chaos. Versprach Leidenschaft. Versprach Untergang.
„Geh jetzt“, befahl er rau. „Bevor ich vergesse, wer ich bin und was ich tun sollte.“
Georgia floh, so schnell ihre Beine sie trugen.
Doch in ihrem Inneren tobte ein Sturm, der nicht mehr verstummen würde.
Der Bund war erwacht.
Und er würde sie nicht mehr loslassen.
Sie wusste es.
Er wusste es.
Und Brenda stand zwischen ihnen, ahnungslos inmitten eines Krieges, der gerade erst begann.
Die Nacht war noch jung.
Und das Schicksal hatte soeben seine tödlichsten Karten aufgedeckt.