Kapitel 1
In den kalten Hallen des alten Schlosses Silbermond, wo der Wind durch die hohen Bogenfenster heulte wie ein endloses Klagen, existierte Phoebe als bloßer Schatten zwischen den Lebenden. Sie war die unsichtbare Tochter, das Bastardkind ohne Wert, geboren ohne das heilige Mondsichelmal, jenes silberne Zeichen, das jede wahre Erbin des Rudels auswies. Ohne dieses Mal war sie nichts. Keine Prinzessin, keine Auserwählte, nur eine Dienerin in dem Haus ihres eigenen Vaters. Ihre Schritte hallten leise über die Steinböden, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, und ihre Gegenwart wurde geduldet wie die eines lästigen Insekts, das man nicht tötet, weil es zu unbedeutend ist.
Lord Harlan, ihr Vater, der tyrannische Alpha des Silbermondrudels, regierte mit eiserner Hand und einem Herzen aus Granit. Er hatte Phoebe niemals anerkannt. Stattdessen zwang er sie zu den niedrigsten Arbeiten. Sie schrubbte die endlosen Flure, schürte die Feuer in den Kaminen der Großen Halle, wusch die Gewänder derer, die über ihr standen. Ihre Hände waren rau und rot von der Kälte und der harten Arbeit, ihre Kleidung fadenscheinig und grau. Währenddessen wurde ihre Halbschwester Cates wie eine Kostbarkeit behandelt. Cates trug das Mondsichelmal stolz auf ihrer linken Schulter, ein perfektes, leuchtendes Halbmondsymbol, das im Schein des Vollmonds silbern glühte. Cates war schön, mit goldenem Haar, das wie Sonnenstrahlen fiel, mit Augen von klarem Blau und einer Anmut, die selbst die härtesten Krieger weich werden ließ. Seit ihrer Geburt wurde sie zur perfekten Luna erzogen. Die Zukunft des Rudels ruhte auf ihren Schultern.
Phoebe hasste Cates nicht. Wie auch? Cates war die Einzige, die je echte Güte gezeigt hatte. In heimlichen Momenten, fern der Augen des Vaters und der Hofdamen, hatte Cates ihr Brot und Obst zugesteckt, warme Decken in die kalte Kammer gebracht oder leise Worte der Ermutigung geflüstert. „Du bist stärker, als sie denken, Phoebe“, hatte sie einmal gesagt, während sie Phoebes aufgesprungene Hände mit Salbe einrieb. „Vergiss das nie.“ Diese wenigen Augenblicke waren das Einzige, was Phoebe je von Wärme gespürt hatte. Sie klammerte sich daran wie an einen letzten Funken Licht in endloser Nacht.
Doch nun drohte selbst dieser Funke zu erlöschen.
Der Grund dafür war Prinz George.
Prinz George von Blackthorn, Erbe des mächtigsten Rudels des Nordens, war eine Legende und ein Schrecken zugleich. Groß, breitschultrig, mit einem Gesicht wie aus dunklem Stein gemeißelt und Augen von der Farbe eines heraufziehenden Sturms, grau und unbarmherzig. Man erzählte sich Geschichten von ihm an den Feuern: wie er Rudel unterworfen hatte, ohne mit der Wimper zu zucken, wie er Feinde mit bloßen Händen zerbrach, wie seine bloße Anwesenheit genügte, um Krieger zittern zu lassen. Er war kalt, berechnend und gefährlich magnetisch. Und nun war er hier, im Schloss Silbermond, um das Bündnis zweier starker Linien zu besiegeln. Durch eine Paarung. Durch Cates.
Das ganze Rudel sprach davon. Die Diener flüsterten in den Küchen, die Wachen tauschten Blicke im Hof. Prinz George würde Cates zur Gefährtin nehmen, sie schwängern und die Allianz durch ein Kind festigen. Danach würde er entscheiden, ob er sie behielt oder nicht. Die meisten glaubten, er würde sie behalten, denn wer würde eine Luna mit dem Mondsichelmal verstoßen? Doch Phoebe kannte die Wahrheit nicht. Noch nicht.
An jenem Abend, als der Vollmond bleich und riesig am Himmel stand, trug das Schicksal Phoebe in die verbotene Galerie über dem großen Saal. Sie war dort, um die Kerzen in den Wandhaltern zu ersetzen, eine Aufgabe, die man ihr immer gab, weil sie klein war und keine Fragen stellte. Leise stieg sie die schmale Leiter hinauf, den Korb mit frischen Kerzen in der Armbeuge. Doch als sie oben ankam, hörte sie Stimmen. Tief, männlich, autoritär.
Sie erstarrte.
„Ich erwarte Gehorsam“, sagte Prinz George. Seine Stimme war ruhig, aber sie schnitt durch die Luft wie eine Klinge. „Cates mag das Mal tragen, aber ich brauche mehr als nur ein Zeichen auf der Haut.“
Lord Harlan lachte kurz und hart. „Sie ist perfekt erzogen. Sie wird tun, was man von ihr verlangt. Das Kind wird stark sein, das Mal wird sich vererben. Das Bündnis wird unzerbrechlich.“
„Gut“, erwiderte George. „Denn ich habe nicht vor, sie lange zu behalten. Ich werde sie benutzen, sie schwängern und danach... entsorgen. Das Kind bleibt bei mir. Sie kann zurückkehren in ihr goldenes Gefängnis oder wohin auch immer. Es ist mir gleich.“
Phoebe spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Entsorgen? Cates? Die sanfte Cates, die Blumen pflückte und Vögeln Namen gab? Sie sollte wie ein Werkzeug benutzt und dann weggeworfen werden?
„Und wenn sie Widerstand leistet?“, fragte Harlan vorsichtig.
„Dann werde ich sie brechen“, antwortete George ohne Zögern. „Aber ich glaube nicht, dass es so weit kommt. Sie ist zu gehorsam. Zu gut.“
Phoebe wollte hinunterstürmen, wollte schreien, wollte Cates warnen. Doch ihre Beine gehorchten nicht. Stattdessen presste sie sich gegen die kalte Steinwand, das Herz hämmernd.
Dann geschah es.
Prinz George hob den Kopf.
Seine sturmgrauen Augen richteten sich genau nach oben, genau auf die Galerie, genau auf Phoebe.
Ihre Blicke trafen sich.
Die Welt kippte.
Etwas Uraltes, etwas Animalisches erwachte in ihrer Brust. Ein Feuer, das sie nicht kannte, loderte auf, heiß und wild. Ihr Atem stockte. Ihr Körper zitterte. Und in seinen Augen sah sie dasselbe Erwachen. Ein Funke. Ein Erkennen. Ein Band.
Unmöglich.
Sie trug kein Mal. Sie war unmarked. Sie war nichts. Und doch zog etwas an ihr, unsichtbar und unwiderstehlich, wie eine Kette aus Mondlicht und Sturm. Das Band, das nur zwischen Auserwählten entstehen sollte, pulsierte zwischen ihnen, lebendig und fordernd.
George blinzelte nicht. Seine Nasenflügel weiteten sich, als würde er eine Witterung aufnehmen. Dann verzog sich sein Mund zu einem langsamen, raubtierhaften Lächeln.
„Wer ist dort oben?“, fragte er leise, doch seine Stimme trug durch den Saal wie ein Befehl.
Harlan folgte seinem Blick. „Nur die Dienerin. Phoebe. Kümmere dich nicht um sie. Sie ist bedeutungslos.“
„Bedeutungslos“, wiederholte George, als würde er das Wort prüfen. „Wie interessant.“
Phoebe wich zurück, stolperte fast von der Leiter. Ihr Atem ging stoßweise. Sie floh, rannte die schmalen Dienstbotentreppen hinunter, durch dunkle Gänge, bis sie ihre winzige Kammer erreichte. Dort warf sie sich auf die harte Pritsche und presste die Hände gegen die Brust, als könnte sie das rasende Herz bändigen.
Was war das gewesen?
Ein Irrtum. Ein Wahn. Das Band konnte nicht existieren. Nicht mit ihr.
Doch sie hatte es gespürt. Und er auch.
Die ganze Nacht lag sie wach, starrte in die Dunkelheit und kämpfte gegen die Panik. Sie durfte Cates nicht verraten, was sie gehört hatte. Nicht direkt. Aber sie musste handeln. Sie konnte nicht zulassen, dass Cates so missbraucht wurde. Cates verdiente Liebe, Freiheit, ein echtes Leben. Nicht das Schicksal einer bloßen Gebärmaschine.
Am nächsten Morgen, als der Himmel noch grau war und der Frost auf den Rosen lag, fand Phoebe Cates im hinteren Garten. Ihre Halbschwester saß auf einer steinernen Bank, ein Buch auf dem Schoß, das Haar wie flüssiges Gold im fahlen Licht.
„Phoebe“, sagte Cates überrascht und lächelte warm. „Du bist früh wach.“
Phoebe kniete sich vor sie, die Hände zitternd ineinander verschlungen. „Cates, ich muss mit dir reden. Es ist dringend.“
Cates legte das Buch weg. „Was ist geschehen? Du siehst aus, als hättest du die Nacht nicht geschlafen.“
Phoebe holte tief Luft. „Ich habe gestern Abend etwas gehört. Über Prinz George. Über seine Pläne mit dir.“
Cates wurde still. „Was für Pläne?“
„Er will dich benutzen. Dich schwängern und dann wegwerfen. Er will nur das Kind. Nicht dich.“
Cates schloss kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete, glänzten Tränen darin, aber ihre Stimme blieb ruhig. „Ich wusste es, Phoebe. Nicht die genauen Worte, aber... ich habe es geahnt. Vater hat es mir gesagt. Es ist meine Pflicht.“
„Pflicht?“, flüsterte Phoebe entsetzt. „Das ist kein Leben. Das ist Sklaverei.“
„Ich habe keine Wahl“, sagte Cates leise. „Wenn ich mich weigere, wird Vater dich bestrafen. Oder Schlimmeres. Er hat es mir geschworen. Und ich lasse nicht zu, dass dir etwas geschieht.“
Phoebe spürte, wie Tränen über ihre Wangen liefen. „Du darfst das nicht für mich tun.“
Cates nahm ihre Hände. „Du bist meine Schwester. Auch wenn die Welt es leugnet. Ich würde alles für dich opfern.“
In diesem Moment hörten sie Schritte.
Schwere, entschlossene Schritte.
Phoebe drehte sich um.
Prinz George stand am Bogengang zum Garten.
Er trug schwarzes Leder, das sich wie eine zweite Haut an seinen Körper schmiegte. Sein dunkles Haar fiel ihm in die Stirn, und seine sturmgrauen Augen waren allein auf Phoebe gerichtet. Nicht auf Cates. Nur auf Phoebe.
„Du“, sagte er leise. „Die Dienerin ohne Mal.“
Phoebe stand auf, stellte sich schützend vor Cates. „Was wollt Ihr hier?“
George kam näher, jeder Schritt bedacht und gefährlich. „Ich will wissen, warum du gelauscht hast.“
„Ich habe nicht gelauscht“, sagte Phoebe fest. „Ich habe Kerzen gewechselt.“
„Lüge“, erwiderte er sanft. Zu sanft. „Ich habe deinen Geruch in der Galerie gerochen. Und deinen Herzschlag gehört. Er hat dich verraten.“
Cates erhob sich ebenfalls. „Prinz George, bitte. Phoebe ist harmlos.“
Er ignorierte sie. Seine Augen ließen Phoebe nicht los. „Du hast Angst. Aber da ist mehr. Etwas... Hungriges.“
Phoebe ballte die Fäuste. „Lasst meine Schwester in Ruhe.“
„Deine Schwester“, wiederholte er amüsiert. „Du nennst sie so, obwohl dein Vater dich verleugnet.“
„Das ändert nichts“, sagte Phoebe.
George trat noch näher, bis nur noch eine Handbreit zwischen ihnen war. Sie spürte seine Körperwärme, seinen Geruch nach Wildnis, Kiefer und Sturm. Ihr Körper reagierte gegen ihren Willen. Ihr Puls raste, ihre Haut brannte.
„Du bist unmarked“, murmelte er. „Und doch...“
Er hob die Hand, strich mit den Fingerspitzen über ihre Wange.
Phoebe zuckte zurück, aber das Band flammte auf, heiß und unaufhaltsam.
George atmete scharf ein.
„Unmöglich“, flüsterte er.
Phoebe stolperte rückwärts gegen Cates. „Bleibt weg von mir.“
Doch George lächelte nur. Dieses kalte, hungrige Lächeln, das versprach, alles zu nehmen.
„Wir werden sehen“, sagte er leise. „Wir werden sehen, wie lange du vor mir fliehen kannst, Phoebe.“
Dann drehte er sich um und verschwand im Schatten des Bogengangs.
Cates umklammerte Phoebes Arm. „Was war das?“
Phoebe zitterte am ganzen Leib. „Ich weiß es nicht“, flüsterte sie. „Aber es wird uns alle zerstören.“
Und in ihrem Inneren brannte das Band wie ein Fluch und ein Versprechen zugleich.
Der Morgen war noch jung, aber für Phoebe hatte die Dunkelheit bereits begonnen. Ein Sturm zog auf. Und sie stand mittendrin.