Kapitel 2: Die Bedingungen des Teufels

1761 Words
Die Stille im Büro des Penthouses wurde bedrückend, erstickend und von Spannung erfüllt. Draußen vor den raumhohen Fenstern warf die Nachmittagssonne lange, goldene Lichtstreifen über den Obsidianboden, doch drinnen fühlte sich die Luft an wie in einem eisigen Tresorraum. Ethan Vance blinzelte nicht. Seine eisigen, grauen Augen blieben auf meine geheftet und verfolgten den unregelmäßigen Puls, der an meinem Halsansatz flatterte. Er musterte mich, schälte meine selbstbewusste Haltung ab, um das verzweifelte Mädchen darunter zu erkennen. Jede andere Frau in Veridon City wäre unter diesem furchterregenden, raubtierhaften Blick zusammengebrochen. Aber ich war bereits lebendig verbrannt. Ein Milliardär im Sitzungssaal konnte einer Frau, die die Asche der Hölle gekostet hatte, keine Angst einjagen. „Ein kleines Mädchen?“, wiederholte ich, wobei meine Stimme eine Oktave tiefer wurde und jedes Quäntchen ihrer früheren Sanftheit verlor. Ich straffte meinen Rücken, hob langsam meine Hände von seinem Schreibtisch und strich die Vorderseite meines Rocks glatt. „Ein kleines Mädchen hätte Ihre Tier-3-Firewall nicht umgangen, um an die Spezifikationen des Helios-Projekts zu gelangen, Mr. Vance. Ein kleines Mädchen wüsste nicht, dass Ihr Chief Technology Officer derzeit Bestechungsgelder von einem europäischen Syndikat annimmt, um Ihren Start zu verzögern.“ Ethans Haltung versteifte sich augenblicklich. Das spöttische Grinsen verschwand von seinen Lippen und wich einer dunklen, tödlichen Stille. Er rief keinen Sicherheitsdienst. Er schrie nicht. Er streckte einfach die Hand aus, klappte seinen Laptop mit einem leisen, bedrohlichen Klicken zu und beugte sich vor. „Sie haben genau dreißig Sekunden Zeit, mir zu sagen, für wen Sie arbeiten“, sagte er, und seine Stimme vibrierte vor einer leisen, gefährlichen Drohung. „Bevor ich Sie für immer aus dieser Stadt verschwinden lasse.“ „Mein Name ist Scarlett Vance. Keine Verwandtschaft zu dir – noch nicht“, erwiderte ich und hielt seinem Blick mit absoluter Trotzigkeit stand. „Und ich arbeite für niemanden. Ich bin die alleinige Architektin meiner eigenen Pläne. Ich weiß, dass Sterling Industries morgen früh um 9:00 Uhr ein feindliches Übernahmeangebot für deine Logistik-Tochtergesellschaft ankündigen wird. Sie glauben, sie hätten dich in die Enge getrieben, weil sie heimlich deine Schifffahrtsrouten aufgekauft haben.“ Ich trat einen Schritt näher, und der geisterhafte Geruch von Rauch und Benzin schoss mir plötzlich durch den Kopf und schürte die kalte Wut in meiner Brust. „Aber was Jason Sterling nicht weiß, ist, dass die Grundbuchurkunden, die er als Sicherheit für diesen Aufkauf verwendet hat, gefälscht sind. Ich weiß das, weil ich die echten versteckt habe. Wenn du mich heiratest, werde ich dir diese Urkunden übergeben. Du wirst ihre Übernahme nicht nur überstehen; du wirst ihre gesamte Infrastruktur im Sturm erobern.“ Ethan starrte mich an, während sein scharfer, aristokratischer Verstand sichtlich die Variablen abwog. Er war ein Mann, der mit Logik, Macht und absoluter Kontrolle regierte. Dass eine ihm unbekannte Frau in sein Büro stürmte und ihm im Austausch gegen einen Ehering einen Glücksfall für das Unternehmen anbot, widersprach jeglicher Logik. „Und warum solltest du mir den Untergang von Sterling Industries auf dem Silbertablett servieren?“, murmelte Ethan und verengte die Augen zu Schlitzen. „Jason Sterling ist Ihr Verlobter. Die Medien bezeichnen Sie als das Traumpaar der Tech-Branche.“ Ein bitteres, hohles Lachen entfuhr mir, bevor ich es unterdrücken konnte – ein Laut, der so rau und voller Qual war, dass Ethans Augenbraue unmerklich zuckte. „Er war mein Verlobter“, sagte ich, wobei meine Stimme leicht zitterte, als mir das Bild von Jason vor meinen Augen aufblitzte, wie er neben dem brennenden Auto stand. Ich unterdrückte es und ersetzte die Trauer durch eiserne Boshaftigkeit. „Jetzt ist er nur noch ein lebender Toter. Ich will sein Geld nicht, Mr. Vance. Ich will seinen Ruin. Ich will zusehen, wie er alles verliert, wofür er mein Leben geopfert hat, um es aufzubauen. Und Sie sind der einzige Mann in dieser Stadt, der die Macht hat, dafür zu sorgen, dass er nie wieder aufstehen kann.“ Ethan lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und trommelte mit einem einzigen, langen Finger gegen die Mahagoni-Armlehne. Die Spannung im Raum war greifbar. Er analysierte den puren, unverfälschten Hass, der von meinem Körper ausging. Er erkannte ihn. Es war derselbe kalte, berechnende Blick, den er seinen eigenen Feinden zuwarf. „Eine Scheinehe ist ein öffentlicher Zirkus“, stellte Ethan kühl fest. „Sie erfordert gemeinsames Vermögen, Medienauftritte und das Zusammenleben unter einem Dach. Ich toleriere keine Belastungen in meinem Umfeld, Scarlett.“ „Es wird keine Belastung sein. Es wird eine Transaktion sein“, entgegnete ich, zog ein ordentlich gefaltetes Blatt Papier aus meiner Handtasche und schob es über den Schreibtisch. „Ich habe die Bedingungen bereits entworfen. Ein Jahr. Getrennte Schlafzimmer. Keine Einmischung in das Privatleben des anderen. Bei Auflösung des Vertrags verzichten wir vollständig auf den Anspruch auf das Vermögen des anderen. In der Öffentlichkeit spielen wir die Rolle eines tief verbundenen Paares, um unsere Feinde zu täuschen. Privat sind wir Fremde.“ Ethan blickte auf das Papier hinunter, nahm es aber nicht in die Hand. Stattdessen hielt er meinen Blick fest im Griff. „Du hast dir das gut überlegt. Aber du vergisst ein entscheidendes Detail.“ „Und das wäre?“ „Ich brauche keine Frau, um Jason Sterling zu vernichten“, sagte er gelassen, den Kopf in einer arroganten, gefährlichen Haltung geneigt. „Ich bin Ethan Vance. Ich kann sein kleines Imperium mit einem einzigen Anruf zerstören.“ „Du kannst seine Firma zerstören, ja“, entgegnete ich und beugte mich erneut über seinen Schreibtisch, mein Gesicht nur wenige Zentimeter von seinem entfernt. „Aber du kannst seine Seele nicht zerstören. Ich kann das. Ich kenne jedes Geheimnis, jede Schwäche, jede illegale Transaktion, die er jemals getätigt hat. Ich bin der Kopf hinter seinem Erfolg, Mr. Vance. Wenn Sie mich im Stich lassen, werde ich einen anderen Milliardär finden, der bereit ist, den Deal anzunehmen. Aber wir wissen beide, dass niemand den Bösewicht besser spielt als Sie.“ Einen langen, quälenden Moment lang rührte sich Ethan nicht von der Stelle. Die Stille zog sich in die Länge, bis meine Lungen nach Luft brannten. Dann breitete sich langsam ein dunkles, umwerfend attraktives Lächeln auf seinem Gesicht aus. Es war kein warmherziges Lächeln; es war das Lächeln eines Spitzenprädators, der einen neuen Wolf im Rudel willkommen hieß. Er nahm einen eleganten, goldenen Füllfederhalter von seinem Schreibtisch und schraubte die Kappe ab. „Ein Jahr“, murmelte Ethan, seine Stimme ein leises, raues Versprechen. „Getrennte Schlafzimmer. Aber lassen Sie uns eines ganz klarstellen, zukünftige Mrs. Vance … wenn Sie mich belügen, wenn auch nur eine einzige Angabe in Ihren Unterlagen falsch ist, werde ich nicht nur den Vertrag auflösen. Ich werde Sie zusammen mit den Sterlings vernichten.“ „Abgemacht“, flüsterte ich. Ethan unterschrieb am unteren Rand der Seite mit einer scharfen, aggressiven Kursivschrift. In dem Moment, als die Tinte trocknete, fiel mir eine schwere Last von der Brust, die von einem mulmigen Gefühl der Vorahnung abgelöst wurde. Phase eins war abgeschlossen. Ich hatte meinen Schutzschild. Plötzlich vibrierte mein Handy heftig in meiner Handtasche. Ich holte es heraus. Auf dem Bildschirm blinkten siebenundzwanzig verpasste Anrufe und eine Flut verzweifelter SMS. Alle stammten von Jason. Ich entsperrte den Bildschirm und las die neueste Nachricht in Gedanken laut vor: Scarlett, wo zum Teufel bist du?! Die Vorstandssitzung hat vor zwanzig Minuten begonnen. Die Hauptpräsentationsdatei fehlt komplett auf dem Server! Die Investoren sind wütend. Schieb deinen Hintern sofort hierher, mit der Backup-Festplatte! Ein kalter, triumphierender Schauer durchfuhr mich. Ich blickte zu Ethan auf, der mich mit einem amüsierten Funkeln in seinen wintergrauen Augen beobachtete. „Anscheinend steckt mein Ex-Verlobter gerade in einer kleinen Krise“, sagte ich und zeigte ihm den Bildschirm. Ethan stand auf und schnallte sich seine teure Luxusuhr ans Handgelenk. Seine imposante, sechs Fuß zwei große Statur dominierte augenblicklich den Raum und warf einen langen Schatten auf mich. Er ging um den Schreibtisch herum und blieb nur wenige Zoll von mir entfernt stehen, wobei sein klarer, teurer Duft nach Zedernholz und Amber meine Sinne umhüllte. „Dann lassen wir ihn nicht länger warten“, murmelte Ethan und reichte mir seinen Arm. „Die Presse hat sich draußen bereits für meine Nachmittagspressekonferenz versammelt. Sollen wir ihnen mal einen echten Gesprächsstoff liefern?“ Ich lächelte – ein aufrichtiges, erschreckend kaltes Lächeln – und schob meine Hand in seine Armbeuge. Zehn Minuten später glitten die schweren Glastüren der Lobby von Vance Global auf. Sofort wurden wir von einer Wand aus blendend weißen Kamerablitzen und schreienden Journalisten empfangen. „Mr. Vance! Mr. Vance! Stimmt es, dass Vance Global den Logistiksektor übernehmen will?“ „Mr. Vance, wer ist die Frau an Ihrer Seite?“ Ethan ging weiter, sein Griff um meine Hand verstärkte sich mit einer besitzergreifenden, autoritären Kraft, die einen elektrisierenden Schauer über meine Haut jagte. Er blieb direkt vor der Ansammlung von Mikrofonen stehen und zog mich fest an seine Seite, damit die ganze Welt es sehen konnte. „Ich habe heute nur eine einzige Erklärung für die Presse“, verkündete Ethan, wobei seine tiefe Baritonstimme den Lärm der Menge durchdrang und augenblicklich Stille herbeiführte. Er drehte den Kopf und blickte auf mich herab – mit einem Blick, der so intensiv zärtlich war, dass er selbst Gott getäuscht hätte. „Ich möchte euch allen Scarlett vorstellen“, sagte Ethan, während seine Stimme über den Innenhof hallte und dazu bestimmt war, innerhalb einer Stunde in jedem Fernsehsender von Veridon City ausgestrahlt zu werden. „Meine Verlobte. Und die zukünftige Matriarchin des Vance-Imperiums.“ Am anderen Ende der Stadt, in dem chaotischen, verwüsteten Sitzungssaal von Sterling Industries, würde Jason genau diese Live-Übertragung verfolgen. Er würde die Frau sehen, die er für selbstverständlich gehalten hatte, die Frau, die er wegen ihres Reichtums ermorden wollte, wie sie in den Armen des mächtigsten Mannes des Landes stand. Die Kameras blitzten wie ein Lauffeuer und blendeten mich. Doch als ich in die Objektive blickte, sah ich nur den Beginn von Jasons Hinrichtung. Plötzlich packte mich eine schwere, raue Hand von hinten an der Schulter und riss mich rückwärts aus Ethans schützender Umarmung. „Was zum Teufel machst du da, Scarlett?!“ Ich schnappte nach Luft und wirbelte herum. Mit schief sitzender Krawatte und blutunterlaufenen Augen, in denen sich geschäftliche Panik und heftige Wut vermischten, stand Jason mitten im Medienrummel. Er war dem GPS meines Handys gefolgt. Und nach dem verzerrten, verzweifelten Ausdruck auf seinem Gesicht zu urteilen, war er nicht nur hier, um seine Dateien zurückzubekommen – er war hier, um sich das zu holen, von dem er glaubte, dass es ihm gehörte.
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