Kapitel 1: Die Asche meiner Hingabe
„Unterschreib die Einwilligungserklärung, Scarlett, sonst lassen wir sie die Maschinen trotzdem abschalten.“
Die Stimme gehörte Jason – dem Mann, den ich in sechs qualvollen, schlaflosen Jahren zu einem Immobilienmagnaten aufgebaut hatte. Dem Mann, dessen schwerer Verlobungsring aus Platin mir gerade ein Loch voller absoluten Verrats in die Manteltasche brannte.
Ich konnte mich nicht bewegen. Mein Körper fühlte sich an wie flüssiges Feuer, eingeklemmt unter den zerknitterten, rauchenden Trümmern meines umgestürzten Sedans. Der erstickende Gestank nach Benzin, schmelzendem Plastik und meinem eigenen verkohlten Fleisch verstopfte mir die Kehle, sodass sich jeder Atemzug anfühlte, als würde ich Glasscherben schlucken. Durch die zersplitterte, blutbefleckte Windschutzscheibe war die Welt draußen ein verzerrter Albtraum aus rot aufblitzenden Glutresten. Und mitten darin standen, völlig unberührt von dem Schrecken, die beiden Menschen, die ich am meisten auf der Welt geliebt hatte.
Jason stand da, makellos in seinem maßgeschneiderten anthrazitfarbenen Anzug, kein einziges Haar saß falsch. Eng an seine Seite geschmiegt, ihre Finger mit geübter Zerbrechlichkeit an seinem Revers festgeklammert, stand meine Stiefschwester Chloe. Sie trug die maßgefertigte Diamantkette, nach der ich letzte Woche verzweifelt gesucht hatte. Mein Magen zog sich zu einem festen Knoten zusammen. Sie war nicht verloren gegangen. Sie war verschenkt worden.
Sie versuchten nicht, mich aus dem Auto zu ziehen. Sie riefen nicht um Hilfe. Sie standen einfach nur da, sahen zu, wie der Rauch aufstieg, und warteten darauf, dass ich meinen letzten Atemzug tat.
„Sie atmet noch, Jason“, wimmerte Chloe, und in ihrer Stimme lag eine erschreckende Mischung aus vorgetäuschter Unschuld und morbider Vorfreude. Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust, doch ihre Augen wanderten nicht von meinen eingeklemmten Beinen. „Was, wenn der Krankenwagen hier ankommt? Was, wenn jemand etwas gesehen hat?“
„Das wird nicht passieren. Ich habe den Disponenten vor drei Stunden bestochen“, antwortete Jason. Seine Stimme war völlig frei von der Wärme, die mich früher zum Schmelzen gebracht hatte – jene Stimme, die mir erst letzten Monat ewige Liebe unter einem Sternenhimmel versprochen hatte. Er kniete sich neben den zerquetschten Rahmen der Fahrertür, wobei seine polierten Lederschuhe über eine Pfütze aus meinem auslaufenden Öl traten. Mit kalter, klinischer Präzision warf er ein Plastik-Klemmbrett durch die zerbrochene Scheibe und ließ es hart auf meinem blutenden Schoß landen.
„Erspare uns beiden die Mühe, Scarlett. Die Firma deines Vaters gehört mir jetzt sowieso. Wenn du die Vollmacht noch vor deinem Tod unterschreibst, sorge ich dafür, dass die Rechnungen für die lebenserhaltenden Maßnahmen deiner Mutter bezahlt werden. Wenn nicht … nun, dann kann sie sich bis zum nächsten Wochenende zu dir ins Grab gesellen.“
Ein heiseres, qualvolles Schluchzen riss mir die Brust auf und schmeckte nach Kupfer, Galle und Asche. Das war mein Lohn.
Ich war die unsichtbare Architektin hinter Sterling Industries gewesen. Ich war diejenige, die die ganze Nacht durchgearbeitet hatte, um seine gescheiterten Vorschläge umzuschreiben, diejenige, die hinter verschlossenen Türen still seine giftigen Wutanfälle ertrug, diejenige, die meine eigenen akademischen und beruflichen Träume opferte, nur damit er an der Spitze der Elite von Veridon City stehen konnte. Ich dachte, er liebte mich. Ich dachte, Chloe wäre die Schwester, die ich nie hatte. Doch als ein verirrter Funke von den freiliegenden Kabeln die undichte Kraftstoffleitung traf, entblößte die Wahrheit ihre hässlichen, räuberischen Zähne. Ich war nie seine Partnerin. Ich war nie seine Verlobte. Ich war nur eine Leiter, die er nicht mehr brauchte.
„Ich … hasse dich“, würgte ich hervor, während Blut über meine aufgesprungenen Lippen lief und die weiße Businessbluse befleckte, die ich getragen hatte, um seinen jüngsten Millionenvertrag unter Dach und Fach zu bringen. Den Stift habe ich nicht angerührt. Mit dem allerletzten Rest meiner schwindenden Kraft spuckte ich direkt auf seinen makellosen Lederschuh.
Jasons hübsches Gesicht verzerrte sich zu einer monströsen Grimasse. Er stand auf und wischte sich heftig den Schuh am Gras ab. „Dann stirb doch. Du bist mir jetzt sowieso nutzlos. Dein brillanter Verstand ist nichts als eine Belastung, wenn du nicht an meiner Leine hängst.“
Er packte Chloes Hand und trat zurück in den Schatten der verlassenen Autobahn. Das Feuer loderte auf, eine plötzliche, hoch aufragende Wand aus blendendem Orange, die das Armaturenbrett verschlang. Die Hitze war augenblicklich und schälte mir die Haut vom Gesicht, während die Flammen an meinen Armen emporloderten. Doch in diesen letzten, schrecklichen Sekunden war die Qual, während mein Fleisch zu Asche wurde, nichts im Vergleich zu dem absoluten, eisigen Vakuum meiner Reue.
Ich war zu naiv. Zu weichherzig. Ich glaubte an die Liebe, an die Familie, an Versprechen. Sollte ich jemals eine weitere Chance bekommen … sollte es einen Gott im Himmel oder einen Teufel in der Hölle geben … werde ich beide bis auf die Grundmauern niederbrennen.
Die Welt explodierte in einem ohrenbetäubenden Lärm, und dann umhüllte mich die Dunkelheit.
Piep. Piep. Piep.
Der rhythmische, durchdringende Klang eines elektronischen Signaltons hallte durch die dunkle Leere und schnitt mir in die Ohren.
Bin ich in einem Krankenhaus? Hat mich jemand gefunden?
Ich schnappte heftig nach Luft, riss die Augen auf und setzte mich schweißgebadet kerzengerade auf. Ich bereitete mich auf den qualvollen Schrei meiner zerstörten Nerven, den entsetzlichen Schmerz von Verbrennungen dritten Grades und das erstickende Gewicht von Stahl vor, der meine Brust festnagelte.
Stattdessen füllten sich meine Lungen mit kühlem, klimatisiertem Sauerstoff.
Ich blickte auf meine Hände hinab, während mein Herz wie ein gefangener Vogel gegen meine Rippen hämmerte. Es waren keine verkohlten, geschwärzten Skelette. Sie waren blass, glatt, völlig makellos und zitterten heftig auf der glatten Mahagoni-Oberfläche eines Chefschreibtisches.
Ich befand mich nicht in einem brennenden Auto auf der Route 9. Ich saß in meinem alten Bürobox bei Sterling Industries. Die Nachmittagssonne strömte wunderschön durch die raumhohen Glasfenster und warf lange, friedliche Schatten quer durch den Raum.
„Scarlett, Schatz, hast du den Entwurf für den Quartalshaushalt schon fertig überarbeitet? Ich muss ihn für die Vorstandssitzung um 14 Uhr ausdrucken.“
Mein ganzer Körper erstarrte. Das Blut in meinen Adern wurde zu Eis.
Langsam, seitlich, drehte ich meinen Kopf.
In der Tür des Büros stand Jason, eine frische Tasse Eiskaffee in der Hand und mit genau demselben charmanten, jungenhaften Lächeln, das einst mein Herz höher schlagen ließ. Er lebte. Das Feuer hatte ihm nichts anhaben können. Er sah mich nicht mit der Boshaftigkeit eines Mörders an, sondern mit der beiläufigen Ungeduld eines fordernden Chefs.
Meine Hände zitterten so stark, dass ich das Smartphone, das auf dem Schreibtisch lag, beinahe fallen ließ. Ich schnappte es mir, mein Daumen drückte auf den Bildschirm, um das digitale Display zum Leuchten zu bringen.
2. Juli 2025. 13:14 Uhr.
Genau ein Jahr vor meinem Mord.
„Scarlett?“ Jason kam näher, seine schweren Schritte hallten auf dem Teppich wider. Er streckte die Hand aus, um sie beiläufig auf meine Schulter zu legen – eine Geste, mit der er mich immer gefügig und fügsam gehalten hatte. „Geht es dir gut? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“
Eine kalte, bösartige Welle reinen Adrenalins durchflutete meinen ganzen Körper, spülte augenblicklich die letzten Spuren der Angst weg und ersetzte sie durch eine dunkle, berauschende Klarheit. Ich blickte auf seine ausgestreckte Hand – genau jene Hand, die ein Klemmbrett auf meinen sterbenden Körper geworfen hatte –, und tief in meiner Seele erwachte ein Raubtierinstinkt.
Ich war kein Geist. Ich war seine Henkerin.
Bevor seine Finger meine Haut entweihen konnten, schob ich meinen Stuhl sanft nach hinten, stand auf und setzte ein strahlendes, süßes, perfekt inszeniertes Lächeln auf, das den absoluten Winter in meinen Augen nicht erreichte.
„Mir geht es bestens, Jason“, flüsterte ich mit fester Stimme, obwohl mein Herz ein dunkles Kriegslied sang. Unter dem Schreibtisch fand meine versteckte Hand blind die Tastatur, und meine Finger tippten eine Abfolge von Tastenkombinationen, die ich auswendig kannte.
Strg + A. Entf. Enter.
Mit drei lautlosen Tastenanschlägen wurde die Masterdatei des vierteljährlichen Budgetentwurfs – genau das Dokument, das Jason brauchte, um seine Position als künftiger CEO zu sichern, das Dokument, für das ich drei Wochen lang ununterbrochen bis 4 Uhr morgens aufgeblieben war, um es für ihn zu schreiben – endgültig vom Firmenserver gelöscht.
„Eigentlich“, sagte ich und sah meinem Mörder direkt in die Augen, „ging es mir noch nie besser. Geh schon mal in den Sitzungssaal. Ich rufe die Datei selbst auf dem Hauptbildschirm auf.“
Jason strahlte, völlig ahnungslos, dass das Fundament seines Imperiums gerade zu Staub zerfallen war. „Großartig. Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann, Schatz. Komm nicht zu spät.“
In dem Moment, als sich die schweren Glastüren hinter ihm schlossen, verschwand mein Lächeln. Ich schnappte mir meine Designerhandtasche, löschte mein persönliches Profil aus dem Firmennetzwerk und verließ das Gebäude, ohne mich umzusehen. Jason zu Fall zu bringen, würde ein Leichtes sein, aber um ihn wirklich zu ruinieren, musste ich sicherstellen, dass er nie wieder aufstehen konnte. Ich brauchte einen Schutzschild. Ich brauchte eine Waffe, die so gewaltig war, dass Jason nicht einmal in ihre Richtung blicken konnte, ohne zu zittern.
Zwei Stunden später stand ich in der opulenten, einschüchternden Lobby des Vance Global Tower.
Vance Global war das Raubtier an der Spitze der Unternehmenswelt, und sein Herrscher war Ethan Vance – ein Mann, der in den Medien als „Eiskönig“ bekannt war. Er war skrupellos, unantastbar und verachtete Jasons Familie notorisch. In meinem früheren Leben hatte Jason Millionen ausgegeben, um ein einziges Treffen mit Ethan Vance zu ergattern, nur um immer wieder abgewiesen zu werden.
„Haben Sie einen Termin, Miss?“, fragte die Rezeptionistin, während ihre Augen meine legere Kleidung mit deutlicher Skepsis musterten.
„Nein“, sagte ich, während ich mich über den Marmorschreibtisch beugte; meine Stimme klang so autoritär, dass die Frau blinzelte. „Aber sagen Sie Herrn Vances Sekretärin, dass ich hier bin, um die ungeschwärzten Verschlüsselungscodes für das Helios-Tech-Projekt zu übergeben. Und sagen Sie ihr, dass diese Codes direkt an seine Konkurrenten gehen, sobald ich diese Lobby verlasse.“
Die Rezeptionistin wurde blass. Sie griff sofort nach dem Telefon.
Zehn Minuten später wurde ich in das Penthouse-Büro im obersten Stockwerk begleitet. Der Raum war riesig, mit dunklem Obsidian-Glas verkleidet, von dem aus man die gesamte Skyline von Veridon City überblicken konnte. Hinter einem monolithischen Schreibtisch saß Ethan Vance.
Er war atemberaubend gutaussehend, mit markanten, aristokratischen Gesichtszügen, Augen in der Farbe von dunklem Winterfrost und einer Aura absoluter Macht, die geradezu nach Unterwerfung verlangte. Er blickte nicht auf, als ich eintrat; seine Finger flogen über die Tastatur seines Laptops.
„Sie haben genau zwei Minuten Zeit, um zu erklären, wie eine Analystin der mittleren Ebene aus einem zweitklassigen Unternehmen an vertrauliche Verschlüsselungscodes gelangt ist“, sagte Ethan mit einer tiefen, rauen Baritonstimme, die mir einen seltsamen Schauer über den Rücken jagte. „Und wenn Sie lügen, wird mein Sicherheitsteam dafür sorgen, dass Sie nie wieder in dieser Stadt arbeiten werden.“
Ich zuckte nicht mit der Wimper. Ich ging direkt auf seinen Schreibtisch zu, schlug meine Handflächen auf die glatte Oberfläche und zwang ihn, seinen eisigen Blick zu heben, um meinen zu begegnen.
„Ich bin nicht hier, um Ihnen Daten zu verkaufen, Mr. Vance“, sagte ich, während der Geist des Feuers, das mich getötet hatte, lichterloh in meinen Augen loderte. „Ich bin hier, um Ihnen eine Partnerschaft anzubieten. Ich möchte eine einjährige Scheinehe. Im Gegenzug gebe ich Ihnen die Mittel an die Hand, jeden einzelnen Ihrer Rivalen zu vernichten.“
Ethans Finger hielten auf der Tastatur inne. Er lehnte sich in seinem Ledersessel zurück, ein gefährliches, spöttisches Grinsen umspielte seine Lippen, während er mich wie eine hochpreisige Immobilie musterte.
„Eine Scheinehe?“, murmelte Ethan und kniff die Augen zusammen, während er meinen Blick fest im Griff hatte. „Und warum glaubst du, dass ein kleines Mädchen wie du meinen Nachnamen wert ist?“