„Weißt du, was mit mir passiert, weil ich ohne Erlaubnis eingetreten bin? Er kann nicht … er kann nicht …
mir dieselbe Strafe geben wie dir, oder?“
„Der Alpha kann tun, was er will“, sinniert der Abtrünnige. „Aber nein,
es wird nicht dieselbe Strafe sein wie meine. Er könnte dich hier festhalten, bis deine Familie deine Freiheit bezahlt, oder er wird dich sie dir selbst verdienen lassen.“
„Womit denn?“
„Wahrscheinlich mit Arbeit. Obwohl du nicht gerade fähig dazu zu sein scheinst.“
Ich seufze. „Na gut. Ich verdiene mir meine Freiheit lieber selbst, als dass meine Familie erfährt, dass ich hier bin.“
Seine Ketten streifen über den Steinboden. „Will deine Familie dich nicht?“
„Ich bin weg.“ Ich sinke in meinen Sitz zurück. „Ich habe nicht vor, so schnell zurückzukommen,
besonders wenn mein Gefährte hier ist, wie ich glaube. Vielleicht ist er es ja. Ich weiß es nicht.“ „Warum bist du weggelaufen? Wurdest du verletzt?“
Ich schüttle den Kopf. „Ich musste einfach raus, woanders hin. Endlich mal.“
„Akzeptiere deine Strafe“, rät mir der Abtrünnige. „Widersetze dich nicht Draven. Sieh ihm nicht einmal in die Augen. Hoffentlich teilen sie dich mit einem seiner Männer ein; nur so kannst du dich vor ihm retten.“
Ich lehne meinen Kopf gegen die Wand und umarme meine Knie. Der Abtrünnige schweigt – er ist wohl in Gedanken versunken –, also schließe ich mich ihm an. Ich frage mich, ob irgendjemand bemerkt hat, dass ich weg bin, oder ob sie noch nicht über Lily und ihren glorreichen Gefährten hinausgesehen haben. Ich wünsche mir, dass meine Eltern mich lieben, mich vermissen, aber jetzt, wo Lily ihre Pflicht getan hat, bin ich überflüssig.
Unsere Zelle bleibt eine Weile still, doch ich zucke zusammen, als sich am Ende des Ganges eine Tür knarrend öffnet. Der Abtrünnige rutscht unruhig hin und her und kriecht so nah an die Gitterstäbe, wie es seine Ketten zulassen, um zu sehen, wer sich nähert. Ein Wächter erscheint und öffnet die Tür.
„Der Alpha trifft ein“, sagt der Wächter und betritt die Zelle, um den Abtrünnigen von der Wand zu lösen.
Mein Herz rast. Der Wächter packt den Abtrünnigen an den Ketten, hilft ihm auf und führt ihn aus der Zelle. Dann schließt sich die Zellentür.
Ich frage: „Was ist mit mir? Ich habe euch doch gesagt, dass ich glaube, meinen Gefährten zu riechen, aber hier ist niemand …“
Der Wächter sieht mich desinteressiert an. „Das reicht. Wenn du deinen Gefährten riechen kannst, wo ist er dann? Hm? Lügen bringt dich nicht weiter.“
„Natürlich weiß ich nicht, wo er ist, aber ich lüge nicht.“ Der Wächter ignoriert mich und schließt die Tür wieder. Er führt den Schurken den Korridor entlang, außer Sichtweite. Ich lehne mich an die Wand, umarme meine Beine und lege die Stirn auf meine Knie. Die Sonne geht auf und taucht das kleine Gefängnis in ein fahles Licht. Ich warte allein darauf, dass mich ein Wächter abholt und zu Alpha Draven bringt, um mein Schicksal zu erfahren. Doch ein so heftiger Schmerz in meiner Brust lässt mich die bevorstehende Strafe vergessen. Ich reibe den Schmerz mit der Handfläche, bis er unerträglich wird. Als würde sich der Atem in meiner Brust verdichten, baut sich ein seltsamer, schmerzloser Druck auf, warm und aufregend.
Die Göttin fesselt mich.
Ich löse meine Beine und stehe vom schmutzigen Boden auf, greife nach den Gitterstäben und rufe: „Hallo!“ in den Korridor.
„Hallo!“, rufe ich erneut, doch kein Wächter scheint mich zu hören. Ich werde unruhig,
frustriert, dass mein besonderer Moment durch die Zellengitter so abrupt beendet wird.
Ich hämmere mit der Hand gegen die Gitterstäbe, aber sie rühren sich nicht. „Um Gottes Willen!“
Das Knarren der Tür gibt mir neue Kraft. Ich schließe die Gitterstäbe und sage:
„Bitte! Sie müssen mir zuhören! Mein Partner ist hier, und er wird mich nicht finden, wenn Sie es nicht tun …“ Mein Gedanke verblasst, als ein starker Duft meine Zelle erfüllt. Ein Mann
tritt zwischen mich und die Gitterstäbe und raubt mir jede mögliche Bitte
aus der Kehle. Ich atme tief durch, als ich in der Dunkelheit des Korridors die Konturen seines Gesichts erkenne. Er muss der vertraute Wächter des Alphas sein, denn er ist viel
größer als die anderen,
und jede Untersuchung, die ich ihm zeige, ist
ebenso einschüchternd.
„Würden Sie mir eine Minute zuhören? Bitte?“
„Nur zu“, sagt er mit verführerischer Stimme. „Wenn Sie mich zu Alpha Draven bringen wollen, sollten Sie wissen, dass
ich versehentlich und ohne Erlaubnis allein hier hineingekommen bin, aber ich glaube, sie wollen mich verpaaren.“ Vielleicht könntest du mit dem Alpha reden und mir helfen, hier rauszukommen. Er wird mich zwingen...
„Wozu wird er dich zwingen?“
Mein Herz rast. Der Duft wird immer intensiver und überwältigt meine Sinne. Ist er es?
Ist dieser Wächter mein Gefährte? Wenn ja, warum spielt er nur mit mir, anstatt mir zu helfen? Er scheint sich fast zu amüsieren.
„Du brauchst nicht mit ihm zu reden“, sagt der Wächter.
„Warum nicht?“, fragt er. „Ich bin der Alpha.“ Mein Gesicht verfinstert sich, und meine Hände gleiten von den Zellengittern. Plötzlich
wird alles klar.
Alpha Draven schließt meine Zelle auf, während ich regungslos daliege. Ich sehe ihm zu, wie er das Schloss umdreht und die Gittertür öffnet, und ich spüre, wie unsere Gefährtenbindung sich in meinem Körper wiederherstellt, wie eine neue Verbindung meiner Nerven. Unbewusst bewege ich mich von der
Öffnung weg.
Er ist mein Gefährte. Er ist Alpha Draven: groß, muskulös und gutaussehend.
Ein Alpha. Mein Herz macht einen Sprung, und ohne nachzudenken, möchte ich ihn berühren.
Seine Arme, seine breiten Schultern, sein markantes Gesicht – doch stattdessen balle ich die Fäuste.
Unsere Verbundenheit erfüllt meine Brust, aber meine Lungen brennen, ich ringe nach Luft.