Kapitel 2

2269 Worte
Die Nacht senkte sich wie ein schwerer Samtmantel über das Anwesen der Blackthorns. Der Mond stand voll und silbern am Himmel, ein stummer Zeuge dessen, was sich in den Schatten des Ostturms anbahnte. Jasmine hatte den ganzen Tag über versucht, das Band in ihrem Inneren zu ignorieren. Sie hatte Böden geschrubbt, bis ihre Knie bluteten, Wäsche gefaltet, bis ihre Finger taub wurden, und immer wieder Seraphinas besorgte Blicke ausgewichen. Doch das Band ließ sich nicht abschütteln. Es pulsierte in ihrem Blut wie ein zweiter Herzschlag, heiß, fordernd, unaufhaltsam. Sie hatte sich geschworen, nicht zu gehen. Sie hatte sich geschworen, Seraphina zu schützen. Und doch trug sie jetzt ein schlichtes, dunkles Kleid, das sie aus der Wäschekammer gestohlen hatte, und schlich durch die menschenleeren Gänge des alten Ostflügels. Jeder Schritt fühlte sich wie Verrat an. Jeder Atemzug wie eine Lüge. Der Ostturm war seit Jahrzehnten unbewohnt. Die Stufen der Wendeltreppe knarrten unter ihren nackten Füßen. Spinnweben hingen wie graue Schleier von den Wänden. Der Wind pfiff durch die schmalen Schießscharten und trug den Geruch von altem Stein und verbranntem Harz mit sich. Oben angekommen, blieb sie vor der schweren Eichentür stehen. Sie war nur angelehnt. Ein schwaches, goldenes Licht drang durch den Spalt. Jasmine legte die Handfläche gegen das Holz. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie fürchtete, es würde durch die dicken Mauern hallen. Dann drückte sie die Tür auf. Kael Voss stand mit dem Rücken zu ihr am offenen Kamin. Die Flammen warfen tanzende Schatten über seine breiten Schultern. Er hatte den schweren Mantel abgelegt. Darunter trug er nur ein schwarzes Leinenhemd, das an den Ärmeln hochgekrempelt war. Die Narbe auf seiner Wange schimmerte im Feuerschein wie flüssiges Silber. Er drehte sich nicht sofort um. Stattdessen nahm er einen tiefen Atemzug, als wollte er ihren Duft in sich aufnehmen. „Du bist gekommen“, sagte er leise. Seine Stimme war rau, fast zärtlich. „Ich hätte nicht kommen sollen“, flüsterte Jasmine. Sie blieb an der Tür stehen, die Finger fest um den Türgriff geklammert, bereit zur Flucht. „Und doch bist du hier.“ Er wandte sich langsam um. Seine sturmgrauen Augen glühten im Halbdunkel. „Setz dich.“ Es war kein Befehl. Es war eine Bitte, die dennoch keinen Widerspruch duldete. In der Mitte des Raumes stand ein alter, mit Fellen bedeckter Sessel vor dem Kamin. Daneben ein kleiner Tisch mit zwei Kelchen und einer Karaffe dunklen Weins. Jasmine zögerte. Dann trat sie vor und setzte sich steif auf die Kante des Sessels, als könnte sie jederzeit aufspringen. Kael blieb stehen. Er musterte sie lange, schweigend. Sein Blick wanderte über ihr Gesicht, ihren Hals, die Stelle, an der das heilige Mal hätte sein müssen. „Warum hast du kein Mal?“, fragte er schließlich. „Weil die Götter mich nicht wollten“, antwortete sie bitter. „Oder weil meine Mutter eine Hure war, wie mein Vater immer sagt. Was spielt es für eine Rolle?“ „Es spielt eine Rolle“, knurrte er. „Weil das Band zwischen uns existiert. Und das Band lügt nicht.“ Jasmine lachte auf, ein kurzer, scharfer Laut ohne Freude. „Das Band? Das ist unmöglich. Ich bin eine Dienerin. Eine Bastardtochter. Du bist der zukünftige Alpha des mächtigsten Rudels des Nordens. Du sollst Seraphina nehmen. Das ist der Plan.“ Kael trat näher. Er ging vor ihr in die Hocke, sodass ihre Augen auf einer Höhe waren. „Der Plan war, deine Schwester zu nehmen. Sie zu schwängern. Eine starke Linie zu sichern. Dann, nach der Geburt des Welpen, hätte ich sie verstoßen. Sie wäre am Leben geblieben, aber nur als Schatten. Das war der Vertrag mit deinem Vater.“ Jasmine spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. „Du… du wolltest sie benutzen und wegwerfen?“ „Ja.“ Kein Bedauern in seiner Stimme. Nur kalte Ehrlichkeit. „Ich habe nie eine wahre Gefährtin gesucht. Ich wollte Macht. Stärke. Erben. Seraphina war das perfekte Gefäß dafür.“ „Und jetzt?“, fragte Jasmine mit zitternder Stimme. „Jetzt rieche ich dich.“ Er hob die Hand und strich mit den Fingerspitzen hauchzart über ihre Wange. Die Berührung war elektrisierend. Funken tanzten über ihre Haut. „Jetzt fühle ich dich in jedem Atemzug. Das Band hat sich geöffnet, als unsere Blicke sich trafen. Es ist echt. Es ist uralt. Es ist stärker als jeder Vertrag.“ Jasmine wich zurück, doch es gab kein Entkommen. Der Sessel drückte gegen ihren Rücken. „Das ändert nichts. Seraphina braucht Schutz. Sie ist die Einzige, die je nett zu mir war. Ich werde nicht zulassen, dass du sie zerstörst.“ Kael lächelte schief. Das Lächeln erreichte seine Augen nicht. „Du denkst, ich will sie noch immer?“ „Du hast es gesagt. Der Vertrag.“ „Verträge können gebrochen werden.“ Er stand auf und ging zum Tisch. Er goss Wein in beide Kelche und reichte ihr einen. „Trink.“ „Ich will nicht.“ „Trink“, wiederholte er sanfter. „Es ist kein Gift. Nur Wein aus den Weinbergen meines Rudels. Er wird dich beruhigen.“ Widerwillig nahm sie den Kelch. Der Wein war schwer und samtig, mit einem Hauch von dunklen Beeren und Gewürzen. Sie trank einen kleinen Schluck. Sofort breitete sich Wärme in ihrer Brust aus. Kael setzte sich auf den Boden vor dem Kamin, mit dem Rücken gegen den Sessel gelehnt. So nah, dass sie seine Körperwärme spüren konnte. „Ich habe seit meiner Geburt keine Wahl gehabt“, begann er leise. „Mein Vater starb, als ich dreizehn war. Ein Attentat. Ich musste das Rudel übernehmen, bevor ich überhaupt wusste, was Liebe bedeutet. Ich habe gelernt, dass Schwäche tötet. Dass Gefühle Ketten sind. Also habe ich keine Gefühle zugelassen. Bis heute.“ Jasmine schwieg. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. „Als ich dich sah“, fuhr er fort, „war es, als würde etwas in mir zerbrechen. Etwas, das ich jahrelang eingesperrt hatte. Das Band… es ist kein Fluch. Es ist ein Geschenk. Und ich will es nicht mehr leugnen.“ „Aber Seraphina…“, flüsterte Jasmine. „Seraphina wird sicher sein.“ Er drehte den Kopf und sah zu ihr auf. „Ich werde den Vertrag mit deinem Vater auflösen. Ich werde erklären, dass das Band mich zu einer anderen gezogen hat. Er wird toben. Er wird versuchen, mich zu töten. Aber ich bin bereit, dafür zu kämpfen.“ Jasmine stellte den Kelch ab. Ihre Hände zitterten. „Du verstehst nicht. Mein Vater hasst mich. Wenn er erfährt, dass du mich willst… er wird mich bestrafen. Er wird Seraphina bestrafen. Er wird alles zerstören.“ Kael erhob sich langsam. Er streckte die Hand aus. „Dann komm mit mir. Heute Nacht. Wir verlassen dieses Haus. Ich bringe dich in mein Rudel. Dort kann dir niemand etwas tun.“ „Und Seraphina zurücklassen?“ Jasmine schüttelte den Kopf. „Niemals.“ Er kniete sich wieder vor sie. Diesmal nahm er beide ihrer Hände in seine. Seine Handflächen waren rau von Jahren des Kampfes, doch die Berührung war überraschend sanft. „Dann lass mich dir etwas zeigen“, sagte er. Bevor sie protestieren konnte, zog er sie hoch. Er führte sie zum Fenster des Turms. Draußen erstreckte sich der verschneite Wald im Mondlicht. In der Ferne leuchteten die Lichter des Dorfes. „Sieh genau hin“, murmelte er. Jasmine kniff die Augen zusammen. Und dann sah sie es. Eine Gestalt bewegte sich durch den Schnee. Eine Frau in einem weißen Umhang. Seraphina. Sie ging nicht allein. An ihrer Seite lief ein großer, schwarzer Wolf. Einer von Kaels Kriegern. „Was… was tust du?“, flüsterte Jasmine entsetzt. „Ich habe sie beschützen lassen“, erklärte Kael ruhig. „Seit dem Moment, in dem ich das Band spürte, wusste ich, dass dein Vater sie als Druckmittel benutzen würde. Deshalb habe ich einen meiner besten Männer beauftragt, sie zu bewachen. Sie ist in Sicherheit. Sie weiß nichts davon. Aber wenn du mit mir kommst, wird sie frei sein. Wenn du bleibst… wird dein Vater sie gegen dich einsetzen.“ Jasmine presste die Stirn gegen die kalte Scheibe. Tränen brannten in ihren Augen. „Du manipulierst mich.“ „Ich schütze, was mir gehört“, korrigierte er. „Und du gehörst mir. Genau wie ich dir gehöre.“ Sie drehte sich um. Ihre Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt. „Ich kenne dich nicht einmal“, hauchte sie. „Dann lerne mich kennen.“ Seine Stimme war ein tiefes Grollen. „Jetzt.“ Bevor sie antworten konnte, senkte er den Kopf und küsste sie. Es war kein sanfter Kuss. Es war hungrig. Verzweifelt. Als hätte er jahrelang darauf gewartet. Seine Lippen pressten sich auf ihre, fordernd, besitzergreifend. Jasmine erstarrte. Dann, ganz langsam, gab sie nach. Ihre Hände krallten sich in sein Hemd. Das Band explodierte in ihrem Inneren wie ein Feuersturm. Hitze schoss durch ihre Adern. Ihr Körper reagierte auf ihn, als hätte er nur darauf gewartet. Kael stöhnte leise in ihren Mund. Seine Hände glitten über ihren Rücken, zogen sie enger an sich. Der Kuss vertiefte sich. Zungen trafen sich. Ein leises Wimmern entkam ihr. Sie wusste nicht, ob es Protest oder Verlangen war. Als er sich endlich von ihr löste, keuchten beide. „Sag mir, dass du es nicht fühlst“, flüsterte er heiser. „Ich fühle es“, gestand sie mit gebrochener Stimme. „Aber ich darf es nicht wollen.“ „Doch. Du darfst.“ Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Du darfst alles wollen. Bei mir.“ Jasmine schloss die Augen. Tränen liefen über ihre Wangen. „Wenn ich bleibe… wird er mich töten. Wenn ich mit dir gehe… verliere ich Seraphina.“ „Du verlierst sie nicht.“ Kael nahm ihr Gesicht in beide Hände. „Ich schwöre dir bei meinem Blut und dem Blut meines Rudels: Seraphina wird frei sein. Ich werde sie beschützen. Als meine Schwägerin. Als Teil meiner Familie. Aber du… du musst mir vertrauen.“ Vertrauen. Das Wort klang fremd in ihren Ohren. Doch das Band log nicht. Sie spürte seine Aufrichtigkeit. Seine Sehnsucht. Seine Angst, sie zu verlieren. Langsam nickte sie. Kael atmete erleichtert aus. Dann küsste er sie erneut. Diesmal langsamer. Zärtlicher. Seine Hände wanderten über ihren Körper, erkundeten sie mit einer Ehrfurcht, die sie niemals erwartet hätte. Er hob sie hoch, als wöge sie nichts, und trug sie zu dem breiten Bett in der Ecke des Turms. Es war mit dicken Fellen bedeckt. Er legte sie sanft darauf nieder. „Sag mir, wenn du willst, dass ich aufhöre“, murmelte er an ihrem Hals. „Ich will nicht, dass du aufhörst“, flüsterte sie. Das war alles, was er brauchte. Seine Hände zitterten leicht, als er die Schnüre ihres Kleides löste. Stoff glitt über ihre Haut. Kälte und Hitze zugleich. Dann war auch sein Hemd fort. Seine Brust war übersät mit Narben. Alte Kämpfe. Alte Schmerzen. Jasmine fuhr mit den Fingerspitzen darüber. Er erschauderte unter ihrer Berührung. „Ich bin nicht sanft“, warnte er rau. „Ich will nicht sanft“, antwortete sie. Und dann gab es keine Worte mehr. Nur Berührungen. Nur Hitze. Nur das Band, das sie aneinander kettete wie unsichtbare Fäden aus Mondlicht. Er nahm sie mit einer Mischung aus Wildheit und Zärtlichkeit. Jeder Stoß war ein Versprechen. Jeder Kuss ein Schwur. Jasmine klammerte sich an ihn, als wäre er das Einzige, was sie noch auf dieser Welt hielt. Sie schrie seinen Namen, als der Höhepunkt sie überrollte. Er folgte kurz darauf, mit einem tiefen, animalischen Knurren, das durch den Turm hallte. Danach lagen sie eng umschlungen da. Schweißbedeckt. Schwer atmend. Kael strich ihr sanft über das Haar. „Du bist mein“, flüsterte er. „Und du bist mein“, erwiderte sie leise. Doch draußen begann der Himmel sich zu röten. Die Dämmerung nahte. Und mit ihr der Morgen. Der Morgen, an dem Alpha Darius die Zeremonie abhalten wollte. Der Morgen, an dem alles explodieren würde. Kael setzte sich auf. „Wir haben nicht viel Zeit. Ich muss mit deinem Vater sprechen. Allein.“ Jasmine griff nach seiner Hand. „Er wird dich töten.“ „Er wird es versuchen.“ Kael lächelte grimmig. „Aber ich bin der Eisige Wolf. Und jetzt habe ich etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt.“ Er stand auf und zog sich an. Jasmine tat es ihm gleich. Ihre Finger zitterten noch immer. Bevor er ging, zog er sie ein letztes Mal an sich. Er küsste ihre Stirn. „Warte hier. Wenn etwas schiefgeht… flieh in den Wald. Mein Krieger wird dich finden. Er bringt dich in Sicherheit.“ „Ich lasse dich nicht allein kämpfen“, sagte sie entschlossen. „Du wirst tun, was nötig ist, um zu überleben.“ Seine Stimme brach fast. „Für mich. Für uns.“ Dann war er fort. Jasmine blieb allein im Turm zurück. Das Feuer im Kamin brannte herunter. Die Kälte kroch wieder in ihre Knochen. Doch in ihrem Inneren brannte etwas Neues. Etwas Stärkeres als Angst. Etwas, das sich anfühlte wie Hoffnung. Unten im großen Saal begann der Tag. Und mit ihm der Kampf um ihre Zukunft. Ein Kampf, der in Blut enden konnte. Oder in Liebe. Jasmine legte die Hand auf ihren Bauch. Dort, wo das Band am stärksten pulsierte. Sie wusste nicht, was kommen würde. Aber zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich nicht mehr unsichtbar. Sie fühlte sich gesehen. Geliebt. Und bereit, dafür zu kämpfen. Bis zum letzten Atemzug.
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