Kapitel 1

1857 Worte
Die kalte Morgendämmerung kroch langsam über die schneebedeckten Gipfel des Silberwalds und tauchte das mächtige Anwesen der Familie Blackthorn in ein fahles, fast gespenstisches Licht. Im hinteren Teil des Herrenhauses, wo die engen, feuchten Dienstbotenquartiere lagen, kniete eine junge Frau auf dem harten Steinboden der Waschküche. Ihre Hände waren rot und rissig von der endlosen Arbeit mit grober Seife und eiskaltem Wasser. Verbissen schrubbte sie an einem fleckigen Leinentuch, das einmal weiß gewesen war. Schweißperlen liefen von ihrer Stirn und vermischten sich mit dem trüben Wasser im Holzeimer vor ihr. Jasmine Blackthorn. So hatte ihr Vater sie genannt, bevor er beschloss, dass sie keinerlei Bedeutung besaß. Sie trug nie das heilige Mal. Jene silberne, halbmondförmige Narbe, die bei der Geburt auf der linken Schulter erschien und die von den alten Göttern Auserwählten kennzeichnete. Die Würdigen. Die zukünftigen Lunas. Ihre Haut blieb makellos, leer, wertlos. In den Augen von Alpha Darius Blackthorn war sie nichts als ein Makel, eine lebende Erinnerung an eine verbotene Nacht mit einer niederen Wölfin, die längst im Grab lag. Ihre Halbschwester Seraphina hingegen trug das Mal stolz und strahlend. Seraphina, die Goldene, die Vollkommene. Mit ihren langen, honigfarbenen Locken, den smaragdgrünen Augen und der sanften Anmut einer geborenen Herrscherin verkörperte sie alles, was das Rudel sich von einer Luna erträumte. Und heute war der Tag, an dem die Zukunft besiegelt werden sollte. Jasmine hörte die aufgeregten Stimmen der anderen Dienstmädchen schon seit Stunden. Sie flüsterten hinter vorgehaltener Hand über die Ankunft des Erben. Lord Kael Voss. Der zukünftige Alpha des mächtigen Schattenrudels. Der Mann, den man den Eisernen Wolf nannte. Die Gerüchte über ihn waren wie Gift, das sich durch das gesamte Reich fraß. Kalt. Unbarmherzig. Ein Krieger, der ganze Dörfer niedergebrannt hatte, nur weil sie sich seinem Willen widersetzten. Ein Mann ohne Gnade. Und nun kam er, um Seraphina zu beanspruchen. Die perfekte Verbindung. Die Vereinigung zweier starker Rudel. Jasmine presste die Lippen zusammen und schrubbte noch härter. Sie durfte nicht daran denken. Nicht an das, was kommen würde. Nicht an die Art, wie Seraphina in den letzten Wochen immer blasser geworden war, wie ihre Hände gezittert hatten, wenn sie glaubte, niemand bemerkte es. Seraphina war die Einzige, die je echte Freundlichkeit für sie gezeigt hatte. In stillen Nächten, wenn der Mond hoch am Himmel stand und das Haus in tiefem Schlaf lag, hatte Seraphina sich heimlich in die Waschküche geschlichen. Mit warmen Decken, einem Stück frischem Brot mit Honig, mit Geschichten über ferne Sterne und vergessene Legenden. Sie hatte Jasmine nie wie eine Dienerin behandelt. Immer wie eine Schwester. Und genau deshalb würde Jasmine alles tun. Absolut alles. Ein lautes Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken. „Jasmine! Beeil dich gefälligst! Die Herrin verlangt, dass du Seraphinas Gewand sofort bringst!“ Es war Mira, die Obermagd. Ihre Stimme klang scharf wie eine Peitsche. Jasmine erhob sich mühsam, wischte sich die tropfenden Hände an der schmutzigen Schürze ab und nahm das schwere, perlenbestickte Kleid aus schimmernder weißer Seide vom Haken. Es war das Gewand, das Seraphina heute Abend bei der feierlichen Begrüßung tragen würde. Das Gewand, in dem sie dem Mann gegenübertreten würde, der sie zur Gefährtin nehmen sollte. Während Jasmine den langen, düsteren Flur entlangging, hielt sie den Kopf gesenkt. Die anderen Bediensteten warfen ihr Blicke zu. Mitleidige. Verächtliche. Gleichgültige. Sie war es gewohnt. Unsichtbar zu sein war ihre einzige Waffe. Vor der Tür zu Seraphinas Gemächern zögerte sie kurz. Dann klopfte sie leise. „Herein“, erklang die sanfte, vertraute Stimme. Jasmine trat ein. Seraphina saß vor dem großen, goldgerahmten Spiegel. Ihre Zofe flocht gerade die letzten Strähnen in eine kunstvolle, hohe Frisur. Als sie Jasmine erblickte, leuchteten ihre Augen warm auf. „Jasmine“, flüsterte sie erleichtert. „Du bist da.“ Jasmine knickste tief, wie es sich gehörte. „Das Kleid, Herrin.“ Seraphina stand auf. Sie trug nur ein hauchdünnes Unterkleid aus feinster Spitze. Ihre Haut schimmerte im weichen Morgenlicht. Die heilige Mondsichel auf ihrer Schulter glühte sanft, als besäße sie ein eigenes Leben. „Lass uns allein“, sagte Seraphina ruhig zur Zofe. Die Frau verneigte sich und verließ lautlos den Raum. Kaum fiel die Tür ins Schloss, eilte Seraphina zu Jasmine und schloss sie fest in die Arme. „Du zitterst ja“, murmelte Jasmine besorgt und strich ihr über den Rücken. „Ich habe solche Angst“, gestand Seraphina mit bebender Stimme. „Er ist nicht wie die anderen Alphas. Die Geschichten… sie sagen, er habe noch nie eine echte Gefährtin gewollt. Dass er Frauen nimmt, sie benutzt und dann wegwirft wie wertloses Spielzeug. Dass er kalt ist wie der härteste Winter.“ Jasmine hielt sie fester. „Du bist stark, Sera. Du wirst das überstehen. Und ich werde immer in deiner Nähe bleiben.“ Seraphina löste sich ein wenig und sah sie mit glänzenden Augen an. „Versprich mir etwas.“ „Alles“, antwortete Jasmine sofort. „Falls… falls etwas schiefgeht. Falls er mich ablehnt oder grausam wird… dann geh fort von hier. Versprich mir, dass du nicht bleibst und leidest. Such dir ein neues Rudel. Lebe endlich.“ Jasmine schüttelte entschieden den Kopf. „Ich lasse dich nicht allein.“ „Bitte“, flehte Seraphina leise. „Du bist das Einzige Gute in diesem Haus. Ich will nicht, dass du zerbrichst.“ Jasmine schluckte schwer gegen den Kloß in ihrem Hals. „Ich verspreche es“, log sie mit fester Stimme. Seraphina lächelte traurig. Dann half Jasmine ihr schweigend in das prächtige Kleid. Jede Perle, jede Naht schien schwerer zu wiegen als die vorherige. Als sie fertig waren, trat Seraphina zurück und betrachtete sich im Spiegel. „Wie sehe ich aus?“, fragte sie mit zitternder Stimme. „Wie eine Göttin“, sagte Jasmine ehrlich und voller Wärme. Seraphina lachte schwach. „Dann lass uns gehen. Bevor Vater ungeduldig wird.“ Sie schritten gemeinsam den Flur entlang. Jasmine blieb wie immer einen Schritt hinter ihr. Doch Seraphina griff verstohlen nach ihrer Hand und drückte sie fest, verborgen in den weiten Falten des Kleides. Im großen Festsaal hatten sich bereits alle versammelt. Alpha Darius stand in der Mitte, groß und einschüchternd, sein silbergraues Haar streng zurückgekämmt. Neben ihm stand Luna Isolde, Seraphinas Mutter, makellos gekleidet und kühl wie immer. Und dann war da noch er. Kael Voss. Er stand am anderen Ende des Saales, umgeben von seinen schwarz gekleideten Kriegern. Groß. Breit gebaut. Gefährlich. Sein schwarzes Haar fiel ihm lässig in die Stirn. Seine Augen hatten die Farbe von Sturmgrau, wie Gewitterwolken kurz vor dem Ausbruch. Er trug schwarzes Leder und einen schweren Mantel aus dunklem Wolfspelz. Eine lange, gezackte Narbe zog sich über seine linke Wange bis zum Kiefer. Er sah nicht aus wie jemand, der verhandelte. Er sah aus wie jemand, der nahm. Als Seraphina den Saal betrat, wandten sich alle Blicke ihr zu. Ein leises Raunen ging durch die Menge. Alpha Darius trat vor. „Willkommen, Lord Kael. Wir fühlen uns zutiefst geehrt, dass Ihr den weiten Weg auf Euch genommen habt.“ Kael neigte knapp den Kopf. Seine Stimme war tief, rau und durchdringend wie rollender Donner. „Alpha Darius. Die Ehre liegt ganz bei mir.“ Sein Blick glitt langsam über Seraphina. Abschätzend. Kühl. Jasmine spürte, wie Seraphina neben ihr erstarrte. „Eure Tochter“, sagte Kael schließlich. „Sie ist… beeindruckend.“ Darius lächelte breit und selbstzufrieden. „Seraphina ist die zukünftige Luna des Schattenrudels. Das heilige Mal beweist es eindeutig.“ Kael trat einen Schritt näher. Seraphina senkte den Blick sittsam, wie es sich für eine zukünftige Gefährtin gehörte. Doch dann geschah es. Jasmine wollte sich zurückziehen, wollte wieder unsichtbar werden. Doch ihr Fuß verfing sich in einer Falte des schweren Teppichs. Sie stolperte kaum merklich. Nur ein winziger, unbedeutender Moment. Aber genug. Kael drehte den Kopf. Ihre Blicke trafen sich. Die Welt um sie herum schien plötzlich stillzustehen. Seine sturm grauen Augen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde. Etwas blitzte darin auf. Etwas Uraltes. Etwas Animalisches. Etwas, das nicht sein durfte. Jasmine fühlte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Ein Band. Unsichtbar. Verboten. Unmöglich. Und doch real. Es zog an ihr. Heiß. Drängend. Wie ein Feuer, das tief in ihren Adern entzündet wurde. Kael starrte sie an. Nicht Seraphina. Sie. Die unsichtbare Bastardtochter. Die Unmarkierte. Alpha Darius bemerkte nichts. Er lachte laut und herzlich. „Lasst uns den Vertrag besprechen, Lord Kael. Heute Abend findet die offizielle Zeremonie statt. Seraphina wird Eure Luna werden.“ Kael antwortete nicht sofort. Sein Blick hing weiterhin an Jasmine. Dann, ganz langsam, verzog sich sein Mund zu einem Lächeln. Kein warmes, freundliches Lächeln. Ein gefährliches. Raubtierhaftes. „In der Tat“, sagte er leise, fast flüsternd. „Es wird heute Abend geschehen.“ Doch Jasmine wusste in diesem Augenblick mit tödlicher Sicherheit: Er sprach nicht von Seraphina. Er sprach von ihr. Später, als die Sonne unterging und die Vorbereitungen für die große Zeremonie in vollem Gange waren, schlich Jasmine sich in die alte Bibliothek. Sie brauchte einen Moment der Stille. Einen Moment, um Luft zu holen und das Chaos in ihrem Inneren zu ordnen. Doch sie war nicht allein. Kael stand dort. Mit dem Rücken zu ihr. Er betrachtete ein uraltes, in Leder gebundenes Buch über die alten Paarungsbänder der Wölfe. Als sie sich leise zurückziehen wollte, drehte er sich um. „Du“, sagte er einfach. Jasmine erstarrte an Ort und Stelle. Er kam näher. Langsam. Wie ein Jäger, der seine Beute nicht verscheuchen wollte. „Du trägst kein Mal“, stellte er nüchtern fest. Sie nickte stumm, unfähig zu sprechen. „Und doch…“ Er blieb direkt vor ihr stehen. So nah, dass sie seine Körperwärme spüren konnte, seinen Geruch nach Leder, Kiefer und etwas Wildem, Ungezähmtem. „Ich rieche dich. Ich fühle dich. Hier.“ Er legte die Hand flach auf seine Brust, genau über dem Herzen. Jasmine schüttelte den Kopf. „Das ist unmöglich. Ich bin niemand.“ „Du bist alles“, knurrte er leise, fast zärtlich. Dann packte er ihr Handgelenk. Sanft, aber unnachgiebig. „Heute Nacht“, flüsterte er rau. „Nach der Zeremonie. Wenn alle schlafen. Komm in den Ostturm. Wir müssen reden.“ „Worüber?“, hauchte sie, während ihr Puls raste. „Über das, was zwischen uns passiert ist. Über das Band. Über das, was ich mit deiner Schwester vorhatte… und was ich stattdessen mit dir tun werde.“ Jasmine riss sich los. „Ich werde Seraphina nicht verraten.“ Seine Augen verdunkelten sich gefährlich. „Du wirst tun, was ich sage. Oder sie wird leiden.“ Es war eine Drohung. Ein Versprechen. Ein brennendes Verlangen. Jasmine wich zurück, bis sie gegen ein Bücherregal stieß. Doch in ihrem Inneren tobte bereits der Sturm. Das Band pulsierte. Lebendig. Hungrig. Unaufhaltsam. Und sie wusste tief in ihrer Seele: Es gab kein Entkommen mehr. Nicht vor ihm. Nicht vor dem, was diese Nacht bringen würde. Die Nacht brach herein. Und mit ihr das Schicksal einer Unmarkierten, die niemals hätte erwählt werden dürfen. Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Und Kael Voss war bereit, alles zu zerreißen, um zu nehmen, was ihm gehörte.
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