Kapitel 10

1445 Worte
10 Sara Die Fahrt zum Krankenhaus dauert fast zwei Stunden – es ist viel Verkehr unterwegs – und meine Nerven liegen blank, als der Fahrer mich am Eingang des Krankenhauses absetzt und verschwindet. Er hat auf keine meiner Fragen geantwortet, also habe ich keine Ahnung, wer er ist oder was seine Beziehung zu Peter und seinem Team ist. Und vielleicht ist es das Beste. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ich verhört werde, sobald das FBI erfährt, dass ich hier bin. Meine Hoffnung ist, meine Mutter und meinen Vater zu sehen, bevor das passiert. Während ich darum kämpfe, meine Angst einzudämmen, eile ich durch die vertrauten Gänge. Ich brauche keine Schilder, die auf die Intensivstation verweisen. Dieses Krankenhaus ist der Ort, an dem ich meine Facharztausbildung gemacht und wo ich all die Jahre gearbeitet habe; es ist mehr ein Zuhause für mich als das Haus, in dem ich gelebt habe. »Lorna Weisman?«, frage ich, als ich an der Rezeption der Intensivstation ankomme, und dann warte ich beinahe schreiend vor Ungeduld, während eine Rezeptionistin mittleren Alters mit einer grellroten Dauerwelle gemächlich den Namen nachschlägt. Ich erkenne den exakten Augenblick, in dem sie den besonderen Vermerk sieht, den das FBI im System hinterlassen hat. Ihre Augen fliegen zu meinem Gesicht, sehen hinter ihrer grün umrandeten Brille groß und erschrocken aus, und sie stottert: »N-Nur einen Moment.« Ich ergreife die Kante der Theke. »Wo ist sie?« Ich lehne mich nach vorn und imitiere Peters gruseligsten Ton. »Sagen Sie es mir jetzt.« »S-Sie wird gerade operiert.« Die Frau zieht sich so weit zurück, wie es ihre stattliche Gestalt erlaubt. Ihre ringbeladenen Finger schieben sich zum Telefon auf dem Tisch. »Sie haben sie vor einer Stunde abgeholt.« »Schon wieder?« Sie wackelt hektisch mit dem Kopf, als sie endlich den Notrufknopf am Telefon findet. »Es sind mehr innere Blutungen aufgetreten und …« Ich bleibe nicht, um die Details zu hören. In ein paar Minuten wird der Sicherheitsdienst – und möglicherweise das FBI – hier sein, und ich muss meinen Vater vorher finden. Das Letzte, was Peter gehört hatte, war, dass Papa immer noch nicht nach Hause gegangen war, und angesichts dessen, was ich gerade erfahren habe, habe ich keinen Zweifel, dass er hier ist, um zu sehen, ob Mama durchkommt. Es gibt ein großes Wartezimmer bei der Intensivstation, aber ich sehe ihn dort nicht. Es ist möglich, dass er in die Cafeteria gegangen ist, um einen Happen zu essen, oder dass er auf der Toilette ist. So oder so, ich habe keine Zeit, hier herumzuhängen, also laufe ich zu einem der kleineren Warteräume, die sich etwas abseits befinden. Einige Familien bevorzugen diese für mehr Privatsphäre, also gibt es eine kleine Chance, dass mein Vater … »Sara?« Ich drehe mich nach rechts, da mein Herzschlag bei der vertrauten Stimme klopft. Es ist meine Freundin Marsha. Sie hat ihren Krankenschwesternkittel an und starrt mich an, als wäre ich gerade unter ihrem Bett herausgesprungen. Hinter ihr sehe ich ein weiteres schockiertes – und vertrautes – Gesicht: Isaac Levinson, einer der engsten Freunde meines Vaters. Er und seine Frau, Agnes, sitzen in der Ecke des kleinen Wartezimmers, in das ich meinen Kopf gesteckt habe, und neben ihnen ist … »Papa!« Ich eile zu ihm und stolpere beinahe über einen Stuhl, während Tränen meine Sicht verschwimmen lassen und meinen Atem ersticken. »Sara!« Papas Arme legen sich so viel dünner und schwächer um mich, als ich sie in Erinnerung habe, und ich merke, dass er auch weint und sein gebrechlicher Körper von Schluchzern geschüttelt wird. Er zieht sich zurück und starrt mich ungläubig, vermischt mit dämmernder Freude, an, und sein Mund zittert, als er meine Hände ergreift. »Du bist hier. Du bist wirklich hier.« »Ich bin hier, Papa.« Ich drücke seine zitternden Hände und trete zurück, um mir die Tränen abzuwischen, während ich meine Stimme beruhige. »Ich bin jetzt hier. Wie geht es Mama?« Sein Gesicht fällt ein. »Sie hat immer noch innere Blutungen. Sie dachten, sie hätten es unter Kontrolle, aber sie müssen etwas übersehen haben oder die Nähte sind wieder aufgeplatzt. Ihr Blutdruck ist wieder gesunken, also öffnen sie sie erneut und …« »Dr. Cobakis.« Meine Muskeln spannen sich an, während ich mich der unbekannten Männerstimme zuwende. Es ist ein Wachmann, begleitet von einem babygesichtigen Polizisten. Ihre Gesichtsausdrücke sind misstrauisch, aber entschlossen, und die rechte Hand des Polizisten schwebt über seiner Waffe, als ob er erwartet, dass ich eine Schießerei mit ihm anfange. »Dr. Cobakis, Sie müssen mit uns kommen«, sagt der Wachmann, und mir ist klar, dass mir sein blonder Spitzbart irgendwie bekannt vorkommt. Ich muss ihn im Krankenhaus gesehen haben. Nicht, dass es wichtig wäre. Dem entschlossenen Blick auf seinem sommersprossigen Gesicht nach zu urteilen, kann ich keine Hilfe oder Sympathie von ihm erwarten – oder von dem jungen Polizisten, der mich anstarrt, als würde ich eine Selbstmordweste anstelle von Jeans und Pullover tragen. »Warten Sie …«, beginnt mein Vater empört. »Er ist nicht hier«, unterbreche ich und hebe meine Hände über meinen Kopf, um zu zeigen, dass ich nicht bewaffnet bin. »Ich verstehe, woher ihr Misstrauen kommt, und ich beabsichtige, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um es zu zerstreuen. Ich bin ganz allein, versprochen.« Marsha, die sich scheinbar vom Schock erholt hat, tritt nach vorne und runzelt die Stirn. »Was machst du da, Bob? Das ist meine Freundin Sara. Sie ist …« »Wir wissen, wer sie ist.« Die Stimme des jungen Polizisten zittert leicht, und seine Finger schließen sich um den Griff seiner Waffe, als er sich vorsichtig nähert. »Wir wollen keinen Ärger, aber …« »Um Himmels willen, die Mutter des Mädchens wird gerade operiert!« Agnes Levinson bahnt sich mit Ellenbogen ihren Weg an ihrem Mann und meinem Vater vorbei, um die Wache und den Polizisten aus ihrer vollen Höhe von ein Meter achtzig wütend anzublicken. Ihre graumelierten Haare liegen wie ein Heiligenschein um ihr kleines Gesicht, als sie mit Händen auf den Hüften in einer wütenden Pose vor mich tritt und sagt: »Mein Mann und Sohn sind beide Anwälte, und ich kann Ihnen versichern, wir werden Sie wegen Belästigung verklagen. Lassen Sie das Mädchen mit ihrem Vater reden, und dann bekommen Sie Ihre Gelegenheit.« Sie wendet sich mir zu, und ihre braunen Augen werden weicher. »Sara, Liebes, geht es dir gut?« Ich blinzele und lasse langsam meine Hände sinken, als sich weder Bob der Wächter noch der Polizist auf mich zubewegen. »Mir … mir geht’s gut. Danke.« Die Freundschaft der Levinsons mit meinen Eltern reicht fast zwei Jahrzehnte zurück, und meine Eltern haben immer gesagt, dass Agnes und Isaac mich als die Tochter ansehen, die sie nie hatten. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich überzeugt, dass es eine Übertreibung war; ich habe sie mit Sicherheit nie für etwas anderes gehalten als ein nettes älteres Ehepaar, das zufällig mit meinen Eltern befreundet ist. Wie Agnes mich verteidigt, ist jedoch eher etwas, was ein Familienmitglied tun würde, und ich bin eigenartig berührt, besonders als Isaac vortritt und anfängt, meine Möchtegern-Festnehmer mit all der Juristensprache zu belästigen, die ihm zur Verfügung steht, und meinem Vater dadurch die Chance gibt, meinen Arm zu ergreifen und mich zur Seite zu ziehen. »Schnell, Liebling, rede mit mir.« Vaters Stimme ist leise und eindringlich, als sein Blick über mein Gesicht schweift, bevor er besorgt auf der halb verheilten Narbe auf meiner Stirn verweilt. »Was ist passiert? Was hat er dir angetan? Wie bist du entkommen?« Bevor ich antworten kann, lehnt er sich vor und flüstert mir ins Ohr: »Wir müssen dich sofort zu einem Anwalt bringen. Ich weiß, dass du diese Dinge am Telefon sagen musstest, aber sie weigern sich, mir zu glauben. Ich hörte sie darüber reden, und sie werden sich wegen seiner Verbindungen zum Terrorismus auf den Homeland Security Act berufen. Wir müssen dir einen guten Anwalt besorgen, oder …« »Sara! Heilige Scheiße, Mädchen, wo bist du gewesen?« Marsha kommt zu uns und packt meinen Arm, als würde ich mich gleich in Luft auflösen. Ihre Marilyn-Monroe-Locken schwingen wild, als sie mich zu sich dreht. »Was ist mit dir passiert? Wo warst du denn?« Ihre blauen Augen erblicken meine Narbe, und sie schnappt nach Luft. »Was ist mit deinem Gesicht passiert?« Überwältigt trete ich einen Schritt zurück. »Marsha, bitte …« »Sara Cobakis.« Der babygesichtige Polizist ist irgendwie an den Levinsons vorbeigekommen und schiebt Marsha zur Seite, wobei er seine Hand wieder an den Griff seiner Waffe legt. »Sie müssen sofort mit mir kommen.« Ich hebe wieder meine Hände. »Kein Problem. Bitte, ich kooperiere, ich verspreche es.« Jetzt ist es mein Vater, der streitlustig vortritt. »Sie geht nirgendwohin, bis sie einen Anwalt hat und …« »Alle stehen bleiben!« Und während wir alle schockiert starren, schwärmen SWAT-Kommandos mit herabgelassenen Gesichtsschilden und gezogenen Waffen im Raum aus.
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