14
Sara
Gegen Mittag überzeuge ich Papa endlich, nach Hause zu gehen und sich auszuruhen, und ich bleibe mit Mama im Krankenhaus, wobei ich abwechselnd entweder ihr Gesellschaft leiste oder auf einem Beibett schlafe, das die Schwestern in ihr Zimmer gebracht haben. Immer wenn ich herauskomme, um einen Kaffee oder einen Happen zu essen zu holen, folgen mir mehrere verdächtig aussehende Männer. FBI-Beamten höchstwahrscheinlich, obwohl sie auch Polizisten in Zivil sein könnten – ich habe keine Ahnung, wie ihre Gerichtsbarkeiten funktionieren. Ich bin offensichtlich noch nicht vom Haken, aber im Moment lassen sie mich mit meinem Leben weitermachen, und dafür bin ich dankbar.
Ich will nicht die wenige Zeit, die ich hier habe, im Gefängnis verbringen.
Marsha kommt nach ihrer Schicht in Mutters Zimmer vorbei, und nachdem ich mich vergewissert habe, dass Mama tief schläft, lasse ich mich von Marsha überreden, zu Patty’s zu gehen, damit wir uns auf den neuesten Stand bringen können.
»Also«, sagt sie, als wir uns an den Ecktisch setzen. »Du bist zurück.«
»Ich bin zurück«, bestätige ich und winke dem Kellner zu, damit er zu uns kommt. Ich habe fast keinen Schlaf bekommen und sehne mich nach etwas wirklich Fettigem und Ungesundem. Ich fühle mich generell, als würde ich auseinanderbrechen, mein ganzer Körper schmerzt vor Erschöpfung und mein unterer Rücken bringt mich um, weil ich die Nacht auf dem Krankenhausbett verbracht habe.
»Burger und Pommes, mit extra Käse und Gurken«, sage ich dem Kellner, als er kommt. »Und schnell, bitte. Ich bin am Verhungern.«
Marsha hebt die Augenbrauen an, kommentiert aber meine bevorstehende Fettorgie nicht. Stattdessen bestellt sie einen griechischen Salat und zwei Bier, eines für jeden von uns.
»Damit wir die Rückkehr der verlorenen Tochter feiern können«, sagt sie, und ich versuche, ihr Grinsen zu erwidern, während die Schuldgefühle erneut meine Brust überschwemmen.
»Danke, dass du dich um meine Eltern gekümmert hast, während ich weg war«, sage ich, als der Kellner geht. »Mein Vater hat mir gesagt, wie sehr du bei meiner Mutter geholfen hast, und ich bin sehr dankbar. Wenn es jemals etwas gibt, was ich für dich tun kann …«
Sie winkt meinen Dank mit einer perfekt manikürten Hand ab. »Ach, bitte. Es war mir ein Vergnügen. Ich mag deine Eltern, und es tut mir wirklich leid, dass das deiner Mutter passiert ist. Ich hoffe, sie erholt sich bald.«
»Ich auch.« Ich versuche ein weiteres Lächeln. »Also … was hast du so gemacht? Und Andy und Tonya? Ist Andy immer noch mit …«
»Oh, nein, das wirst du nicht tun.« Marsha überschlägt ihre Unterarme auf dem Tisch, lehnt sich nach vorn und durchbohrt mich mit ihrem Blick. »Wir werden nicht darüber reden, bis du mir erzählt hast, wo zum Teufel du warst, mit wem du weggelaufen bist und warum ich keinen Piep über ihn gehört habe, bis du vom Erdboden verschwunden bist.«
»Ich bin nicht verschwunden. Ich habe meine Eltern die ganze Zeit über angerufen und …«
Sie schneidet mich mit einem weiteren Winken ab. »Wortklaubereien. Du warst weg. Kein Wort zu irgendjemandem im Voraus, keine Mitteilung an deine Praxis, du hast alle deine Patienten hängen lassen – auch das Mädchen, das am nächsten Tag einen Kaiserschnitt brauchte, wohlgemerkt. Oh, und das FBI hat uns wochenlang deinetwegen belästigt. Wenn das kein Verschwinden ist, dann weiß ich es auch nicht …«
»Okay, okay, in Ordnung. Du hast gewonnen.« Ich schnappe mir mein Bier vom Kellner, als er sich dem Tisch nähert, aber ich trinke es nicht, sondern befeuchte nur meine Lippen. Nicht nur, dass ich unter Jetlag und Schlafentzug leide, sondern es besteht auch die Möglichkeit, dass ich schwanger bin.
Ich stelle das Glas ab, starre auf die braune Flüssigkeit und unterdrücke alle Gedanken an eine mögliche Schwangerschaft, damit ich mich konzentrieren kann. Ich weiß nicht, welche Version der Geschichte ich Marsha erzählen soll: die für das FBI, in der ich Peters Opfer bin, oder die, die ich meinen Eltern gegeben habe, in der ich in einen Mann verliebt bin, der in etwas Dubioses verwickelt ist, aber zum größten Teil zu Unrecht von den Behörden verfolgt wird.
»Du hältst mich hin«, sagt Marsha, und ich seufze und schaue vom Bier auf.
»Du hast recht: Ich bin verschwunden«, fange ich langsam an und versuche immer noch, zu entscheiden, was die beste Geschichte für Marsha ist. »Du hast doch mit meinen Eltern geredet, oder nicht? Sie müssen dir doch gesagt haben, was passiert ist.«
»Was sie wussten, und das war nicht viel.« Marsha nimmt ihr Bier hoch. »Es ergab auch keinen Sinn mit dem FBI, das wie Bombenspürhunde um uns herumschnüffelte.«
»Uh-huh.« Ich schaue mich instinktiv um und sehe zwei der Männer, die mir im Krankenhaus gefolgt sind, an einem Tisch auf der anderen Seite der Bar. Drei Tische weiter sind zwei weitere meiner Stalker, und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den Kerl an der Bar auch schon einmal gesehen habe.
Nun, das entscheidet es. Die »Bombenspürhunde« sind in vollem Einsatz, und ich habe keinen Zweifel, dass Marsha kurz nach unserem Gespräch befragt werden wird.
Tatsächlich gibt es keine Garantie, dass sie im Moment nicht mit ihnen arbeitet.
Sobald mir der Gedanke in den Sinn kommt, fühle ich mich wie eine schreckliche Freundin, aber das lässt den Verdacht nicht verschwinden. Es ergibt einfach zu viel Sinn. Wir kennen uns seit einigen Jahren – ich habe Marsha kennengelernt, als ich meine Assistenzzeit im Krankenhaus begann – aber wir waren immer mehr Arbeitsfreunde als alles andere. Zum einen war Marsha Dauersingle und auf Männerjagd, während ich verheiratet war und achtzig Stunden arbeitete. Ich konnte sie nie auf den Mädchenabenden, die sie liebt, begleiten, und sie fand ruhigere Aktivitäten wie Familienessen langweilig, so dass sich unsere Freundschaft eher um das Krankenhaus drehte und unsere Gespräche selten über Oberflächliches hinausgingen. Sie war nach Georges Unfall freundlich und fürsorglich, immer bereit, in den Kaffeepausen ein offenes Ohr zu haben, aber sie hat sich nie in die schwierigeren Aspekte meines Lebens eingemischt.
Marsha ist eine gute Freundin, eine Freundin zum Spaßhaben, aber nicht die Art von Freundin, die jede Woche meine Eltern anrufen würde – zumindest nicht ohne einen Anstoß.
Ein Anstoß, der leicht vom FBI hätte kommen können.
Natürlich ist es genauso möglich, dass ich viel zu müde bin, um klar zu denken. Entweder das – oder das Zusammensein mit Peter hat mich viel zu paranoid gemacht. Dennoch, da die Chance besteht, dass mein Verdacht richtig ist – oder auf der weitaus vernünftigeren Annahme, dass ich nicht erwarten kann, dass Marsha das FBI für mich belügt –, entscheide ich mich für die Opferversion der Geschichte.
Leider bedeutet das, dass ich an den Anfang zurückgehen und das mit George erklären muss. Und da ich mir ziemlich sicher bin, dass das FBI nicht will, dass ich geheime Informationen preisgebe, muss ich auch hier kreativ werden.
Mein Kopf tut weh, wenn ich nur an all die Halbwahrheiten und Lügen denke, die ich aufrechterhalten muss.
Als ich mir den Anfang der Geschichte ausgedacht habe, sind Marshas Augen größer als der Burger, den ich verschlinge. »George war auf der Abschussliste dieses russischen Attentäters? Warum? Was hat er …«
»Ich habe nie alle Details herausgefunden, aber es hatte etwas mit einer Mafiageschichte zu tun, über die George schreiben wollte.« Ich beschließe, die ursprüngliche Lüge des FBI als Rechtfertigung für Peters Handlungen zu benutzen. »Jedenfalls ist er in mein Haus eingebrochen, hat mich gewaterboardet und betäubt, um Georges Aufenthaltsort herauszufinden, und dann hat er ihn getötet.«
Ich lasse Marsha das verdauen, während ich mir zwei Pommes in den Mund stopfe. Ich bin wirklich am Verhungern. Als ich sehe, dass sie dabei ist, weitere Fragen zu stellen, sage ich: »Ja, so haben wir uns wirklich getroffen. Du verstehst, warum ich das meinen Eltern nicht sagen konnte, oder?«
Sie nickt, ihr Gesicht sieht kränklich blass aus unter ihrem Make-up, und ihr Salat vor ihr ist vergessen.
»Gut«, fahre ich fort. »Ich brauchte eine Weile, um darüber hinwegzukommen, und dann hast du mich für eine Nacht mit Andy und Tonya eingeladen. Wir waren in dem Klub in der Innenstadt, erinnerst du dich? Der mit dem süßen Barkeeper, der später nach mir gefragt hat?«
Marsha nickt wieder, immer noch stumm.
»Dort kam er wieder auf mich zu«, sage ich ihr. »Genau dort in diesem Klub. Deshalb dachte Andy, dass ich mich seltsam benommen habe, als ich abgehauen bin: Ich war gerade vom Mörder meines Mannes angesprochen worden und sollte ihn am nächsten Tag bei Starbucks treffen. Und von da an ging es nur noch bergab. Er hatte Kameras im ganzen Haus installiert, er folgte mir überallhin, und als ich versuchte, in ein Hotel zu fliehen, tauchte er in meinem Zimmer auf und … na ja, das ist egal.« Ich lasse Marsha ihre eigenen Schlüsse ziehen – was nach dem Entsetzen in ihrem Gesicht viel schlimmer zu sein scheint als das, was tatsächlich passiert ist.
Ich fühle mich schrecklich deswegen – ich will instinktiv meine Freundin vor dem gefährlichen Durcheinander in meinem Leben schützen, so wie ich meine Eltern abgeschirmt habe – aber das ist es, was ich dem FBI gesagt habe und ich muss dabei bleiben. Außerdem ist alles wahr, zumindest faktisch. Der einzige Teil, den ich zurückhalte, ist meine eigene Verwirrung über all das – meine unwillige Anziehungskraft auf den Mann, den ich nur hassen und verachten sollte.
Eine Attraktion, die so viel mehr geworden ist.
»Oh Gott, Sara …« Marsha sieht aus, als ob sie kurz davor ist, das bisschen Salat, das sie gegessen hat, wieder hochzuwürgen. »Es tut mir so, so leid, Süße. Ich hatte ja keine Ahnung. Und dieses … dieses Monster hat dich dann entführt?«
»Nach ein paar Wochen, als das FBI herausfand, dass er in der Gegend ist, ja. Davor ließ er mich mit meinem Leben weitermachen, und er war einfach … darin.« Ich winke dem Kellner für Wasser, da ich mein Bier nicht trinken kann. Ich bin durstig, und mir ist seltsam schwindelig, als hätte ich schon Alkohol getrunken.
Ich fühle mich generell schrecklich, die Schmerzen in meinem unteren Rücken verstärken sich unerträglich, und mein Magen rumort von der ganzen fettigen Nahrung. Mir ist auch unangenehm heiß, und ich habe das Gefühl, dass ich weinen will – das muss der ganze Stress sein, der mich einholt.
»Ich verstehe nicht«, sagt Marsha, während ich tief durchatme, um meinen Kopf frei zu bekommen. »Warum hat er das getan? Warum du? Ist das etwas, was er normalerweise tut, Frauen entführen? Hatte er einen ganzen Harem von Opfern an dem Ort – wo hat er dich überhaupt hingebracht?«
»Japan, und nein. Soweit ich weiß, bin ich die Einzige, der er das je angetan hat. Was das Warum betrifft, warum tun manche Männer etwas?« Ich schaffe ein wackeliges Lächeln. »Er war von mir besessen, schätze ich. Jedenfalls langweilte er sich schließlich, und hier bin ich.«
Marsha starrt auf die Narbe auf meiner Stirn. »Hat er dir das angetan?« Sie berührt ihre eigene Stirn, und ihre Stimme ist angespannt. »Hat er dir wehgetan?«
»Nein, diese Narbe ist von einem Autounfall, als ich versuchte zu fliehen und stattdessen verunglückte«, sage ich. »Er hat mir eigentlich nicht wirklich wehgetan. Abgesehen von der ganzen Entführung und Ermordung von George behandelte er mich ziemlich gut.«
»Okay. Das ist … das ist gut, schätze ich.« Marshas Stimme zittert, als sie nach ihrem Bier greift. Ich merke, dass auch ihre Hand zittert, und neue Schuldgefühle breiten sich in meinem Inneren aus. Ich wünschte, ich könnte ihr alles erzählen, sie verstehen lassen, wie kompliziert Peter ist, wie grausam und freundlich er gleichzeitig sein kann. Wie wunderbar und furchterregend es war, mit ihm zusammen zu sein, wie auf einer Achterbahn ohne Bremsen zu fahren.
Ich wünschte, ich könnte ihr die ganze schmutzige Wahrheit sagen, aber ich kann nicht, also klebe ich mir ein Plastiklächeln aufs Gesicht und entschuldige mich, um die Toilette zu benutzen. Mein Magen rumort so stark, dass er anfängt zu krampfen, und ich schwitze trotz des kalten Luftzuges, der von der offenen Tür in die Bar hineinströmt.
Als ich den kleinen, schmuddeligen Toilettenraum betrete, verstärkt sich das krampfende Gefühl, und ein plötzlicher Verdacht kommt auf, der meinen Atem zum Stillstand bringt.
Könnte es sein? Ist sie endlich da?
Als ich nachschaue, entdecke ich einen Blutfleck auf meiner Unterwäsche. Meine Periode – jetzt über eine Woche überfällig – hat endlich begonnen. Deshalb fühle ich mich so beschissen: Es ist der erste Tag, und alle Symptome sind da, von den Schmerzen im unteren Rücken und den Hitzewallungen bis hin zur Launenhaftigkeit und den Krämpfen.
Es ist offiziell.
Ich bin nicht schwanger.
Peter und ich bekommen kein Baby.
Es hätte eine Erleichterung sein sollen, aber als ich auf diesen rotbraunen Fleck starre, wächst er in meiner Vision und färbt meine Welt im gleichen blutigen Farbton. Zitternd halte ich mir die Faust an den Mund, aber ich kann weder den Schluchzer, der in meiner Kehle aufsteigt, noch den, der folgt, eindämmen. So verrückt es auch ist, ich fühle mich, als hätte ich etwas verloren, als hätte sich ein perverser Teil von mir nicht nur mit der Möglichkeit eines Kindes versöhnt, sondern sich auch darauf gefreut.
Dieses Baby – ich war mir so sicher, dass ich es nicht wollte – existierte nie außerhalb meiner Ängste, aber ich fühle seinen Verlust so scharf, als ob ich eine Fehlgeburt gehabt hätte.
»Bist du okay?«, fragt Marsha, als ich etwa zwanzig Minuten später aus der Toilette komme, und ich nicke, ohne meine geschwollenen Augen und mein fleckiges Gesicht zu verstecken, während ich mein jetzt warmes Bier hinunterschütte. Ich weiß, was sie denkt: dass das Erzählen der Geschichte meiner Entführung einen emotionalen Tribut gefordert hat und mich an das Trauma dessen erinnert, was ich durchgemacht habe. Und ich lasse sie das denken, weil es besser ist als die Wahrheit.
Es ist besser, als dass sie weiß, dass ich trotz allem, was Peter getan hat – trotz der schrecklichen Verbrechen, die er gegen mich und andere begangen hat –, genauso besessen von ihm bin wie er von mir.
Dass ich, so falsch es auch ist, jetzt ihm gehöre, mein Kopf, mein Körper und mein Herz.