Avas Perspektive
Stille verschlang das Wohnzimmer.
Für einen Herzschlag bewegte sich niemand. Niemand atmete. Der zitternde Finger der alten Magd war immer noch auf mich gerichtet, ihre Augen weit aufgerissen vor etwas, das wie Angst aussah … und wie Gewissheit.
„Sie ist es.“
Diese zwei Worte krachten wie Donner in den Raum.
Was zum Teufel redet diese Magd da, dass sie ausgerechnet in diesem entscheidenden Moment auf mich zeigen muss, genau dann, als ich kurz davor war, aus diesem Gefängnis zu entkommen?
Meine Augen blieben weit geöffnet, während ich sie anstarrte – ebenso wie alle anderen im Raum.
Luna Ember war die Erste, die sich wieder fing. Ihr Gesicht verzog sich, Wut und Unglauben kämpften um die Oberhand. „Du unverschämte Frau“, schnappte sie die Magd an. „Hast du irgendeine Ahnung, was du da sagst?“
Die Augen des Sehers waren nun auf mich gerichtet. Nicht anklagend. Nicht wütend. Neugierig. Als würde er endlich ein Puzzleteil betrachten, das die ganze Zeit gefehlt hatte.
Marco erhob sich langsam von seinem Sitz. Ich spürte seinen Blick, noch bevor ich ihn sah. Scharf und gefährlich.
„Ava?“ rief er, seine Stimme tief.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Jeder Instinkt schrie mich an zu rennen, doch meine Füße fühlten sich an, als wären sie im Marmorboden verwurzelt.
Die alte Magd schluckte schwer. „Ich sage die Wahrheit. Ich diente im Palast, als die große Hexe noch lebte. Ich sah ihre Schwangerschaft mit meinen eigenen Augen. Ich sah, wie der Alpha sie heimlich besuchte.“ Ihre Stimme bebte. „Und als dieses Kind geboren wurde … verschwand es.“
Lilian lachte plötzlich, schrill und scharf. „Das ist lächerlich. Ihr verliert alle den Verstand. Ava ist meine Schwester. Ich bin mit ihr aufgewachsen. Wie könnte sie—“
„Du bist mit ihr aufgewachsen, weil sie in den Haushalt des Alphas gebracht wurde“, unterbrach die Magd sie. „Weil die Luna darauf bestand, dass das Kind überwacht wird.“
Alle Blicke schossen zu Luna Ember.
Für einen kurzen Moment wich die Farbe aus ihrem Gesicht.
Und genau da wusste ich es.
Es war wahr.
Das Geflüster begann erneut. Dieses Mal lauter. Ängstlicher.
„Die Tochter der Hexe …“
„Deshalb hat sich der Fluch nie gelöst …“
„Sie hat all die Zeit unter uns gelebt …“
„Nein“, sagte Luna Ember laut und erhob sich. „Das ist eine Lüge. Eine verzweifelte Lüge. Wachen!“ Ihr scharfer Blick schnitt in mich hinein. „Ergreift sie.“
Das Wort ergreift brach den Bann, unter dem ich gestanden hatte.
Zwei Wachen traten vor.
Mein Körper reagierte, noch bevor mein Verstand es tat. Angst schoss durch mich — und mit ihr etwas anderes. Die Luft um mich herum veränderte sich. Ich spürte es, wie einen plötzlichen Temperatursturz, als würde die Welt scharf einatmen.
Die Fackeln an den Wänden flackerten.
Die Wachen zögerten.
Marco bemerkte ihr Zögern. Seine Augen verengten sich. „Tut es. Jetzt.“
Sie stürzten vor.
„AVA!“
Helenas Stimme durchschnitt das Chaos.
Plötzlich war sie neben mir und packte meinen Arm so fest, dass es schmerzte. „Vergib mir“, flüsterte sie hastig, und dann stieß sie mich — hart.
Ich taumelte rückwärts, gerade als die Wachen ins Leere griffen. Keuchen erfüllte den Raum.
„Haltet sie auf!“ schrie Luna Ember.
Ich rannte.
Ich dachte nicht nach. Ich plante nichts. Ich rannte einfach.
Meine Hausschuhe klatschten auf den Marmor, als ich durch den Seitengang stürmte, mein Herz so laut pochend, dass ich die Rufe hinter mir kaum hörte. Kleider streiften meine Arme, als ich an erstarrten Dienern vorbeirannte.
„Ava! Komm zurück!“ Marcos Stimme hallte wider.
Ich bog um eine Ecke und wäre beinahe gegen eine Wand gelaufen — doch dann spürte ich wieder Hände an mir.
Helena.
„Hier entlang“, zischte sie und zog mich zu einem schmalen Dienergang, der hinter einem Wandteppich verborgen war. Sie riss ihn beiseite, und wir schlüpften hindurch, gerade als schwere Schritte vorbeidonnerten.
Der Gang war dunkel, feucht und roch nach altem Stein. Meine Lungen brannten. Mein Rücken schrie vor Schmerz von den Peitschenhieben. Jeder Schritt fühlte sich an wie Messer, die sich in meine Haut bohrten.
„Es tut mir leid“, keuchte ich. „Ich wollte dich nicht da mit hineinziehen.“
Helena verlangsamte nicht. „Ich habe mich dafür entschieden“, sagte sie entschlossen. „Und wenn wir uns nicht schneller bewegen, sterben wir beide.“
Wir brachen in die Nacht hinaus, nahe der hinteren Gärten. Der Mond hing tief und hell und tauchte das Palastgelände in silbernes Licht. Für einen Moment war es fast schön.
Dann heulten die Alarme.
Ein tiefes Horn erklang von den Türmen.
„Sie haben die Haupttore geschlossen“, sagte Helena. „Wir müssen den unteren Weg nehmen.“
„Der führt zum Fluss“, sagte ich atemlos.
Sie nickte. „Gut. Genau dort gehen wir hin.“
Hinter uns wurden die Stimmen lauter. Fackeln wippten durch die Dunkelheit.
Meine Beine zitterten. Ich wusste nicht, wie lange ich noch rennen konnte. Schmerz, Angst, Schock — alles holte mich gleichzeitig ein.
Beweg dich, sagte ich mir. Wenn du stehen bleibst, stirbst du.
Als wir den Rand der Gärten erreichten, baute sich plötzlich ein Druck in meiner Brust auf. Dasselbe seltsame Gefühl wie zuvor — aber stärker. Heißer. Wilder.
Der Wind frischte auf.
Blätter wirbelten heftig um uns herum und peitschten durch die Luft. Ein Wächter schrie überrascht auf und schirmte die Augen ab.
„Was passiert hier?“ rief Helena.
„Ich — ich weiß es nicht“, sagte ich, Panik stieg in mir auf. Meine Hände zitterten und begannen schwach zu leuchten. Ein blassgrünes Licht flackerte unter meiner Haut.
Der Boden unter den Wachen riss auf.
Sie stolperten in panischer Angst zurück.
„Hexe!“ schrie jemand.
Das Wort schnitt tief in mich hinein.
Ich wollte das nicht. Ich hatte nicht darum gebeten. Aber die Macht strömte trotzdem aus mir heraus und reagierte auf meine Angst, als hätte sie nur darauf gewartet.
„Renn!“ schrie ich Helena zu.
Wir rannten.
Wir hielten erst an, als die Lichter des Palastes weit hinter uns lagen und das Rauschen von Wasser die Luft erfüllte. Der Fluss glitzerte vor uns, breit und reißend.
Schließlich verließen mich meine Kräfte.
Ich sank auf die Knie, rang nach Luft, während sich die Welt drehte. Helena fiel neben mir nieder und packte meine Schultern.
„Du hast es geschafft“, flüsterte sie. „Du bist raus.“
Ich starrte auf das dunkle Wasser, mein Spiegelbild zerrissen von den Wellen. Meine Augen … sie glühten.
„Ich wollte das nicht“, sagte ich heiser. „Ich wollte einfach nur gehen.“
Helena drückte meine Hände. „Dann überlebe“, sagte sie schlicht. „Das ist alles, was du jetzt tun musst.“
Hinter uns, weit entfernt, stand der Palast hoch und unerbittlich.
Und zum ersten Mal hatten sie Angst vor mir.
Ich wusste nicht, ob mich das mehr erschreckte als alles andere …
oder ob es mich ein kleines bisschen mächtig fühlen ließ.