Kapitel 5-4

373 Worte
Beth kommt und bringt mir Mittagessen. Sie bringt mir auch einen Stapel Kleidung. Ich freue mich. Ich habe den ganzen Morgen den Bademantel getragen, und ich würde gerne normale Sachen anziehen. Als sie den Stapel in den Kleiderschrank legt, denke ich erneut darüber nach, sie anzugreifen und einen Fluchtversuch zu unternehmen. Vielleicht sollte ich die Gabel benutzen, die ich zur Seite geschafft habe. »Nora, gib mir die Gabel«, sagt sie. Ich zucke ein wenig zusammen und sehe sie überrascht an. Ist sie doch eine Gedankenleserin? Und dann fällt mir auf, dass sie einfach auf das Tablett schaut und das fehlende Besteck bemerkt. Ich entscheide mich dafür, mich dumm zu stellen. »Was für eine Gabel?« Sie seufzt. »Du weißt, welche Gabel. Diejenige, die du hinter den Büchern versteckt hast. Gib sie mir.« Eine weitere meiner Annahmen erweist sich als falsch. Ich weiß nicht, warum ich dachte, ich hätte eine Privatsphäre. Ich schaue an die Decke, betrachte sie eingehend, aber kann keine Kameras entdecken. »Nora …«, fordert mich Beth auf. Ich hole die Gabel hervor und werfe sie ihr zu. Ich denke, ich hoffe insgeheim, dass sie in ihrem Auge landet. Aber Beth fängt sie und schüttelt den Kopf über mich, so als sei sie von meinem Benehmen enttäuscht. »Ich hatte gehofft, du würdest dich nicht so verhalten«, sagt sie. »Wie verhalten? Wie ein Entführungsopfer?« Jetzt möchte ich sie wirklich unglaublich gerne schlagen. »Wie ein verwöhnter Braten«, erklärt sie mir und steckt die Gabel in ihre Tasche. »Denkst du, es ist so furchtbar, hier auf dieser wunderschönen Insel zu sein? Denkst du, du leidest dadurch, Julians Bett zu teilen?« Ich schaue sie an, als sei sie verrückt. Erwartet sie ernsthaft von mir, diese Situation in Ordnung zu finden? Willig mitzumachen und niemals ein Wort des Widerspruches verlauten zu lassen? Sie starrt zurück, und zum ersten Mal fallen mir Linien auf ihrem Gesicht auf. »Du kennst die wahre Bedeutung des Wortes leiden nicht, kleines Mädchen«, sagt sie sanft, »und ich hoffe, das wirst du auch niemals herausfinden. Sei nett zu Julian, und du könntest in der Lage sein, weiterhin ein schönes Leben zu haben.« Sie verlässt das Zimmer, und ich schlucke, um meine plötzlich trockene Kehle zu befeuchten. Irgendwie zittern mir nach ihren Worten die Hände.
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