Kapitel 6-1

930 Worte
6 Nora Jetzt ist schon Abend. Mit jeder Minute, die vergeht, werde ich ängstlicher bei dem Gedanken daran, meinen Peiniger wiederzusehen. Ich kann mich nicht länger auf den Roman konzentrieren, den ich gerade gelesen habe. Ich lege ihn weg und drehe Runden in dem Zimmer. Ich habe die Sachen an, die Beth mir vorhin gegeben hat. Es ist keine Kleidung, die ich mir selbst ausgesucht hätte, aber sie ist besser als ein Bademantel. Ein sexy Spitzenhöschen und ein dazu passender BH als Unterwäsche. Ein hübsches blaues Sommerkleid zum Vornezuknöpfen. Alles passt mir verdächtig gut. Hat er mich schon eine ganze Weile verfolgt? Hat er alles über mich herausgefunden, einschließlich meiner Kleidergröße? Mir wird schlecht bei dem Gedanken daran. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, was noch alles passieren kann, aber das ist unmöglich. Ich weiß nicht, warum ich mir so sicher bin, dass er heute Nacht zu mir kommen wird. Es ist natürlich möglich, dass er einen ganzen Harem voller Frauen hier auf dieser Insel festhält und jede nur einmal die Woche besucht, wie das die Sultane damals taten. Und trotzdem weiß ich irgendwie, dass er bald hier sein wird. Die letzte Nacht hat lediglich seinen Appetit angeregt. Ich weiß, dass er noch nicht mit mir fertig ist, noch lange nicht. Schließlich geht die Tür auf. Er kommt herein, als ob ihm das alles hier gehört. Was es natürlich auch tut. Und wieder bin ich von seiner männlichen Schönheit beeindruckt. Mit so einem Gesicht hätte er ein Model oder ein Filmstar sein können. Wenn es auf dieser Welt Gerechtigkeit gäbe, wäre er klein oder hätte einen anderen Makel, der von seinem Gesicht ablenken würde. Hat er aber nicht. Sein Körper ist groß und muskulös, mit perfekten Proportionen. Ich erinnere mich daran, wie es ist, ihn in mir zu haben, und fühle ein unwillkommenes Aufflackern von Erregung. Er trägt wieder Jeans und T-Shirt. Diesmal ein graues. Er scheint eine Vorliebe für schlichte Kleidung zu haben, und das ist clever von ihm. So kommt sein Aussehen am besten zur Geltung. Er lächelt mich an. Mit diesem Lächeln, das ihn wie einen gefallenen Engel aussehen lässt – dunkel und verführerisch. »Hallo Nora.« Ich weiß nicht, was ich sagen soll, also platze ich mit dem Ersten heraus, was mir in den Sinn kommt: »Wie lange wirst du mich hier festhalten?« Er legt seinen Kopf leicht zur Seite. »Hier in diesem Raum? Oder auf der Insel?« »Beides.« »Beth wird dir morgen die Umgebung zeigen und mit dir schwimmen gehen, falls du Lust dazu hast«, sagt er und kommt dabei immer näher. »Du wirst nicht mehr eingesperrt sein, außer du machst Dummheiten.« »Wie zum Beispiel?«, frage ich, und mein Herz klopft, als er neben mir stehen bleibt und seine Hand hebt, um mein Haar zu berühren. »Versuchen, dir oder Beth etwas anzutun.« Seine Stimme ist sanft und sein Blick hypnotisierend, als er zu mir heruntersieht. Die Art und Weise, wie er mein Haar berührt, ist sonderbar entspannend. Ich zwinkere, um seinen Zauber zu brechen. »Und was ist mit der Insel? Wie lange wirst du mich hier festhalten?« Seine Hand streichelt jetzt mein Gesicht und fährt an meiner Wange entlang. Ich erwische mich dabei, wie ich mich seiner Berührung hingebe wie eine Katze, die gekrault wird, und versteife mich augenblicklich. Seine Lippen verziehen sich zu einem wissenden Lächeln. Dieser Bastard weiß genau, welche Wirkung er auf mich hat. »Eine lange Zeit, hoffe ich«, sagt er. Aus irgendeinem Grund bin ich nicht überrascht. Er würde sich nicht die Umstände gemacht haben, mich bis hierher zu bringen, wenn er mich nur einige Male ficken wollte. Ich habe Angst, aber bin nicht wirklich entsetzt. Ich nehme all meinen Mut zusammen und stelle die nächste logische Frage: »Warum hast du mich entführt?« Das Lächeln verschwindet aus seinem Gesicht. Er antwortet nicht, sondern schaut mich nur mit einem undurchschaubaren melancholischen Blick an. Ich fange an zu zittern. »Wirst du mich töten?« »Nein, Nora, ich werde dich nicht töten.« Seine Verneinung beruhigt mich, auch wenn er mich gerade anlügen könnte. »Wirst du mich verkaufen?« Ich bekomme die Worte kaum heraus. »Um eine Nutte zu sein oder so etwas?« »Nein«, sagt er sanft. »Niemals. Du gehörst mir, und nur mir.« Ich beruhige mich ein wenig, aber es gibt da noch eine weitere Sache, die ich unbedingt wissen muss. »Wirst du mir wehtun?« Einen Moment lang antwortet er wieder nicht. Etwas Dunkles flackert kurz in seinen Augen auf. »Wahrscheinlich«, antwortet er ruhig. Und dann beugt er sich herunter und küsst mich mit seinen warmen Lippen weich und zärtlich auf meine. Eine Sekunde lang stehe ich stocksteif da, ohne irgendeine Reaktion. Ich glaube ihm. Ich weiß, dass er mir die Wahrheit sagt, wenn er behauptet, dass er mir wehtun wird. Er hat etwas an sich, das mir Angst macht – das mir schon von Anfang an Angst gemacht hat. Er ist überhaupt nicht wie die Jungen, mit denen ich Verabredungen hatte. Er ist zu allem fähig. Und ich bin ihm vollkommen ausgeliefert. Ich denke darüber nach, mich zu wehren. Das wäre das Normale, was man in meiner Situation machen würde. Das wäre mutig. Und trotzdem mache ich es nicht. Ich kann die dunklen Abgründe in ihm fühlen. Irgendetwas stimmt mit ihm nicht. Seine äußere Schönheit verbirgt etwas Grauenvolles im Inneren. Ich möchte diese Dunkelheit nicht entfesseln. Ich weiß nicht, was passieren wird, wenn ich es tue. Also stehe ich bewegungslos in seiner Umarmung und lasse mich von ihm küssen. Und als er mich aufhebt und zum Bett trägt, versuche ich überhaupt nicht, etwas dagegen zu unternehmen. Stattdessen schließe ich die Augen und gebe mich den Empfindungen hin.
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