Kapitel 1: Lilys Tod
(Olivias POV)
Das Piepen der Krankenhausmonitore war zum Soundtrack unseres Lebens geworden. Meine Tochter Lily lag in dem sterilen Bett, ihr kleiner Körper wirkte winzig neben den medizinischen Geräten, die sie umgaben. Nierenversagen. Diese beiden Worte hatten unsere Welt erschüttert.
„Mama“, flüsterte Lily, ihre Stimme war kaum über das Geräusch der Maschinen hinweg zu hören. „Glaubst du, Papa kommt morgen?“
Ich strich ihr das dünne Haar aus der Stirn. „Natürlich, mein Schatz. Es ist dein Geburtstag.“
„Und wir gehen zur Mondlichtmesse? Alle drei zusammen?“ Hoffnung blitzte in ihren smaragdgrünen Augen auf-Augen, die genau wie meine waren.
„Ja, Lily. Ich habe ihn schon gefragt, und er hat es versprochen.“ Ich zwang mich zu einem Lächeln und ignorierte die Zweifel, die an meinem Herzen nagten.
Lilys Gesicht hellte sich mit einer Freude auf, die ich seit Monaten nicht mehr gesehen hatte. „Wirklich? Papa hat es versprochen?“
Ich nickte und drückte ihre zerbrechliche Hand. Die Ärzte hatten ihr nur noch Tage, vielleicht sogar nur Stunden gegeben. Dieser Geburtstag könnte ihr letzter sein, und ihr einziger Wunsch war es, ihn mit ihrem Vater zu verbringen.
Am nächsten Morgen zog ich Lily ihre wärmsten Kleider an. Das Wetter war unerwartet kalt geworden, aber nichts konnte uns aufhalten. Wir warteten am Eingang der Moonlight Fair, wo die bunten Lichter und die fröhliche Musik einen starken Kontrast zu der Schwere in meiner Brust bildeten.
Eine Stunde verging. Dann zwei.
„Er kommt nur etwas später von der Arbeit, oder, Mama?“, fragte Lily, deren Lippen trotz des dicken Mantels leicht blau wurden.
„Sicher hat er das, Schatz.“ Ich wählte Ethans Nummer zum zwanzigsten Mal. Es ging direkt auf die Mailbox.
Drei Stunden. Lily weigerte sich, in dem Rollstuhl zu sitzen, den ich mitgebracht hatte, und bestand darauf, zu stehen, damit ihr Vater sie sofort sehen würde.
„Vielleicht hat er es vergessen“, flüsterte sie mit brüchiger Stimme. „Vielleicht ist er wieder bei Emma.“
Ihre Worte brachen mir das Herz. „Ich versuche es noch einmal.“
Diesmal nahm jemand ab. Nicht Ethan, sondern sein Assistent.
„Der Alpha-König ist nicht erreichbar. Er ist mit Frau Frost und ihrer Tochter bei Disney, um etwas Besonderes zu feiern.“
Die Welt kippte unter meinen Füßen weg. „Aber heute ist der Geburtstag seiner Tochter. Lily wartet bei der Mondlichtmesse auf ihn. Er hat es ihr versprochen.“
„Es tut mir leid, Frau Winters. Er hat strikte Anweisung gegeben, nicht gestört zu werden.“
Als ich mich umdrehte, war Lily zusammengebrochen. Ihr kleiner Körper zuckte auf dem kalten Boden, ihr Atem ging flach und schnell.
„LILY!“, schrie ich und nahm sie in meine Arme. „Hilfe, jemand muss uns helfen!“
Im Krankenhaus arbeiteten die Ärzte verzweifelt, aber ich sah in ihren Augen, was ich nicht wahrhaben wollte. Lilys Organe versagten.
„Mama“, flüsterte sie und öffnete ein letztes Mal die Augen.
„Warum liebt Papa Emma mehr als mich? Ist es, weil ich krank bin?“
Ich konnte vor Tränen nicht antworten. Lilys Handy fiel aus ihrer Tasche, und auf dem Bildschirm erschien ein Video, das ihr jemand geschickt hatte. Ethan, Victoria und Emma in Disneyland. Ethan trug Emma auf den Schultern, und alle lachten. Auf einem riesigen Banner stand: „Happy Birthday, Emmy!“
„Ich wollte nur, dass er mich liebt“, flüsterte Lily.
Dann war sie weg, ihr letzter Atemzug eine Frage, die ich nicht beantworten konnte.
Der Monitor zeigte keine Lebenszeichen mehr, sein kontinuierlicher Ton verkündete, was mein Herz nicht akzeptieren wollte. Meine Tochter war tot. Und ihr Vater war nicht einmal da, um sich von ihr zu verabschieden.
In der Leichenhalle war es still, bis auf mein gedämpftes Schluchzen. Ich stand allein neben Lilys kleinem Körper, der friedlich auf dem Einäscherungstisch lag.
„Wo sind alle?“, fragte der Mitarbeiter sanft. „Sicherlich der Alpha-König...“
„Er weiß es nicht“, sagte ich mit leerer Stimme. „Er weiß nicht einmal, dass sie tot ist.“
Ich holte die Mondstein-Haarspange heraus, die ich für ihren Geburtstag entworfen hatte-winzige Heilkristalle, eingebettet in eine zarte Silberfassung. Ich hatte Monate damit verbracht, sie herzustellen und jeden Stein mit schützender Energie zu erfüllen.
„Das sollte dir helfen, gesund zu werden“, flüsterte ich und steckte sie vorsichtig in ihr Haar. „Es tut mir so leid, dass es nicht genug war.“
Der Mitarbeiter rückte unruhig hin und her. „Der Alpha-König sollte informiert werden, bevor wir fortfahren.“
„Er ist in Disneyland“, sagte ich, und Bitterkeit schwang in meiner Stimme mit. „Er feiert Emma Frosts Geburtstag mit derselben Party, die er Lily versprochen hatte. Mit der Frau, die er immer mehr geliebt hat als uns.“
Der Mann riss erschrocken die Augen auf, nickte aber respektvoll. „Ich verstehe, Frau Winters.“
Als die Einäscherung begann, stand ich allein da und sah zu, wie die Flammen die Tochter verschlangen, die Ethan vergessen hatte.
Der Verkehr vor mir stand still. Ich drückte die Moonwood-Urne an meine Brust, in der Lilys Asche noch warm war. Wir saßen auf der Autobahn fest, direkt gegenüber von Disney.
Auf einer riesigen Leinwand an der Außenwand des Parks flackerten Bilder-Eilmeldungen über die extravagante Feier des Alpha-Königs.
„Alpha-König Ethan Stone hat für die Geburtstagsfeier der jungen Emma Frost heute keine Kosten gescheut“, dröhnte die fröhliche Stimme des Sprechers. „Quellen berichten, dass er für diesen besonderen Anlass den gesamten Park gemietet hat!“
Der Bildschirm zeigte Bilder von Ethan, der Emma auf den Schultern trug, beide lachend. Victoria stand neben ihnen, ihre Hand besitzergreifend auf Ethans Arm.
Victoria ist Ethans Jugendliebe. Aber sie hat das Rudel vor fünf Jahren verlassen.
Nachdem sie das Rudel verlassen hatte, hat sie sich mit einem anderen Wolf gepaart und eine Tochter, Emma, zur Welt gebracht.
Vor einigen Monaten kehrte sie mit Emma zum Rudel zurück. Mein Leben hat sich über Nacht verändert.
Ethan fand es hart und bedauerlich, dass Victoria das Kind alleine großziehen musste, deshalb kümmerte er sich immer um sie. Er behandelte Emma sogar besser als unsere Tochter Lily.
Jetzt trug Emma ein mit Kristallen besticktes Eisköniginnenkleid-genau das Kleid, das Lily sich so sehr gewünscht hatte und das Ethan ihr nicht kaufen wollte, weil es „zu teuer für ein krankes Kind ist, das nirgendwo hingehen kann“.
Ich drehte die Urne vom Bildschirm weg und schirmte sie ab, als könnte Lily sie noch sehen. „Lily, nicht hinschauen!“, flüsterte ich, während mir die Tränen über das Gesicht liefen. „Nicht hinschauen, Baby.“
Als ich zurückkam, war es still in den Imperial Gardens. Ohne Lily fühlte sich unser Flügel des riesigen Anwesens leer an. Ich trug die Urne in ihr Zimmer, das noch immer voller Spielsachen, Bücher und Träume war.
Ich saß die ganze Nacht auf ihrem Bett, hielt die Urne im Arm und beobachtete, wie der Mond durch ihr Fenster über den Himmel wanderte.
Der Morgen kam und mit ihm Schritte im Flur. Ethan erschien in der Tür, mit genervtem Gesichtsausdruck.
„Wo ist Lily? Wir haben heute einen Termin beim Spezialisten.“
Ich starrte ihn an, unfähig, seine Worte zu verstehen. „Was?“
„Der Nierenspezialist. Aus Europa.“ Er schaute ungeduldig auf seine Uhr. „Mach sie fertig.“
Etwas in mir zerbrach. Ich stand auf, immer noch die Urne fest umklammert. „Sie fertig machen? SIE FERTIG MACHEN?“
Ethans Augen verengten sich. „Was ist los mit dir? Und was ist das?“
Ich schob ihm die Urne entgegen. „Das ist deine Tochter! Das ist Lily!“
Er wich einen Schritt zurück. „Hör auf, so dramatisch zu sein. Wo ist sie?“
„Lily ist tot!“, schrie ich, meine Stimme durchdrang die morgendliche Stille. „Wo willst du sie abholen? In der Hölle?“
Ethans Gesicht verhärtete sich. „Das ist nicht lustig, Olivia. Ich habe keine Zeit für deine Gefühlsausbrüche.“
„Sie ist an ihrem Geburtstag gestorben“, fuhr ich fort, meine Stimme brach. „Während du mit deiner geliebten Victoria und Emma in Disney warst. Während du Emma das Kleid gekauft hast, das du für Lily zu teuer gefunden hast.“
Ethan drehte sich weg und ging zur Treppe. „Du bist unvernünftig. Ich hole Lily selbst.“
Als er die Treppe erreichte, klingelte sein Handy. Er nahm sofort ab und sein ganzes Verhalten änderte sich.
„Emmy? Was ist los, Schatz?“ Seine Stimme klang sanft und liebevoll-ein Tonfall, den Lily sich so sehr gewünscht hatte.
Die süße, fordernde Stimme eines kleinen Mädchens erfüllte den Raum. „Papa, ich vermisse dich, kommst du zu mir?“