Kapitel 5

1398 Worte
Der Galopp des Pferdes stockte nicht, aber mein Herz fühlte sich an, als wäre es gegen eine Steinmauer geprallt. Das Symbol – das Auge im Halbmond – schien mit einem bösartigen, öligem Licht zu pulsieren, als wir daran vorbeiritten. Es war das Zeichen des Zirkels des blinden Auges, einer Gruppe von Schattenwebern, die so finster waren, dass sie von den Großen Alphas der Vergangenheit fast bis zur Ausrottung gejagt worden waren. Meine Großmutter flüsterte mir früher Geschichten über sie zu, um mich davon abzuhalten, zu weit in den tiefen Wald hinein zu wandern. Sie töteten nicht nur, sie zerstörten auch die Seele. Rylan spürte den plötzlichen, heftigen Anstieg meines Pulses. Sein Arm, der mich um die Taille hielt, um mich zu stützen, zog sich so fest um mich, dass ich kaum noch atmen konnte. „Du hast es gesehen“, murmelte er, seine Stimme ein leises Vibrieren an meinem Rücken. Es war keine Frage. „Das Auge“, flüsterte ich mit zitternder Stimme. „Sie sollten verschwunden sein. Mein Rudel ... uns wurde gesagt, sie seien nur eine Legende.“ Rylan lachte bitter und zynisch, ohne jede Heiterkeit. „Legenden hinterlassen keine verrotteten Banner und blutigen Markierungen an Bäumen, Ember. Legenden vergiften keine Brunnen und treiben die Jungen nicht in den Wahnsinn.“ Er lenkte das Pferd scharf nach links und bog in einen Weg ein, der noch abgelegener und überwucherter wirkte. „Das Moonshadow-Rudel lebte in einer Fantasiewelt der Sicherheit. Mein Volk hat ein Jahr lang an den Grenzen geblutet, um zu verhindern, dass diese ‚Legende‘ vor eure Haustür gelangt.“ Die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. Die „Schwäche“ der Verteidigung von Moonshadow lag nicht nur an Ethans Inkompetenz – es war eine systemische Fäulnis, die sie ignoriert hatten, während die Crimson Claw als stiller, brutaler Schutzschild fungierte. „Ist das der Fluch?“, fragte ich und drehte meinen Kopf leicht, um ihn anzusehen. „Die Obsidianfäule?“ Rylans Kiefer spannte sich an. Aus der Nähe konnte ich eine schwache, dunkle Ader sehen, die sich seinen Hals hinaufzog und unter dem Kragen seiner Lederjacke verschwand. Sie sah aus wie ein Tintenstrich unter der Haut. „Es beginnt mit dem Alpha“, sagte Rylan und starrte auf den Weg vor uns. „Der Zirkel will die Macht der Blutlinien. Sie verunreinigen die Verbindung und verwandeln den Wolf in eine geistlose Bestie, die ihren menschlichen Wirt von innen heraus verschlingt. Ich bin der dritte Alpha in meiner Linie, der sie in sich trägt. Mein Vater starb schreiend, sein Wolf riss ihm die Kehle heraus, bevor er sich überhaupt verwandeln konnte.“ Er sah auf mich herab, und für einen flüchtigen Moment brach das eisige Eis in seinen Augen. Ich sah einen Mann, der Angst hatte – nicht vor dem Tod, sondern davor, seinen Verstand zu verlieren. „Die Begnadete Luna ist die einzige Seele, die das Blut reinigen kann“, fuhr er fort, während seine Knöchel weiß wurden, als er die Zügel umklammerte. „Deine Vorfahren waren die Beschützer. Aber als die Blutlinie verloren ging, ging auch das Heilmittel verloren. Bis ich dich auf dieser Lichtung sah. Bis ich spürte, wie das Licht in deinem Blut auf meinen Schatten reagierte.“ „Ich bin eine Omega“, erinnerte ich ihn, wobei das Wort wie Asche in meinem Mund schmeckte. „Ich habe keine Magie. Ich wurde abgelehnt, weil ich nutzlos war.“ „Du wurdest abgelehnt, weil Ethan ein Narr ist, der einen Diamanten nicht erkennen würde, selbst wenn er ihm die Kehle durchschneiden würde“, schnauzte Rylan. „Die Ablehnung hat dich nicht gebrochen, Ember. Sie hat die schlummernde Kraft geweckt. Der Schmerz der zerbrochenen Verbindung war der Funke, den das Blut der Luna brauchte, um zu erwachen.“ Wir durchbrachen die dichte Baumgrenze, und die Festung Crimson Claw ragte vor uns auf. Es war kein Dorf mit Hütten wie Moonshadow, sondern eine Festung aus dunklem Stein und Eisen, die an den Hang eines zerklüfteten Berges gebaut war. Sie sah kalt, undurchdringlich und tödlich aus. Als wir uns den massiven Eisentoren näherten, sprangen Wachen in schweren schwarzen Rüstungen stramm. Die Luft hier war anders – schärfer, kälter und schwer vom Geruch von Kiefern und altem Stein. „Alpha auf Deck!“, dröhnte eine Stimme. Rylan wurde nicht langsamer. Er ritt durch die Tore und in den zentralen Innenhof. Dutzende Krieger unterbrachen ihr Training und kniffen die Augen zusammen, als sie das kleine, zerlumpte Mädchen sahen, das vor ihrem Anführer saß. „Eine Omega?“, zischte eine Kriegerin, ihre Stimme hallte über den Hof. „Er hat einen Mondschatten-Abschaum mitgebracht?“ Rylan ignorierte sie und hielt das Pferd vor dem Hauptturm an. Er stieg mit einer fließenden Bewegung ab, griff nach meiner Taille und hob mich herunter. Als meine Füße den Boden berührten, ließ er mich nicht los. Er hielt mich fest am Arm und markierte mich als sein Eigentum. „Zeno!“, rief Rylan. Der vernarbte Beta trat aus dem Schatten des Torbogens hervor. „Alpha.“ „Bereite die Sonnenkammer vor“, befahl Rylan. „Und hol den Ältesten. Wir beginnen heute Nacht mit den Tests.“ Zenos Augen weiteten sich. „Heute Nacht? Aber sie hat nichts gegessen, sie ist verletzt ...“ „Es ist mir egal, ob sie stirbt“, knurrte Rylan, während die dunkle Ader an seinem Hals pulsierte. „Die Fäulnis breitet sich aus. Ich spüre, wie sie an meinem Verstand nagt. Wir haben keinen weiteren Tag Zeit.“ Er begann, mich mit rasenden Schritten zur Treppe zu zerren. Ich stolperte, meine Beine waren noch schwach von der Fahrt und dem anhaltenden Trauma der Ablehnung. „Warte!“, schrie ich und grub meine Fersen in den Stein. „Du kannst nicht einfach ... Ich weiß nicht einmal, wie man dieses Ding benutzt!“ Rylan blieb stehen und drehte sich zu mir um. Der Wind wehte ihm die Haare ins Gesicht, und für einen Moment funkelten seine Augen in einem tiefen, furchterregenden Schwarz. „Du wirst es lernen, Ember. Oder wir werden beide verbrennen.“ Er zog mich in die Festung hinein. Das Innere war schwach von flackernden Fackeln beleuchtet. An den Wänden hingen die Schädel alter Raubtiere, deren leere Augenhöhlen uns beim Vorbeigehen beobachteten. Er führte mich einen langen, gewundenen Korridor entlang, der nach Salbei und altem Pergament roch. Er blieb vor einer schweren Eichentür stehen, die mit silbernen Stangen verstärkt war. Er schloss sie auf und schob mich hinein. Es war keine Kerkerzelle. Es war ein luxuriös ausgestatteter Raum, voller Seide und Pelze, aber die Fenster waren schmale Schlitze hoch oben in der Wand, und die Tür war von außen verschlossen. „Bleib hier“, befahl Rylan. „Es wird Essen gebracht werden. Bade dich. Zieh die bereitgestellten Kleider an. Wenn du versuchst zu fliehen, haben die Wachen den Befehl, dir die Beine zu brechen. Ich brauche dein Blut, nicht deine Bewegungsfreiheit.“ Er schlug die Tür zu, und das Geräusch des schweren Riegels, der in die Verriegelung glitt, hallte wie ein Schuss. Ich sank auf das Bett, das silberne Fragment in meiner Hand fühlte sich an wie eine heiße Kohle. Ich war wieder ein Gefangener, nur in einem teureren Käfig. Ich sah mich im Raum um, mein Atem ging stoßweise. Da sah ich es. Auf dem Schminkspiegel stand eine Nachricht, geschrieben mit etwas, das wie dunkler, getrockneter Wein aussah – oder vielleicht Blut. „Das Auge sieht die Luna. Die Fäulnis ist bereits zu Hause.“ Ich wirbelte herum, mein Herz schlug mir bis zum Hals. Der Raum war leer, aber der Geruch in der Luft hatte sich verändert. Der Ozon- und Kiefernduft von Rylan war verschwunden. An seine Stelle war ein süßlicher, widerlicher Geruch nach verfaulten Lilien getreten. Die Vorhänge am anderen Ende des Raumes flatterten, obwohl es keine Brise gab. Ein Schatten löste sich von der Ecke der Decke – eine Gestalt, gehüllt in zerfetzte graue Seide, ihr Gesicht hinter einer Maske aus einem menschlichen Kieferknochen verborgen. Sie sprach nicht, aber eine kalte, verwelkte Hand streckte sich nach mir aus, und das silberne Fragment in meiner Handfläche pulsierte diesmal nicht mit Schutz. Es wurde schwarz, und zum ersten Mal seit der Ablehnung hörte ich meine Wölfin Lumina vor absoluter, seelenzerstörender Angst schreien. „Das blinde Auge ist hier, Ember. Und Rylan ist nicht derjenige, den sie töten wollen.“
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