7.Kapitel
Sienna
Mein Herz Klopfte mir so heftig im Hals, das ich befürchtete, alle anwesenden im Thronsaal könnten es hören.
Eldarion hatte sich noch nie dafür interessiert mich zu bestrafen, das war die Aufgabe meiner Gouvernanten oder meiner Mutter gewesen. Dieses Mal schien es aber anders zu sein. Ich hatte auf seine Anweisung hin die ganze Woche in meine Gemächern verbracht. Es wäre durchaus möglich, dass mein Vater einfach beschlossen hatte das Problem (also mich) bis zu der Rückkehr meiner Mutter aufzuschieben.
Im grossen und ganzen interessierte mich meine Strafe nicht. Auch wenn ich ihr einziges Kind und somit die Erbin des Throns war legte man nur begrenzt Wert auf meine Ausbildung.
Meine Überlegungen wurden beendet, als ich bis zum Ende des Raums sah, wo meine beiden Eltern auf mich warteten. Wie es das Protokoll verlangte, knickste ich tief und verharrte ungefähr eine Minute lang so. Kaum hatten alle anderen den Raum verlassen, gab Eldarion mir das Zeichen, aufzustehen.
„Welch eine schöne Überraschung, die eigene Tochter genau mal dort vorzufinden, wo sie sein sollte.“
Diese zynische Bemerkung kam zu meiner Überraschung allerdings nicht von meiner Mutter, sondern von meinem Vater. Ich öffnete den Mund um etwas zu erwidern, Eldarion bedachte mich jedoch mit einem strafenden Blick, so schwieg ich.
„Sienna, du bist kein Kind mehr und trotzdem verhältst du dich wie eines. Ich muss nicht erwähnen, dass dein Verhalten den Ruf unserer Familie schädigt. Da du dich nicht einsichtig zeigst, haben deine Taten Konsequenzen. Der grosse Rat drängt mich seit einiger Zeit, dich zu verloben.“
Ich merkte, wie mir das Blut in den Adern gefror. „Vater!“ Tariél warf ihm eine vorwurfsvollen Blick zu. „Eldarion, ich bitte dich. Sie ist noch zu jung für einen Mann. Darüber haben wir schon mehr als einmal gesprochen. Verängstige sie doch nicht dermassen!“
Der König ergriff die Hand seiner Frau und lächelte sie an. „Wie du wünschst, mo leannan.“
Dann wandte er sich wieder mir zu. „Mo nighean, du wirst Morgen nach Dol Amroth abreisen und dort in dem Haushalt von Fürst Elphirs Frau leben. Sie wird dich von einer ungezogenen Prinzessin zu einer zukünftigen Königin von Gondor machen. Wie ich hörte lebt ihre Tochter zur Zeit auch in der Stadt, es wird dir also nicht an guter Gesellschaft mangeln.“
„Warum schickt Ihr mich fort Vater?“, begehrte ich auf. Meine Heimat ist hier in Minas Tirith, nicht in Dol Amroth! Was soll ich in einer nach Fisch stinkenden Hafenstadt denn lernen? Netze flicken? Ich gehöre hier hin, an die Seite des Königs!“
Eldarion ignorierte meinen Protest gekonnt, in dem er sich erhob und meiner Mutter seine Hand anbot. Tariél warf mir einen entschuldigenden Blick zu, bevor sie die Hand ihres Mannes ergriff und ihm aus dem Saal folgte.
Am Abend…
Ich hatte mein Abendessen alleine in meinem Zimmer eingenommen und beobachtete die beiden bediensteten beim Packen meiner Sachen. Es war nicht vieles, was ich mitnehmen wollte. Ich hatte nicht vor lange in Dol Amroth zu bleiben. „Ich gehöre nach Minas Tirith.“, sagte ich mir in Gedanken immer wieder. So wie ich Mutter kannte, würde sie nachher noch auf mein Zimmer kommen und mir sagen wie lang ich in dieser Stadt bleiben musste. Ich war erst einmal dort gewesen, aber ich konnte mich kaum noch daran erinnern. Es musste nach dem Tod von Fürst Elphir gewesen sein, wie lange war das her?
Mein Blick fiel auf meine Zofe, die gerade damit beschäftigt war, meinen Schmuck sicher in die grosse Holzkiste zu verstauen. „Rebekkah, komm bitte zu mir.“ Das Mädchen erstarrte kaum merklich, legte ihre Arbeit aber gehorsam nieder und kam die paar Schritte zu meinem Sessel, der neben dem Kamin stand und knickste. „Wie kann ich euch Dienen, meine Herrin?“ „Man sagte mir, du seist gut gebildet, stimmt das?“
Ihre rehbraunen Augen weiteten sich bei dieser Frage überrascht, sie nickte leicht. „Als wir noch einen Marktstand hatten hebe ich oft mit Reisenden gesprochen, so konnte ich ein wenig über die Geschehnisse ausserhalb der Stadt erfahren.“ Etwas unsicher fügt sie hinzu: „Nicht das Minas Tirith nicht interessant genug wäre meine Herrin. Es war einfach so faszinierend…“
„Geschichten über Orte zu hören die weit entfernt sind, das ist mir auch klar.“, fiel ich ihr ungeduldig ins Wort. „Aber sag mir, wie lange ist es her das Fürst Elphir gestorben ist?“
„Wenn ich mich recht erinnere war das im Jahre 57 des Vierten Zeitalters, also vor Neun Jahren. Seither ist sein Sohn Alphros der Fürst von Dol Amroth. Seine Schwester Ivrinel ist die Herrin über Ithilien.“
„Und weisst du, ob Fürst Alphros verheiratet ist?“ „Nein, das weiss ich nicht. Aber falls Ihr es wünscht könnte ich das sicher für Euch in Erfahrung bringen.“ „Nein, nicht nötig. Ich werde es schon erfahren wenn ich ihn sehe.“, sagte ich nachdenklich. „Was wirst du tun während ich in Dol Amroth bin?“ „Ich werde meiner Mutter dem Markt helfen, Mylady. Und wenn Ihr heimkehrt werde ich Euch erwarten.“
„Ich habe eine bessere Idee. Rebekkah, du bist meine erste Zofe. Komm mit mir nach Dol Amroth.“
Eigentlich war ich schon immer der Meinung gewesen, dass das Dienstmädchen ungesund blass war, allerdings bewies sie mir just in diesem Moment das Gegenteil. Ihr wich alle Farbe aus dem Gesicht, sie sah wie ein verängstigtes Tier zu mir auf. „Meine Herrin, ich fühle mich geehrt, aber ich kann nicht von Minas Tirith fort! Meine Familie braucht mich hier. Mein Bruder ist ein Rekrut in der Armee, bis er zum Soldat ausgebildet ist muss ich einen Teil seiner Aufgaben übernehmen. Meine Schwestern sind noch zu klein um Mutter auf dem Markt zu helfen. Bitte, trennt mich nicht von meiner Familie meine Herrin!“
Ich konnte das Mädchen verstehen. König Elessar hatte einige Jahre nach dem Ringkrieg eine Wehrpflicht für jeden tauglichen Mann eingeführt. Diese bedeutete für jeden Mann das er sein siebzehntes Lebensjahr in der Armee verbrachte. Der Vorteil in dieser Strategie war ganz klar, das Gondor jederzeit für einen Angriff gewappnet war. Für viele Familien bedeutete es aber auch ein Jahr in Armut. Der Rekrut verdiente während seiner Ausbildung zwar seinen Sold, aber das Einkommen reichte oft nicht aus, um der Familie etwas abzugeben. Der Rat versuchte schon lange diesen Misstand zu verbessern, das hatte mir Eldarion einmal erzählt. Soweit ich mich aber erinnern konnte, fehlte Gondor nach dem Krieg und dem Wiederaufbau der Stadtmauern schlicht das Geld um die Rekruten besser zu entlohnen.
Ich konnte das zwar nicht ändern, aber ich war fest entschlossen meine Zofe mit nach Dol Amroth zu nehmen. Sie war für mich das, was einer Freundin am nächsten kam.
„Geh zum Oberstallmeister und sage ihm, ich hätte dich geschickt. Er soll deiner Familie während deiner Abwesenheit zwei Stallburschen zur Verfügung stellen. Deiner Familie soll es an nichts mangeln während du in den Diensten der Krone stehst.“
„Mylady, das ist so grosszügig von Euch, ich…“ Ich winkte ab. „Geh und steh Morgen früh bereit.“
Ich sass vor dem Spiegel und bürstete meine dunkelbraunen Haare, die mir bis zum Ellbogen reichten. Die restlichen Dienstmädchen hatte ich kurz nach Rebekkah weggeschickt. Normalerweise bürstete eine der Zofen meine Haare vor dem zu Bett gehen, die andere bereitete meine Kleider für den nächsten Tag vor. Morgen würde ich kein aufwendiges Kleid für einen Empfang oder eine sonstige Veranstaltung brauchen, nur mein Reisekleid und die dazugehörige Haube. Fast schon konnte ich die tadelnde Stimme meiner Gouvernanten hören: „Es ziemt sich für eine Frau adeliger Abstammung nicht, sich ohne Kopfbedeckung in die Öffentlichkeit zu begeben.“ Sie war jedes Mal hochrot angelaufen und mir Stundenlang Vorträge darüber gehalten, wie wichtig ein gutes Benehmen für die Thronfolgerin war wenn sie mich ohne Haube erwischt hatte.
„Mo nighean?“ Meine Mutter trat ein und setzte sich auf meine Bettkannte, so dass ich sie hinter mir im Spiegel sehen konnte. „Ich möchte dich nicht gehen lassen, ohne mit dir gesprochen zu haben. Du wirst dich schnell einleben, Fürst Alphros und seine Familie sind enge Freunde von uns. Du wirst viel lernen können.“ „A màthair. Spar dir deine Belehrungen bitte. Wie lange soll ich dort bleiben?“ „Das steht noch nicht fest. Eldarion wird dich nach Minas Tirith holen wenn er davon überzeugt ist, das du gelernt hast was es bedeutet, die Thronfolgerin zu sein.“
„Und was bedeutet es? Mutter, ich bin wichtig genug um hier im Palast zu leben und nicht ohne eine Leibgarde raus zu dürfen, aber nicht wichtig genug um an die Krönung dieser… Prätendentin reisen zu dürfen?“
Tariél seufzte und entledigte sich der rundlichen Haube, ihre blonden Haare fielen ihr darauf über die Schulter. Die Abneigung gegen die grossen Kopfbedeckungen war eines der wenigen Dinge, die wir gemeinsam hatten. „Es war weder meine noch Eldarions Entscheidung das ich nach Meduseld geschickt wurde. Der Rat hat mich als Zeichen dafür das Gondor eine Nachkommin Arnors auf dem Thron Rohans akzeptiert gesendet. Damit ganz Mittelerde weiss, das wir keinen Anspruch erheben. Alyndra ist die Regentin über Arnor, Celebrian die Königin von Rohan.“
Diese Meinung teilte ich zwar nicht, aber meine Neugier siegte schlussendlich über meinen Missmut. „Erzählst du mir von ihr, a màthair? Die Bediensteten erzählen sich sie sei so schön wie eine der Eldar.“
„Königin Celebrian kommt ganz nach ihrer Mutter. Sie denkt das sie machen kann was sie will, weil sie den Titel Königin trägt. Aber Elfwine war kein Narr. Sie wurde noch vor der Krönung mit einem gewissen Théodred verheiratet. Er stammt aus einer alten Familie von Rohan, seine Vorfahren haben dem König treu gedient. Er hat eine handvoll Männer in der Armee, die ihm direkt unterstellt sind…“ Kopfschüttelnd fügte sie hinzu: „Eine gute Wahl, aber Alyndra hätte sicher einen Mann mit Titel für ihre Tochter ausgesucht der sie in der ersten Krise verrät.“
„Mutter! Ihr weicht vom Thema ab! Wie sieht sie aus?“ „Sie ist gross und schlank, wie du. Sie hat Saphirblaue Augen, wie ihre Mutter. Ihre Haut ist leicht gebräunt, das hat sie sich von den Rohirrim abgeschaut. Ihre Haare sind ihr aussergewöhnlichstes Merkmal, sie sind kupferrot.“
„Kupferrot? Weder Alyndra noch Elfwine hatten rote Haare soweit ich weiss. Ist sie ein Bastard?“ „Sienna, Achte auf deine Worte!“ Mutter sah mich entsetzt und tadelnd an. „Die Haarfarbe hat nichts mit der Abstammung zu tun, ausserdem würde es sogar eine Prinzessin aus Arnor niemals wagen, ihren Mann zu hintergehen.“
„Aber…“, versuchte ich erneut einen Einwand zu erheben.
„Schweig! Deine lasche Zunge wird eines Tages noch dein Untergang sein! Rohan und Arnor sind unantastbar, das hat man uns gerade erst beweisen. Mittelerde erlebt endlich etwas Frieden, dafür solltest du dankbar sein!“
Sie seufzte, nahm ihre Haube und wandte sich zum gehen. „Deine Zeit wird kommen, mo nighean, aber sie ist noch nicht jetzt. Ar righinn oig, fas as faic
Do thir, dileas fhein!“
Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, murmelte ich leise: „Naoidhean bhig, ar righinn og…“