Kapitel 1 – Er ist zurück
~ Seraphina ~
„Hallo zusammen! Heute ist der Geburtstag meiner Freundin! Und ich sag euch, ich kenne sie in- und auswendig.“
Ein Schwall schmutziger Kicherer breitete sich aus. Meine Wangen brannten. Endlich sagte er es öffentlich. Er hatte es nie getan.
„Ich kenne die Tiefe ihrer p***y–“
Mein Atem stockte im Hals. Ich riss die Augen auf. „Hör auf!“, keuchte ich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern gegen die dröhnende Musik. Ich griff nach seinem Arm, Finger gruben sich in den dünnen Stoff seines Shirts.
Er machte es wieder – verkaufte mich Stück für Stück an Fremde, tauschte meine Würde gegen einen Moment im Rampenlicht. Das Lachen wurde lauter, hallte im Takt mit dem panischen Hämmern meines Herzens wider.
Mark schüttelte meine Hand ab, seine Augen kalt und spöttisch, als sie meine trafen.
„Wie gesagt, ich kenne ihre Winkel, wo ich kippen, wo ich drehen muss“, sagte er und wiegte seine Hüften dabei.
„Ja, Mark!“, riefen seine Freunde.
„Mark, hör auf“, jetzt stand ich auf. Nur um sofort wieder auf die Couch gezerrt zu werden.
Alle Augen waren auf mich gerichtet. Wellen von Gelächter rollten heran.
„Ich kenne die Größe ihrer Slips und BHs“, fuhr er fort, ein Grinsen spielte um seine Lippen, „ich weiß, wo ich sie anfassen muss, damit sie nass wird, und ich kann sie ohnmächtig machen, wann immer ich will!“
Noch mehr Gelächter stieg auf. Es war eine rohe, höhnische Welle, die über mich hinwegspülte und mich in Scham ertränkte. Jeder Lacher war ein neuer Angriff, der die unsichtbare Schraubzwinge um meine Brust enger zog.
„Sie fällt um, als würde sie furzen, das stimmt“, kam ein Kommentar von der Seite, wo seine Freunde saßen.
Wenn es nur mit seinen Freunden gewesen wäre, hätten sie meine Geheimnisse gekannt, aber hier waren Fremde in der Hütte. Und er machte es genau hier?
„Hör auf“, flehte ich und stand wieder auf. „Das ist nicht lustig.“ Meine Sicht verschwamm an den Rändern, die vertrauten Warnsignale eines drohenden Blackouts. Ich blinzelte. Nicht hier. Nicht jetzt. Nur nicht, um ihm recht zu geben.
Mark beugte sich herunter, sein Atem stank nach billigem Tequila und abgestandenen Zigaretten. „Ich will Geld machen, für uns“, zischte er, seine Augen glänzten vor kalter, berechnender Gier, die meinen Magen umdrehte. „Kapierst du das nicht, Sera? Das ist für unsere Zukunft.“
Meine Zukunft. Mit ihm? Der Gedanke war wie Blei in meinem Bauch. „Tu das nicht“, flehte ich, Tränen brannten in meinen Augen, heiß und stechend. „Das ist Erpressung, Mark! Du kennst meine Schwäche, dass mein Herz stirbt, und du setzt genau darauf. Es soll nicht mein Tag sein, an meinem Geburtstag.“
Er grinste nur, ein grausames Verziehen seiner Lippen, das mein Blut zu Eis werden ließ. „Wer wettet, dass diese Dreiundzwanzigjährige ohnmächtig wird, wenn ich es ihr sage?“
„Mark, hör auf!“, schrie ich.
Geldscheine begannen sich auf dem Tisch zu stapeln.
„Und ich setze meinen Schwanz drauf“, sagte er. „Ich schneid ihn ab, wenn sie nicht umfällt!“
Er zog sein Handy heraus, der Bildschirm schon angeleuchtet, und hielt es mit einer theatralischen Geste hoch. „Bereit für dein Geschenk, Liebling?“
Ich wollte es nicht sehen. Ich wusste, was es sein würde. Er hatte tagelang darauf hingedeutet, ein verdrehtes Spiel psychologischer Folter.
Aber meine Augen klebten am Bildschirm, unfreiwillig angezogen. Er war es. Und ein anderes Mädchen. Nackt. Fickend. Nicht irgendein anderes Mädchen – Ari, meine beste Freundin.
Der Anblick traf mich wie ein Schlag, raubte mir die Luft. Mein Atem stockte in einem erstickten Keuchen. Die Welt drehte sich, schneller und schneller.
Die Musik, das Lachen, Marks selbstgefälliges, triumphierendes Gesicht – alles verschwamm zu einem erstickenden Strudel, einem Kaleidoskop aus Demütigung und Verrat. Meine Sicht verengte sich, die Ränder verdunkelten sich, schlossen sich. Meine Knie knickten ein. Dann war da nur noch Dunkelheit.
Ich war weg, obwohl ich es nicht wollte.
Ich riss plötzlich die Augen auf. Die erste Empfindung war ein pochender Schmerz hinter den Augen, ein dumpfer Trommelschlag gegen meinen Schädel.
„Mark?“, krächzte ich. Keine Antwort. Nur das sanfte Plätschern von Wellen irgendwo in der Nähe.
Angst durchstach den Nebel in meinem Kopf. Ich lag auf dem Boden. Dort, wo ich ohnmächtig geworden war. Liegen gelassen zum Sterben.
Ich stemmte mich hoch, Glieder schwer, Kopf schwamm. Ich war allein in der schwach beleuchteten Hütte. „Mark?“, rief ich noch einmal.
Ich sollte nicht nach ihm suchen. Aber wen sonst sollte ich rufen?
Ich taumelte zur Tür, Beine wackelig, schob einen dünnen Strohvorhang beiseite. Der Strand war noch lebendig mit gedämpften Partygeräuschen, fernem Lachen und Stimmenmurmeln, aber meine Augen blieben an einem Anblick hängen, der mir den letzten Rest Atem raubte.
Mark. Und eine Frau. Kurvig, unmöglich langbeinig und schamlos nackt. Ihre Brust drückte sich gegen die raue Rinde einer Palme. Mark grunzte, stieß von hinten in sie hinein, Kopf zurückgeworfen in Ekstase.
Er hatte mich an meinem Geburtstag gedemütigt. Ich war ohnmächtig geworden. Und er war dort und fickte eine Strand-Schlampe.
Tränen strömten über mein Gesicht, heiß und stechend, blendeten mich für einen Moment. Mein Herz hämmerte, drohte durch die Rippen zu brechen.
Ich musste wegschauen. Ich wollte nicht schon wieder ohnmächtig werden. Aber ich schaute zurück.
Der Schmerz war unerträglich. Ein scharfer, sengender Schmerz, der nichts mit meinem sterbenden Herzen zu tun hatte und alles mit dem Mann, den ich geliebt hatte. Oder zu lieben geglaubt hatte.
„Du hattest Pech, bei ihm zu sein“, grollte eine Stimme neben mir. Es war kein betrunkenes Lallen eines Partygängers, sondern etwas Tieferes, Reicheres, wie die Erde selbst.
Ich zuckte zusammen, fuhr herum, Tränen verschleierten die Gestalt neben mir. Ein Mann stand im Schatten, sein Gesicht verborgen durch die Dunkelheit des Hütteneingangs und den Winkel des Mondlichts.
„Er hat dein schwaches Herz ausgenutzt und sich die teuerste Hure am Strand gekauft. Und du bleibst hier zurück, zum Sterben“, sagte er.
Meine Lippen pressten sich vor Wut zusammen. Ich wusste, dass Mark ein Arschloch war, aber ich hätte nie gedacht, dass er so herzlos war.
Doch ich kniff die Augen zusammen. Etwas an dem Fremden, an seiner Haltung. Und seine Augen… sie fühlten sich… vertraut an. Meine Sicht verschwamm wieder, eine Erinnerung stieg auf, verschwommen und mächtig, wie ein halb vergessener Traum.
Ich erinnerte mich an eine Szene aus der Vergangenheit; ein Schulflur. Eine jüngere, unschuldigere Version von mir, zitternd, der Rucksack rutschte von meinen Schultern, Bücher lagen verstreut zu meinen Füßen.
Ein bulliger Typ, ein anderer Junge, grinste höhnisch auf mich herab, seine Freunde lachten. Mein Atem ging flach, meine Sicht verschwamm, mein Herz krampfte in der Brust. Ich war kurz davor, ohnmächtig zu werden.
Und dann trat eine Gestalt vor, immer zu ernst, zu intensiv, Kiefer angespannt, Fäuste geballt, bereit, für mich zu kämpfen. Aber er konnte nicht. Damals nicht. Nicht gegen ihn. Nicht gegen Dino Moretti, den Campus-Don.
Der Mann im Schatten bewegte sich, ein Streifen Mondlicht fiel auf sein Gesicht, enthüllte harte, markante Linien, einen Kiefer aus Granit, Augen mit einem gefährlichen, raubtierhaften Glanz. Er war es. Der Junge aus meiner Vergangenheit, der immer Dino Moretti für mich hatte bekämpfen wollen, aber nicht konnte.
Er war zurück. Alessandro Torricelli. Mein Stalker.
Meine Beine gaben nach. Die Dunkelheit nahm mich wieder.