Kapitel 4

3603 Worte
4 Sara Die Kopfschmerzen. Als Erstes bemerke ich die Kopfschmerzen. Mein Schädel fühlt sich an, als wolle er zerspringen, und die Schmerzwellen sind wie Trommelschläge in meinem Kopf. »Dr. Cobakis ... Sara, können Sie mich hören?« Die weibliche Stimme ist weich und sanft, aber sie jagt mir Angst ein. In dieser Stimme liegt eine Mischung aus Besorgnis und unterdrückter Dringlichkeit. Ich höre diesen Ton die ganze Zeit im Krankenhaus, und er ... bedeutet nie etwas Gutes. Ich versuche, meinen pochenden Schädel nicht zu bewegen, zwinge mich dazu, meine Augen zu öffnen und muss wegen des grellen Lichts blinzeln. »Was ... wo ...?« Meine Zunge ist d**k und unbeweglich, und mein Mund ist schmerzhaft trocken. »Hier, trinken Sie das.« Ein Strohhalm wird an meinen Mund gehalten, und ich nehme ihn und sauge gierig das Wasser ein. Meine Augen beginnen, sich an das Licht zu gewöhnen, und ich kann den Raum erkennen. Ich bin in einem Krankenhaus, aber nicht in meinem Krankenhaus, wie ich an der Zimmereinrichtung erkennen kann. Außerdem bin ich nicht dort, wo ich eigentlich bin. Ich stehe nicht an einem Krankenhausbett; ich liege in einem. »Was ist passiert?«, frage ich heiser. Als ich etwas klarer im Kopf werde, bemerke ich, dass mir übel ist und ich weitere Beschwerden und Schmerzen habe. Mein Rücken fühlt sich wie ein riesiger Bluterguss an, und mein Hals ist steif und wund. Meine Kehle fühlt sich auch rau an, so als hätte ich geschrien oder mich übergeben, und als ich meine Hand anhebe, um sie zu berühren, fühle ich eine dicke Bandage auf der rechten Seite meines Halses. »Sie wurden überfallen, Dr. Cobakis,« sagt eine Frau mittleren Alters sanft, und ich erkenne ihre Stimme als dieselbe wieder, die eben gesprochen hat. Sie ist mit einem Schwesternkittel bekleidet, aber irgendwie sieht sie nicht wie eine Krankenschwester aus. Als ich sie verständnislos anstarre, fährt sie fort: »In Ihrem Haus. Ein Mann kam zu Ihnen. Können Sie sich an irgendetwas erinnern?« Ich blinzele und versuche, diese verwirrende Aussage zu verstehen. Ich fühle mich, als sei ein riesiger Wattebausch in mein Gehirn gestopft worden – zusammen mit einer dröhnenden Trommel. »Mein Haus? Überfallen?« »Ja, Dr. Cobakis«, antwortet eine männliche Stimme, und ich zucke instinktiv zusammen, und mein Puls rast, noch bevor ich die Stimme erkenne. Vorsichtig drehe ich meinen schmerzenden Kopf, blicke Agent Ryson an, und mein Magen zieht sich bei dem Ausdruck seines blassen, wettergegerbtem Gesichts zusammen. Bruchstücke meiner Qualen steigen in meinen Erinnerungen auf, und mit ihnen überkommt mich eine Welle von Entsetzen. »George, ist er ...« »Es tut mir leid.« Die Falten auf Rysons Stirn vertiefen sich. »Letzte Nacht wurde auch eines unserer Geheimverstecke überfallen. George ... hat nicht überlebt. Genauso wenig wie die drei Wächter.« »Was?« Es fühlt sich an, als punktierte ein Skalpell meine Lunge. Ich kann seine Worte nicht aufnehmen, das Unfassbare, was sie sagen, nicht verarbeiten. »Er ... er ist tot?« Dann fällt mir der Rest der Aussage ein. »Und die drei Wächter? Was ... wie ...?« »Dr. Cobakis – Sara.« Ryson tritt näher an mich heran. »Ich muss ganz genau wissen, was letzte Nacht geschehen ist, damit wir ihn verstehen können.« »Ihn? Wer ist ihn?« Bis jetzt ist es immer sie gewesen, die Mafia, und ich bin zu benommen für den plötzlichen Wechsel des Pronomens. George ist tot. George und drei Wächter. Das will mir nicht in den Kopf, und ich erzwinge es auch nicht. Noch nicht, zumindest. Bevor ich Trauer und Schmerz zulassen kann, muss ich weitere Erinnerungen freilegen, das schreckliche Puzzle zusammensetzen. »Sie kann sich vielleicht nicht erinnern. Der Drogencocktail in ihrem Blut war ziemlich stark«, meint die Krankenschwester, und mir wird klar, dass sie zu Agent Ryson gehören muss. Das würde erklären, warum er so offen vor ihr spricht, obwohl er normalerweise so diskret ist, dass es an Paranoia grenzt. Während ich das verarbeite, tritt die Frau näher an mich heran. Ich bin mit einem Monitor verbunden, der die Vitalfunktionen überwacht, und sie überprüft die Blutdruckmanschette an meinem Arm, bevor sie leicht meinen Unterarm drückt. Ich blicke auf meinen Arm, und Kälte breitet sich in meiner Brust aus, als ich eine dünne, rote Linie um mein Handgelenk sehe. Mein anderes Handgelenk weist sie ebenfalls auf. Kabelbinder. Diese Erinnerung überkommt mich mit plötzlicher Klarheit. Ich hatte Kabelbinder um meine Handgelenke. »Er hat mich gewaterboarded. Als ich ihm trotzdem nicht sagen wollte, wo George ist, hat er mir eine Nadel in den Hals gestochen.« Ich bemerke nicht, dass ich das laut gesagt habe, bis ich das Entsetzen auf dem Gesicht der Schwester sehe. Agent Rysons Gesicht ist gefasster, aber ich weiß trotzdem, dass er auch entsetzt ist. »Das tut mir leid.« Seine Stimme ist angespannt. »Wir hätten das vorhersehen müssen, aber da er die Familien der anderen nicht verfolgt hat, und Sie nicht wegziehen wollten ... Trotzdem hätten wir wissen müssen, dass er auf keinen Fall aufhören würde ...« »Welche anderen? Wer ist er?« Meine Stimme wird lauter, als weitere Erinnerungen in meinem Kopf hochkommen. Messer an meiner Kehle, nasser Stofffetzen auf meinem Gesicht, Nadel in meinem Hals, kann nicht atmen, kann nicht atmen ... »Karen, sie hat eine Panikattacke! Tu etwas.« Rysons Stimme ist hektisch, als die Monitore zu piepen beginnen. Ich hyperventiliere und zittere, aber trotzdem finde ich die Kraft, auf diese Monitore zu schauen. Mein Blutdruck ist in die Höhe geschnellt, und mein Puls ist gefährlich schnell, aber diese Zahlen zu sehen beruhigt mich. Ich bin eine Ärztin. Das ist meine Umgebung, die Umgebung, in der ich mich wohlfühle. Ich schaffe das. Einatmen. Ausatmen. Ich bin nicht schwach. Einatmen. Ausatmen. »So ist es gut, Sara. Atmen Sie einfach weiter.« Karens Stimme ist sanft und beruhigend, während sie meinen Arm streichelt. »Sie schaffen das. Atmen Sie einfach tief ein und aus. Genau so. So ist es gut. Und noch einmal. Und noch einmal ...« Ich folge ihren sanften Anweisungen, während ich die Zahlen auf den Monitoren verfolge, und langsam lässt das Gefühl, zu ersticken, nach, und meine Vitalfunktionen stabilisieren sich. Weitere dunkle Erinnerungen dringen an die Oberfläche, aber ich bin noch nicht bereit, mich ihnen zu stellen. Ich schiebe sie beiseite und schlage so fest ich kann eine geistige Tür vor ihnen zu. »Wer ist er?«, frage ich, als ich wieder sprechen kann. »Was meinen Sie mit ›die anderen‹? George hat diesen Artikel allein geschrieben. Warum ist die Mafia hinter jemand anderem her?« Agent Ryson wechselt einen Blick mit Karen, bevor er sich zu mir dreht. »Dr. Cobakis, es tut mir leid, aber wir haben Ihnen nicht ganz die Wahrheit gesagt. Wir haben Ihnen die wirkliche Lage nicht erklärt, weil wir Sie schützen wollten, aber offensichtlich haben wir in diesem Punkt versagt.« Er atmet tief ein. »Es war nicht die örtliche Mafia, die hinter Ihrem Mann her war. Es war ein international gesuchter Flüchtling, ein gefährlicher Krimineller, auf den Ihr Mann bei einem Auslandsauftrag getroffen ist.« »Was?« Mein Kopf pocht schmerzhaft, und die Enthüllungen sind fast zu viel, um sie verarbeiten zu können. George hat als Auslandskorrespondent angefangen, aber in den letzten fünf Jahren hatte er sich mehr und mehr um inländische Geschichten gekümmert. Ich habe mich darüber gewundert, da auswärtige Angelegenheiten seine Leidenschaft waren, aber als ich ihn gefragt habe, hat er mir geantwortet, dass er mehr Zeit mit mir zu Hause verbringen möchte, und ich habe das Thema fallengelassen. »Dieser Mann hat eine Liste von Menschen, die ihn verraten haben – oder von denen er denkt, dass sie es getan haben«, meint Ryson. »Ich befürchte, dass George auf dieser Liste stand. Die genauen Umstände und die Identität des Flüchtlings sind geheim, aber nach dem, was passiert ist, verdienen Sie es, die Wahrheit zu erfahren – zumindest so viel, wie ich preisgeben darf.« Ich starre ihn an. »Das war ein Mann? Ein Deserteur?« Ein Gesicht erscheint in meinem Kopf, ein hartes, wunderschönes männliches Gesicht. Es ist verschwommen, wie ein Bild aus einem Traum, aber aus irgendeinem Grund weiß ich, dass er es ist, der Mann, der in mein Zuhause eingebrochen ist und mir diese schrecklichen Dinge angetan hat. Ryson nickt. »Ja. Er ist hervorragend ausgebildet und verfügt über umfangreiche Ressourcen, wodurch er in der Lage war, uns so lange einen Schritt voraus zu sein. Er hat überall Verbindungen, angefangen in Osteuropa über Südamerika bis hin zum Nahen Osten. Als wir erfahren haben, dass der Name Ihres Mannes auf dieser Liste stand, haben wir George in die geheime Unterkunft gebracht, und dasselbe hätten wir auch mit Ihnen tun sollen. Wir haben einfach gedacht ...« Er hält inne und schüttelt den Kopf. »Ich nehme an, dass es nicht wichtig ist, was wir dachten. Wir haben ihn unterschätzt, und jetzt sind vier Männer tot.« Tot. Vier Männer sind tot. Dann trifft es mich wie ein Schlag, das Wissen, dass George tot ist. Ich hatte es davor nicht verstanden, nicht wirklich. Meine Augen beginnen zu brennen, und meine Brust fühlt sich an, als würde sie in einem Schraubstock zusammengedrückt werden. In einem Moment der Klarheit setzen sich alle Teile des Puzzles zusammen. »Ich war es, stimmt’s?« Ich setze mich hin und ignoriere den Schwindel und die Schmerzen. »Ich habe das getan. Ich habe irgendwie die Lage des Geheimverstecks verraten.« Ryson und die Schwester tauschen erneut einen Blick aus, und meine letzte Hoffnung verschwindet. Ich bekomme keine Antwort, aber ihre Körpersprache spricht Bände. Ich bin verantwortlich für Georges Tod. Für alle vier Tode. »Das ist nicht Ihre Schuld, Dr. Cobakis.« Karen berührt erneut meinen Arm, und ihre braunen Augen sind voller Mitleid. »Die Droge, die er Ihnen verabreicht hat, hätte jeden gebrochen. Sagt Ihnen Thiopental etwas?« »Das Barbiturat?« Ich blinzele sie an. »Natürlich. Es wurde häufig für Narkosen verwendet, bevor Propofol zum Standardmittel wurde. Was hat ... oh.« »Ja«, sagt Agent Ryson. »Ich sehe, Sie wissen auch über seine andere Verwendung Bescheid. Es wird selten dafür benutzt, zumindest außerhalb der Geheimdienste, aber es ist ein sehr wirkungsvolles Wahrheitsserum. Es senkt die höheren kortikalen Gehirnfunktionen und macht das Opfer gesprächig und kooperativ. Und in Ihrem Fall war es eine Designerversion, Thiopental gemischt mit anderen Verbindungen, die wir noch nie gesehen haben.« »Er hat mich unter Drogen gesetzt, um mich zum Reden zu bringen?« Mein Magen brennt durch die Galle. Das erklärt die Kopfschmerzen und den benebelten Kopf, und das Wissen, dass mir so etwas angetan wurde – dass ich auf diese Art und Weise benutzt wurde –, weckt in mir das Verlangen, meinen Kopf innen mit Chlor zu schrubben. Dieser Mann ist nicht nur in mein Zuhause eingedrungen; er ist in meinen Kopf eingedrungen, ist in ihn eingebrochen wie ein Dieb. »Das nehmen wir an, ja«, antwortet Ryson. »Sie hatten eine große Menge dieser Droge in ihrem Körper, als unsere Agenten Sie gefesselt in Ihrem Wohnzimmer fanden. Sie hatten außerdem Blut an ihrem Hals und den Oberschenkeln, so dass sie anfänglich dachten, dass ...« »Blut auf meinen Oberschenkeln?« Ich bereite mich auf eine neue schreckliche Enthüllung vor. »Hat er ...« »Nein, keine Angst, er hat nichts dergleichen getan«, erklärt mir Karen und wirft Ryson einen düsteren Blick zu. »Wir haben Ihren ganzen Körper untersucht, als Sie eingeliefert wurden, und es handelte sich dabei um Ihr Menstruationsblut, nichts weiter. Es gab keine Anzeichen für einen sexuellen Übergriff. Abgesehen von einigen blauen Flecken und den leichten Einschnitten am Hals geht es Ihnen gut – oder zumindest wird es Ihnen gut gehen, sobald die Wirkung der Drogen abgeklungen ist.« Gut. Hysterisches Gelächter steigt in meinem Hals auf, und ich muss meine ganze Kraft aufwenden, es nicht herauszulassen. Mein Mann und drei weitere Männer sind meinetwegen tot. In mein Haus wurde eingebrochen; in meinen Kopf wurde eingebrochen. Und sie denkt, dass es mir gut gehen wird? »Warum haben Sie sich die Lüge über die Mafia ausgedacht?«, frage ich und habe Schwierigkeiten, die Schmerzen, die sich in meiner Brust ausbreiten, zu unterdrücken. »Wieso hätte sie mich schützen sollen?« »Weil dieser Deserteur in der Vergangenheit niemals auf Unschuldige losgegangen ist – die Frauen und Kinder der Menschen auf seiner Liste wurden auf keinste Weise in die Sache hineingezogen«, antwortet Ryson. »Aber er hat die Schwester eines Mannes getötet, weil der Mann sich ihr anvertraut hatte und sie für sein Untertauchen benutzt hat. Je weniger Sie wussten, desto sicherer waren Sie, besonders deshalb, weil Sie nicht umziehen und mit Ihrem Mann verschwinden wollten.« »Ryson, bitte«, sagt Karen scharf, aber es ist zu spät. Diese neue Enthüllung hat mich bereits aus der Bahn geworfen. Selbst wenn man mir verzeihen könnte, dass ich unter Drogeneinfluss geredet habe, ist es allein meine Schuld, dass ich nicht umziehen wollte. Ich war egoistisch gewesen, hatte an meine Eltern und meine Karriere gedacht, anstatt an die Gefahr, die ich für meinen Mann darstellen könnte. Ich hatte geglaubt, dass es dabei um meine Sicherheit ging, nicht seine, aber das ist keine Entschuldigung. Ich habe Georges Tod auf dem Gewissen, genauso wie den Unfall, der sein Gehirn geschädigt hat. »Hat er ...« Ich schlucke belegt. »Hat er gelitten? Ich meine ... wie ist es passiert?« »Ein Kopfschuss«, antwortet Ryson mit gedämpfter Stimme. »Genau wie bei den drei Männern, die ihn bewacht haben. Ich glaube, dass es alles zu schnell ging, als dass irgendjemand noch gelitten hat.« »Oh Gott.« Mein Magen krampft plötzlich heftig, und Erbrochenes steigt in meinem Hals auf. Karen muss gesehen haben, dass mein Gesicht die Farbe verloren hat, weil sie schnell reagiert, eine Metallschale von einem Tisch in der Nähe ergreift und sie mir in die Hand drückt – gerade noch rechtzeitig. Ich kann meinen Mageninhalt nicht länger zurückhalten, und die Säure brennt in meiner Speiseröhre, während ich mit zitternden Händen die Schale halte. »Das ist völlig in Ordnung. Das ist überhaupt nicht schlimm. Wir machen Sie einfach wieder sauber.« Karen hat die gleiche zügige Effizienz wie eine richtige Krankenschwester. Welche Rolle sie auch immer beim FBI spielt, sie weiß, was sie in einer solchen Situation zu tun hat. »Kommen Sie, ich helfe Ihnen ins Badezimmer. Sie werden sich gleich besser fühlen.« Sie stellt die Schale auf den Nachttisch, legt ihren Arm um meinen Rücken, um mir aus dem Bett zu helfen, und führt mich zum Badezimmer. Meine Beine zittern so stark, dass ich kaum gehen kann; wenn sie mich nicht stützen würde, hätte ich es nicht geschafft. Trotzdem, ich brauche einen Moment für mich, also sage ich zu Karen: »Können Sie mich bitte einen Moment allein lassen? Mir geht es jetzt wieder besser.« Ich muss mich überzeugend genug anhören, weil Karen mir antwortet »Ich bin gleich vor der Tür, falls Sie mich brauchen« und die Tür hinter sich schließt. Ich schwitze, und ich zittere, aber ich schaffe es, mir den Mund auszuspülen und meine Zähne zu putzen. Danach erledige ich ein anderes dringendes Bedürfnis, wasche meine Hände und spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht. Als Karen an die Tür klopft, fühle ich mich schon ein wenig menschlicher. Ich versuche, an nichts zu denken. Wenn ich darüber nachdenke, wie George und die anderen gestorben sind, werde ich mich erneut übergeben. Ich habe während meiner Ausbildung im OP einige Schusswunden gesehen, und ich weiß, welche verheerenden Wunden Kugeln zufügen. Denke nicht darüber nach. Noch nicht. »Sind meine Eltern benachrichtigt worden?«, frage ich, nachdem Karen mir dabei geholfen hat, wieder ins Bett zurückzugehen. Sie hat die Schüssel bereits entfernt, und Agent Ryson sitzt in einem Stuhl neben dem Bett, und sein zerfurchtes Gesicht sieht müde und angespannt aus. »Nein«, sagt Karen leise. »Noch nicht. Wir wollten das zuerst mit Ihnen besprechen.« Ich schaue erst sie und danach Ryson an. »Was besprechen?« »Dr. Cobakis – Sara – wir denken, dass es das Beste wäre, wenn die genauen Todesumstände Ihres Mannes und auch der Überfall auf Sie geheim bleiben würden«, erklärt Ryson. »Das würde Ihnen eine Menge unangenehme Aufmerksamkeit der Medien und ...« »Sie meinen, es würde Ihnen eine Menge unangenehmer Aufmerksamkeit der Medien ersparen.« Aufwallende Wut verjagt einen Teil des Nebels in meinem Kopf. »Deshalb bin ich auch hier und nicht in einem normalen Krankenhaus. Sie wollen das vertuschen, so tun, als sei es niemals geschehen.« »Wir möchten Sie in Sicherheit wissen und Ihnen dabei helfen, das Geschehene zu verarbeiten«, sagt Karen, und ihre braunen Augen blicken ernst auf mein Gesicht. »Diese Geschichte in die Zeitungen zu bringen wäre nicht gut. Was passiert ist, war eine schreckliche Tragödie, aber Ihr Mann wurde bereits künstlich am Leben erhalten. Sie wissen am besten, dass es nur eine Frage der Zeit war, bevor ...« »Was ist mit den anderen drei Männern?«, unterbreche ich schneidend. »Wurden sie auch künstlich am Leben erhalten?« »Sie sind während ihres Dienstes gestorben«, sagt Ryson. »Ihre Familien sind bereits unterrichtet worden, also müssen Sie sich darüber keine Gedanken machen. Sie waren Georges einzige Familie, also ...« »Also bin ich jetzt auch informiert worden.« Mein Mund zuckt. »Ihr Gewissen ist beruhigt, und jetzt ist es Zeit für Schadensbegrenzung. Oder sollte ich sagen, Zeit, ›um Ihren Arsch zu retten‹?« Sein Gesicht spannt sich an. »Diese Angelegenheit wird immer noch als geheim eingestuft, Dr. Cobakis. Wenn Sie sich an die Medien wenden, werden Sie in ein Wespennest stechen, und glauben Sie mir, das wollen Sie nicht. Das würde Ihr Ehemann auch nicht wollen, wenn er noch am Leben wäre. Er wollte nicht, dass irgendjemand etwas darüber weiß, nicht einmal Sie.« »Was?« Ich starre den Agenten an. »George wusste es? Aber ...« »Er wusste nicht, dass er auf der Liste stand, und das wussten wir auch nicht«, sagt Karen und legt ihre Hand auf die Lehne von Rysons Stuhl. »Wir haben das erst nach dem Unfall erfahren, und ab diesem Zeitpunkt haben wir alles getan, was wir konnten, um ihn zu beschützen.« Mein Kopf pocht, aber ich ignoriere den Schmerz und versuche, mich auf das zu konzentrieren, was sie mir sagen. »Ich verstehe das nicht ganz. Was ist bei diesem Auslandsaufenthalt passiert? Wie konnte George auf diesen Deserteur treffen? Und wann?« »Das ist der geheime Teil«, antwortet Ryson. »Es tut mir leid, aber es ist das Beste, wenn Sie sich keine Gedanken darüber machen. Wir suchen gerade nach dem Mörder Ihres Mannes, und wir versuchen, die restlichen Personen auf dieser Liste zu schützen. Wenn man seine Ressourcen bedenkt, ist das keine leichte Aufgabe. Wenn wir die Medien an uns kleben haben würden, könnten wir unseren Job nicht so effektiv ausführen, und weitere Menschen würden sterben. Verstehen Sie, was ich sage, Dr. Cobakis? Für Ihre Sicherheit und die der anderen Menschen müssen Sie dieses Thema fallenlassen.« Ich spanne mich an und erinnere mich an das, was der Agent über die anderen gesagt hat. »Wie viele hat er bereits getötet?« »Leider zu viele«, meint Karen düster. »Wir wussten nichts über diese Liste, bis er einige Menschen in Europa getötet hat, und als wir in der Lage waren, die richtigen Schutzmaßnahmen zu ergreifen, waren nur noch wenige Personen übrig.« Ich atme zitternd ein, und mein Kopf dreht sich. Ich hatte natürlich gewusst, was George als Auslandskorrespondent getan hat, und ich habe viele seiner Artikel und Berichte gelesen, aber diese Geschichten hatten sich nie ganz echt angefühlt. Selbst als Agent Ryson vor neun Monaten auf mich zugekommen ist und mir von der Bedrohung durch die Mafia berichtet hat, war meine Angst eher akademisch als gefühlt gewesen. Abgesehen von Georges Unfall und den schmerzhaften Jahren bis dorthin hatte ich ein bezauberndes Leben voller vorstädtischer Sorgen um Schule, Arbeit und Familie. Internationale Deserteure, die Menschen, die auf einer mysteriösen Liste stehen, foltern und töten, liegen so weit außerhalb meiner persönlichen Erfahrungen, dass ich mich fühle, als sei ich in das Leben einer anderen Person gestoßen worden. »Wir wissen, dass das eine Menge zu verarbeiten ist«, meint Karen sanft, und ich verstehe, dass sich meine Gefühle auf meinem Gesicht widerspiegeln müssen. »Sie stehen wegen des Überfalls immer noch unter Schock, und zusätzlich diese Dinge zu erfahren ...« Sie holt Luft. »Wenn Sie jemanden zum Reden brauchen, ich kenne einen guten Therapeuten, der mit Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen und Ähnlichem gearbeitet hat. »Nein ...« Ich will ablehnen, ihr sagen, dass ich niemanden brauche, aber ich kann meinen Mund nicht dazu bringen, diese Lüge zu formulieren. Der Schmerz in meiner Brust erstickt mich, und trotz meiner psychischen Mauer kommen immer mehr Erinnerungen hoch, voller Dunkelheit, Hilflosigkeit und Entsetzen. »Ich gebe Ihnen einfach seine Karte«, meint Karen, kommt zu mir ans Bett, und ich sehe den besorgen Blick, den sie den piependen Monitoren zuwirft. Ich muss nicht auf sie schauen, um zu wissen, dass mein Herzschlag wieder extrem schnell ist, und mein Körper in diesem Kämpfen-oder-Wegrennen-Modus ist. Mein Eidechsenhirn weiß nicht, dass die Erinnerungen mir keinen Schaden zufügen können, dass das Schlimmste bereits geschehen ist. Außer ... »Werde ich untertauchen müssen?«, presse ich aus meinem engen Hals. »Denken Sie, er wird ...« »Nein«, antwortet Ryson, der meine Angst sofort versteht. »Er wird Sie nicht noch einmal aufsuchen. Er hat das bekommen, was er wollte; er hat keinen Grund dafür, zurückzukommen. Wenn Sie es wollen, können wir einen Umzug für sie organisieren, aber ...« »Hören Sie auf, Ryson. Können Sie nicht sehen, dass sie hyperventiliert?«, sagt Karen nachdrücklich und ergreift seinen Arm. »Atmen Sie, Sara«, sagt sie zu mir in einem beruhigenden Ton. »Machen Sie schon, meine Liebe, atmen Sie einfach tief ein. Und noch einmal. Genau so ...« Ich folge ihrer Stimme, bis mein Herzschlag sich wieder beruhigt hat und die schlimmsten Erinnerungen hinter der Metallwand verschlossen sind. Ich zittere allerdings immer noch, also wickelt Karen mich in eine Decke, setzt sich neben mich auf das Bett und umarmt mich fest. »Es wird alles gut werden, Sara«, murmelt sie, als der Schmerz mich überwältigt, und ich beginne zu weinen, die Tränen laufen wie Lavaströme über meine Wangen. »Es ist vorbei. Es wird alles wieder gut werden. Er ist weg und wird Ihnen nie wieder wehtun.«
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