5
Peter
»Asche zu Asche, Staub zu Staub ...«
Die dröhnende Stimme des Priesters erreicht meine Ohren, und ich blende sie aus, während ich mit meinen Augen die Trauergäste abfahre. Es sind über zweihundert Menschen hier, alle in dunkler Kleidung und mit düsteren Gesichtsausdrücken. Unter dem Meer aus schwarzen Regenschirmen erblicke ich viele rot geränderte und geschwollene Augen, und einige Frauen weinen hörbar.
George Cobakis war zu seinen Lebzeiten beliebt gewesen.
Dieser Gedanke sollte mich wütend machen, aber das tut er nicht. Ich fühle gar nichts, wenn ich an ihn denke, ich bin nicht einmal zufrieden, dass er tot ist. Die Wut, die
mich jahrelang aufgefressen hat, hat sich im Moment beruhigt und mich eigenartig leer zurückgelassen.
Ich stehe am Ende der Trauergemeinschaft, und mit meinem schwarzen Mantel und meinem Regenschirm sehe ich aus wie alle anderen. Eine hellbraune Perücke und ein dünner Bart verschleiern mein Aussehen, genauso wie meine schlurfende Haltung und ein flaches Kissen, das meine Körpermitte polstert.
Ich weiß nicht, warum ich hier bin. Ich bin noch nie bei einer der Beerdigungen gewesen. Sobald ein Name von meiner Liste gestrichen wird, bewegen mein Team und ich uns zum nächsten, kalt und methodisch. Ich bin ein gesuchter Mann; es hat keinen Sinn, dass ich mich hier länger aufhalte, in dieser kleinen Vorstadt, aber trotzdem kann ich einfach nicht gehen.
Nicht, ohne sie noch einmal zu sehen.
Mein Blick wandert von einer Person zur nächsten, als ich die schlanke Gestalt suche, und endlich sehe ich sie, ganz vorn, dort, wo es sich für die Frau des Verstorbenen gehört. Sie steht neben einem älteren Paar, hält einen großen Schirm über sie und sich selbst, und auch in dieser Menschenmenge schafft sie es, unnahbar auszusehen, irgendwie distanziert.
Sie sieht aus, als existiere sie auf einer anderen Ebene, so wie ich.
Ich erkenne sie an den kastanienbraunen Wellen, die unter ihrem kleinen, schwarzen Hut hervorschauen. Sie trägt ihre Haare heute offen, und trotz des grauen, regnerischen Himmels sehe ich rötliche Reflexe in der dunkelbraunen Masse, die ihr bis einige Zentimeter über die Schultern fällt. Ich kann nicht viel mehr sehen – es befinden sich zu viele Menschen und Regenschirme zwischen uns –, aber ich betrachte sie trotzdem, genauso wie ich sie den ganzen letzten Monat betrachtet habe. Nur dass mein Interesse an ihr jetzt anders ist, unendlich persönlicher.
Kollateralschaden. Als das habe ich sie am Anfang gesehen. Sie war keine Person für mich, sondern ein Anhang ihres Mannes. Ein mit Sicherheit intelligenter und hübscher Anhang, aber das war mir egal. Ich wollte sie nicht unbedingt umbringen, aber ich hätte das getan, was nötig war, um mein Ziel zu erreichen.
Ich habe getan, was nötig war.
Sie war vor Entsetzen versteinert, als ich sie ergriffen habe, und ihre Reaktion war die Antwort einer Person, die nicht für solche Situationen ausgebildet wurde, der primitive Instinkt einer hilflosen Beute. An dieser Stelle hätte es leicht sein müssen – einige leichte Schnitte und fertig. Dass mein Messer sie nicht sofort gebrochen hat, war beeindruckend und gleichzeitig ärgerlich; ich habe schon professionelle Mörder gesehen, die sich bei weniger Anreiz eingepisst und gesungen haben.
Ich hätte ihr zu diesem Zeitpunkt mehr antun können, sie wirklich mit meinem Messer bearbeiten können, aber stattdessen habe ich mich für eine Verhörmethode entschieden, die weniger Schaden zufügt.
Ich habe sie unter den Wasserhahn gehalten.
Es hat hervorragend funktioniert – und genau da habe ich den Fehler gemacht. Sie hat nach der ersten Runde so sehr gezittert und geschluchzt, dass ich sie auf den Boden gezogen und sie in meine Arme genommen habe, sie festgehalten und gleichzeitig beruhigt habe. Ich habe das getan, damit sie wieder reden konnte, aber ich habe nicht mit meiner Reaktion auf sie gerechnet.
Sie hat sich so klein und zerbrechlich, so unglaublich hilflos angefühlt, als sie in meiner Umarmung gehustet und geschluchzt hat, und aus irgendeinem Grund habe ich mich daran erinnert, meinen Sohn auf diese Weise gehalten zu haben, ihn getröstet zu haben, wenn er weinte. Aber Sara ist kein Kind, und mein Körper hat auf ihre schlanken Kurven mit überraschendem Hunger reagiert, mit einer Begierde, die genauso primitiv wie irrational war.
Ich begehrte diese Frau, die ich eigentlich befragen wollte, die Frau, deren Mann ich umbringen wollte.
Ich habe versucht, meine ungewollte Reaktion zu ignorieren, einfach so weiterzumachen wie zuvor, aber als sie wieder auf dem Tresen lag, konnte ich das Wasser einfach nicht wieder anstellen. Ich war mir ihrer zu bewusst; sie war eine Person für mich geworden, eine lebendige, atmende Frau statt eines Werkzeugs, das ich benutzen wollte.
Deshalb blieb mir nur noch die Droge. Ich hatte nicht vorgehabt, sie bei ihr zu benutzen, da es erstens Zeit kostet, bis sie richtig wirkt, und weil es die letzte Dosis war, die wir noch hatten. Der Chemiker, der sie hergestellt hatte, wurde kürzlich umgebracht, und Anton hat mich gewarnt, dass es einige Zeit dauern würde, einen anderen Lieferanten zu finden. Ich habe diese letzte Dosis für einen Notfall aufgehoben, aber ich hatte keine Wahl.
Ich, der Hunderte gefoltert und getötet hat, konnte es einfach nicht über mich bringen, dieser Frau wehzutun.
»Er war ein freundlicher und großzügiger Mann, ein talentierter Journalist. Sein Tod ist ein unermesslicher Verlust für seine Familie und sein Arbeitsumfeld ...«
Ich zwinge meine Augen, sich von Sara zu trennen und sich auf den Sprecher zu konzentrieren. Es ist eine Frau mittleren Alters, und ihr Gesicht ist tränenüberströmt. Ich erkenne, dass sie eine von Cobakis’ Kolleginnen der Zeitung ist. Ich habe zu allen von ihnen Nachforschungen angestellt, um herauszufinden, ob sie etwas mit der Sache zu tun hatten, aber zu ihrem Glück war Cobakis der Einzige.
Die Stimme fährt mit Cobakis’ herausragenden Qualitäten fort, aber ich blende sie erneut aus, und mein Blick wandert zu der schlanken Gestalt unter dem riesigen Schirm zurück. Alles, was ich von Sara sehen kann, ist ihr Rücken, aber ich kann mir leicht ihr blasses, herzförmiges Gesicht vorstellen. Seine Züge sind in meinen Kopf gebrannt, jeder einzelne, angefangen von den weit auseinanderstehenden braunen Augen und der kleinen geraden Nase bis hin zu ihren weichen, vollen Lippen. Sara Cobakis hat etwas, was mich an Audrey Hepburn denken lässt, eine Art altmodische Schönheit wie die der Filmstars aus den Vierzigern und Fünfzigern. Das verstärkt das Gefühl, dass sie nicht hierhergehört, dass sie irgendwie anders ist als die Menschen, die sie umgeben.
Dass sie sich irgendwie über ihnen befindet.
Ich frage mich, ob sie weint, ob sie um den Mann trauert, den sie, wie sie zugegeben hat, kaum gekannt hat. Als mir Sara erzählt hat, dass sie und ihr Mann sich getrennt hätten, habe ich ihr nicht geglaubt, aber einige der Dinge, die sie mir unter Drogeneinfluss gesagt hat, haben meine Meinung geändert. Irgendetwas ist in dieser vermeintlich perfekten Ehe unglaublich schiefgelaufen, etwas, was eine unauslöschliche Spur bei ihr hinterlassen hat.
Sie hat Schmerz kennengelernt; sie hat mit ihm gelebt. Ich konnte das in ihren Augen, in der weichen, zitternden Linie ihres Mundes sehen. Er hat mich fasziniert, dieser kurze Einblick in ihren Kopf, und das hat dazu geführt, dass ich tiefer in ihre Geheimnisse eindringen wollte. Als sie ihre Lippen um meinen Finger gelegt und an ihnen gesaugt hat, ist der Hunger, den ich unterdrücken wollte, zurückgekommen, und mein Schwanz hat sich unkontrollierbar versteift.
Ich hätte sie nehmen können, und sie hätte es zugelassen. Scheiße, sie hätte mich mit offenen Armen empfangen. Die Droge hatte ihre Hemmungen gesenkt, ihre ganze Abwehr zerstört. Sie war so offen und verletzlich, auf gewisse Weise so bedürftig, dass sie mein Innerstes berührt hat.
Bitte, geh nicht. Bitte, geh nicht.
Selbst jetzt kann ich ihre Bitte immer noch hören, die mich so sehr an Pashas Bitte erinnert, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Sie wusste nicht, um was sie mich da bat, wusste nicht, wer ich war oder was ich tun würde, aber ihre Worte haben mich aufgerüttelt, und jetzt sehne ich mich nach etwas völlig Unmöglichem. Ich hatte meine ganze Willenskraft aufwenden müssen, um wegzugehen und sie an den Stuhl gefesselt zurückzulassen, damit das FBI sie finden kann.
Es hat meine letzten Kraftreserven gefordert, zu gehen und meine Mission fortzuführen.
Meine Aufmerksamkeit wendet sich wieder der Gegenwart zu, in der Cobakis’ Kollegin ihre Ansprache beendet, und Sara zum Podium geht. Ihre schlanke, dunkel gekleidete Gestalt bewegt sich mit unbewusster Anmut, und ich verspüre eine gewisse Vorfreude, als sie sich herumdreht und sich dem Publikum zuwendet.
Sie hat sich einen schwarzen Schal um den Hals gelegt, der sie vor dem kühlen Oktoberwind schützt und den Verband verdeckt, der sich dort befinden muss. Ihr herzförmiges Gesicht über dem Schal ist bleich wie das eines Geistes, aber ihre Augen sind trocken – zumindest soweit ich das aus dieser Entfernung sagen kann. Ich würde liebend gerne näher bei ihr stehen, aber das ist zu riskant. Es ist bereits ein Risiko, überhaupt hier zu sein. Unter den Anwesenden befinden sich mindestens zwei FBI-Agenten, und einige weitere sitzen unauffällig in den Regierungsfahrzeugen auf der Straße. Sie rechnen nicht damit, dass ich hier bin – würden sie das tun, wäre mehr Sicherheitsdienst hier vertreten – aber das bedeutet nicht, dass ich nicht vorsichtig sein muss. Anton und die anderen denken, dass ich verrückt bin, hier aufzutauchen.
Normalerweise verlassen wir nach einem erfolgreichen Einsatz innerhalb weniger Stunden die Stadt.
»Wie Sie alle wissen, haben George und ich uns an der Uni getroffen«, spricht Sara ins Mikrofon, und ein Schauer fährt mir bei dem Klang ihrer weichen, melodiösen Stimme über den Rücken. Ich habe sie lange genug beobachtet, um zu wissen, dass sie singen kann. Sie singt oft zu Popmusik, wenn sie allein in ihrem Auto ist oder Hausarbeit erledigt.
Die meiste Zeit klingt sie besser als der eigentliche Sänger.
»Wir haben uns in einem Chemielabor kennengelernt«, fährt sie fort, »weil George, auch wenn man es sich kaum vorstellen kann, damals darüber nachgedacht hat, Medizin zu studieren.« Ich höre einige Menschen in der Menge auflachen, und Saras Lippen lächeln leicht, als sie sagt: »Ja, George, der den Anblick von Blut nicht ertragen konnte, hat ernsthaft darüber nachgedacht, Arzt zu werden. Glücklicherweise hat er schnell seine wirkliche Leidenschaft entdeckt – Journalismus –, und der Rest ist Geschichte.«
Sie fährt damit fort, über die verschiedenen Gewohnheiten und Eigenarten ihres Mannes zu reden, einschließlich seiner Leidenschaft für Käsesandwiches mit Honig, bevor sie zu dem kommt, was er erreicht hat, und zu seinen guten Taten, einschließlich seiner unerschütterlichen Unterstützung für Kriegsveteranen und Obdachlose. Während sie spricht, fällt mir auf, dass alles, was sie sagt, mit ihm zu tun hat, und nicht mit den beiden. Abgesehen von der anfänglichen Geschichte, wie sie sich getroffen haben, hätte Saras Rede auch von einem Mitbewohner oder einem Freund kommen können – eigentlich irgendjemandem, der Cobakis kannte. Sogar ihre Stimme ist fest und ruhig, ohne einen Hinweis auf die Angst, die ich in jener Nacht in ihren Augen erblickt habe.
Erst als sie zu dem Unfall kommt, sehe ich echte Gefühle in ihrem Gesicht. »George hatte viele wunderschöne Seiten«, sagt sie und blickt über die Menge. »Aber sie alle endeten vor achtzehn Monaten, als sein Auto gegen eine Leitplanke fuhr und sie durchbrach. Alles, was er gewesen war, starb an diesem Tag. Was übrigblieb, war nicht George. Es war seine Schale, ein Körper ohne ein Gehirn. Als ihn der Tod am frühen Samstagmorgen holte, bekam er nicht meinen Ehemann. Er bekam nur diese Schale. George war zu diesem Zeitpunkt schon lange von uns gegangen, und nichts konnte ihm Leid zufügen.«
Sie hebt ihr Kinn bei diesem letzten Teil an, und ich blicke sie eindringlich an. Sie weiß nicht, dass ich hier bin – das FBI wäre schon bei mir, wenn sie es täte –, aber ich fühle mich, als würde sie direkt mich ansprechen, mir sagen, dass ich versagt habe. Fühlt sie mich auf einer bestimmten Ebene? Spürt sie, dass ich sie beobachte?
Weiß sie, dass ich vor zwei Nächten, als ich mich über das Bett ihres Mannes gebeugt habe, für einen kurzen Moment in Betracht gezogen habe, nicht abzudrücken?
Sie beendet ihre Ansprache mit den traditionellen Worten darüber, wie sehr man George vermissen wird, und verlässt das Podium, um den Priester die letzten Worte sagen zu lassen. Ich sehe ihr dabei zu, wie sie zu dem älteren Paar zurückgeht, und als die Menge beginnt, sich aufzulösen, folge ich den anderen Trauergästen ruhig aus dem Friedhof.
Die Beerdigung ist vorbei, und meine Faszination mit Sara muss das auch sein.
Es stehen noch weitere Menschen auf der Liste, und zu ihrem Glück ist Sara keiner davon.