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Sara
»Liebling, isst du schon wieder nichts?«, fragt meine Mutter mit einem besorgten Stirnrunzeln. Auch wenn sie gerade durchgesaugt hat, als ich vorbeikam, ist ihr Make-up genauso perfekt wie immer, ihr kurzes, weißes Haar in hübsche Locken gelegt, und ihre Ohrringe passen zu ihrer stilvollen Halskette. »Du siehst in letzter Zeit so dünn aus.«
»Die meisten Menschen würden das als etwas Gutes ansehen«, entgegne ich trocken, aber um ihr einen Gefallen zu tun, strecke ich mich nach ihrem selbstgebackenen Apfelkuchen aus, um mir ein zweites Stück zu nehmen.
»Nicht, wenn du so aussiehst, als könne dich ein Chihuahua hinter sich herziehen«, antwortet meine Mutter und schiebt den Kuchen zu mir. »Du musst auf dich aufpassen, oder du wirst deinen Patienten bald nicht mehr helfen können.«
»Das weiß ich, Mama«, sage ich zwischen zwei Bissen. »Mach dir keine Sorgen, okay? Es war ein anstrengender Winter, aber bald sollte es wieder ruhiger werden.«
»Sara, mein Liebling ...« Die Sorgenfalten auf ihrem Gesicht vertiefen sich. »Es sind sechs Monate seit Georges ...« Sie hält inne und holt tief Luft. »Schau mal, was ich sagen will, ist, dass du dich nicht weiterhin totarbeiten ...kannst. Das ist zu viel für dich, dein reguläres Arbeitspensum plus diese ganze neue freiwillige Arbeit. Schläfst du überhaupt?«
»Natürlich, Mama. Ich schlafe wie ein Stein.« Das ist keine Lüge; ich schlafe ein, sobald mein Kopf das Kopfkissen berührt, und wache erst auf, wenn mein Wecker klingelt. Oder zumindest passiert genau das, wenn ich völlig erschöpft bin. An den Tagen, an denen ich so etwas wie einen normalen Arbeitsplan habe, wache ich zitternd und schweißüberströmt aus Albträumen auf, also gebe ich mein Bestes, jeden Tag erschöpft zu sein.
»Wie geht der Verkauf des Hauses voran? Hast du schon Angebote bekommen?«, will mein Vater wissen, der sich gerade in das Esszimmer schiebt. Er benutzt wieder einen Gehwagen, also muss sich seine Arthritis bemerkbar machen, aber ich freue mich, zu sehen, dass seine Haltung etwas gerader ist. Er folgt dieses Mal wirklich den Anweisungen seines Physiotherapeuten und geht jeden Tag im Fitnessstudio schwimmen.
»Der Makler macht nächste Woche einen Tag der offenen Tür«, antworte ich und unterdrücke meinen Drang, meinen Vater dafür zu loben, dass er das Richtige tut. Er mag es nicht, an sein Alter erinnert zu werden, also ist alles, was mit seiner oder der Gesundheit meiner Mutter zu tun hat, kein Thema für den Esstisch. Das macht mich verrückt, aber gleichzeitig muss ich seine Entschlossenheit einfach bewundern.
Mit seinen fast achtundsiebzig Jahren ist mein Vater noch genauso hartnäckig wie eh und je.
»Oh, gut«, meint meine Mutter. »Ich hoffe, dass sich daraus ein paar Angebote ergeben. Vergiss nicht, an diesem Tag morgens Kekse zu backen; dadurch riecht das Haus gut.«
»Ich kann vielleicht meinen Makler bitten, welche mitzubringen, und sie in der Mikrowelle zu erwärmen, bevor die ersten Besucher kommen«, sage ich lächelnd zu ihr. »Ich glaube nicht, dass ich Zeit haben werde, zu backen.«
»Natürlich wird sie das nicht, Lorna.« Mein Vater setzt sich neben meine Mutter und greift nach einem Stück Kuchen. Er blickt mich kurz an und meint: »Du wirst wahrscheinlich gar nicht zu Hause sein, stimmt’s?«
Ich nicke. »Ich muss an dem Tag von der Klinik direkt ins Krankenhaus gehen.«
Er runzelt die Stirn. »Du tust das immer noch?«
»Diese Frauen brauchen mich, Papa.« Ich versuche, die Verzweiflung in meiner Stimme zu unterdrücken. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie das in dieser Gegend ist.«
»Aber Liebling, diese Gegend ist genau der Grund, weshalb wir nicht wollen, dass du dorthin gehst«, mischt sich meine Mutter ein. »Kannst du nicht woanders freiwilligen Dienst leisten? Und dann auch noch nachts nach einer deiner langen Schichten ...«
»Mama, ich habe niemals Bargeld oder Wertsachen bei mir, und ich bin nur einige Stunden am Abend da«, entgegne ich, und meine Geduld hängt an einem seidenen Faden. Wir hatten dieses Gespräch mindestens fünfmal in den letzten drei Monaten, und jedes Mal tun meine Eltern so, als hätten wir noch nie darüber gesprochen. »Ich parke genau vor dem Gebäude und gehe ohne Umwege hinein. Sicherer geht es nicht.«
Meine Mutter seufzt und schüttelt den Kopf, aber diskutiert nicht weiter. Mein Vater schaut mich allerdings immer noch stirnrunzelnd über sein Stück Kuchen an. Um ihn abzulenken, stehe ich auf und frage: »Möchte jemand Kaffee oder Tee?«
»Koffeinfreien Kaffee für deinen Vater«, antwortet meine Mutter. »Und einen Kamillentee für mich, bitte.«
»Ein entkoffeinierter Kaffee und ein Kamillentee sind schon unterwegs«, sage ich und gehe zu der schicken Kaffeemaschine, die ich ihnen letztes Weihnachten geschenkt habe. Nachdem ich ihnen die gewünschten Getränke zubereitet und sie ihnen an den Tisch gebracht habe, gehe ich zurück, um mir eine Tasse echten Java zu holen.
Nach diesem Abendessen habe ich Bereitschaft und kann das Koffein gebrauchen.
»Und weißt du was, Liebling?«, sagt meine Mutter, als ich mich wieder zu ihnen an den Tisch setze. »Am Samstag kommen die Levinsons zum Abendessen zu uns.«
Ich trinke einen Schluck von meinem Kaffee. Er ist heiß und stark, genau so, wie ich ihn mag. »Das ist schön.«
»Sie haben nach dir gefragt«, meint mein Vater und verrührt den Zucker in seinem Kaffee.
»Aha.« Ich halte meinen Gesichtsausdruck neutral. »Grüßt sie bitte von mir.«
»Warum kommst du nicht auch vorbei, mein Liebling?«, fragt meine Mutter, so als sei sie gerade erst auf diesen Gedanken gekommen. »Sie würden sich freuen, dich zu sehen, und ich werde dein Lieblings ...«
»Mami, ich habe im Moment kein Interesse daran, mich mit Joe zu verabreden – oder mit irgendjemand anderem«, unterbreche ich sie und lächele, damit meine Ablehnung nicht so hart wirkt. »Es tut mir leid, aber ich bin noch nicht so weit. Ich weiß, dass ihr Joes Eltern liebt und dass er ein toller Anwalt und netter Mann ist, aber ich bin einfach noch nicht bereit dafür.«
»Du wirst auch nicht herausfinden, ob du schon bereit dafür bist, wenn du nicht ausgehst und es versuchst«, entgegnet mein Vater, während meine Mutter seufzt und in ihre Teetasse blickt. »Du kannst nicht mit George sterben, Sara. Du bist stärker als das.«
Ich schütte meinen Kaffee hinunter, anstatt zu antworten. Er hat Unrecht. Ich bin nicht stark. Ich kann einfach nur hier sitzen und so tun, als ginge es mir gut, als sei ich immer noch intakt, gesund und funktionierte. Meine Eltern, genau wie alle anderen, wissen nicht, was in jener Freitagnacht passiert ist. Sie denken, dass George im Schlaf gestorben ist, dass sein Tod eine verspätete Folge des Autounfalls war, durch den er achtzehn Monate davor ins Koma gefallen war. Ich habe die Beerdigung mit einem geschlossenen Sarg damit erklärt, dass ich nur so mit meiner Trauer umgehen könnte, und niemand hat es hinterfragt. Wenn meine Eltern die Wahrheit wüssten, wären sie am Boden zerstört, und das würde ich ihnen niemals antun.
Niemand, außer dem FBI und meinem Therapeuten, weiß, welche Rolle der Deserteur und ich bei Georges Tod gespielt haben.
»Denk einfach darüber nach«, meint meine Mutter, als ich weiterhin schweige. »Du musst dich auf nichts festlegen oder tun, was du nicht tun möchtest. Aber denke bitte darüber nach, ob du vielleicht am Samstag kommen möchtest.«
Ich schaue sie an, und zum ersten Mal bemerke ich die Anspannung, die sie unter ihrem perfekten Make-up und den stilvollen Accessoires versteckt. Meine Mutter ist neun Jahre jünger als mein Vater und sie ist so gepflegt und energiegeladen, dass ich manchmal vergesse, dass das Alter auch bei ihr seinen Tribut fordert, dass ihre Sorge um mich nicht gut für ihre Gesundheit sein kann.
»Ich werde darüber nachdenken, Mama«, verspreche ich ihr und stehe auf, um die Teller abzuräumen. »Wenn ich Samstag nicht arbeiten muss, versuche ich, zum Abendessen zu kommen.«