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Sara
Mein Bereitschaftsdienst vergeht mit einer Ansammlung aus Notfällen, angefangen von einer Frau mit schweren Blutungen im fünften Schwangerschaftsmonat bis hin zu einer meiner Patientinnen, deren Wehen sieben Wochen zu früh einsetzen. Letztendlich führe ich bei ihr einen Kaiserschnitt durch, und das Baby – ein kleiner, aber perfekt entwickelter Junge – kann allein atmen und saugen. Die Frau und ihr Ehemann weinen vor Glück und bedanken sich überschwänglich bei mir, und als ich endlich im Umkleideraum ankomme, um meine Arbeitskleidung auszuziehen, bin ich körperlich und emotional ausgelaugt. Trotzdem bin ich auch unglaublich zufrieden.
Jedes Kind, das ich auf diese Welt hole, jede Frau, deren Körper ich heile, lässt mich ein wenig besser fühlen, erleichtert das Schuldgefühl, das mich wie ein nasser Lappen erstickt.
Nein, denk nicht darüber nach. Hör auf. Aber es ist bereits zu spät, und die Erinnerungen überkommen mich, dunkel und exotisch. Keuchend lasse ich mich auf die Bank neben meinem Spind sinken, und meine Hände umklammern das harte, hölzerne Brett.
Eine Hand über meinem Mund. Ein Messer an meiner Kehle. Ein nasses Stofftuch auf meinem Gesicht. Wasser in meiner Nase, in meinen Lungen ...
»Hey, Sara.« Sanfte Hände ergreifen meine Arme. »Sara, was ist los? Geht es dir gut?«
Ich keuche, mein Hals ist unglaublich eng, aber ich schaffe es, leicht zu nicken. Ich schließe die Augen und konzentriere mich darauf, langsamer zu atmen, genau so, wie mein Therapeut es mir beigebracht hat, und nach einigen Momenten lässt das Gefühl, zu ersticken, ein wenig nach.
Ich öffne meine Augen und erblicke Marsha, die mich besorgt ansieht.
»Es geht mir gut«, sage ich zitternd und stehe auf, um meinen Schrank zu öffnen. Meine Haut ist kalt und klamm, und meine Knie fühlen sich an, als würden sie gleich einknicken, aber ich möchte nicht, dass irgendjemand im Krankenhaus über meine Panikattacken Bescheid weiß. »Ich habe wieder vergessen, etwas zu essen, also ist mein Blutzuckerspiegel wahrscheinlich zu niedrig.«
Marshas blaue Augen weiten sich. »Du bist doch nicht schwanger, oder?«
»Was?« Auch wenn ich immer noch nicht gleichmäßig atme, muss ich vor Überraschung lachen. »Nein, natürlich nicht.«
»Oh, okay.« Sie grinst mich an. »Und ich dachte schon, dass du endlich wieder angefangen hast zu leben.«
Ich werfe ihr einen Na-toll-Blick zu. »Selbst wenn, meinst du nicht, dass ich weiß, wie man eine Schwangerschaft verhindert?«
»Hey, man kann nie wissen. Unfälle passieren.« Sie öffnet ihren Spind und beginnt, sich den Kittel auszuziehen. »Aber du solltest wirklich einen Happen mit mir und den Mädchen essen gehen. Wir wollen jetzt gleich zu Patty’s.«
Ich ziehe die Augenbrauen in die Höhe. »Eine Bar um fünf Uhr morgens?«
»Ja, warum nicht? Wir wollen sie ja nicht leersaufen. Sie haben jeden Tag ganztägig Frühstück, und es ist um Längen besser als in der Cafeteria. Du solltest es mal probieren.«
Ich will gerade ablehnen, als ich mich daran erinnere, dass ich so gut wie nichts in meinem Kühlschrank habe. Ich habe nicht gelogen, als ich gesagt habe, dass ich heute nichts gegessen habe. Das Abendessen im Haus meiner Eltern ist schon zehn Stunden her, und ich bin am Verhungern.
»Okay«, meine ich und überrasche Marsha damit fast genauso sehr wie mich selbst. »Ich komme mit.«
Ich ignoriere das aufgeregte Kreischen meiner Freundin, ziehe meine Straßenbekleidung an und gehe zum Waschbecken, um mich frischzumachen.