Kapitel 7-2

1103 Worte
Als wir bei Patty’s ankommen, überrascht es mich nicht, dort viele bekannte Gesichter zu sehen. Ein großer Teil des Krankenhauspersonals kommt in diese Bar, um sich nach der Arbeit zu entspannen und soziale Kontakte zu pflegen. Ich hatte nicht erwartet, dass der Ort zu dieser Uhrzeit mitten in der Nacht – oder am Morgen, je nachdem, wie man es nimmt – so voll sein würde, aber wenn sie neben Alkohol auch Frühstück servieren, macht das durchaus Sinn. Marsha, zwei Schwestern aus der Notaufnahme und ich bahnen uns unseren Weg zu einem Tisch in der Ecke, und eine gestresst wirkende Kellnerin nimmt unsere Bestellung auf. In dem Moment, in dem sie unseren Tisch verlässt, beginnt Marsha, eine Geschichte über ihr verrücktes Wochenende in einem Klub in Chicago zu erzählen, und die beiden Krankenschwestern – Andy und Tonya – lachen und ziehen sie mit dem Typ auf, den sie fast abgeschleppt hätte. Danach berichtet Andy allen von der Besessenheit ihres Freundes von lilafarbenen Kondomen, und als unser Essen kommt, lachen die drei so sehr, dass die Kellnerin uns böse anschaut. Ich lache ebenfalls, weil die Geschichte lustig ist, aber ich kann die Fröhlichkeit nicht spüren, die normalerweise beim Lachen aufkommt. Ich habe sie seit langer Zeit nicht mehr gefühlt. Es ist so, als sei etwas in mir erfroren, und meine Gefühle und Empfindungen seien gedämpft. Mein Therapeut sagt, dass es eine der Arten ist, auf die sich meine posttraumatische Belastungsstörung zeigt, aber ich weiß nicht, ob er recht hat. Schon lange bevor der Fremde in mein Haus eingedrungen ist – sogar vor dem Unfall –, habe ich mich gefühlt, als gäbe es eine Barriere zwischen mir und dem Rest der Welt, eine Mauer aus falschem Anschein und Lügen. Seit Jahren trage ich eine Maske, und jetzt fühlt es sich an, als sei ich zu dieser Maske geworden, so, als ob darunter nichts real sei. »Was ist mit dir, Sara?«, fragt Tonya, und mir fällt auf, dass ich in meine eigenen Gedanken versunken gewesen bin und meine Eier wie ferngesteuert gegessen habe. »Wie war dein Wochenende?« »Es war gut, danke.« Ich lege meine Gabel ab und versuche, ein Lächeln aufzusetzen. »Nichts Aufregendes. Ich verkaufe gerade mein Haus, also musste ich meine Garage säubern und andere langweilige Dinge tun.« Außerdem hatte ich achtzehn Stunden lang Bereitschaftsdienst und habe weitere fünf Stunden freiwillig in der Klinik verbracht, aber das erzähle ich Tonya nicht. Marsha denkt sowieso schon, dass ich ein Workaholic bin, und wenn sie erfahren würde, dass ich für andere Ärzte in der Praxis des Krankenhauses einspringe und zu meiner normalen Arbeit auch noch in der Klinik aushelfe, würde ich das bis zu meinem Lebensende zu hören bekommen. »Du solltest nächsten Freitag mit uns mitkommen«, sagt Tonya und streckt ihren schlanken, braunen Arm aus, um sich den Salzstreuer zu nehmen. Mit ihren vierundzwanzig Jahren ist sie eine der jüngsten Schwestern bei uns, und laut dem, was Marsha mir erzählt hat, ist sie ein schlimmeres Partygirl als meine Freundin und macht mit ihren Grübchen beim Lachen und dem schlanken Körper Männer jeden Alters wahnsinnig. »Wir werden zuerst im Patty’s etwas trinken gehen und danach in die Stadt fahren. Ich kenne einen Promoter des neuen Klubs in der Innenstadt, also müssen wir uns nicht einmal anstellen.« Ich blinzele wegen des unerwarteten Angebots. »Oh, ich weiß nicht ... ich bin mir nicht sicher, ob ...« »Freitagnacht musst du nicht arbeiten«, meint Marsha. »Ich weiß es, weil ich mir deinen Dienstplan angesehen habe.« »Ja, aber du weißt ja, wie es ist.« Ich spieße mit meiner Gabel Ei auf. »Babys kommen nicht immer planmäßig.« »Jetzt komm schon, Marsha, lass sie in Ruhe«, meint Andy und streicht sich eine rote Locke hinter das Ohr. »Siehst du nicht, dass das arme Mädchen gerade müde ist? Wenn sie gehen will, wird sie gehen. Du musst sie nirgendwo hinschleifen.« Sie zwinkert mir zu, und ich lächele sie dankbar an. Das ist das erste Mal, dass ich etwas mit Andy außerhalb der Krankenhausflure zu tun habe, und mir fällt auf, dass ich sie wirklich gerne mag. Genau wie ich ist sie Ende zwanzig und hat laut Marsha seit fünf Jahren einen festen Freund. Der Freund – der mit den lilafarbenen Kondomen – ist offensichtlich ein egozentrisches Arschloch, aber Andy liebt ihn trotzdem. »Du bist von Michigan hierhergezogen, stimmt’s?«, frage ich sie, und Andy nickt grinsend und erzählt mir, dass Larry, ihr Freund, einen Job hier bekommen hat, der sie beide gezwungen hat, umzuziehen. Während ich ihr zuhöre, entscheide ich, dass Marshas Meinung von Andys Freund nicht wirklich falsch ist. Larry wirkt wie ein egozentrisches Arschloch. Der Rest des Essens vergeht dank der ungezwungenen und unterhaltsamen Gespräche wie im Flug, und als wir bezahlen und die Bar verlassen, fühle ich mich unbeschwerter als seit Monaten. Vielleicht hat mein Vater recht, und ausgehen und Freunde treffen könnte gut für mich sein. Vielleicht werde ich wirklich zu dem Abendessen mit den Levinsons gehen und vielleicht sogar in den Klub mit Tonya. Meine verbesserte Stimmung hält auch noch an, als ich den drei Frauen gute Nacht sage und die zwei Straßen bis zum Parkplatz des Krankenhauses gehe, auf dem mein Auto steht. Lady Gaga singt in meinen Kopfhörern, und der Himmel erhellt sich gerade. Ich fühle mich, als würde der Sonnenaufgang zu mir sprechen und mir versprechen, dass die Dunkelheit in mir in einer nicht allzu entfernten Zukunft auch verschwindet. Er fühlt sich gut an, dieser winzige Hoffnungsschimmer. Es fühlt sich gut an, einen Schritt nach vorn zu machen. Ich bin bereits auf dem Parkplatz, als es erneut passiert. Es beginnt mit einem leichten Prickeln auf meiner Haut ... einer leichten Überreizung meiner Nervenbahnen. Danach kommt der Adrenalinschub, der von einer Welle lähmenden Entsetzens begleitet wird. Meine Herzfrequenz schießt in die Höhe, und mein Körper spannt sich für einen Angriff an. Keuchend wirbele ich herum, reiße mir die Kopfhörer aus den Ohren, während ich in meiner Tasche nach dem Pfefferspray wühle, aber hier ist niemand. Es ist einfach dieses Gefühl, als befände ich mich in Gefahr, ein Gefühl, beobachtet zu werden. Keuchend bewege ich mich im Kreis und umklammere dabei das Pfefferspray, aber ich kann niemanden sehen. Ich sehe niemals jemanden, wenn mein Gehirn diese Kurzschlüsse hat. Zitternd gehe ich zu meinem Auto und steige ein. Ich muss einige Minuten lang meine Atemübungen machen, bis ich mich ausreichend beruhigt habe, um fahren zu können, und ich weiß, dass ich heute trotz meiner Müdigkeit nicht schlafen können werde. Ich verlasse den Parkplatz und fahre anstatt nach rechts nach links. Ich kann genauso gut zur Klinik fahren. Sie erwarten mich zwar nicht vor morgen, aber sie sind für jede Hilfe dankbar.
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN